Sienkiewicz | Auf dem »großen Wasser« | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 61 Seiten

Reihe: Classics To Go

Sienkiewicz Auf dem »großen Wasser«


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-544-6
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 61 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-544-6
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Dieser Band enthält folgende Erzählungen: Seemanns-Legende, Komödie der Irrungen, Der Leuchtturmwächter, Jagd nach dem Glück, Waldidyll, Der Organist von Ponkila, Orso und An der Quelle.

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I.
Der deutsche Dampfer »Blücher« glitt auf der Fahrt von Hamburg nach New York schaukelnd über die gewaltigen Wogen des Ozeans. Seit vier Tagen war er schon unterwegs und vor zwei Tagen hatte er die grünen Küsten Irlands passiert und war ins offene Meer hinausgelangt. So weit das Auge reichte, sah man nur die grüne wogende, tosende, schäumende, immer dunklere Meeresfläche, die mit dem wolkenbedeckten Horizont verschmolz. Der Widerschein der weißen Wolken fiel teilweis auch auf die Wasserfläche und von diesem perlenfarbenen Hintergrund stach der schwarze Schiffsrumpf deutlich ab. Das Schiff, welches mit dem Bugspriet gegen Westen gerichtet war, glitt über die Wellen mit Anstrengung dahin, bald tauchte es unter, als sinke es, bald verschwand es den Blicken ganz, und von einem Wellenkamm emporgehoben, kam es wieder so weit zum Vorschein, daß sein Boden sichtbar wurde. Die Flut wälzte sich ihm entgegen und es durchschnitt sie mit seinen Pranken, und hinter ihm schlängelte sich wie eine riesige Schlange die weiße schäumende Kielwasserstraße. Einige Möwen flogen dem Steuer nach und winselten wie polnische Kibitze. Der Wind war gut, der Dampfer fuhr mit halbem Dampf, dafür aber hatte er die Segel aufgespannt, und das Wetter gestaltete sich immer besser. Stellenweise sah man zwischen den zerfetzten Wolken blaue Himmelsstreifen, die fortwährend ihre Formen veränderten. Seit »Blücher« den Hafen von Hamburg verlassen hatte, war es zwar windig, aber sturmfrei wehte der Wind gegen Westen; setzte er zeitweise aus, dann sanken die Segel klatschend zusammen, um sich wiederum wie Schwanenbrüste aufzublähen. Die Matrosen in ihren knapp anliegenden Wollgarnjacken zogen das Tau des großen Mastes mit dem Rufe: »Ho ho ho« und bewegten ihre Körper dabei nach dem Takt des Gesanges. Ihre Rufe vermengten sich mit den schrillen Pfiffen der Schiffskadetten und dem fieberhaften Keuchen des Schornsteins, der Rauchsäulen von schwarzem Qualm ausstieß. Die Passagiere hatten das Verdeck bestiegen. Im Hinterdeck sah man die schwarzen Paletots und Hüte der Reisenden erster Kajüte, und am Vorderdeck schillerte ein buntfarbiger Emigrantenhaufen – Zwischendeckpassagiere. Manche von ihnen saßen auf Bänken, kurze Pfeifen rauchend, andere hatten sich hingelegt, und wieder andere, über Bord gelehnt, blickten ins Wasser. Es waren auch mehrere Frauen mit Kindern auf dem Arm dabei und am Gürtel trugen sie Blechgeschirre befestigt. Einige junge Leute spazierten vom Bugspriet bis zur Brückendeckung, nur mit Mühe das Gleichgewicht haltend und jeden Augenblick taumelnd. Sie sangen: »Wo ist das deutsche Vaterland?« Dachten sie vielleicht, daß sie dieses Vaterland nie mehr wiedersehen würden? Trotzdem aber verließ sie der Frohsinn nicht. Unter diesen Leuten saßen zwei sehr traurig da und wie von den übrigen verlassen: ein alter Mann und ein junges Mädchen. Sie verstanden kein Deutsch und waren ganz vereinsamt zwischen den Fremden. Wer waren sie? Man konnte es auf den ersten Blick erraten – polnische Bauersleute. Der Bauer hieß Wawrzon Toporek, und die Dirne, Maryscha, war seine Tochter. Sie fuhren nach Amerika, und vor kurzer Zeit hatten sie zum erstenmal gewagt, das Verdeck zu betreten. Auf ihren von Krankheit stark mitgenommenen Gesichtern prägte sich Schrecken und Verwunderung aus. Mit ängstlichen Augen blickten sie auf die Reisegefährten, auf die Matrosen, auf den keuchenden Schornstein und auf die dräuenden Wasserberge, die ihre Schaumkämme aufs Schiff schleuderten. Sie redeten nicht miteinander, denn sie wagten es nicht. Wawrzon klammerte sich mit einer Hand an die Brüstung, mit der anderen hielt er seine eckige Mütze fest, daß der Wind sie nicht fortreiße, und Maryscha schmiegte sich an Väterchen. Wenn das Schiff stärker schwankte, hielt sie sich fester an ihn, leise Schreckenslaute ausstoßend. Nach einer geraumen Weile brach der Alte das Schweigen: »Maryscha?« »Was denn?« »Siehst Du?« »Ich sehe.« »Wunderst Du Dich?« »Ja, ich wundere mich.« Aber sie fürchtete sich mehr als sie sich wunderte. Der alte Toporek gleichfalls. Zu ihrer Freude wurde der Wellengang schwächer, der Wind legte sich und die Sonne drang durch die Wolken. Als sie die liebe Sonne erblickten, wurde ihnen leichter ums Herz, denn sie dachten: sie ist ganz wie in der Heimat. Hier war für sie alles neu und unbekannt, nur diese leuchtende und strahlende Sonnenscheibe kam ihnen wie eine gute alte Bekannte und Beschützerin vor. Unterdessen glättete sich die See immer mehr, die Segel wurden schlaff, von der hohen Kommandobrücke ertönte die Pfeife des Kapitäns, und die Matrosen machten sich hurtig daran, sie einzuziehen. Der Anblick dieser Menschen, die in der Luft über einem Abgrund schweben, erfüllte Toporek und Maryscha mit Staunen. »Unsere Jungens hätten das nicht vermocht,« sagte der Alte. »Wenn die Deutschen dies können, so hätte Jaschko es auch gekonnt,« erwiderte Maryscha. »Welcher Jaschko? Sobkor?« »Nicht Sobkor. Ich meine Smolak, den Pferdeknecht.« »Er ist ein wackerer Bursche, aber schlag ihn Dir aus dem Sinn. Er paßt weder für Dich noch Du für ihn. Du ziehst aus, um eine Herrin zu werden, und er wird ein Pferdeknecht bleiben, wie er es heute ist.« »Er hat doch ein Anwesen.« »Ja, aber in Lipinze.« Maryscha entgegnete nichts, dachte aber bei sich: was einem bestimmt ist, dem entgeht man nicht, und seufzte sehnsüchtig. Unterdessen waren die Segel schon eingezogen, dafür aber begann die Schiffsschraube das Wasser so stark aufzuwühlen, daß der ganze Dampfer von ihren Bewegungen erbebte. Aber das Schaukeln hörte beinahe ganz auf. In der Ferne erschien die Meeresfläche sogar glatt und blau. Immer neue Gestalten kamen aus dem Zwischendeck zum Vorschein: Arbeiter, deutsche Bauern, Straßenbummler aus verschiedenen Seestädten, die nach Amerika fuhren, um Glück, aber nicht Arbeit zu suchen. Es entstand oben ein Gedränge, und um niemand in den Weg zu kommen, setzten sich Maryscha und Wawrzon auf ein Bündel Taue in einen Winkel neben dem Bugspriet. »Väterchen, werden wir noch lange auf dem Wasser fahren?« fragte Maryscha. »Ich weiß es nicht, und niemand wird in unserer Sprache antworten können.« »Wie werden wir uns in Amerika verständigen?« »Es ist uns doch gesagt worden, daß viele von unserem Volk da sind.« »Väterchen!« »Was?« »Wundern kann man sich schon, aber in Lipinze war es doch besser.« »Rede kein dummes Zeug.« Nach einer Weile aber fügte Wawrzon wie zu sich selbst redend hinzu: »Gottes Wille!« Des Mädchens Augen füllten sich mit Tränen, und dann begannen beide über Lipinze nachzudenken. Wawrzon Toporek stellte Betrachtungen an, weshalb er nach Amerika fuhr und wie das alles gekommen ist. Vor einem halben Jahr im Sommer wurde seine Kuh in einem fremden Kleefelde beschlagnahmt. Der Wirt, der sie mit Beschlag belegte, verlangte drei Rubel für den angerichteten Schaden. Wawrzon wollte es nicht zahlen, und so wurde der Gerichtsweg betreten. Die Sache zog sich in die Länge. Der beschädigte Landwirt forderte nicht nur für die Kuh, sondern auch für ihre Erhaltung, und die Kosten wuchsen mit jedem Tag. Wawrzon war hartnäckig, denn das Geld tat ihm leid. Er hatte schon beträchtliche Prozeßkosten gehabt, und der Gang war ein schleppender. Die Spesen häuften sich fortwährend, schließlich verlor Wawrzon den Prozeß. Gott weiß, was er schon für die Kuh schuldete, und da er nichts zum Bezahlen hatte, wurde sein Pferd gepfändet, und er bekam wegen Widersetzlichkeit eine Arreststrafe. Toporek war außer sich, denn die Erntezeit hatte begonnen, und so waren Hände und Gespann zur Arbeit notwendig. Es verspätete sich mit dem Einernten, und dann begann es zu regnen. Das Getreide wuchs in den Garbenbündeln aus, und so überlegte er, daß durch einen Schaden im fremden Klee sein Hab und Gut zugrunde gehen wird, daß er sein Geld, einen Teil des Inventars, die ganze Ernte verlieren, und von der nächstjährigen mit der Tochter so gut wie nichts haben würde und den Bettelstab werde ergreifen müssen. Und da der Bauer vorher ziemlich wohlhabend war, geriet er in Verzweiflung und ergab sich dem Trunke. Im Wirtshaus lernte er einen Deutschen kennen, der scheinbar die Dörfer wegen Flachs bereiste, in Wirklichkeit aber die Leute zur Reise übers Meer beredete. Der Deutsche erzählte ihm Wunder über Amerika. Er versprach so viel Grund und Boden umsonst, wie ganz Lipinze nicht faßte, mitsamt Waldungen und Wiesen, daß des Bauers Augen vor Freude lachten. Er glaubte und glaubte auch nicht, aber dem Deutschen stimmte der jüdische Pächter bei und sagte, daß die Regierung dort jedem so viel Grundstücke gibt, wie er nur mag. Der Jude wußte das von seinem Schwiegersohn. Der Deutsche zeigte so viel Geld vor, wie nicht nur Bauern-, sondern auch Gutsbesitzersaugen noch nie im Leben gesehen hatten. Der Bauer erlag der Versuchung. Wozu sollte er da bleiben? Hat er doch wegen eines Feldschadens so viel eingebüßt, daß er dafür einen Knecht hätte halten können. Sollte er sich dem Untergang aussetzen? Sollte er einen Stecken in die Hand nehmen und vor der Kirche singen: »Himmlische Heilige, engelreine Jungfrau?« Nein, daraus wird nichts, dachte er sich. Er sagte dem Deutschen zu, und bis zu Michaelis hatte er alles verkauft, er nahm die Tochter – und so befand er sich jetzt auf der Fahrt nach Amerika. Aber die Reise ging nicht so gut vonstatten, als er gehofft. In Hamburg hatte man ihren Geldbeutel tüchtig geschröpft, und auf dem Dampfer fuhren sie in einem...



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