E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Dragonfly
Showalter Alice im Zombieland
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95967-618-2
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Dragonfly
ISBN: 978-3-95967-618-2
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alice hat unter mysteriösen Umständen ihre Familie verloren - und wenn sie nicht bald erfährt, wer oder was hinter dem Unfall steckt, dreht sie noch durch. Auf ihrer neuen Highschool in Birmingham kommt sie der Wahrheit näher, als ihr gut tut. Sind es womöglich Zombies, die sie zur Waisen gemacht haben? Nie hat sie an deren Existenz geglaubt. Jetzt zeigt der draufgängerische Cole ihr, wie sie sich gegen die fleischfressenden Untoten zur Wehr setzen kann. Und er weckt eine Sehnsucht in ihr, die sie jede Vorsicht vergessen lässt.
'Ein verheißungsvoller Auftakt der Serie.' Kirkus Reviews
Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Mit der beliebten Serie »Herren der Unterwelt« feierte sie ihren internationalen Durchbruch. Mit ihrer Familie und zahlreichen Hunden lebt Showalter in Oklahoma City.
Weitere Infos & Material
2. KAPITEL
Der Pfuhl von Blut und Tränen
Sie waren alle gestorben. Meine Familie lebte nicht mehr. Weg. Verschwunden. Ich wusste es, sobald ich in einem Krankenhausbett aufwachte und die Krankenschwester, die sich über mich beugte, mir nicht in die Augen sah und mir nicht sagen wollte, wo die anderen waren.
Als der Arzt kam, um mir die Nachricht zu übermitteln, drehte ich mich einfach zur Seite und schloss die Augen. Das war ein Traum. Nur ein schrecklicher Traum, aus dem ich wieder aufwachen würde. Wenn ich das nächste Mal erwachte, würde alles in Ordnung sein.
Ich bin aber nicht mehr aus diesem Traum aufgewacht.
Es stellte sich heraus, dass meine Mutter bei dem Autounfall umgekommen war, genau wie mein Vater und meine … meine … Ich konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Es ging einfach nicht. Also. Noch mal von vorn. Bei dem Autounfall war meine Familie getötet worden, und ich hatte nur unerhebliche Verletzungen erlitten. Eine Gehirnerschütterung, ein paar gebrochene Rippen, das war’s. Das kam mir alles so fürchterlich unfair vor, versteht ihr? Ich hätte so schlimm aussehen müssen wie meine Mutter. Zumindest den ganzen Körper eingegipst. Irgendwas in der Art.
Stattdessen ging es mir, abgesehen von erträglichen Schmerzen und kleineren Beschwerden, gut.
Sehr gut. Na klar.
Meine Großeltern mütterlicherseits kamen mich öfter besuchen und weinten um die Familie, die sie verloren hatten. Ich hatte sie zwei Wochen vorher noch gesehen. Zwei Wochen, bevor meine Mutter mich und meine … Mein Kinn zitterte, aber ich biss die Zähne zusammen. Als Mom uns zu einem Besuch bei ihnen mitgenommen hatte. Wir waren nur ein paar Stunden dageblieben, hatten gemeinsam Mittag gegessen und uns angeregt und gut gelaunt unterhalten.
Obwohl Nana und Pops mich mochten und mir gegenüber immer freundlich waren, gehörte ich wohl nicht zu ihren Favoriten. Ich glaube, ich erinnerte sie zu sehr an meinen Vater, der für ihr einziges Kind nie gut genug gewesen war.
Trotzdem würden sie mich in der Zeit der Hilflosigkeit und Trauer nicht allein lassen, versprachen sie. Ich sollte zu ihnen ziehen, sie würden sich um alles kümmern.
Also würde ich nun in einem zwei Etagen umfassenden Haus wohnen, das genauso langweilig aussah wie mein altes Zuhause und mir fremd war. Ein Gebäude, das nicht mein Vater gebaut hatte – und das nicht mit den entsprechenden Schutzvorrichtungen ausgerüstet worden war, doch das war keine große Sache. Ich hatte niemals bei einer Freundin übernachtet, immer nur in meinem eigenen Bett geschlafen. Dennoch, keine große Sache.
Ich hätte traurig sein müssen, wollte traurig sein, aber ich war völlig vor den Kopf geschlagen … leer … wie eine bloße Hülle.
Die Ärzte und Schwestern versicherten mir hundertmal, wie leid es ihnen täte und dass es mir bald wieder besser ginge. Die üblichen Floskeln. Es tat ihnen leid? Und? Das brachte mir meine Familie nicht zurück. Mir würde es bald wieder besser gehen? Bitte! Mir würde es nie wieder gut gehen.
Was hatten die schon für eine Ahnung davon, wie es war, wenn man die Menschen verlor, die man am meisten liebte? Was wussten die schon von dem Gefühl, das man hatte, wenn man plötzlich allein war? Wenn ihre Schicht endete, fuhren sie nach Hause. Sie würden ihre Kinder in die Arme nehmen, zusammen mit ihren Lieben essen und über ihren Tag reden. Und ich? Ich konnte solche einfachen Freuden nie wieder erleben.
Ich hatte keine Mutter mehr.
Ich hatte keinen Vater mehr.
Ich hatte keine Schw… - Familie mehr.
Himmel noch mal, ich hatte wahrscheinlich auch meinen Verstand verloren. Diese Monster …
Polizisten besuchten mich, ebenso Sozialarbeiter und Therapeuten. Alle fragten, was genau passiert war. Vor allem die Cops wollten wissen, ob eine Meute wilder Hunde meine Eltern angefallen hätte.
Wilde Hunde. Ich hatte keine Hunde gesehen, aber das ergab im Zusammenhang mit dem, was ich gesehen hatte, mehr Sinn.
Trotzdem sagte ich nichts davon. Unser Wagen war ins Schleudern geraten, und wir hatten uns überschlagen. So viel wusste die Polizei, und mehr brauchte sie auch nicht zu wissen. Ich würde kein Wort über die Monster verlieren. Dazu bestand kein Anlass. Sicher hatte dieser kleine Anfall von Halluzination etwas mit meiner Gehirnerschütterung zu tun.
Niemals würde ich erzählen, dass meine Mom noch im Auto gewesen war, als ich die Augen das erste Mal geöffnet hatte. Und als ich das zweite Mal zu mir gekommen war? Da hatte sie draußen gelegen, beleuchtet von den Scheinwerfern, genauso wie mein Dad, und diese Dinger hatten in ihren Innereien gewütet, waren praktisch darin eingetaucht und wieder herausgekommen, wie um Luft zu holen.
Obwohl ich es mit aller Kraft versucht hatte, war ich nicht in der Lage gewesen, mich zu befreien und ihr zu Hilfe zu kommen. Mein Sicherheitsgurt hatte sich verhakt, und ich hatte mir irgendwo einen Fuß eingeklemmt, sodass ich förmlich an den Sitz gefesselt gewesen war. Als die Monster in meine Richtung geblickt hatten, die stechenden Augen auf mich gerichtet, und einen Schritt auf den Wagen zu gemacht hatten, war ich in Panik geraten, hatte verzweifelt meine … das andere Familienmitglied beschützen wollen.
Bevor eine von uns angegriffen worden war – von den wilden Hunden, wie ich mir inzwischen selbst einredete –, war ein Auto angefahren gekommen, die Insassen hatten uns entdeckt und die Biester vertrieben, sie waren weggerannt. Obwohl „rennen“ nicht das richtige Wort war. Einige schienen zu gleiten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was danach gewesen war, nur an einzeln aufflackernde Bilder. Gleißendes Licht in meinen Augen. Geräusche, als würde Metall gegen Metall schaben. Männer, die sich etwas zuriefen. Dann starke Arme, die mich befreiten und aus dem Wagen zogen, ein schmerzender Stich in meinen rechten Arm, etwas, das mir auf das Gesicht gedrückt wurde. Danach nichts mehr.
„Hallo, du bist doch Alice, richtig?“
Ich blinzelte, bis sich der schreckliche Nebel der Erinnerung langsam lichtete, und wandte den Kopf in die Richtung der einzigen Tür im Raum. Ein hübsches Mädchen, wahrscheinlich in meinem Alter, kam herein. Die Unbekannte hatte glattes dunkles Haar, große haselnussbraune Augen mit schwarz getuschten Wimpern und einen perfekten, von der Sonne sanft geküssten Teint. Sie hatte sich in ein langärmliges pinkfarbenes T-Shirt geworfen, auf dem ein Pfeil gedruckt war, der nach oben wies und die Aufschrift „I’m With Genius“ zeigte. Dazu trug sie einen Mikrominirock, der gerade mal ihre Hüften bedeckte. Eigentlich hätte man das Ding korrekter als Badeanzugunterteil bezeichnen müssen.
Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass mein hässliches, papierdünnes Nachthemd mit den schiefen Schnürbändern daneben ziemlich lächerlich wirkte.
„Ich heiße Ali“, erwiderte ich. Das waren die ersten Worte, die ich nach einer scheinbaren Ewigkeit mal wieder von mir gab. Meine Kehle fühlte sich rau an, ich klang heiser, konnte es jedoch nicht zulassen, dass sie mich noch mal Alice nannte. Die letzte Person, die das getan hatte, war … na, egal. Ich wollte es jedenfalls nicht.
„Cool. Ich heiße Kathryn, doch alle nennen mich Kat. Mach bitte keine Katzenwitze, sonst muss ich dir wehtun. Mit meinen Krallen.“ Sie wedelte mit ihren Händen und zeigte mir ihre langen Fingernägel. „Tatsache ist, dass ich seit Ewigkeiten kein Miau mehr sage.“
Kein Miau mehr sage? „Ich nehme an, es wäre uncool, wenn ich dich Pretty Kitty nennen würde.“ Keine Ahnung, warum ich plötzlich so zum Scherzen aufgelegt war, ich kämpfte nicht dagegen an. Ich brauchte all meine Kraft, um gegen alles andere anzukämpfen. „Wie wär’s mit Mad Dog?“ Sie verzog die Lippen zu einem ironischen Grinsen. „Har, har, har. Jetzt würdest du mich aber enttäuschen, falls du mich nicht Mad Dog nennst.“ Sie kam mit einer eleganten Bewegung ein Stück näher. „Also, nun ja. Was den Grund meines Besuchs angeht … bringen wir erst mal den Austausch von notwendigen Hintergrundinfos hinter uns. Meine Mutter arbeitet hier und hat mich heute mitgenommen. Sie meinte, du könntest sicher eine Freundin gebrauchen oder irgendwas vergleichbar Tragisches.“
„Mir geht’s bestens“, sagte ich sofort. Wieder dieses blöde Wort. Bestens.
„Das weiß ich doch. Habe ich ihr auch gesagt.“ Kat schnappte sich den einzigen Besucherstuhl im Raum, schob ihn neben mein Bett und setzte sich. „Außerdem erzählt man nicht gleich jedem Unbekannten seine Geheimnisse. Das wäre schon ein bisschen merkwürdig. Sie ist aber nun mal meine Mutter, und du brauchst ganz eindeutig eine Schulter zum Ausweinen, was sollte ich also sagen? Nein? Nicht mal ich bin so herzlos.“
Ich hatte keine Lust, mich von ihr bemitleiden zu lassen. „Du kannst deiner Mutter sagen, ich war sehr unhöflich und habe dich rausgeschmissen.“
„Okay“, fuhr sie fort, als hätte ich gar nichts gesagt. „Das Leben ist zu kurz, um sich in seinem Elend zu wälzen, das weiß ich. Egal, wie du sicher schon mitbekommen hast, bin ich für dich eine absolute Spitzengesellschaft. Oh, oh. Und weißt du was? Ich habe noch einen Platz in meinem Fave Five Account frei – nicht diese lahme Telefonwerbung, sondern mein derzeitiger engster Kreis –, und ich suche nach jemandem, der einen Platz in der ersten Reihe bekommt. Du kannst das also sozusagen als Bewerbungsgespräch betrachten.“
Irgendwie erwachte bei ihrer kleinen Rede meine gute Laune wieder ein bisschen. „Bei einem Platz in der ersten Reihe deiner fünf Lieblingsanschlüsse handelt es sich also um einen Job, oder was?“, konnte ich mir nicht verkneifen zu...




