E-Book, Deutsch, 327 Seiten
Shirley JOHN SHIRLEYS DRACULA
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7487-2370-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Horror-Roman
E-Book, Deutsch, 327 Seiten
ISBN: 978-3-7487-2370-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vladimir Horescu, leitender Manager der Computerfirma IBEX Corporation West, erhält eines Tages einen Brief von seinem Vater - zumindest behauptet der Schreiber des Briefs, er sei Vladimirs Vater und deutet an, er sei der ebenso berühmte wie berüchtigte Dracula. Vladimir selbst war davon ausgegangen, dass sein Vater tot sei, wie es ihm seine Pflegeeltern gesagt hatten. In der Folge erhält Vladimir mysteriöse Besuche - zunächst dringt ein Mann in sein Haus ein, der vorgibt, Luzifer zu sein, und dieser ersucht Vladimir um Beistand bei seinem Kampf gegen Dracula. Dazu schickt er ihm eine Frau, Margaret Holland, die ihn dabei unterstützen soll. Und tatsächlich gerät Vladimir immer tiefer in eine blutige Auseinandersetzung mit Dracula... Der Roman John Shirleys Dracula von Cyberpunk-Legende John Shirley erschien erstmals im Jahr 1979; der Apex-Verlag veröffentlicht diesen modernen Horror-Klassiker in der vom Autor überarbeiteten Version als deutsche Erstveröffentlichung, übersetzt von Alfons Winkelmann.
Autoren/Hrsg.
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Eins
1. Es gibt Zeiten, zu denen nehmen gewöhnliche Dinge scheinbar eine unheimliche Bedeutung an. Regisseure von Suspense-Filmen verweilen liebevoll auf einem Telefonbuch, einem Kerzenhalter, einem Messer – einfach nur, damit du dich nach dem Grund hierfür fragst. Richte die Kamera nur genügend lange auf einen Ausguss, lasse langgezogene Akkorde dazu ertönen, schrille Violinen, und zeige nichts als diesen einzelnen Wasserhahn, aus dem es unaufhörlich tröpfelt – und der Ausguss nimmt irgendwie unheimliche Dimensionen an. Was diese unheilvolle Aufmerksamkeit bewirkt, ist, dass aus einem gewöhnlichen Wasserhahn ein Gegenstand des Schreckens wird. Das passiert mir hin und wieder, und zwar ohne den Einfluss von Filmtechnik. Wenn ich Angst habe, sehe ich Anzeichen von Bedrohung in den harmlosesten Gegenständen. Die Kaffeekanne scheint sich mit der Zuckerdose zu verschwören, und das Licht der Glühbirne wird hart: eine Warnung. Häufig erfahre ich solche Empfindungen nicht – dafür hat mein Analytiker gesorgt. Gewöhnlich sind sie nicht vorhanden. Aber manchmal. Manchmal, so wie beim Anblick des Briefs. Vor drei Monaten. Am ersten Dezember. Der Brief auf meinem Schreibtisch. Viel kann in drei Monaten geschehen. Mein Leben war acht Jahre lang geschäftig, jedoch banal verlaufen, ein Plateau, von der stürmischen Trennung von meiner Frau Lollie abgesehen ereignislos. Selbst meine wöchentlichen Sitzungen zum Aggressionsabbau bei meinem Therapeuten waren zur langweiligen Routine geworden. Ich hatte kein Verhältnis. Und dann der Brief und Schnipp-Schnipp-Schnipp – eines nach dem anderen. Äußerlich war nichts wirklich Besonderes am Briefumschlag. Ich war Antiquar gewesen, also erkannte ich die charakteristischen, mit Tinte und Gänsefeder geschriebenen Buchstaben. Ja, es war ziemlich ungewöhnlich, einen Brief zu erhalten, auf dem die Adresse mit einer Gänsefeder geschrieben war. Ungewöhnlich, jedoch nichts Besonderes. Es gibt nach wie vor ein paar Leute, die sie benutzen, zum eigenen Amüsement oder weil sie einen Hauch von Format bewahren wollen. Und gewiss war die altmodische Handschrift, die aussah wie ein Spinnennetz, kaum lesbar, figural, ein Hinweis darauf, dass der Brief von einem alten Menschen verfasst war, von einem sehr alten, um genau zu sein. Nichts wirklich Besonderes daran. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, warum ein solcher Mensch an den leitenden Manager der IBEX Corporation West schreiben sollte. Eine Beschwerde? Es gab keinen Absender. Er war an mich adressiert: Vladimir Horescu, General Manager, IBEX Corporation West, 2311 California Street, City of San Francisco, State of California. Merkwürdig, dachte ich: City of San Francisco, State of California. Und keine Postleitzahl. Der Umschlag bestand aus Leinenpapier. Das Zeug ist heutzutage nur schwer aufzutreiben. Wer? Vielleicht einer meiner Partner aus den alten Tagen, bevor ich mich gewandelt hatte. Die alten Tage, bevor mein Arzt mir verbot, mich auf Antiquare und Okkultisten einzulassen. Jemand von der »Gesellschaft zum Studium der Alten Künste«, vielleicht. In diesem Fall würde ich nicht reagieren. Ich hatte mich von dieser ergrauten Bande getrennt. Aber gewiss musste der Brief von der GSAK stammen. Nichts Besonderes. Also... warum zögerte ich dann, ihn zu öffnen? Warum hielt ich den Brief mit beiden Händen auf Armeslänge von mir entfernt, entfärbte den Umschlag mit dem jäh ausgebrochenen Schweiß meiner Finger? Warum starrte ich das rote Wachssiegel auf der Rückseite des Umschlags an? Das rote Wachssiegel mit dem eingestempelten Zeichen F. In diesem Augenblick war der Umschlag die Verkörperung allen Übels und aller Bosheit. So drückte ich es im Geiste aus: Übel und Bosheit. Was ich, genauer gesagt, empfand, während ich den Brief anblickte, war so etwas wie Rache und Gewalt. Um genau zu sein. Aber das konnte ich vor mir selbst nicht zugeben. Mein Arzt, ein dezidierter Behaviorist, hatte mich darauf trainiert, solche Ausdrücke auszuwischen. Sämtliche negativen Extreme wurden aus meinem Bewusstsein gelöscht, reflexartig. Aber ich starrte den Umschlag nach wie vor an und konnte ihn nicht öffnen. Er war in New Orleans abgestempelt. Ich kannte niemanden in New Orleans. Zaghaft öffnete ich den Umschlag mit den Fingern. Normalerweise benutze ich einen Brieföffner, aber ich hatte eine unerklärliche Angst, dass das harmlose weiße Rechteck aus Papier aufschreien würde, falls ich es mit Metall berührte. Vielleicht würde es... Klick. Meine geistige Abschirmung fing das Wort auf und unterdrückte es. Dieses Wort repräsentierte etwas, woran ich damals nicht denken durfte. Jetzt hingegen kann ich es aussprechen: Bluten. Bluten. Blut. Ich öffnete den Umschlag, fummelte das Blatt Leinenpapier hervor, breitete es auf dem Schreibtisch aus, strich es glatt, schluckte heftig und las: Mein Sohn! Wisse: ich bin dein Vater. Ich habe dich gefunden! Es beschämt mich, dass ich auf dieses unpersönliche Mittel der Kontaktaufnahme zurückgreifen muss. Ich versuchte, dich über das Telefon zu erreichen, und mir wurde von einer Schwachsinnigen gesagt, dass du keine Anrufe annimmst, außer nach besonderer Vorankündigung. Ich teilte der Frau mit, dass ich dein Vater sei, und sie erwiderte etwas, das darauf hinauslief, dass mein »Humor« nicht »erwünscht sei« und dass sie wüsste, dass Mr. Horescus Vater tot sei. Diese Frechheit entfachte meine Wut, aber bevor ich der Übeltäterin (einer Frau!) die Offenbarung ihres unverschämten Verhaltens hätte zuteilwerden lassen können, trennte sie die Verbindung. Ich gehe fest davon aus, dass du sie vernichten lassen wirst. Daraufhin entschloss ich mich, nicht nach deiner privaten Telefonnummer zu suchen. Es ist am besten, dass eine Art Präludium zu unserem eigentlichen Gespräch stattfindet. Damit du weniger wahrscheinlich meine Identität anzweifelst. Ich schreibe dies in New Orleans. Ich werde in zwei Wochen in deiner Gegend eintreffen. Ich habe bereits meine Diener vorausgeschickt, um das Haus vorzubereiten. Einen dieser Diener habe ich mit einer schriftlichen Botschaft zu deinem Haus gesandt... Der Mann, der umherschlich und den die Polizei verjagte? Sie hatten gesagt, es habe sich um einen langsamen, sehr blassen, kränklich wirkenden Burschen gehandelt, der in dem Gehölz hinter meinem Haus verschwunden sei. Sie hatte einen Schuss abgegeben... ...der anscheinend getötet wurde, bevor er seine Mission hätte bekannt machen können. Ein weiterer meiner Diener fand ihn in dem Wald. Eine Kugel hatte ihm das Rückgrat gebrochen, so dass er außerstande war zu gehen. Meine Genossen entschieden sich gegen den Versuch, dich auf diese Weise zu kontaktieren. Ich muss dir zum Eifer deiner Untergebenen gratulieren. Obwohl es nicht leicht war, ein Gespräch mit dir zu erhalten, bin ich vielleicht derjenige, der bereuen sollte, denn alles in allem war ich es, der dich verließ, vor mehr als dreißig Jahren... Ich atmete nicht mehr: Ich bemerkte es und zwang mich zu atmen. Daraufhin entschloss ich mich, denjenigen anzuzeigen, der diesen Brief verfasst hatte. Ich würde ihn öffentlich demütigen. Ich hatte meinen Vater nie gekannt, aber ich war im Geiste grimmig entschlossen, ihn zu verteidigen. Ich glaubte die Geschichte nicht, die meine Pflegeeltern mir erzählt hatten, glaubte ihre Behauptung nicht, dass er eine flüchtige Bekanntschaft meiner Mutter gewesen sei, der sie eines Nachts vergewaltigte, sie so brutal vergewaltigte, dass sie darüber wahnsinnig wurde. Sie war verrückt geworden, ja, aber ich glaubte nicht, dass ein einziger Vorfall dafür verantwortlich sein konnte. Ich wollte an meinen Vater glauben. Ich hatte ihn tot geglaubt, und jemand benutzte die Erinnerung an ihn für einen ausgeklügelten Scherz. Mit finsterem Gesicht las ich weiter. ...und ich hinterließ nur wenige Mittel für deine Erziehung. Dies bedauere ich im Nachhinein. Es gibt Dinge, bei denen du hättest von Nutzen sein können, und es gibt Wahrheiten, die ich dir gern mitgeteilt hätte. Vielleicht ist es noch nicht zu spät dafür, einige Dinge zu lernen. Ich freue mich auf einen langen Aufenthalt im Gebiet von San Francisco. Die Nächte dort sind warm und wohlig, voller Leben. Ich habe fast ein Jahr nördlich von deiner Stadt verbracht, bin dort bis vor vier Monaten verblieben, als mich die Vorsicht zwang, mich zur City of New Orleans zu begeben. Ich habe vor, Chutney House zu beziehen, das ich für sie im Jahr 1953 als teilweise Kompensation für den unvermeidlichen, jedoch zufälligen Schaden erwarb, den ich ihrer Nichte, deiner Mutter, zufügte. Zusätzlich legte ich einen Trust-Fond auf, als Vorwegnahme der Ausgaben für deine Pflege. Ich verfüge immer noch über eine Option auf das Haus, sollten die Bewohner verscheiden, wie es im vergangenen Jahr der Fall war, und da ich dieses Recht wahrte, habe ich Veränderungen an dem Haus vorgenommen und die Hausanschlüsse wieder in Betrieb gesetzt. Trotz allem bin ich mir bewusst, dass du der Hauptbesitzer des Hauses bist. Ich erwarte deine Ankunft am Abend des zweiundzwanzigsten Dezember dieses Jahres 1977, pünktlich um...




