Shepard | Halbzeit | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

Shepard Halbzeit

Eine nicht ganz anständige Geschichte
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96664-909-4
Verlag: Plaza
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine nicht ganz anständige Geschichte

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

ISBN: 978-3-96664-909-4
Verlag: Plaza
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ü50, weiblich, Wechseljahre - und dennoch Lust auf Sex ?! Die 50-jährige Moderatorin Chiara Canzoni hat vermeintlich alles: Einen liebevollen Ehemann, ein Haus, Kinder und Karriere. Doch dann wird sie unerwartet aus der eigenen Talkshow geworfen. Am selben Abend schickt ein Fan ihr eine zweideutige Nachricht. Chiara wird wütend, doch der freche Charme des Schreibers überrascht sie auch. Bald fliegen die Nachrichten im Sekundentakt hin und her. Aber mit wem tauscht sie diese intimen Vertraulichkeiten, von denen ihr Ehemann besser nicht wissen sollte? Chiara stellt fest, dass Ben Engel erst 23 Jahre alt ist, doch da ist es bereits zu spät. Das ungleiche Paar wird in einem Nachtclub in flagranti erwischt, ganz Deutschland kann das Foto am nächsten Morgen auf Seite Eins der Boulevard Presse bewundern. Wird Chiara in ihrer Besessenheit zu dem jungen Mann ihre Ehe und die weitere Karriere aufs Spiel setzen? 'In meinem zu 100% fiktiven Roman vermische ich, mit blühender Fantasie, meine persönlichen Erfahrungen aus dem Jahr 2017.' Cheryl Shepard

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— 06 —


Es war also verabredet. Er würde nach Hamburg kommen. Sie hatten noch kein festes Datum ausgemacht, aber er wollte sie wirklich in ihrer Stadt treffen.

Der Gedanke beschäftigte Chiara den ganzen Tag und machte ihr manchmal Angst, doch wenn sie alle Fragen wegließ (War sie denn wahnsinnig? Was würden sie miteinander unternehmen können? Wo würden sie sich vor der Öffentlichkeit verstecken?) und nur an seine Gegenwart dachte, erregte es sie auch. Sie wollte diese Hände überall auf ihrem Körper spüren, die Wärme seines Gesichtes an ihren Wangen fühlen, durch seine Haare streichen, diese Lippen küssen, seinen Mund erforschen. Sie wollte sich unter seinem Kirschbaum-Blick ausziehen, ihm ihren Busen, ihre Pussy, ihren Hintern darbieten. Die Gewalt ihres Verlangens war neu, es war eine rücksichtslose Gewalt, völlig vernunftfrei und herrlich egoistisch. Ich will dich, dachte sie, und das werde ich dir zeigen. Wie mein Körper dabei aussieht, ist mir völlig egal. Auch das war neu. Angst hatte sie nur vor dem Entdecktwerden.

Denn auch wenn sie sich noch so gut tarnte, und zum Beispiel mit einer Ballonmütze ihr langes lockiges Haar verbarg, eine besonders dunkle Sonnenbrille aufsetzte und keinen Lippenstift trug, statt dem typisch knallroten ... wenn sie Pech hatte, erkannte man sie dennoch. Die meisten Menschen identifiziert man an ihrem Gang, an ihrer Art, sich zu bewegen, hatte sie mal gelesen. Ich bin doch keine Schauspielerin und will an seiner Seite nicht dauernd aufpassen müssen, nicht in meinen gewohnten Gang zu verfallen, dachte Chiara.

Aber du wirst gesehen werden, wirst erkannt werden, und wie willst du dann den jungen Mann an deiner Seite erklären?

Muss man denn jeden jungen Mann erklären?

Nein. Solange du nicht knutschst oder Händchen hältst, werden die meisten ihn für deinen Sohn halten.

Wer mich kennt, weiß aber, dass ich keinen Sohn habe.

So bekannt bist du nun auch nicht, reg dich ab.

Außerdem will ich knutschen und Händchen halten.

Ich dachte, vögeln?

Ja auch, aber damit werde ich mir Zeit lassen.

Oh boy! Chiara schnaubte durch die Nase, weil sie über ihren eigenen Gedankendialog lächeln musste. Sie war so zwiegespalten ...

Sag doch gleich, schizophren! Warum willst du dir denn jetzt plötzlich Zeit lassen, du hast es ja schon mit ihm getrieben.

Na und, das war doch nur im Kopf. Julika sagt doch immer, zu früher Sex ist, als ob man eine unreife Pflaume isst. Alles noch grün, der Kern löst sich kaum vom Fleisch, und nach besonders viel riecht und schmeckt sie auch nicht. Erst wenn man ihr Zeit gibt zu reifen, wird sie süß und saftig und zergeht dir auf der Zunge. Du musst es ja wissen.

Aber klingt gut.

Das Wochenende verging. Der Montag kam. Chiara huschte noch vor dem Frühstück hinaus, um die Zeitungen zu holen, die in der Plastikrolle am Tor hingen. Nicht, dass es sie interessierte, was da draußen in der Welt los war, doch Lorenz und Margot legten Wert auf ihre Frühstückslektüre. Verdammt, war das kalt, sie warf einen Blick auf das Datum der obersten Zeitung. 24. Januar.

»Frohes Neues!«

Sie sah auf. Der alte Herr Becker von gegenüber, mit Coco, seinem Hund.

»Kann man doch noch sagen, oder?«, rief er, abartig fröhlich, schon morgens um neun.

»Ja, natürlich, das wünsche ich Ihnen auch!« Chiara nahm sich ein Beispiel an seiner guten Laune und lächelte, zog dann aber die Schultern hoch und schüttelte sich, um ihm zu zeigen, wie kalt es war. »Alles Gute!« Sie drehte sich um und lief die Auffahrt wieder hoch. Sonst hielt sie gerne ein Schwätzchen mit ihm, doch seine späten Wünsche zum neuen Jahr erinnerten sie unangenehm an die Redaktionen und Abteilungen des Senders. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren alle aus dem Weihnachtsurlaub wieder da, das neue Jahr war zur Gewohnheit geworden, man warf sich noch ein Frohes Neues hin, wenn man sich zum ersten Mal sah, doch der Alltag hatte wieder begonnen.

Klar. So ist das. Nur du hast keinen Job mehr ...

Nach dem Frühstück begab Chiara sich in ihr Arbeitszimmer und sah sich um. Du könntest die zahlreichen Aktenordner da im Regal mal sichten, sagte sie sich. Was ist da eigentlich drin? Du könntest alte Unterlagen aussortieren, die Schubladen auskippen und den ganzen Kleinscheiß, der sich dort angesammelt hat, mal wegwerfen. Oder ... du könntest endlich mal jemanden anrufen, netzwerken, deine wenigen alten Kontakte aufleben lassen!

Doch sie hatte keine Ideen, was konnte sie den einflussreichen Menschen der Branche denn anbieten? Sich selbst? Das reichte heute nicht mehr. Das reicht im Falle Chiara Canzoni nicht mehr. Warum hatte sie eigentlich eine so schlechte Meinung von sich?

Chiara schob die Frage beiseite und zog stattdessen einige Papp-Schuber mit Zeitschriften aus dem Regal. Vielleicht fand sie ja zwischen den alten Magazinen, in denen sie veröffentlich hatte, die einzigartige, mitreißende Eingebung für ihre Zukunft.

Minuten später hockte sie auf dem Boden, die Zeitschriften um sich verteilt, und las sich in den Artikeln der anderen Journalistinnen und Journalisten fest. Was für Themen es vor fünfzehn Jahren gegeben hatte, und noch viel interessanter: welche nicht! Gendern? Gab es noch nicht. Trump, Corona, Ukraine Krieg, alles noch in weiter Ferne. Obama sollte noch ein Jahr auf seine Wahl warten müssen, doch halt, die Klimakrise wurde schon erwähnt. Klimakatastrophe war das Wort des Jahres, Herdprämie wurde zum Unwort gewählt, Sarkozy zog in den Elysée Palast, Gaddafi lebte noch, eine andere Welt, in der alles unwirklich erschien.

Sie suchte im »Geo Traveller« nach einem ihrer Artikel. Er handelte von den Waldbränden im kalifornischen Malibu. Bei dieser Katastrophe war sie wieder zufällig am richtigen Platz gewesen, wie schon sechs Jahre zuvor, am 11. September in New York.

Sie hatte Valerie und Marlene der Obhut von Lorenz und Margot überlassen und war allein zu Liliane geflogen, eine ihrer Freundinnen aus dem Studium. Deiner einzigen Freundin in dieser Zeit, gib es zu.

Na ja, nicht die einzige, aber viele waren es nicht. Da gab es doch noch Simone, die heute in ihrem Kotten bei Münster lebte, und Hannah, die den Sprung nach Paris geschafft hatte.

Aber eine der Wenigen, die du kopiert hast.

Kopiert? Sie war eines meiner Vorbilder, ich habe sie für ihr autarkes Dasein bewundert, für ihren Mut, frei zu reden und ihre peinlichen Cowboystiefel zu tragen, für ihre lockere Art, mit Männern umzugehen. Sich zu nehmen, was sie wollte.

Chiara hatte damals befürchtet, dass sie sich diese Eigenschaften niemals würde aneignen können, doch für das Germanistik Studium, im zweiten Fach Sozialwissenschaften, waren sie unerlässlich. Hier reichte es nicht mehr, wie in der Schule fleißig zu sein, viel zu lesen und Sachen auswendig zu lernen. Also schaute sie genau hin, um hinter das Geheimnis des Selbstbewusstseins zu kommen. Wie machten die anderen Studentinnen das? Sie begann, lauter zu sprechen, trat fester auf, hob den Blick öfter, schaffte es nach und nach, in Diskussionen auf ihre Meinung zu beharren. Sie tat so, als ob sie selbstbewusst sei, bis man es ihr glaubte und schloss nebenbei ihr Studium in Rekordzeit ab.

Warum habe ich mich eigentlich so beeilt, fragte sie sich jetzt, und legte die Zeitschrift wieder zu den anderen. Der Malibu Artikel musste in einer anderen Ausgabe erschienen sein. Ich war erst 23, als ich fertig war. So alt wie ... Valerie. Und ER.

Nach einem Praktikum beim Sender Freies Berlin, wusste sie, dass der Journalismus das Richtige für sie war, und auch, dass sie das konservative Bayern verlassen und ihren Akzent loswerden musste! Ohne den Sprechunterricht säße ich vermutlich heute noch in einem kleinen Landesstudio in Unterföhring, dachte Chiara und zuckte gleich darauf mit den Schultern.

Aber natürlich war ihr das nicht genug, wahrscheinlich nur um ihre ängstliche Mutter und ihren treulosen Vater zu beeindrucken, studierte sie noch schnell Kulturwissenschaften hinterher, Schwerpunkt Literatur und fühlte sich dann erst gerüstet. Für was? Für das Leben wahrscheinlich. War man jemals dafür gerüstet?

Jedenfalls war es keine schlechte Idee, nach Hamburg zu gehen. Weiter weg von zu Hause ging es kaum.

Während ihrer ersten Berufsjahre war sie äußerst ehrgeizig gewesen, zu ehrgeizig, dass wusste sie heute. Sie hatte ungern im Team gearbeitet und wenn es nicht zu vermeiden gewesen war, hatte sie sich bevorzugt mit höher gestellten Kollegen zusammengetan, denn nur von ihnen hatte sie profitieren können. Hatte sie zumindest damals gedacht.

Dass sie überall nur aneckte, war ihr schnell bewusst geworden. Doch was sollte sie ändern? Sie konnte nicht aus ihrer Haut. »Sei doch mal locker«, wurde ihr geraten, noch immer lehnte sie Alkohol konsequent ab - und festigte so ihren Ruf als Spaßbremse, die sich nicht fallen lassen konnte.

Dass jeder über dich urteilt, ist das Schlimmste, dachte sie, warum zerren die Menschen immer das Persönliche über dich hervor, wo du doch nur deine Arbeit machen willst?

Ach, da war er ja! Sie hatte den Artikel gefunden. Text und Fotos: Chiara Canzoni. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Zeile auf dem Papier. Die Bilder der brennenden Wälder und Häuser und des alten Pärchens, das hilflos mit einem Gartenschlauch in seiner Einfahrt stand, hatte sie mit ihrer Nikon aus dem Auto gemacht. Sie spürte erneut ihre Angst, hörte das Knacken der brennenden Bäume, das Maunzen der Katzen im Wagen, die rauchgeschwängerte Luft kratzte wieder in ihrer Kehle, dabei hatte der Besuch in Kalifornien so gut angefangen.

Sie war ohne Kinder, ohne schlechtes Gewissen angereist. Lorenz‘ Orchester...



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