Shen | All Saints High - Der Verlorene | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 463 Seiten

Reihe: All Saints High

Shen All Saints High - Der Verlorene


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7363-1199-2
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 463 Seiten

Reihe: All Saints High

ISBN: 978-3-7363-1199-2
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist immer schon Liebe gewesen. Liebe mit vielen Masken, Umwegen und hässlichen Wahrheiten.

Als Lenora Astalis erfährt, dass Vaughn Spencer eines der begehrten Stipendien für die Kunst-Akademie ihres Vaters bekommen hat, sieht sie ihre Chance gekommen: Endlich kann sie sich dafür rächen, dass Vaughn ihr an der All Saints High das Leben zur Hölle gemacht hat. Doch es kommt ganz anders, denn Lenora soll Vaughns Assistentin werden und mit ihm zusammenarbeiten! Je besser sie das Künstler-Genie mit dem eiskalten Blick kennenlernt, desto deutlicher wird, dass sich hinter seiner grausamen Fassade mehr verbirgt als angenommen. Und bald kann Lenora das Prickeln, das sie schon immer in Vaughns Nähe gespürt hat, nicht mehr ignorieren ...

'L. J. Shen schreibt keine Bücher, sie erschafft Kunstwerke, die allesamt eine tiefere Bedeutung haben.' Charlie Books

Band 3 der ALL-SAINTS-HIGH-Reihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin L.J. Shen!

Die ALL-SAINTS-HIGH-Reihe:

1. Die Prinzessin
2. Der Rebell
3. Der Verlorene



L. J. Shen lebt mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn und einer faulen Katze in Kalifornien. Wenn sie nicht gerade an ihrem neuesten Roman schreibt, genießt sie gern ein gutes Buch mit einem Glas Wein oder schaut ihre Lieblingsserien auf Netflix. Weitere Informationen unter: www.authorljshen.com
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1. Kapitel


Lenora, 12; Vaughn, 13

Lenora

Du hast nichts gesehen, gar nichts.

Er wird nicht kommen, um dich zu holen.

Er hat nicht einmal dein Gesicht gesehen.

Ich zitterte am ganzen Leib, während ich die Szene, deren Zeugin ich gerade geworden war, aus meiner Erinnerung zu löschen versuchte.

Ich schloss fest die Augen, krümmte mich auf der harten Matratze zusammen und begann, nervös hin und her zu schaukeln. Die rostigen Metallfüße des Betts verursachten ein wimmerndes Geräusch, als sie über den Boden schrammten.

Carlisle Castle war mir schon immer irgendwie unheimlich gewesen, aber noch zehn Minuten zuvor hatte ich geglaubt, das läge an den Geistern und nicht an den Schülern.

Nicht an einem dreizehnjährigen Jungen, dessen Gesicht an die Skulptur Der Barberinische Faun erinnerte – es war auf träge Art schön und unglaublich majestätisch.

Es konnte auf keinen Fall an Vaughn Spencer liegen.

Ich war an diesem Ort aufgewachsen und noch nie einem derart beängstigenden Wesen begegnet wie diesem dreisten amerikanischen Jungen.

Es hieß, Carlisle sei eine der Burgen in Großbritannien, in denen es am meisten spukte. In der Anlage, im siebzehnten Jahrhundert auf den Ruinen einer Festung aus dem elften Jahrhundert errichtet, waren anscheinend gleich zwei Geister zu Hause. Der erste war einem Diener erschienen, der vor Jahrzehnten im Keller eingesperrt gewesen war. Er schwor, er habe den Geist von Madame Tindall gesehen, die ihre Fingernägel ins Mauerwerk der Wände grub, um Wasser bettelte und behauptete, sie sei von ihrem Ehemann vergiftet worden. Der zweite Geist – der ihres Ehemannes, Lord Tindall – war nachweislich dabei beobachtet worden, wie er bei Nacht die Gänge unsicher machte und gelegentlich ein schief hängendes Bild geradezurücken versuchte, ohne es auch nur um einen Zentimeter zu bewegen.

Es hieß, Madame Tindall habe in dem Augenblick, in dem ihr klar wurde, dass er sie vergiftet hatte, das Herz des Lords mit einem Steakmesser durchbohrt und selbiges sicherheitshalber noch einmal umgedreht. Der Sage nach wollte ihr Mann das junge Mädchen heiraten, das er nach jahrelanger kinderloser Ehe mit Madame geschwängert hatte. Die Leute schworen, man könne das Messer noch immer in der Brust des Lords sehen. Angeblich klapperte es, wenn er lachte.

Wir waren vor knapp zehn Jahren eingezogen, als Papa die Carlisle Prep, eine renommierte Kunstschule, eröffnet und die talentiertesten Künstler aus ganz Europa eingeladen hatte.

Und alle waren sie gekommen. Schließlich war er der große Edgar Astalis, der Mann, dessen lebensgroße Napoleon-Statue namens Der Kaiser mitten auf den Champs-Elysées stand.

Aber auch sie fürchteten sich vor den Gespenstern, die es gerüchteweise hier gab.

Alles an diesem Ort war gruselig.

Die Burg ragte über einem nebligen Tal in Berkshire auf. Von oben betrachtet erinnerten ihre Umrisse an zwei gekreuzte schwarze Schwerter. Efeu und wilde Rosensträucher rankten sich an den steinernen Mauern des Innenhofs empor und verbargen geheime Pfade, die nachts häufig von den Schülern benutzt wurden. Die Gänge ähnelten einem Labyrinth, das im Kreis herum und darum stets zum Bildhaueratelier zurückführte.

Zum Herzen der Burg.

Stolz durchstreiften die Schüler die Säle, mit angespannten Gesichtern, die Wangen von der Kälte des scheinbar endlosen Winters gerötet. Das Carlisle-Privatinstitut für besonders Begabte und Befähigte blickte auf öffentliche Schulen wie Eton und Craigclowan herab. Papa war der Meinung, dass gewöhnliche Institute lediglich entschlussschwache, verwöhnte, mittelmäßig talentierte Schüler förderten, aber niemals echte Wegbereiter hervorbrachten. Unsere Uniform bestand aus einem schwarzen Umhang, über dessen linker Brusttasche in leuchtendem Gold das Motto von Carlisle eingestickt war:

Ars longa, vita brevis.

Die Kunst währt lange, das Leben nur kurz. Die Botschaft war klar: Der einzige Weg zur Unsterblichkeit führte über die Kunst. Mittelmäßigkeit galt geradezu als vulgär. Wir lebten in einer Ellenbogengesellschaft und waren durch unsere Gier, durch Verzweiflung und blinden Idealismus aneinandergekettet.

An dem Tag, an dem ich sah, was ich nicht hätte sehen dürfen, war ich erst zwölf Jahre alt. Ich war die jüngste Schülerin des Sommerlehrgangs der Schule, dicht gefolgt von Vaughn Spencer.

Anfangs war ich eifersüchtig auf diesen Jungen, der anstelle von Augen zwei Schlitze besaß, durchdringend und so kalt wie Stein. Obwohl er erst dreizehn war, arbeitete er bereits mit Marmor. Sein schwarzes Cape ignorierte er und verhielt sich auch sonst wie jemand, der mehr Rechte hatte als die anderen Schüler. Er ging sogar an Dozenten vorbei, ohne sich leicht zu verbeugen – etwas, das es an dieser Schule noch nie gegeben hatte.

Auch ich verbeugte mich, obwohl ich die Tochter des Direktors war.

Wenn ich es mir recht überlege, war ich sogar diejenige, die sich am tiefsten verbeugte.

Man sagte uns, wir stünden über allen anderen, weil wir die Künstler der Zukunft seien, und zwar weltweit gesehen. Wir hatten Talent und Status, besaßen Geld und Möglichkeiten. Aber wenn wir Silber waren, war Vaughn Spencer Gold. Wenn wir gut waren, war er brillant. Wenn wir leuchteten, glühte er mit der Kraft von tausend Sonnen und versengte alles um sich herum.

Es war, als hätte Gott ihn auf besondere Weise erschaffen, als hätte er bei ihm auf jedes Detail geachtet. Seine Wangenknochen waren scharf wie Messerklingen, seine Augen leuchteten im blassesten Blau, das in der Natur vorkam, und seine Haare waren tiefschwarz. Er war so blass, dass ich die Adern unter seiner Haut sehen konnte, aber sein Mund war so rot wie frisches Blut – warm, lebendig und trügerisch.

Er faszinierte mich und machte mich gleichzeitig wütend, aber ich blieb auf Abstand zu ihm wie alle anderen auch. Vaughn Spencer war nicht hierhergekommen, um Freundschaften zu schließen. Das machte er sehr deutlich, indem er weder im Speisesaal noch bei einer der zahlreichen geselligen Veranstaltungen auftauchte.

Und es gab noch etwas, das Vaughn im Gegensatz zu mir besaß: die Anerkennung meines Vaters. Ich hatte keine Ahnung, warum der große Edgar Astalis solchen Wirbel um einen Jungen aus Kalifornien machte, aber so war es nun mal.

Papa meinte, Vaughn würde später etwas Besonderes vollbringen, er würde eines Tages so groß sein wie Michelangelo.

Ich glaubte ihm.

Und deshalb hasste ich Vaughn.

Tatsächlich hatte ich ihn bis vor exakt fünfzehn Minuten gehasst, dem Zeitpunkt, an dem ich die Dunkelkammer betrat, um die Fotos zu entwickeln, die ich am Tag zuvor aufgenommen hatte. Fotografie betrieb ich als Hobby, nicht als Kunst. Meine künstlerische Tätigkeit konzentrierte sich auf Assemblage, das Erschaffen von Skulpturen aus Abfall. Es gefiel mir, aus hässlichen Dingen etwas Schönes zu machen, beschädigte Dinge in etwas Makelloses zu verwandeln.

Das gab mir Hoffnung. Ich wollte damit allem Hoffnung geben, was nicht perfekt war.

Okay, wie auch immer. Eigentlich hätte ich auf einen Tutor warten sollen, der mich in die Dunkelkammer begleiten würde. So lautete die Regel. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Bilder, die ich gemacht hatte, furchtbar nichtssagend sein würden. Ich wollte sie ein weiteres Mal aufnehmen, und vorher sollte sie niemand sehen.

Es war mitten in der Nacht. Eigentlich hätte ich dort allein sein müssen.

Und während mich heftige Eifersucht auf Vaughn Spencer quälte, überraschte ich ihn bei etwas, das mich verwirrte und gleichzeitig auf seltsame Art wütend auf ihn machte.

Als ich im Bett lag und mich an mein peinliches Benehmen in der Dunkelkammer erinnerte, schlug ich mir mit der Hand vor die Stirn. Ich hatte »Pardon« gemurmelt, die Tür wieder zugeschlagen und war zurück in mein Zimmer gerannt.

Immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend, eilte ich die Treppe in den ersten Stock hinunter, stieß dabei beinahe die Statue eines Kriegers um, schrie auf und bog in den Gang zu den Schlafräumen der Mädchen ab. Alle Türen sahen gleich aus, und vor lauter Panik war mein Blick derart verschwommen, dass ich mein Zimmer nicht fand. Ich riss jede Tür auf und steckte den Kopf hinein. Ich hielt Ausschau nach der weißen Decke, die Mum für mich gehäkelt hatte, als ich noch ein Baby war. Als ich endlich im richtigen Zimmer ankam, hatte mich fast jedes Mädchen in diesem Flügel verflucht, weil ich es aus dem Schlaf gerissen hatte.

Ich verschwand in meinem Bett, und dort blieb ich, versteckt unter meiner Decke.

Er wird dich nicht finden.

Die Mädchenzimmer darf er nicht betreten.

Ob Genie oder nicht, wenn er es täte, würde Papa ihn rauswerfen.

Plötzlich hörte ich Schritte im Flur, und mir schlug das Herz bis zum Hals. Die Aufsicht pfiff im Dunkeln leise ein Schlaflied. Plötzlich hörte ich etwas heftig poltern. Ein kehliges Stöhnen war vor meinem Zimmer zu hören, und ich rollte mich noch enger zusammen. Mein Atem rasselte wie eine Kette im Verlies.

Quietschend öffnete sich die Tür. Ein Windzug kam herein, bei dem sich die Härchen an meinem Arm aufrichteten. Meine Muskeln verkrampften sich, wurden so hart wie ein Stück getrockneter Tonerde – und fühlten sich genauso zerbrechlich an.

»Blasses Gesicht, schwarzes Herz, goldenes Erbe.«

Mit diesen Worten...


L. J. Shen lebt mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn und einer faulen Katze in Kalifornien. Wenn sie nicht gerade an ihrem neuesten Roman schreibt, genießt sie gern ein gutes Buch mit einem Glas Wein oder schaut ihre Lieblingsserien auf Netflix. Weitere Informationen unter: www.authorljshen.com



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