E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Sheldrake Der siebte Sinn der Tiere
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402022-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum Ihre Katze weiß, wann Sie nach Hause kommen, und andere bisher unerklärte Fähigkeiten der Tiere
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-10-402022-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sheldrake studierte in Cambridge Biologie und Biochemie, später an der Harvard University Philosophie. An der Universität Cambridge promovierte er 1967 in Biochemie, lehrte am dortigen Clare College und war bis zum Jahr 1973 Forschungsleiter für Biochemie und Zellbiologie. Er befasste sich während seines siebenjährigen Stipendiums am Clare College in Cambridge sowie bei der Royal Society mit der holistischen Tradition in der Biologie, führte Forschungen zur Entwicklung von Pflanzen und zur Zellalterung durch und formulierte die Theorie der von ihm so genannten morphischen Felder, seine Grundlage der Hypothese eines Gedächtnisses der Natur.
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Vorwort
Dies ist ein Buch der Anerkennung – der Anerkennung, dass Tiere Fähigkeiten besitzen, die wir verloren haben. Teils haben wir diese Tatsache vergessen, teils sind wir uns ihrer bewusst. Als Kind habe ich mich, wie viele andere Kinder auch, für Tiere und Pflanzen interessiert. In meiner Familie gab es alle möglichen Haustiere: unseren Hund Scamp, ein Kaninchen, Hamster, Tauben, eine Dohle, einen Wellensittich, Schildkröten, Goldfische und ganze Populationen von Kaulquappen und Raupen, die ich jedes Frühjahr großzog. Mein Vater Reginald Sheldrake, ein Apotheker mit Leidenschaft fürs Mikroskopieren, förderte meine Interessen und verstärkte die Faszination, die die Welt der Natur auf mich ausübte. Er zeigte mir, dass es in Tropfen von Teichwasser von Myriaden von Lebensformen nur so wimmelt und wie die Schuppen auf Schmetterlingsflügeln aussehen. Besonders fasziniert war ich davon, wie Tauben heimfanden. An Samstagvormittagen nahm mich mein Vater zu Großveranstaltungen von Brieftaubenzüchtern mit. An unserem Bahnhof in Newark-on-Trent in den englischen Midlands warteten Sporttauben aus ganz England in übereinandergestapelten Weidenkörben auf den Start. Zur festgesetzten Zeit öffneten die Züchter die Klappen. Ich durfte ihnen dabei helfen. Unter wildem Geflatter und Flügelschlagen flogen Hunderte von Tauben auf. Sie stiegen zum Himmel empor, kreisten eine Weile und begaben sich dann in alle möglichen Richtungen auf den Weg zu ihren weit entfernten Schlägen. Wie machten sie das bloß? Das wusste anscheinend niemand. Und noch heute gibt es keine Erklärung für diese Fähigkeit heimzufinden. Auf der Schule entschied ich mich natürlich dafür, Biologie und andere Naturwissenschaften zu studieren, und diese naturwissenschaftliche Ausbildung setzte ich dann an der Universität Cambridge fort, wo ich Botanik, Physiologie, Chemie und Biochemie studierte und schließlich in Biochemie promovierte. Aber im Laufe meiner Ausbildung zum Biologen tat sich eine große Kluft zwischen meinen Erfahrungen mit Tieren und Pflanzen und der wissenschaftlichen Methode auf, die mir beigebracht wurde.
Die noch immer vorherrschende orthodoxe mechanistische Theorie des Lebens behauptet, dass lebende Organismen nichts weiter seien als komplexe, genetisch programmierte Maschinen. Sie gelten als unbeseelt und seelenlos. Der erste Schritt beim Studium lebender Organismen bestand generell darin, dass wir sie töteten und aufschnitten. Ich verbrachte viele Stunden im Labor, zunächst mit dem Präparieren und im Laufe meines Studiums auch mit der Vivisektion. So erschöpfte sich beispielsweise ein wesentlicher Teil meines Biologielehrplans darin, Nerven aus abgetrennten Froschbeinen zu sezieren und sie elektrisch zu stimulieren, um die Muskeln zum Zucken zu bringen. Zur Untersuchung von Enzymen in Rattenleber, einem der bevorzugten Gewebe in der Tierbiochemie, mussten wir zuerst die lebende Ratte enthaupten, deren Blut dann ins Spülbecken des Labors spritzte. Wie Tauben zu ihrem Schlag heimfinden, erfuhr ich nicht.
Aus Tierliebe hatte ich Biologie studiert, und so weit hatte mich dieses Studium nun gebracht. Irgendwas war schiefgelaufen. Ich fragte mich, was hier eigentlich passierte. Nach meinem Studium in Cambridge bekam ich ein Frank-Knox-Stipendium für die Harvard University, wo ich Philosophie und Wissenschaftsgeschichte studierte, da ich mich für einen umfassenderen Blickwinkel interessierte. Anschließend kehrte ich nach Cambridge zurück und widmete mich der Erforschung von Pflanzen.
Zehn Jahre lang betrieb ich entwicklungsbiologische Forschungen in Cambridge, während ich fortfuhr, mir Gedanken über die Grundzüge einer mehr ganzheitlichen Wissenschaft zu machen. Ich wurde Fellow am Clare College in Cambridge, an dem ich Studiendirektor für Biochemie und Zellbiologie war. Während meiner Arbeit in Cambridge erhielt ich einen Ruf als Forschungsstipendiat der Royal Society, unter deren Schirmherrschaft ich mich an der University of Malaya der Erforschung von Regenwaldpflanzen widmete. Später wurde ich Chefpflanzenphysiologe am ICRISAT, dem International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics in Hyderabad in Indien, wo ich mich bemühte, Wachstum und Ertrag von Feldfrüchten zu verbessern, die für die Ernährung von Hunderten Millionen von Menschen eine lebenswichtige Rolle spielen.
Seitdem habe ich mehr als 40 Jahre als Wissenschaftler gearbeitet – ich habe Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen gehalten und bin seit langem Mitglied wissenschaftlicher Gesellschaften wie der Society of Experimental Biology sowie Fellow der Zoological Society. Ich glaube entschieden an den Wert wissenschaftlicher Forschung, aber mehr denn je bin ich überzeugt, dass die mechanistische Theorie der Natur zu schmalspurig ist. Meines Wissens sind immer mehr Wissenschaftskollegen dieser Ansicht, auch wenn die meisten sie nur ungern öffentlich vertreten. Ich habe entdeckt, dass der Zwiespalt, den ich in mir selbst erlebte, innerhalb wie außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft weitverbreitet ist: die Kluft zwischen der persönlichen Lebenserfahrung und der Theorie, dass lebende Organismen, also auch wir selbst, nichts weiter als seelenlose Automaten wären.
Inzwischen bin ich mir darüber im Klaren, dass dieser Zwiespalt nicht unvermeidlich ist. Es gibt nämlich eine umfassendere Art von Wissenschaft. Sie ist zum Glück auch viel billiger. Unvermeidlicherweise aber ist sie umstritten. Für manche Wissenschaftler ist die mechanistische Theorie der Natur nicht bloß eine überprüfbare Hypothese, sondern eher so etwas wie ein religiöses Credo. Für andere ist die aufgeschlossene Forschung wichtiger als die Verteidigung tiefverwurzelter Dogmen. Derartige Wissenschaftler sind für meine Forschungen überaus hilfreich – sie ermutigen mich sehr und unterstützen mich auf praktische Weise.
1994 veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel ()[1], in dem ich sieben bekannte, aber kaum verstandene Phänomene untersuchte und darlegte, dass eine gar nicht so teure Forschung zu wichtigen Erkenntnissen führen könnte. Bei einem dieser Experimente ging es um die möglichen telepathischen Fähigkeiten von Hunden und Katzen. Insbesondere befasste ich mich mit dem Vermögen einiger Hunde zu wissen, wann ihre Halter nach Hause kamen.
Indem ich herauszufinden suchte, wie sich eine umfassende Anschauung vom Leben wissenschaftlich entwickeln ließe, kam ich also wieder auf die Haustiere zurück. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass dies die Tiere sind, die wir am besten kennen. Als Kind habe ich es gewusst. Für viele Menschen ist das völlig selbstverständlich, aber für mich barg dies die ganze Kraft einer neuen Entdeckung. Ich erkannte, dass die Tiere, die wir am besten kennen, uns vieles beibringen können. Sie sind nicht bloß süß, knuddelig, beruhigend oder lustig – sie können dazu beitragen, unser Verständnis vom Leben zu erweitern.
Fünf Jahre lang, bevor die erste Ausgabe dieses Buches 1999 erschien, habe ich mit Hilfe von über zweitausend Tierhaltern und -trainern das Wahrnehmungsvermögen von Haustieren erforscht. Ich habe durch Umfragen bei über tausend zufällig ausgewählten Haustierhaltern herauszufinden versucht, wie weit verschiedene unerklärte Verhaltensweisen verbreitet sind. Meine Kollegen und ich haben Hunderte von Menschen befragt, die viele Erfahrungen mit Tieren gesammelt haben: Hundetrainer, Such- und Rettungshundeführer, Polizeihundeführer, blinde Menschen mit Blindenhunden, Tierärzte, Tierheim- und Stallbesitzer, Pferdetrainer, Reiter, Bauern, Schäfer, Tierpfleger, Inhaber von Zoohandlungen, Reptilienzüchter und Haustierhalter. Wenn ich aus all den Berichten und Interviews, die mir gegeben wurden, zitiert hätte, wäre dieses Buch mindestens zehnmal so dick geworden. In manchen Fällen haben Hunderte von Menschen mir von ganz ähnlichen Verhaltensmustern bei ihren Haustieren erzählt, etwa bei Hunden, die wissen, wann ihr Frauchen oder Herrchen nach Hause kommt. Ich musste all diese Informationen zusammenfassen und kann in diesem Buch nur wenige Beispiele von jeder Art von Wahrnehmungsverhalten wiedergeben. Zum Gesamtbild haben zwar viele Menschen beigetragen, doch ich kann nur einer kleinen Minderheit namentlich danken. Ohne die Hilfe all dieser namentlich genannten oder namenlos bleibenden Menschen hätte dieses Buch nie geschrieben werden können. All jenen, die mir geholfen haben – und ihren Tieren –, bin ich zu Dank verpflichtet.
Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe dieses Buches habe ich über 1500 weitere Berichte über das Wahrnehmungsverhalten von Tieren bekommen, und meine Datenbank enthält mittlerweile über 4500 Fallgeschichten. Einige davon habe ich in diese Neuausgabe aufgenommen. Ich habe den Text gründlich überarbeitet und Zusammenfassungen neuerer Forschungsergebnisse im Hinblick auf die Domestikation von Tieren, den Orientierungssinn von Tieren und andere relevante Themen eingefügt, ebenso wie die Ergebnisse neuer experimenteller Studien, die ich mit Hunden und anderen Tieren durchgeführt habe, insbesondere eine Studie mit einem Papagei namens N’kisi, der sich der menschlichen Sprache bediente. Dabei zeigte sich, dass dieser erstaunliche Vogel in einiger Entfernung auf die Gedanken seiner Besitzerin reagierte und wörtlich wiedergab, woran sie gerade dachte. Ferner habe ich eine Zusammenfassung meiner neueren Forschung über menschliche Telepathie eingefügt, insbesondere in Verbindung mit Telefonanrufen. Ausführlicher...




