Seume | Traktate, Schriften, Apokryphen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 1047 Seiten

Seume Traktate, Schriften, Apokryphen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3619-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 1047 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3619-7
Verlag: Jazzybee Verlag
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Dieser Sammelband des deutschen Schriftstellers und Dichters umfasst eine Vielzahl seiner bekanntesten Schriften. Inhalt: Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794 Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Rußland seit der Thronbesteigung Paul's des Ersten Ueber das Leben und den Charakter der Kaiserin von Rußland Katharina II. Anekdoten zur Charakterschilderung Suworow's Aus Thucydides und Xenophon. Vorwort zu einem Bändchen Bemerkungen und Conjecturen zu schwereren Stellen des Plutarch. Vorrede zu Robert Percival's Beschreibung des Vorgebirgs der guten Hoffnung Dem Herrn Grafen G. A. O. von Igelström zu seinem sechzehnten Geburtstage Freiheit und Recht Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute Ueber Oeser Veit Hans Schnorr Ueber Schauspieler und ihre Kunst Einige Worte über einen verdienten Schulmann, den verstorbenen Rector Mücke in Grimma. Ausflucht nach Weimar Ueber Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militär Apokryphen Autobiographie

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Erster Brief


Lieber Freund!

Sie glauben, daß ich nach meinen Verhältnissen Rußland vorzüglich kennen müsse, und wollen meine Meinung über die neuen Phänomene in dieser Region hören. Wäre das Erste, so hätten Sie zu dem Zweiten sehr gegründete Ursache. Aber Rußland ist wegen seiner ungeheuern Ausdehnung nach allen Weltgegenden, der größten Verschiedenheit der Nationen, die dieses kolossalische Reich bilden, der unbestimmten Norm, nach welcher es regiert wird, und wegen der wenigen Publicität, die in Rücksicht der öffentlichen Geschäfte ausschließlich dort stattfindet, so schwer zu kennen, daß selbst Männer, die am Ruder sitzen, oft kaum bestimmt sagen können: so ist dieses, und jenes war so. In Rußland ist fast Alles, was sich auf den Staat bezieht, blos Meinung und nichts Wissenschaft, und diese Meinung, die mehr als irgendwo einem Wetterhahne gleicht, wird selten laut, als insofern sie ukasenmäßig ist. Ich selbst kenne dieses Reich und seine innern Verhältnisse sehr unvollkommen, und wenn Sie etwas von mir verlangen, so kann ich weiter nichts, als mit Ihnen aus etwas mehr Einsicht in die dortigen Dinge philosophiren, insofern man über Gegenstände dieser Art philosophiren kann und darf. Leider hat man immer die Philosophie aus diesem Gebiete zu den traurigen Quidditäten der Schule verbannen wollen; aber sie hat sich nach und nach mit ihrer Allgewalt selbst wieder in ihre Rechte eingesetzt, indem sie nach ihrer Befugniß Herz und Kopf zugleich in Beschlag nimmt. Nur ein alter vernunftlahmer Actenritter kann noch vom juristischen und philosophischen Naturrecht sprechen; denn wenn das Naturrecht nicht ganz philosophisch ist, so kann es gar nicht juristisch sein. Dieses Kriterien sollte eigentlich auch bei jedem positiven Gesetze für bürgerliche Rechtsfälle Giltigkeit haben; man mag nachsehen, wie weit es wirklich Giltigkeit hat.

Schlimm genug ist es, daß man meistens außer den Grenzen eines Reichs sein muß, um über dieses Reich vernünftig, freimüthig sprechen und schreiben zu dürfen, und daß die Aengstlichkeit der meisten Regierungen so groß ist, daß jede Berührung einer öffentlichen Sache und ihre gründliche Untersuchung verdächtig wird. Der Probirstein der Wahrheit in jeder Rücksicht ist Fähigkeit der Publicität, und ich zweifle, daß es Wahrheiten gebe, die man zum Wohl der Menschheit geheim halten müsse. Freilich muß man dahin sehen, daß diese Wahrheiten völlig verstanden werden, welches sehr leicht ist; denn jede Wahrheit ist leicht; aber der größte Theil arbeitet dahin, daß sie entweder gar nicht oder, was noch schlimmer ist, falsch verstanden werden. Das sehen wir täglich in der Religionslehre, der Moral, dem Staatsrecht, dem bürgerlichen Recht und der Philosophie überhaupt, wo die Menge durch die gefärbten Gläser ihrer Leidenschaften sieht und nach der Richtung der Privatwünsche handelt. Die absolute Wahrheit ist Asträens Schwester; beide sind in den Himmel zurückgekehrt, und beide kommen nur Hand in Hand wieder. Die Männer sind Schutzgeister ihres Geschlechts, die sie zu uns herabrufen und ihre Altäre wieder bei uns aufbauen helfen; aber Gefahr ist, daß nicht anstatt Asträens Nemesis und anstatt der Wahrheit das Chaos der Vernunft in Trümmern erscheine. Der Mensch muß blos menschlich beurtheilt und behandelt werden; wir haben für ihn keinen andern Maßstab. Aber was ist rein menschlich? Das war die Frage vor Jahrtausenden, und noch hat Keiner befriedigend geantwortet. Ich verliere mich in Rhapsodien; wir wollen zurück zu den Russen, von denen Sie hören wollen.

"Rußland ist das Land der Möglichkeiten," sagt ein neuer fremder Schriftsteller und will damit sagen, daß große, sonst ungewöhnliche, unerwartete Veränderungen mit Sachen und Personen in diesem Reiche nichts Ungewöhnliches sind. Die ganze Geschichte dieser Nation giebt Belege zu dieser Bemerkung. Wir dürfen nur die Phänomene derselben in diesem Jahrhunderte nehmen, um uns zu überzeugen, wie wahr sie ist. Vor einiger Zeit hatte man Ursache zu glauben, Rußland würde mit dem Tode der Kaiserin Katharina der Zweiten aufhören, ausschließlich das Land der Möglichkeiten zu sein, da unter ihrer Regierung Alles von innen und außen eine so feste Consistenz zu gewinnen schien. Die Einrichtung der Staatsgeschäfte, des Militärs und der Justiz hatte angefangen, einen so einförmigen, verhältnißmäßig so guten Weg zu nehmen, daß es das Ansehen hatte, es dürften nur strenge die vorhandenen Gesetze befolgt werden, um bald zu einer merklichen Vollkommenheit zu gedeihen.

Der Charakter Katharinens wird von den verschiedenen Parteigängern aus so verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, daß die eine Hälfte des europäischen Publicums sie als ein Muster der Regenten aufstellt und die andere sie als das Nonplusultra eines bösen Weibes verschreiet. Selbst in Rußland fehlt es nicht an Stimmen für die letzte Meinung, versteht sich, daß man nur ihr Lob laut sagt und bitteren Tadel mit vielen Gemeinsprüchen von Gerechtigkeit, Humanität und Eifer für Menschenwohl überzieht. Man stellt wider sie auf: ihre Thronbesteigung, ihre Kriege, ihre Eingriffe in die Rechte der Provinzen, ihre Eigenmächtigkeit von innen und außen. Ich bin zu nichts weniger verbunden und nichts weniger gesonnen, als ihr Vertheidiger ohne Einschränkung zu sein; aber leicht ließe sich darstellen, daß in der ersten fürchterliche Collision war, in welche sie sich nicht selbst gesetzt hatte, und in dem Uebrigen Consequenz und folglich wenigstens nach ihrem Plan und nach ihrer Absicht für das Wohl ihrer Unterthanen keine Ungerechtigkeit. Die Ursachen, Beschaffenheit und Verkettung ihrer Kriege kann ich hier nicht ausführlich behandeln. Sie sind freilich nicht so gut, als sie in ihren Manifesten sein sollen, aber auch nicht so schlecht als in den Schmähungen ihrer Feinde, und manchmal war es blos der Fehler ihrer Minister, daß sie auch nicht bessere Manifeste machten, da sie doch bessere Gründe hatten. Man hält sich überall noch zu sehr an den Bombast der Diplomatik und des Kanzleistils, um dem Ganzen ein recht feierliches, kanonisches Ansehen zu geben, ohne zu erwägen, daß Dunkelheit und Unverständlichkeit wol eine gute Sache schlimm, aber keine schlimme Sache gut machen können, außer bei Leuten, denen der Rauch die Sehnerven beizte, und die folglich blindlings glauben. Ihre Einrichtungen im Innern waren, wenn auch nicht vollkommen, doch musterhaft für einen Staat auf der Stufe der Cultur, auf welcher Rußland stehet, und der herrliche Anfang zum kühnen Fortschreiten in jedem Felde der Humanität. Wem dieses bei einigen Phänomenen unter ihrer Regierung widersprechend scheint, der unterscheidet nicht das, was sie that und thun wollte, und das, was durch niedrige Eigenmacht, Herrschsucht, Cabale, Geldgeiz und Leidenschaften aller Art von den Ausführern ihrer Entwürfe vereitelt wurde. Wie oft wird ein Monarch mit dem hellsten Beobachtungsgeist und dem thätigsten Eifer für seine Pflichten und das Wohl seiner Länder hintergangen! und Katharina war nur ein Weib, die bei allen großen Eigenschaften ihres Charakters doch in vielen Fällen immer nur sehen konnte, wie man sie sehen lassen wollte. Auf ihrer Reise nach Cherson hatte man plötzlich am Wege ungewöhnliche Wohlhabenheit geschaffen; es war auf Potemkin's Wort schnell eine neue Schöpfung entstanden, und selbst sonst öde Gegenden wimmelten von glücklich scheinenden Menschen. Hätte sie nur funfzig Werste links oder rechts abwärts von der Heerstraße gemacht, mit welcher Empfindung würde sie die wahre Gestalt des Landes gesehen haben, die man ihr verbergen wollte! Was sie thun konnte, hat sie gethan. Die großen Wohlthaten, die sie mehr als dreißig Jahre ihren Nationen zu erweisen gesucht und wirklich erwiesen hat, müssen ihre Fehler zugedeckt haben. Der Verfasser der hyperboreischen Briefe nennt sie im heiligen Enthusiasmus für Humanität a great bad woman; ich weiß nicht, mit welchen Gründen der Mann seinen Ausspruch beweisen will. Das Buch hat den Vortheil eines guten Stils und einer angenehmen Erzählung; aber wider den Inhalt dürften Sachkundige in mehrern Punkten mit Recht ihren Protest einlegen. Die Nachwelt wird gewiß der Frau die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sie verdient, sie höchst wahrscheinlich nicht zum vollkommenen Regentenmuster aufstellen, aber sie doch von den Anklagen und Schmähungen lossprechen, mit welchen der gleichzeitige Parteigeist jeden ihrer Schritte verfolgte.

Ich kann weder ihr Panegyrist noch ihr Geschichtschreiber sein; aber ich muß Einiges von ihr erwähnen, ehe ich mit Ihnen über mehrere Maßregeln des jetzigen Kaisers spreche, die den ihrigen geradezu entgegengesetzt zu sein scheinen. Jedermann weiß, wie viel Publicität und Liberalität des Denkens unter Katharina der Zweiten in Rußland gewonnen haben, wie viel sie durch Nationalerziehung auf Nationalbildung zu wirken suchte und in der That wirkte, mit wie vielem Eifer sie dem Chaos der russischen Justiz durch Einführung der Gouvernements und guter Dikasterien einige Gestalt zu geben wußte. Das Wohlthätige der Verordnungen wurde überall verspürt, und man tröstete sich billig, daß die Zeit das noch Mangelhafte verbessern würde. Freilich schrie der lievländische Adel über Beeinträchtigung seiner Privilegien und suchte anfangs die Verordnungen der Monarchin in dem gehässigsten Lichte darzustellen. Es wurde ihm dadurch die uneingeschränkte eigenmächtige Jurisdiction über seine Leibeigenen aus den Händen gewunden, oder sie wurde wenigstens der Aufsicht des Gouvernements näher gestellt, da die Regierung Sorge trug, daß der Landmann wenigstens dem Namen nach als Person und nicht mehr als...



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