Setz | Das Buch zum Film | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Setz Das Buch zum Film


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99027-325-8
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-99027-325-8
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Clemens J. Setz ist ohne jeden Zweifel einer der wichtigsten Autoren, die wir gegenwärtig haben - und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass das schon so war, bevor er sein erstes Buch veröffentlicht hat. Wer seine Aufzeichnungen liest, befindet sich schnell im selben Kopf, im selben Kosmos, zu dem man sonst nur durch seine Bücher Zugang bekommt. Diese Aufzeichnungen umspannen ein Jahrzehnt, in dem aus dem Schüler ein unterforderter Student, ein überforderter Zivildiener in einem Behindertenwohnheim und endlich ein gefeierter Schriftsteller wird. Mit Staunen bewegt man sich beim Lesen durch eine Welt wundersamer Erscheinungen und exquisiter Fundstücke, begleitet von luziden Beobachtungen und verblüffenden Gedanken. Und ist am Ende nicht nur reicher an Ideen und Einsichten, sondern empfänglicher, berührbarer für die zufälligen Schönheiten der Welt, aber auch für die Abgründe des Alltags.

1982 in Graz geboren, studierte Mathematik und Germanistik und lebt heute als Autor und Übersetzer in Wien. Sein Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, u. a. Preis der Leipziger Buchmesse 2011, Wilhelm-Raabe-Preis 2015, Georg-Büchner-Preis 2021. Für seinen Roman Monde vor der Landung (2023) erhielt er den Österreichischen Buchpreis. Zuletzt: Das All im eignen Fell (2024).
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2000


September

[Der allererste Eintrag im ersten Heft besteht aus der Überschrift »Sender Freq:« und sollte wohl eine Liste von Frequenzen enthalten. Zum Schulabschluss hatte ich einen Weltempfänger geschenkt bekommen, mit dem ich mich jede Nacht stundenlang beschäftigte. Die angekündigte Liste blieb allerdings leer.]

»Man sieht sich« – sagte M., seither nie wieder gesehen. Dann ihr Foto verloren, jetzt selbst die Erinnerung an ihr Gesicht unscharf und cartoonhaft. Was ist das mit mir und Gesichtern von Leuten, die ich gern mag? Nur die, die ich hasse oder verachte, kann ich im Gedächtnis vollkommen klar vor mir sehen. Aber kaum bin ich mal verliebt – nur noch schemenhafte Bilder.

Ich will ein scheiß Pferd durch einen dieser scheiß Christbaumnetzspender ziehen.

Mein Domkapitel. (Idee für Erzählung)

Bananen werden neuerdings immer schneller schwarz und alle Grünphasen kürzer.

In einem Kaleidoskop bestattet werden, als wabenförmig aufgesplittert gespiegelte Asche.

Mein Gespräch mit dem Kapsellan. (Idee für Geschichte)

Treffen mit paar Leuten aus der Klasse im Café Immervoll. Früher dort immer Pool und Snooker nach der Schule. Wir wussten alle nicht mehr, was miteinander reden. Schließlich sprach einer plötzlich Englisch, aber auch das brachte nichts. Die Matura wirkte bei uns wie der Vergessensstab in . Danach einfach keine Erinnerung mehr, kein Kontakt.

Steve Reichs , mein bester Freund.

Titel für Biografie: .

8.9. Odilien-Institut, St. Leonhard, beim Leiter (Herr M.) Termin fürs Befürwortungsschreiben, ich schauspielere abenteuerlich den braven Knaben, sehr engagiert, und rede in Piepsestimme. Ich werde angestellt als Hilfsbetreuer für einen Monat, der mündet dann direkt in den Zivildienst, d.h. von normal bezahlter zu fast unbezahlter Arbeit.

Man zeigt mir zwei Kinder, die keine Familien haben und deshalb einfach im Seniorenheim wohnen, in zwei identischen Gitterbetten. Zweiter Stock. Entsetzt, so ein Schicksal ist mir unbegreiflich. Dazu Halluzinationen wegen Schlafmangel, ich sah verkleinerte Kopien des einen Jungen, 3D nachzappelnd bei der Steckdose. Es muss der Schlafentzug sein. Toni L. führte mir den Mageneingang und noch einen zweiten, einfach halb offen gelassenen Eingang auf dem Bauch des Jungen vor. »Und da kommen Fürze raus.«

Albträume von den verdrehten Kindern im Institut. David hat als Kombination Glasknochen und spastische Lähmung und kreischt den ganzen Tag vor Spannung und vor Schmerz. Er kann nichts schlucken, aber ich bekomme die Aufgabe, ihm mit einer Zitrone etwas Saft auf die Lippen zu träufeln. Er dreht völlig durch vor Entsetzen, fällt mir sogar aus dem Stoffring, in dem er immer liegt. Ein großer schwarzer Fleck erscheint auf der Wange. Schlimme Szene mit seiner Mutter, als sie ihn abholen kommt. Ich will nur nach Hause.

Jeden Morgen zur Arbeit gehen wie ins Exil.

Nachts hörte er auf dem Weltempfänger die am weitesten entfernten Radiostationen, das waren die schönen Stunden.

Ein böses Glucksen in der Kehle.

Im Traum sprach die orange Magd: »Die Tiere mit ihren Augen reden mich ganz rot manchmal.«

Herr H., der Professionist des Odilien-Instituts, ist nett, vor seinem Assistenten D. habe ich Angst. Frühstücken im Häuschen, dabei wird die Kronen Zeitung mit vereinten Kräften durchgeblättert und kommentiert. Dann kriege ich eine Schaufel gereicht und schaufle den ganzen Tag irgendwas, es hört nie mehr auf, ich schaufle und muss mich zwischendurch vergewissern, was ich da schaufle, zumindest sind es nicht Zähne wie in . – Auch abends beim Einschlafen und sogar im Traum schaufle ich in Gedanken weiter und weiter, eine Art Ganzkörperohrwurm der Glieder.

»Mein Gott, schaust du krank aus«, sagte die Betreuerin der S-Klasse (Schwerstbehinderte), als sie mich heute zum ersten Mal sah. Auf dem Nachhauseweg beim Moser drei Romane von Dostojewski.

Messerattacke unter den Buben beim Frühstück im Internat. Einer stach plötzlich zu, wild schnaubend. Er wurde vom Erzieher in einen Raum geführt und zurechtgewiesen. Hinterher entschuldigte der Junge sich bei allen, auch beim Messer.

Meine Aufgabe ist es, eines der Volksschulinternatskinder, das im Rollstuhl sitzt, um 6:30 in der Früh zu wecken, zu waschen und zum Küchentisch der kleinen Wohngruppe im obersten Stock zu geleiten. Jeden Morgen erschrickt der Junge heftig, weil er mich nicht kennt. Die Ankündigungen durch den Erzieher und meine eigene Begrüßung und Vorstellung sind in seinem Kopf nur ungenau oder vielleicht überhaupt nicht abgespeichert worden. Diese entsetzliche Angst in seinem Blick, während ich ihm ruhig erkläre, wer ich bin. Ob er selbst sprechen kann, weiß niemand zu sagen. Er setzt manchmal dazu an. Ich wurde gewarnt, dass er nach dem Aufstehen gern mit seiner Scheiße wirft.

Ein Mädchen nannte mich Mama, als es mich von hinten sah (die langen Haare).

Man lässt mich, völlig ohne Einschulung, Kinder via Magensonden füttern, mit dem Hinweis, es sei niemand sonst da, der Zeit dafür hat. Ich mache andauernd alles falsch. Hinterher vertuschen alle alles. Abends stehe ich an der Haltestelle und werde von Wahlkampfplakaten angestarrt.

Oktober

Warum verlieren die Kinder in den S-Klassen andauernd Zähne? Oder ist das normal in dem Alter? Aber sie sind ja ganz verschieden alt. Ein Mädchen sieht wahnsinnig unterernährt aus, mit eingefallenen Wangen, aber man versichert mir, das sei angeboren, ein Problem mit dem Fettstoffwechsel, und daraus erklären sich auch ihre neurologischen Schäden. Sie bekommt als Einzige kein Mittagessen und keine Jause, liegt den Vormittag lang jammernd da. Sie knirscht erstaunlich laut mit den Zähnen, es ist ein Spiel, mit dem sie sich selbst unterhält. Wenn man sie anfasst und sie das nicht will, knirscht sie lauter, alarmierter.

Wofür ich auch immer

verantwortlich bin

kein Ding hier im Zimmer

ergibt einen Sinn

»Der Profi machts ohne Handschuhe« (S-Klassen-Betreuerin M. über das Klotraining)

Wurde heute vollgeschissen, den ganzen Unterarm voll, der Geruch war giftig. So sieht jetzt für ein ganzes Jahr mein Leben aus, von 6:30 bis 16:00.

Mit den Szenen knirschen.

Ein Kind im Institut ist gestorben. Hinterher versuchte ich, Gedichte darüber zu schreiben, wie ein kompletter Psychopath.

Nach dem Tod des Kindes trat er, aus Rache gegen diesen Skandal, auf seinen Balkon und spitzte dort seine Bleistifte, einen nach dem anderen, vor dem riesigen mehlweißen Kleinstadthimmel.

Eine Packung Ferrero Rocher zertreten, jede einzelne Kugel, am Asphalt, zack, zack, zack, die Kindheit ist vorbei.

Sich die fiebrige Stirn an einer Statue kühlen.

A., ein jüngerer Bewohner des BTH hat laut seiner Krankenakte ein »Syndrom X«, d.h., er verliert aus unbekannten Gründen nach und nach immer mehr an Bewegungsfähigkeit. Es ist nicht ALS, auch nicht MS, sein Gehirn erscheint auf Bildern normal. Tests unklar. Vor einem Jahr konnte er noch an Krücken gehen, inzwischen ist er weitgehend unbeweglich. Sprechen kann er noch ganz weich und leise, konsonantenlos. Aber ich verstehe ihn mit der Zeit immer besser.

Über den Hacki BTH sagte mir die Betreuerin: »Wenn er ein Bier verlangt, dann bringen wir ihm das hier, ein Clausthaler, alkoholfrei, das darfst du NIE laut aussprechen, es heißt immer nur ›Bier‹, ja? Er bekommt ein Bier, kein Clausthaler. Er rennt sonst Amok.«

Ich spielte in der Mittagspause auf dem Klavier, das im Speisesaal des BTH steht, und wurde gescholten. Es störte die Mittagsruhe.

Ich träumte die ganze Nacht von Wolfis Tics, bewohnte sie von innen, lebte sie nach, Oliver Sacks wäre stolz auf mich.

Nachmittags bleibe ich jetzt freiwillig länger und passe auf die Camilla auf, ganz entzückendes Mädchen, allerdings ohne jede Sprache und schwer lernbehindert. Sie reicht mir Duplo-Steine weiter, die sie an der Nase reibt. Mehr tun wir nicht. Duplo-Stein anreiben und mir weiterreichen. Ich lege den Stein wieder zurück in die Schale. Und so weiter, immer weiter. Meine Hände riechen bis zum Abend nach ihrem Speichel.

Niemand kennt den diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur. Sein Name im ORF-Teletext. Ich finde es witzig, dass man noch nie von ihm gehört hat. Wie ein geglückter Zaubertrick.

Mein Trakl fiel mir heute auf dem Mistplatz in die Scheibtruhe. Alles ziemlich zermürbender...


Setz, Clemens
1982 in Graz geboren, studierte Mathematik und Germanistik und lebt heute als Autor und Übersetzer in Wien. Sein Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, u. a. Preis der Leipziger Buchmesse 2011, Wilhelm-Raabe-Preis 2015, Georg-Büchner-Preis 2021. Für seinen Roman Monde vor der Landung (2023) erhielt er den Österreichischen Buchpreis. Zuletzt: Das All im eignen Fell (2024).

Clemens J. Setz, 1982 in Graz geboren, studierte Mathematik und Germanistik und lebt heute als Autor und Übersetzer in Wien. Sein Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, u.a. Preis der Leipziger Buchmesse 2011, Wilhelm-Raabe-Preis 2015, Georg-Büchner-Preis 2021. Für seinen Roman Monde vor der Landung (2023) erhielt er den Österreichischen Buchpreis. Zuletzt: Das All im eignen Fell (2024)



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