Senkel | Geistes Gegenwart | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 18, 200 Seiten

Reihe: Theologie - Kultur - Hermeneutik (TKH)

Senkel Geistes Gegenwart

Zur religiösen Grundierung der Lebenswelt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-374-04606-5
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zur religiösen Grundierung der Lebenswelt

E-Book, Deutsch, Band 18, 200 Seiten

Reihe: Theologie - Kultur - Hermeneutik (TKH)

ISBN: 978-3-374-04606-5
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Theologie gibt das eschatologische Stehen auf Zehenspitzen immer mehr zugunsten eines festeren Standes in der Gegenwart auf. Doch den Geist der Gegenwart zu gewärtigen, ihn zu dolmetschen und darzustellen, steht als theologische Aufgabe im Raum. Diese übergroße Aufgabe kann durch Miniaturisierung angenommen werden. Der Münchner Systematiker Hermann Timm entwirft eine ästhetisch-theologische Alltagsdeutung, die dem weisheitlichen Weltgespräch Gerhards von Rad in alltägliche Zwischenfälle hinein folgt und Megatheologien entsockelt, indem sie die Sprachgestalt von Luthers Katechismen lebensweltphänomenologisch aufnimmt. Ein Geburtstagsymposion an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat auf Timms Impulse mit Resonanzen und Interpretationen geantwortet. Mit Beiträgen von Ernst-Joachim Waschke (Halle), Iris Kreile (Würzburg), Markus Buntfuß (Neuendettelsau), Jörg Dierken (Halle), Wilhelm Gräb (Berlin), Joachim Kunstmann (Weingarten), Anne M. Steinmeier (Halle), Hans-Günter Heimbrock (Frankfurt a. M.), Marianne Schröter/Christian Senkel (Halle), Matthias Morgenroth (München) und Martin Laube (Göttingen). [Presence of the Spirit On the Religious Interpretation of the Lifeworld] Theology is increasingly abandoning the eschatological outlook in favor of a more solid stand in the present. But to realize the spirit of the present, to translate it and present it, is a theological challenge. This exceedingly great task can be done through miniaturization. The Munich systematic theologian Hermann Timm develops an aesthetical-theological interpretation of everyday life which is following Gerhard von Rad's theological outlook and is downsizing mega-theologies by taking up the language of Luther's catechisms from a perspective of lifeworld phenomenology. An anniversary symposium at the Theological Faculty of the University of Halle-Wittenberg has taken up Timm's impulses with own interpretations.

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INSZENIERTE GEISTESGEGENWART


Kleines Plädoyer für eine weisheitliche Theologie und Ethik

EINLEITUNG: SKANDAL UM SLENCZKA

Weil auch die Geisteswissenschaften von Konjunkturen nicht frei sind, kommt es turnusmäßig zu Debatten, die häufig mit der üblichen Rhetorik bedient werden: der Streit um die Bedeutung des Alten Testaments oder – wie es wissenschaftspolitisch korrekt heißt – des Ersten Testaments für die evangelische Theologie flammt nach Dekaden der Beruhigung dann plötzlich jäh auf, erst jüngst wieder, als der an der Humboldt-Universität lehrende Notger Slenczka1 die Debatte wieder anfachte. Reflexhaft wurde eine Mobilmachung beschlossen, kollegiale Schelte schlug über dem Kollegen zusammen, er wurde an den digitalen Pranger gestellt, mit Schnappatmung der Bruch des evangelisch-akademischen Zivilisationsabkommens konstatiert. Tonart und argumentative Dichte der Rechtgläubigen hielten mit der Gediegenheit von Slenczkas Essay nicht mit. Die lärmende Absetzbewegung beschädigte dabei auch eine honorige Ahnenreihe, die von Semler, Schleiermacher, Harnack, Hirsch bis hin zu Falk Wagner reicht.

1. DIE BEDÄCHTIGE KARRIERE DER WEISHEIT

Die alttestamentliche Wissenschaft pflegte lange eine latente Aversion gegen die alttestamentliche Weisheit, galt die Weisheit doch als nicht genuin israelitisch und erweckte, wie Ernst Würthwein noch Ende der 1950er Jahre kritisierte, »den Eindruck […], als könne der Mensch den Segen von sich aus und außerhalb des Bundes erreichen. […] Das war vielleicht ägyptisch, jedenfalls nicht genuin israelitisch.«2 Würthwein konstruierte einen Gegensatz zwischen Weisheit und JHWH-Glaube, zwischen einem Gott der Geschichte und einem weisheitlichen Denken (Maat),3 das, so seine Vermutung, von höfischen Kreisen nach Israel importiert wurde. »Es ist ganz deutlich, daß der Bundesgott, dessen Bereich vor allem die Geschichte ist […], sich in seiner ganzen Grundkonzeption nach unterscheidet von dem Gott der Weisheit, der als Vergelter im Leben des Einzelnen wirkt.«4 Würthwein macht, jenseits der Entrüstungslogik, auf ein Problem aufmerksam: Das weisheitliche Denken ist von der Anlage her zu optimistisch und lässt für eine strikt eschatologisch ausgerichtete Versöhnungslehre offenbar keinen Platz. Und auch der optimistische »Menschentyp, der für Israel neu war und dessen Selbstsicherheit dem genuin-israelitischen Glauben anstößig sein mußte«,5 benennt für Würthwein ein Skandalon.

»Indem die weisheitliche Literatur die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des rechten Handelns immer mitthematisiert, richtet sie sich nicht nur auf einen eingegrenzten, gleichsam rein säkularen Raum […], sondern fragt nach dem Grund der Regelhaftigkeit des Geschehens der Welt. Weil diese Frage – jedenfalls in der kanonischen Gestalt der Weisheitssammlungen – immer mitgestellt wird, ist die ›Erfahrungsweisheit‹ immer zugleich – zumindest implizit –›theologische Weisheit‹. […] Im Blick auf diese theologische Ausrichtung, die auch den im höchsten Maße weltzugewandten Formen der Weisheit eignet, ist es voreilig, von einem Gegensatz zwischen der Offenbarung, die sich vorrangig in der Geschichte eignet, und der Erfahrung, die sich auf die Strukturen der Welt bezieht, zu sprechen.«8

Auch Gerd Theißen will für das Urchristentum keinen Hiatus von Erfahrungsweisheit und Offenbarungsweisheit aufmachen, ergänzt aber:

»Im Prinzip wäre eine Sammlung von Weisheiten des Urchristentums denkbar, in der solche allgemeinen Erfahrungsweisheiten [wie die Goldene Regel, K. H.] gesammelt würden – also das, was keine Grenzen zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Juden, Christen und Moslems, zwischen Ost und West zieht. Aber damit würde man das Charakteristische der urchristlichen Weisheit verfehlen: die Verbindung einer allgemeinen Erfahrungsweisheit mit einer an Jesus gebundenen Offenbarungsweisheit. Man müsste die Texte willkürlich durch Auslassungen kürzen, wollte man die Beziehung auf Jesus als Sprecher oder Gegenstand der Weisheitsüberlieferung des Urchristentums leugnen.«9

Offenbarungsweisheit und Erfahrungsweisheit dürfen also nicht vorschnell gegeneinander ausgespielt werden. Theißen mahnt damit freilich auch an, die Weisheit mit der Soteriologie10 zu verbinden:

»Weisheit wird jenseits der Krise der Weisheit als Offenbarungsweisheit neu begründet. Diese Offenbarungsweisheit orientiert sich nicht nur an den Strukturen dieser Welt, sondern erwartet eine neue Welt mit anderen Strukturen, in der sich einmal alle Rätsel lösen werden.«11

Weil aber Jesus nicht nur ein Lehrer der Weisheit war, sondern nach neutestamentlichem Verständnis die Inkarnation der Weisheit (Kol 2,3) darstellt, wird die Offenbarungsweisheit

»im Urchristentum zu einer in Menschengestalt ›inkarnierten Weisheit‹, die auf Erden hier und jetzt zugänglich ist. […] Die Offenbarungsweisheit kann sich wegen ihrer irdischen Erscheinung in Jesus eng mit menschlicher Erfahrungsweisheit verbinden: Denn Jesus lehrte Weisheit in Bildern und Gleichnissen dieser Welt, die für eine andere Welt transparent sind. […] Nach urchristlicher Überzeugung wurde die neue Welt in einem Menschen schon in dieser Welt verwirklicht. Sofern das Neue in dieser Welt erscheint, hat urchristliche Weisheit die Gestalt der Erfahrungsweisheit, sofern eine neue Welt in ihr erscheint, ist sie Offenbarungsweisheit.«12

Alle genannten Autoren konzentrieren sich freilich zu einseitig auf die Weisheitsgattung13 im Alten Testament, erwähnen allenfalls noch die Krise der Weisheit bei Hiob und Kohelet,14 die dann, so der klassische Reflex, durch Jesus geheilt wurde. Diese Sicht ist erstaunlich kurzsichtig und kurzatmig, denn ergänzt werden müssen die Weisheitssammlungen durch die komplexe weisheitliche Literatur wie die Kain-und-Abel-Geschichte, die Josefnovelle, Ruth, Jona, Esther und das besagte Hiobbuch.15 Nach erneut problematischen Versuchen durch Horst Dietrich Preuß, die durch von Rad sehr zentral positionierte Weisheitsliteratur wieder an den Rand des Kanons zu drängen, steht inzwischen die Weisheit erneut im Zentrum des Interesses.16 Beide, sowohl die klassische Weisheit der Weisheitsgattung als auch die kritische, erzählende Weisheit,17 sind immer literarisch vermittelt – einmal als poetische Weisheitssprüche, dann als literalisierte Biografien. In dieser Hinsicht ist die Trennung zwischen ›natürlicher‹ Erkenntnis und Offenbarungserkenntnis wenig sinnvoll. Weil die erzählenden Texte der Weisheit die Geschichtserfahrung literarisch inszenieren, verbietet es sich zudem, im harten Sinn von Geschichtserfahrung oder Geschichtsoffenbarung zu sprechen, anders gewendet: Das Offenbarungselement wird im Gegensatz zum traditionellen Geschichtserfahrungsansatz in der literarischen Fiktion, also im literarischen Text verankert – . Das Kommunikationsmittel von Offenbarung als Heiliger Geist ist in all diesen Texten anwesend und dort zu erlesen.

2. DER INDISKRETE UND DER DISKRETE WEISHEITSLEHRER

Der biblische Erzähler fingiert Kain als Veteran der Opferpraxis. Abel zieht nach. Thema der Erzählung ist die misslungene Eröffnung einer (neuen) personalen Beziehung zwischen Mensch und Gott. Kain will, auf den ersten Blick durchaus sympathisch und nachvollziehbar, stellvertretend für den Vater die Krise der Autonomisierung zwischen Gott und Mensch (Adam) heilen, indem er Gott vom Erlös seiner Arbeit abgibt. Im Gegenzug erwartet er eine Anerkennung. . Abel, klassisches Zweitkindverhalten, zieht nach. Gott verweigert Kain diese Anerkennung, Abel verweigert er die Anerkennung nicht. Das Verhalten Gottes ist scheinbar starrköpfig und widersinnig, schaut man aber genauer hin, dann ist das Verhalten dieser literarischen Gottesfigur von schwindelerregender Konsequenz, auch wenn der Alltagsleser hier eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wittert. Gott verweigert das Kains, er lässt sich (zumindest an dieser Stelle des Familienromans) nicht in ein Rechtsverhältnis zwingen.

3. DIE OPTIMISTISCHE WEISHEITLICHE ANTHROPOLOGIE

In einem spannenden Artikel, dem viel zu wenig Aufmerksamkeit in der systematischen Theologie geschenkt worden ist, hat Konrad Schmid von der Unteilbarkeit der Weisheit gesprochen30 und in wünschenswerter Klarheit an den Schöpfungserzählungen gezeigt: »Es gibt keine göttliche Spezialweisheit, die sich von der menschlichen qualitativ absetzen würde, vielmehr ist die Weisheit eine Weisheit.«31 Auch wenn Schmid den biblischen Texten in dieser Frage eine zunehmende Skepsis abliest, gilt es unverdrossen diesen Sachverhalt...



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