E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Sellmann Seelenschere
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-903263-52-9
Verlag: Dachbuch Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mystery / New Adult
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-903263-52-9
Verlag: Dachbuch Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Berit Sellmann verbindet die Kunst des Schreibens mit ihrer großen Leidenschaft, dem Reisen. Inspiriert durch fremde Orte und Kulturen, webt sie das Gesehene und Erlebte in ihre Geschichten ein. Ihre poetische Sprache verleiht dem Geschriebenen zudem eine Art von Zauber, der sich rund um die Erzählung spannt. 'Seelenschere' ist der zweite Roman der 1996 geborenen deutschen Autorin und erinnert an die italienischen Giallo-Filme der 60er Jahre.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Berit Sellmann
Seelenschere
Dachbuch Verlag
1. Auflage: November 2022
Veröffentlicht von Dachbuch Verlag GmbH, Wien
ISBN: 978-3-903263-51-2
EPUB ISBN: 978-3-903263-52-9
Copyright © 2022 Dachbuch Verlag GmbH, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Autorin: Berit Sellmann
Lektorat: Nikolai Uzelac
Satz: Daniel Uzelac
Umschlaggestaltung: Katharina Netolitzky
Druck und Bindearbeiten: Rotografika, Subotica
Printed in Serbia
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dachbuch.at
Dieses Werk enthält Sequenzen zu sexualisierter Gewalt, Kindesmissbrauch sowie psychischen Erkrankungen, welche Teile der Leserschaft beunruhigend finden könnten. Lesen auf eigene Verantwortung.
On the borders of safety, that’s where I find peace
Where the black sand meets the raging seas
I see the forces for what they truly are
Yet I’m reminded of my beating heart
Among the lonely rocks is where I lay my head
I hear the ocean calling »come with me instead«
She sings me songs of ungrateful souls
Who once thought Gods could bring them home
On the borders of safety, that’s where I find peace
Where the black sand meets the raging seas
I see the forces for what they truly are
Yet I’m reminded of my beating heart
I could swear, that the ocean sings and the mountains talk to me
I could swear, that I hear her breath and her heartbeat in the air
I could swear…
I could swear…
On the edge of comfort, that’s where I find love
And the ocean already knows
She can’t love you like you love her
There’s no mercy from Mother Earth
– Borders, KALANDRA
TEIL 1
Die Ankunft
1
Der Wind heulte. Genau wie ihr Inneres. Dieser Ort ist nicht für dich, säuselte er kalt in Rifkas Ohr und schaffte es sogar, ihren Herzschlag zu übertönen, der hier so viel lauter war als in Deutschland. Und schneller. Glaubte er etwa, er könne vor diesem seltsamen Stück Erde fliehen? Wenn sie es nicht mal konnte?
Rifka hatte sie sich etwas seichter vorgestellt, die Stimme des Windes hier oben. Und die des Meeres auch. Die Schläge des Ozeans klangen wie eine kalte Warnung. Sie stieß gegen ihr Bewusstsein, diese Warnung, wie Wellen gegen die Küste, dort, wo das Stück Land einfach im Nichts endete. Mit jedem Schritt, den sie den bunten Häusern in der Ferne entgegenlief, zog Rifka den Reißverschluss ein Stückchen weiter hoch.
Mikladalur, dachte sie, während sich ihr Blick an die Handvoll Häuser krallte, die aussahen, als seien sie Gott bei seinem Streifzug über das unberührte Stück Land versehentlich aus der Hand gerutscht. Mikladalur, dachte sie, und Jarnos Grinsen taute ihre ihm zugewandte Gesichtshälfte auf. Mikladalur, was bist du seltsam.
Der Rucksack bebte auf und ab unter den beschwingten Schritten ihres Freundes, hüpfte, erinnerte Rifka an ein springendes Kind, das seiner Freude Ausdruck verleihen wollte. Sogar ein Stück Stoff schien sich mehr zu freuen als sie. Normalerweise liefen Jarno und sie im Gleichschritt, lachten darüber, wie ihre Beine sich scheinbar automatisch aneinander anpassten und fanden, dass es ein Zeichen war, wie gut sie miteinander verbunden waren. Aber hier war er ihr stets einen halben Schritt voraus. Jarnos Fuß landete auf dem Kies des Schotterwegs, während Rifkas noch in der Luft hing. Es war seine Vorfreude, die das Ungleichgewicht herbeiführte. Rifka aber konnte und konnte diese Freude einfach nicht in sich finden. Sie stellte sich vor, wie ihre Zweifel die Klippe herunterstürzten, wie sie kopfüber in die eisigen Wellen sanken. Und ertranken. Aber immer wieder schob sich das Bild von Jarnos Großvater vor ihr inneres Auge.
Jarnos Großvater kam von den Färöer Inseln. Rifka hatte nicht mehr zählen können, wie oft Jarno den Versuch gestartet hatte, sie zu überreden, ihn einmal gemeinsam zu besuchen, solange er noch lebte. Immer wieder hatte Rifka abgelehnt. Der Gedanke, in ein Flugzeug zu steigen, mit einem derart monströsen Hilfsmittel in die Luft zu gleiten, hatte sie seit ihrer Kindheit mit Angst erfüllt. Bis der plötzliche Tod von Jarnos Großvater sie regelrecht dazu gezwungen hatte. Jetzt war sie hier, auf den seltsamen Eilanden, die auf der Landkarte beinahe zu verschwinden schienen. Als sie sich die Färöer Inseln einmal genauer anschauen wollte, musste sie zoomen, das Rädchen an der Maus unendlich lange drehen, bis das kleine Stückchen Erde auf der virtuellen Weltkarte sich überhaupt erst gezeigt hatte.
Kalter Wind schlug ihr ins Gesicht. Der Wind kam von vorn, er war wie eine Hand, die sie zurückschieben wollte. Das Meer zischte, verdeckte das Knirschen des Kieses auf dem Weg. Ein Rabe am grauen Himmel lachte sie aus. Dann schrie auch er: Dieser Ort ist nicht für dich.
»Glaubst du, es war eine gute Idee, hierherzukommen?«, wollte sie von Jarno wissen.
»Es war die beste Entscheidung deines Lebens, mit hierherzukommen, Rifka!«
Als sie ihren Blick vom grauen Boden hob – er passte so viel besser zu ihrer Innenwelt als die farbenfrohen Häuschen, die sie an Astrid Lindgren und sorglose Kindheiten erinnerten –, hatte Jarno seinen Blick wieder von ihr abgewandt und auf das satte Grün gerichtet, das sich auf das von Bergen durchsetzte Landschaftsbild legte wie eine grelle Decke. Die Dächer der beiden schwarzen Häuser neben Rifka waren völlig bemoost. Sie erweckten den Anschein, sich unter die Erde ducken zu wollen. Sie waren genau wie sie, diese Häuser.
»Aber was, wenn das Gästehaus komisch ist? Oder die Menschen dort?« Sie hatte die Worte lange zurückgehalten, hatte sie vom Wind in den hintersten Teil ihres Kopfes drücken lassen. Jetzt, ganz kurz nur, war es windstill. »Vielleicht mögen die mich nicht.«
»Du hast Ängste!«
Jarnos Lippen trafen ihre Wange. Sein Kuss drückte Wärme auf ihre kühle Haut, Wärme in ihre kühlen Gedanken.
Rifka tastete die Ferne nach einem roten Haus ab. Dem Haus ihrer zukünftigen Gastgeber. Über ein Onlineportal hatte Jarno mit Familie Einarsson Kontakt aufgenommen und ihren zweiwöchigen Aufenthalt in deren Gästehaus gebucht. Ein Funke Abenteuerlust sprang in Rifkas Herz, als sie plötzlich von beiden Seiten von Mikladalurs farbenfrohen Häuschen eingeschlossen wurden. Und dennoch verfolgten sie die Zweifel auf Schritt und Tritt, allgegenwärtig wie das Brausen des Meeres, das so viel Ähnlichkeit hatte mit dem unablässigen Rauschen ihrer Gedanken.
»Du machst dir echt einen Kopf, oder?«
Jarnos Grinsen wurde breiter. Rifka wusste es, ohne ihn ansehen zu müssen.
»Ich mache mir immer einen Kopf.«
Die Augen der beiden trafen sich, dann rutschte Jarnos Blick in Richtung des 34-Seelen-Dorfes, das zu ihrem Zuhause auf Zeit werden würde. Die raue Natur vor ihm war sicherlich viel leichter zu ertragen als Rifkas von Zweifel getränkter Gesichtsausdruck.
»Aber was du nicht vergessen darfst, Rifka ...« Einzelne Strähnen seiner blonden Locken rutschten ihm übers Auge. Er pustete sie weg, kurz bevor der Wind ihm die Aufgabe abnahm. »Deine Ängste zu überwinden, ist der erste Schritt in Richtung Freiheit. Und ist das hier nicht Freiheit pur?«
Er breitete die Arme aus. Schloss die Augen. Ließ das freudige Grinsen sein Unwesen treiben. Sie wollte etwas sagen. Aber sie fand keine Worte.
»Mach dir keine Sorgen. Wir sind hier sicher. So sicher wie nirgendwo anders auf der großen, weiten Welt.«
Ein Schaf blökte in der Ferne. Es war wie ein Ruf der Zustimmung. Als Rifka nur einen Tag später an diesen Moment zurückdachte, klang er ganz anders, dieser Schrei des Schafs. Wie ein langgezogener, penetranter Warnruf.
2
Das Schildchen »Guest House« vor der Fassade des roten Hauses hing schief; die Ränder vom Rost angefressen, vergewaltigt von Witterung und Zeit. Jarno streckte seine Hand nach der Klingel aus, dann flog sein Arm auf Rifka zu. Seine Berührung auf ihrer Hüfte löste eine Welle aus Vertrautheit aus, die sie sanft umspielte. Seine Fingerkuppen gruben sich in Rifkas Seite, fest, als wären für diese kurzen, angenehmen Minuten die Rollen vertauscht. Als müsste er sich an ihr festhalten. Nicht sie sich an ihm.
Jarno lächelte.
Rifka lächelte.
Die weiß gestrichene Tür vor ihnen ließ durch ein Miniaturfenster in das Innere blicken. Einen Moment lang hatte Rifka das Gefühl, dass selbst ihre Augen zitterten, als sie sich durch die Staubschicht der Scheibe tasteten. Unwillkürlich erinnerte sie dieses Mini-Fenster an sich selbst. »Ich will gerne so viel mehr sehen von dir, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich blicke bloß durch einen kleinen Spalt«, hatte Jarno einmal gesagt und ihr dabei so tief in die Augen gesehen, dass sie den Blick hatte abwenden müssen.
Der Teppich, der auf dem dunklen Parkett hinter der Scheibe lag, schien alle Farben der Welt auf seiner Stofffläche versammeln zu wollen. Da sprang Rifka in den Kopf, dass dieser Spalt niemals ihr Innenleben zeigen konnte. Es war zu bunt dort hinter. Viel zu bunt. Aus dem Augenwinkel sah Rifka, wie Jarnos Lippenbögen leicht...




