E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Selg Das Jahr, bevor ich verschwand
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7317-0023-4
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7317-0023-4
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anette Selg, geboren 1968, arbeitete als Lektorin, u.a. für die Andere Bibliothek von Hans Magnus Enzensberger und als Herausgeberin, z.B. von Diderots Encyclopédie. Als freie Journalistin schrieb sie für Deutschlandfunk Kultur, SWR, NZZ und mare. Sie war Literaturstipendiatin an diversen Orten, las beim Open Mike sowie beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Seit neun Jahren ist sie Lehrerin an einem Oberstufenzentrum. Anette Selg lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. Mit Das Jahr, bevor ich verschwand war sie 2023 Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens. Es ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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Januar
Um neun bin ich schon in der Küche. Darling und das Kind schlafen noch. Es gab Fondue, dann hat Kim ausgiebigst Knallfrösche gezündet, und wir haben drei Flaschen Crémant mit den Nachbarn getrunken!
Draußen ist ein heller erster Januartag, ich hole meine Daunenjacke, öffne die Balkontür und setze mich in die neonmilchweiße Sonne. Eine vertrocknete Malvenstaude ragt ins Bild. Neben dem Vogelhaus sprießt Futter, schmale grüne Gräser, war so ein warmer Dezember. Sitze nur hier und atme, und seit ich wach bin, habe ich dieses Gefühl von Aufbruch und Neubeginn. Heute sag ich es ihnen. Zu Kaffee und Kuchen.
Ich schaue nach Butter, Eier, Mehl, Zitronen. Hole mein altes Kochbuch, suche ganz vorn nach , die Seiten angebräunt und voller Teigspritzer, und es schleudert mich durch die Zeit zurück zu Hagen, diesem Jungen, der mich komplett erfüllte damals. Ich war neunzehn, es war Sonntagnachmittag, ein milder Herbsttag in Aix-en-Provence, und er war gerade wieder abgereist. Martine, die Frau meiner Au-pair-Familie, knetete Teig, dann verklepperte sie Zitronensaft, Eier, Butter, Zucker und schnitt perfekte Zitronenscheiben, leuchtende Sonnen, die oben auf der Creme schwammen, als sie die Kuchenform in den Ofen stellte. Kleinstadtmädchen, das ich war, kannte ich nur dicke Teigkuchen mit Apfelstücken, Schwarzwälder Kirschtorte, Zopfbrot. Aber diese war so fremd und wunderschön und tröstlich, dass sie zu mir durchdrang trotz meiner Verlorenheit, weil ich wieder allein war nach den blauen Nächten, in denen ich versank in diesem Jungen. Nach den wenigen Tagen zu zweit, in denen wir erlöst waren von unserer Sehnsucht nacheinander. Der katastrophale Fortgang … Aber: das staubige Herbstlicht in der blau-weißen Küche in Aix. Die letzte Sonnenwärme draußen, die Ofenwärme drinnen. Der dünne Teig, die karamellisierte Creme darauf, das Zitronige der perfekten kleinen Scheiben. Der Mischmasch im Mund aus süß und sauer, gelb und sonnig war so beglückend, dass ich nie aufgehört habe, diese Tarte zu backen.
Kim kommt in die Küche mit wilden Haaren. Lässt sie wachsen seit dem Sommer. Gibt’s Frühstück? Ja, später, ich mach erst mal Tarte. Zitrone oder Orange, was magst du? Orange lieber, Zitrone ist so sauer. Ich lache wirklich laut, denke, ich kann immer noch mal hinter meine Glaubenssätze gehen. Die ist nicht süß, diese , die ist sauer. Okay, klar, Orangentarte, eigentlich mag ich die auch lieber, sag ich und strahle das Kind an, das schon fast wieder aus der Tür ist. Ich hör Hörspiel, sagt es noch, damit ich weiß, dass es die nächste Stunde nicht gestört werden möchte. Orangentarte also. .
Hagen war an einem Donnerstag in Aix gelandet, es war unser erstes Wiedersehen, seit ich bei meiner Au-pair-Familie lebte, und ich hatte nicht gewusst, wohin mit mir beim Abendessen. Madame war sichtlich angetan von ihm. Flirtete sie? Monsieur sehr kühl, eine Spur verächtlich. Als ich im Sommer bei ihm und seiner Frau angekommen war, hatte er Eric Clapton, aufgelegt. Jetzt, mit Hagen neben mir, war ich froh, dass die Familie am Tag darauf ins Burgund fuhr. Später nahmen sie mich einmal mit. Eine Großtante wohnte in einem alten Steinhaus an der Stadtmauer, genau neben der romanischen Kirche. Ich hatte gerade meine Tage gekriegt, am Morgen darauf standen wir eine Stunde in der eiskalten Krypta, und zurück im Haus fiel ich um vor Schmerz. Blieb bis zur Abfahrt in dem kleinen dunklen Holzbett unter dicken schweren Decken, Madame brachte mir Schmerzmittel, eine Wärmflasche, ich ließ alles mit mir geschehen.
Bei unserem ersten Wiedersehen nach sechs oder sieben Wochen sind Hagen und ich durch einen nassen Herbstwald gelaufen, Kiefern, Eichen, vielleicht Ahorn, und ich war so glückselig, so voll erfüllter Sehnsucht. Liefen immer tiefer in den Wald, redeten, was redeten wir? Als es dunkel wurde, wussten wir beide nicht mehr, wohin, und ich sagte: Lass uns unter einem Baum liegen und einschlafen. Bei mir dachte ich: Lass uns einschlafen und sterben. Tot sein. Egal. Wenn wir nur zusammen sind.
Nachdem wir immer weiter geradeaus gelaufen waren, tatsächlich einen großen Kreis beschrieben hatten, standen wir wieder auf dem Parkplatz, auf dem nur noch ein Auto, Hagens Auto, stand. Wir fuhren nach Aix zurück, kamen durch ein kleines Dorf, an der Straße eine hellwarm erleuchtete Kneipe. Unsere Mäntel dampften, es war schon spät, aber wir bekamen Spiegeleier, Baguette und Rotwein. Noch nie hatte ich derart gelb glänzende Eidotter gesehen. Ich bin froh, dass wir aus diesem Wald herausgefunden haben, sagte Hagen. Ich trank einen Schluck Wein, sagte: Ich auch. Aber ich hätte mich auch unter eine der Eichen gelegt mit dir, oder wir wären hoch auf einen Ast geklettert und hätten dort die Nacht verbracht. Wenn er verwundert schaute, dann doch noch so, als machte ich ihm ein Geschenk. Später traute ich mich nicht mehr, von Sehnsucht und Verlangen und ewiger Liebe zu sprechen, und er sah nicht mehr aus, als wollte er davon hören.
Bis zum Abitur waren wir nie zusammen aus gewesen, saßen nur immer nebeneinander im einzigen Kurs, den wir zusammen hatten. Kunst bei Herrn Schwarze. Einmal malte Hagen Superman. Lauter kleine Panels in Blau-Rot, wie er auf ein Hochhaus zufliegt und dann daran abprallt, am Boden liegt. Ich hatte damals Morandi für mich entdeckt, , seine Stillleben. Töpfe, Tassen, der kleine Kaffeelöffel, ich liebe ihn noch immer. Eins meiner Bilder schenkte ich Hagen. Aber dann hatten wir die Schule hinter uns, die Partys, die Abiturfeier und mussten uns verabreden, um uns zu sehen, und das taten wir. Mit Hagen habe ich mein Zuhause verlassen, bin einen Schritt, ein paar Schritte hinaus ins Freie gegangen. Das spürte ich, auch wenn es um ganz andere Dinge ging. Um Begehren, Sichauflösen, Einssein. Mutigsein, Glücklichsein. Also losgefahren in seinem dunkelgrünen Auto, warme Sommerluft und nackte Unterarme und eine tiefe Frauenstimme von dieser Kassette, von Everything but the Girl, die wir fast immer hörten in diesem Sommer. Edensommer, Paradiessommer. Und wir erkannten uns und sahen, dass es gut war. Einmal liefen wir im Moor über weichen wappigen Grund, weg vom Parkplatz, den Umzäunungen, den angelegten Wegen. Immer tiefer in die Landschaft hinein, vorbei an Büschen, festem, störrischem Gras. Moosbetten. Dilldappen, Moorgeister. Schafe? Nein, keine Schafe, die standen auf den Wacholderheiden, auf Grieshabers Achalm, zusammen mit den betrunkenen Igeln aus Grieshabers . Die habe ich Kim vorgelesen, viel später. Hier gab es nur Sonne, festes hohes Ried und ein verhaltenes Gluckern. Ich erinnere den Schwefelgeruch des Moors, Sonnenwärme und weicher Moosgrund, und wie ich auf ihm lag, genau richtig lag, und wie der Boden unter uns nachgab. Alles so gut roch, er und ich und wir beide zusammen, ich sehr weich, gerührt, offen war. Alles möglich war. Warm und orange.
Während ich mit Madames Handgriffen die Tarte vorbereite – die Eier am Spülbeckenrand aufschlage und das Eiweiß durch meine Finger in den Abfluss laufen lasse, wie es meine schwäbischen Ahninnen im Traum nicht gemacht hätten, danach die Orangenschale in feinen Streifen abziehe, die Orangen in Blutmonde zerteile – laufe ich mit Hagen wieder und wieder durch diesen nassen Herbstwald. Alles war wunderbar, wenn ich nur mit ihm sein konnte. Als ich an Weihnachten das erste Mal aus Aix nach Hause kam, besuchte ich ihn in diesem Pflegeheim auf dem Berg, wo er seinen Zivildienst machte. Es gab ein Therapiebecken im Keller, und in einer Nacht sind wir dort schwimmen gegangen. Alles war dunkelblau, und ich konnte seine Hände nicht von dem warmen Wasser unterscheiden und fühlte mich am ganzen Körper liebkost. Liebte ihn so sehr damals. Erkannte das Wort Liebe. Es hieß: Ich gebe alles her, wenn ich nur mit dir sein kann. Meine Mutter, meinen Vater, meine beste Freundin. Schon habe ich sie alle vergessen. Schon hat es sie nie gegeben. Lass uns für immer zusammen sein. – Währte nicht lange. , schrieb er mir im Frühjahr nach Aix. Während ich mich nach unserem Einssein verzehrte, das ich so noch nie erlebt hatte, und endgültig unterging in meinem Liebesschmerz.
Ich gebe den Teig in die Form, gieße den Orangenschaum darüber, lege die Orangenscheiben vorsichtig darauf und stelle alles in den Ofen. Und dann wie immer diese andere Erinnerung, die mir noch heute zu viel ist. Da liegen wir nebeneinander in seinem Zimmer auf seiner Matratze. Ich schau zu, wie er ein Kondom über seinen Schwanz zieht, schau auf seine Haare, seinen dunklen Kopf, schau an die Decke, auf seine Schultern, er legt sich auf mich, ich öffne die Beine, fühle mich sehr unwohl, sehr fremd, kann die Augen nicht schließen, fühle mich, als würde ich mit leiser Gewalt geöffnet, aufgestemmt. Liege ganz still. Spüre nur, atme, rühre mich nicht. Sehe auf einmal seinen Rücken und Po von oben, wie er sich bewegt auf dieser unbeweglichen leblosen Gestalt. Das war alles viel zu viel für mich. Erinnere den kleinen braunen Fleck auf dem Laken danach, und wie ich nicht sprechen konnte, nicht sprechen wollte. Irgendetwas seine Richtigkeit hatte, aber sonst alles sehr falsch war. Bei Murakami habe ich diese jungen Menschen wiedergefunden, die so sehr lieben und sich unendlich verlieren darin. Auch wenn er mir nach ein paar Büchern zu viel wurde mit seinen Hoteltresen und Schafen und Hasen, und immer diese Geheimgänge in andere Welten, fremde Universen.
Aber jetzt in der Januarsonne bin ich nur gerührt von diesem jungen Mädchen, das ich war. Von meinem...




