E-Book, Deutsch, 607 Seiten
Selby Schwarzer Sold
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-4010-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 607 Seiten
ISBN: 978-3-7325-4010-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie wurden verehrt. Sie wurden gefürchtet. Sie wurden zur Legende: Kailens Zwanzig, die beste und verschworenste Söldnertruppe, die es je gab. Vor Jahren bewahrten sie die alten Königreiche vor dem Untergang, doch dann zerfiel die Gemeinschaft. Heute, fünfzehn Jahre später, scheint jemand eine alte Rechnung zu begleichen. Einer nach dem anderen werden Kailens Männer ermordet, bei den Toten liegt stets ein schwarzer Stein - unter Söldnern das Zeichen für Verrat. Welches dunkle Geheimnis verbirgt sich in der glorreichen Vergangenheit der Truppe?
Adrian Selby studierte Kreatives Schreiben, bevor er Karriere in der Computerspielbranche machte und für viele namhafte Firmen arbeitete. Er ist ein großer Fan von Tolkien und kann stundenlang in Online-Spielwelten eintauchen. Seine erste komplexe Romanwelt entwarf er in seinem Debüt "Schwarzer Sold", eine inhaltliche Weiterentwicklung des Genres der Grim-and-Gritty-Fantasy. Selby lebt mit seiner Familie an der Südküste von England. Besuchen Sie den Autor auf www.adrianselby.com
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1. KAPITEL
Gant
Mein Name ist Gant, und es tut mir leid, dass ich nicht besser schreiben kann. Ich war Söldner und hab mich nie für solche Dinge interessiert, bis Kailen es uns beibrachte. Er und die Jungs sind der Grund, warum ich dies aufschreibe. Um zu berichten, was mit Kailens Zwanzig geschah.
Ich fange am besten mit dem Tag an, als ich und Shale auf einer Mission waren. Gegen Ende des Sommers, unten in der Konföderation der Roten Berge.
Es war der Tag, an dem ich zu sterben begann.
Wir hatten einen Kommandoeinsatz, um eine Versorgungskarawane zu überfallen. Es lief nicht gut für uns, und ich bekam einen Pfeil ab, dessen Gift mich früher oder später umbringen wird.
Wie die Jungs erwachte auch ich an jenem Morgen nass von Tau und Regen und bis auf die Haut durchweicht unter triefenden Bäumen. Doch mein Mund war staubtrocken, ganze Flüsse hätten das nicht ändern können. Das Zeug, das ich benutzte, um den Schmerz in den Knochen zu stillen, saugte stets meinen Speichel auf. Und das ist noch gelinde ausgedrückt.
Ich brachte kaum ein Pfeifen heraus, als ich versuchte, die Jungs aufzuwecken, die sich gegen den Wind aus den Ebenen hinter den Wäldern in ihre Ölkleidung gewickelt hatten; wie ein Nest von Nacktschnecken sahen sie aus. Ich bin alt. Also holte ich sie kurzerhand mit ein paar Fußtritten aus dem Schlaf, bevor ich meinen Bogen aus dem Sack nahm, in dem ich ihn verstaut hatte, um die Sehne vor dem Regen zu schützen. Die Waffe war eine Schönheit, der ich den Namen Juletta gegeben hatte. Ich besaß sie schon fast mein ganzes Leben.
Die Jungs kamen nur allmählich auf Trab, bliesen sich in die Hände und maulten rum, während die eisige Luft im ersten Morgengrauen ihr Werk verrichtete. Sie wirkten in diesem Licht so düster wie Geister, als sie sich gegenseitig halfen, ihre Lederrüstungen anzuschnallen und die Schwerter mit Gift zu bestreichen.
Ich tätschelte Köpfe, drückte Schultern und sprach mit dem einen oder anderen, während ich die Runde machte, damit sie wussten, dass ich da war und aufpasste. Ich beherrschte ihre Sprache gut genug, um sie aufzumuntern und ihnen Mut zuzusprechen, als wäre ich einer der ihren. Auch etwas, das ich von Kailen hatte. Ist nützlich, um eine Beziehung zur Truppe aufzubauen.
»Schmiert sie dick ein«, sagte ich, als sie die Fäustlinge überstreiften und ihre Klingen mit den giftgetränkten Lappen aus dem Topf einrieben, den Remy aufgemacht hatte.
Ich ließ meinen Blick über die Jungs schweifen, mit denen ich in den vergangenen Wochen Felle und Tabakspfeifen geteilt hatte. Ein guter Haufen.
Da war Remy, der von seiner Mischerei zu mir aufsah, das Gesicht schartig wie eine milchige Walnuss. Mit seiner lispelnden Stimme hatte er mir von Rasiermesserkämpfen und Schieberbanden erzählt, mit denen er es probiert hatte, bevor er sich für eine Begnadigung den Söldnern anschloss. Sein Gift war sein eigenes Spezialgemisch, weniger raffiniert als meine Mixtur und nicht so schnell. Dafür schmerzhafter.
Neben ihm hockte Yasthin. Er war immer noch dauernd damit beschäftigt, Krämpfe aus seinem Bein zu schütteln, das einen Monat zuvor Bekanntschaft mit einem Streitkolben gemacht hatte. Sparte sein Geld für seinen Bruder. Sagte mir, dass der es investierte. Die Jungs hingegen meinten, sein Bruder würde es verspielen, und lachten ihn aus.
Neben Yasthin stand Dolly und kaute auf ein paar Speckschwarten herum. Erzählte mir, wie ihr Vater ihre versoffene Mutter durch die Straßen gejagt hatte. Schon immer, solange sie denken konnte. Kinder waren wiederum hinter ihrem Vater hergerannt. Hatten Spottlieder gesungen, sich aber immer vor seinen Messern in Acht genommen. Dolly war den Söldnern beigetreten, um ihrem Vater zu helfen, den jüngeren Bruder durchzubringen.
Sie alle hatten Sorgen und Nöte, die sie zu meinesgleichen führten und zu fettem Lohn für die harten Jobs. Damit meine ich die Unternehmen, bei denen es heißt: Alles oder nichts.
Bald schon standen sie in der Schlange und warteten auf die »Ehre«, auf Kailens Glorie. Das war der beste Kampftrank, den Kigan je gemischt hat, und damit der beste Kampftrank, der je gemischt wurde in all den Jahren. Seit ich das Kommando übernommen hatte, schwärmten die Jungs von nichts so sehr wie von diesem Gebräu. Gab einem das Gefühl, Löcher in Berge boxen zu können, wenn man auf seinen Fittichen flog.
Yasthin machte den Anfang und bekam als Erster sein Quantum. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um es ihm einzuverleiben; viele der Jungs waren größer als ich. Dann ein Kuss. Die Lippen sind das wunde Ende deiner Ängste und deiner Liebe. Kein Stahl kann Lippen verhärten, und sie verraten mehr als die Augen, wenn man nur richtig hinsieht. Der Kuss sollte ihnen sagen, dass man nirgends sicher war vor dem Tod.
Der kleine Booey war der zehnte und letzte des Trupps, der seine Dosis erhielt. Anschließend nahm ich selbst einen Schluck, und Rirgwil zurrte meine Leder fest. Ich wartete, bis unsere Zähne klapperten wie schmuckbehängte Aristokraten, und ging den Plan dann noch mal mit ihnen durch.
»Hinter den Feldern im Norden, hält sich Trukhars Versorgungskarawane zwischen den Bäumen auf«, sagte ich. »Findet sie, tötet, wen ihr töten könnt, aber verbrennt vor allem die Wagen und Vorräte und knöpft euch dann die Handwerker vor. Wenn Shale zu uns stößt, nehmen wir sie in die Zange. Er führt seinen Trupp von Osten heran. Rote Bänder am linken Arm, nur damit ich’s noch mal gesagt hab. Es geht hart auf hart, und ihr weicht nicht, bevor die Arbeit getan ist. Sonst seid ihr so oder so tot.«
Ihnen wurde klar, dass es jetzt ernst wurde, man konnte es sehen. Zwei der Männer fingen von ihrer ersten vollen Trankdosis an zu zittern, trotz aller Vorbereitung in den letzten paar Tagen.
»Denkt daran, was ich euch beigebracht habe, Leute. Konzentriert euch. Dieser Trank hat Kriege gewonnen, und er wird euch euren Lohn bescheren, wenn ihr’s schafft, ihn an der Kandare zu halten. Und jetzt ab mit euch.«
Keine weiteren Worte mehr, nur noch Handzeichen in Richtung des Waldes: Jonah vornweg, Yasthin, Booey und Henny kommen mit mir. Remys Gruppe nach Nordosten zum Waldrand.
Das Blut toste geradezu durch unsere Adern und ließ uns erbeben, als es losging. Wir rannten durch das silbrige Gras, während der Trank Eisen und Feuer in unsere Knochen goss. Das Lied der Erde erfüllte meine Ohren.
Vor uns befand sich der Wall von Bäumen, und dahinter das Lager der Schwarzhände. Remys Jungs trennten sich von uns und wandten sich in die vorgesehene Richtung. Langsam, signalisierte ich ihnen.
Juletta lag warm in meiner Hand, der Pfeil zwischen meinen Fingern summte, als könne er es nicht erwarten zu fliegen. Dann, mit der Schärfe von Augen, die einem nur der Trank verleihen konnte, sah ich das rote Glühen einer Tabakspfeife ungefähr sechzig Meter vor uns bei den Bäumen.
Zwei Männer. Auf mein Zeichen.
Ich bewegte mich weiter voran für den Schuss, und trat in ein Nest voller Eier. Der Vogel, ein großer grauer Weger, kreischte mich an und erhob sich mit wildem Geflatter, sein Schrei hallte laut durch den Morgen. Einer der Jungs, angefeuert durch den Trank, brüllte los, und die beiden Männer sahen uns. Wir waren so gut wie tot. Die Pfeile der Jungs folgten meinem, die zwei Männer wurden getroffen; nur ein kurzes Aufquäken des Horns ertönte als Warnung. Doch das reichte aus.
Los!
Ich hatte uns alle auf dem Gewissen. Wir gingen trotzdem rein, das war der Handel. So berauscht wie der Trupp war, würden die Jungs sowieso nicht ohne Blutbad abziehen.
Als wir die Bäume erreichten, schwärmten wir aus.
Feind von links, bedeutete ich Jonah.
Drei Männer näherten sich durch die Bäume. Sie kippten ihr eigenes Kampfgebräu herunter, während sie zu sich kamen, die Augen noch gar nicht richtig geöffnet. Sie stellten ein leichtes Ziel dar, also machte ich wieder den Anfang. Das Schwirren von Pfeilen, ein dumpfes Knacken von Knochen. Alle drei außer Gefecht.
Meine vom Trank gespitzten Ohren fingen das Knarzen von Bogensehnen auf, die in einiger Entfernung gespannt wurden. Allerdings überall um uns herum. Und tatsächlich sirrten Pfeile von mehreren Seiten über uns hinweg, als wir uns zu Boden warfen.
Die Jungs erwiderten das Feuer. Sie bewegten sich, wie wir es trainiert hatten. Das Ziel war, die Angreifer weiter auseinanderzutreiben, sodass ein Teil von uns direkt zu der Karawane vorstoßen konnte. Es war das reinste Zielschießen für Trukhars Soldaten.
Ich sah Henny oder Jonah nie wieder, hörte nur Gelächter, Schreie und dann das Geräusch von Klingen bei der Arbeit, bevor auch das erstarb.
Ohne mich vom Fleck zu rühren, beobachtete ich die Bewegungen des Feindes. Ich lag in den Wurzelausläufern eines Baums. Unentdeckt – mit diesem Trank im Leib spürt man, wenn einen jemand anblickt. Dann entdeckte ich zwei Späher, die nach rechts abrückten, und Booey und Datschke folgten.
Ich schnappte mir einen Sporenbeutel, steckte ihn auf das Ende eines Pfeils, sprang auf und schickte ihn den beiden Kundschaftern vor die Füße.
Von meinem Gürtel nahm ich mir etwas Weißeichensaft, den ich für die Augen benutzte, damit ich in der Sporenwolke gefahrlos sehen konnte. Zum Atmen legte ich eine Maske an, die mit dem gleichen Zeug überzogen war.
Mir nichts, dir nichts hatten sie die Sporen intus, und hielten sich röchelnd die Kehlen. Ich gab ihnen den Rest.
Ich hatte gehofft, dass ich meine Jungs würde retten...




