E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Seitz Lukas und die gestohlene Weihnacht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-3109-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7693-3109-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philipp Seitz wurde 1972 in Esslingen am Neckar geboren und wuchs im schwäbischen Wernau auf. Schon als Kind begeisterte er sich für die Adventszeit und ihre Bräuche. Als Jugendlicher spielte er in der Kirche an Weihnachten im evangelischen Posaunenchor Trompete. Später studierte er Geschichte, Deutsch und Geographie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Seine erste Lehrerstelle war in Ulm, später in Böblingen. Seit zwölf Jahren lebt der Wahlkurpfälzer in Hockenheim. Neben seiner Lehrertätigkeit ist er nebenberuflich als Schulbuchautor tätig. Doch seine größte Leidenschaft gehört dem Schreiben von Geschichten.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Das Portal
„Das könnt ihr knicken, ich bleib da! Meinetwegen kann Weihnachten ausfallen!“ Der zwölfjährige Lukas verschränkte seine Arme und stampfte mit dem Fuß auf.
Sein Vater beugte sich zu ihm hinunter. Er legte ihm seine rechte Hand auf die linke Schulter. „Wir gehen alle zusammen.“
Lukas holte Luft. Doch ehe er etwas sagen konnte, fuhr ihm Papa in die Parade: „Nein, hierbleiben ist keine Option, Sohnemann!
Du kommst mit auf den Weihnachtsmarkt.“
Er nahm seinen Mantel vom Kleiderbügel aus der Garderobe und zog ihn an.
Rebekka saß mit angewinkelten Beinen auf der Couch. Sie scrollte auf dem Handy.
Ohne aufzusehen rief sie: „Kann nicht mit, bin mit Verena verabredet. Außerdem bin ich 13 und aus dem Weihnachtsmarktalter raus. Ist doch eh nur Geldmacherei, Weihnachten ist für’n ... du weißt schon. Bin froh, wenn der Mist vorbei ist.“
Vater Stefan runzelte die Stirn.
Lukas sah ihn an und erklärte: „Ihre Freundin, Papa, die Verena ist doch schon oft hier gewesen! Die, die immer so viel labert und jeden Satz mit Diggah beendet. Verabredet heißt, sie schauen gleichzeitig ihre Vampirserie. Sie treffen sich nicht wirklich.“
Sein Vater nickte wissend.
Er sagte: „Na, über den Adventskalender hast du dich neulich doch gefreut? Und den Weihnachtsbaum hast du mit Mama auch immer so gerne geschmückt. Also, Kinder, reißt euch am Riemen. Auf den Weihnachtsmarkt gehen wir nur einmal im Jahr.“ Zu Bekki gewandt: „Deine Geisterserie kannst du doch auch später streamen.“
„Vampire, Papa! Ich schau doch keine Geisterserien! So unwissend, ey! Nur weil ich den Adventskalender okay finde, bedeutet das nicht, dass Weihnachten nicht verlogen wäre.“
„Jetzt hör aber auf! Was ist denn in dich gefahren?“ Stefan schaute sie an.
„Ist doch wahr! Nehmen wir den Weihnachtsmann: eine Erfindung von Coca-Cola.“
„Das stimmt nicht!“ Diesmal mischte sich Lukas ein. „Frau Wohlrab sagte neulich, dass viele das immer glaubten, aber in Wirklichkeit hat den schon jemand hundert Jahre früher …“
Bekki hob ihre Hand, als wolle sie damit gleich zuhauen. „Klappe, Lukas! Um das geht es doch gar nicht! Hast du dir schon mal überlegt, wozu es den Adventskalender gibt? Den Adventskranz? Den Weihnachtsbaum? Und was weiß ich was noch? Das ist nur dazu da, damit die Leute, die diese Sachen verkaufen, reich werden. Konsum nennt man das, das lernst du auch noch. Was hat auch nur eines davon mit der Geburt von Jesus zu tun? Nichts! Wieso sollte ich mir also so etwas Unrealistisches wie einen Weihnachtsmarkt reinziehen?“
Lukas lachte. „Klar, Vampire sind natürlich viiiel realistischer!“ Zu seinem Vater: „Wenn ich mit muss, dann Rebekka auch!“
Mama kam die Treppe herunter. Unten neigte sie den Kopf zur Seite und bürstete ihre Haare.„Schluss jetzt! Entweder wir gehen alle zusammen, so wie wir das immer machen oder wir bleiben alle gemeinsam hier. Der Speicher ist bis zum Rand gefüllt mit altem Krimskrams, den entrümpeln wir dann heute Abend anstatt auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Alle vier. Wie wäre das? Wäre das realistisch genug, Rebekka?“
Das saß. Sie sprang von der Couch auf. Lukas rannte zur Kleidergarderobe und zog blitzschnell seine Jacke an. Keiner der beiden hatte Lust, heute Abend den Dachboden aufzuräumen und ollen Plunder zu entsorgen. Maria lächelte in sich hinein. Hat geklappt, dachte sie. Den Speicher betrat sie garantiert nicht vor dem Frühjahr.
Papa schmunzelte.
Er sagte: „Ihr werdet sehen, in höchstens einer Stunde sind wir wieder zurück. Dann kannst du, Rebekka, immer noch deine Gespensterserie glotzen. Und Lukas, du hilfst mir, die Weihnachtsdekoration aus dem Keller zu holen. Einverstanden?“
Rebekka raunzte: „Vampire, Papa. War ja klar! So etwas nennt man elterliche Gewalt. Ich füge mich unter Protest!“
Lukas nörgelte: „Eine Stunde? Papa, Mama, okay, wir kommen mit, aber haltet uns nicht für blöd. Wir sind frühestens in drei Stunden zurück. Gefühlt in sechs!“
Stefan lächelte seine Maria an. Die Kinder hatten ja Recht. Mama blieb immer an jedem Weihnachtsmarktstand stehen und betrachtete sich alles in aller Ruhe und ganz genau. Lukas blieb das ein Rätsel. Als läge da nicht jedes Jahr dasselbe aus: Bienenwachskerzen, Schwibbogen, Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge, selbstgemachter Schmuck, Krippen, Christbaumkugeln und was sonst noch alles. Vom Essen mal ganz zu schweigen. Wobei, beim Gedanken an Bratwurst und gebrannte Mandeln lief ihm dann doch das Wasser im Mund zusammen.
Maria, seine Mutter, liebte Weihnachten. Obwohl es von Jahr zu Jahr schwieriger wurde, die Kinder zum Mitgehen zu bewegen, genoss sie den gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuch. Stefan mochte die Weihnachtszeit und das Fest nicht so sehr wie sie. Aber er liebte es, Maria glücklich zu sehen und mit den Kindern zusammenzusein. Eines fiel Lukas auf: Mamas Augen glänzten, wenn sie in der Adventszeit zu viert etwas unternahmen. Und DAS fiel Papa ebenso auf. Strahlte Mama, lächelte Stefan zufrieden. Er guckte sie dann so an! Rebekka meinte mal, er sei immer noch wie ein Teenager in Mama verliebt. Lukas gab seiner Schwester in diesem Punkt ausnahmslos Recht.
Stefan lauschte am liebsten dem Chor auf dem Weihnachtsmarkt. Er trank einen Glühwein und aß zusammen mit den Kindern Bratwurst mit Pommes. Nach einer Stunde (oder zwei) wäre der Spuk vorbei und sie würden heimfahren. Maria schaute sich gerne die Stände mit dem Kunsthandwerk an. Das nervte Lukas einerseits, weil sie so lang verweilte. Doch er liebte Mamas Adventsdekorationen zu Hause. Alles war so geschmackvoll und gemütlich. Papa sagte mal, ohne Mama wären die Zimmer zu Hause nur Räume. Erst sie sorge dafür, dass es so behaglich sei. Das fand Lukas auch. Er liebte die kleinen Figuren, die Kerzen und andere Dekorationen.
Lukas gefiel die Weihnachtszeit insgesamt sehr. Er mochte die Vorfreude auf die Geschenke. Vorletztes Jahr bekam er das Playmobilraumschiff. Das war großartig. Allerdings spielte er inzwischen nicht mehr soviel mit den Spielsachen (nur manchmal, wenn Bekki es nicht mitbekam und nicht sagte, wie kindisch sie das fand). Letztes Jahr gab es das neue Fahrrad. Mit dem fuhr er zur Schule und nachmittags eigentlich immer, sobald er raus ging. Nur im Winter ließ er es meist stehen, weil sich seine Hände nach dem Fahren wie Eisklötze anfühlten. Dieses Jahr wünschte er sich einen Zauberkasten.
Die Wochen vor dem Fest waren einerseits schön, doch es gab auch eine uncoole Seite: Mama und Papa fuhren viel schneller aus der Haut als sonst. Bekki meinte, dass ihre Eltern sich stressten, in den Wochen vor Heiligabend besonders gut gelaunt zu sein und sich das vorzunehmen, einfach nicht funktionierte. Zum Beispiel letzte Woche: Da fragte Mama Lukas und Rebekka, ob sie nicht mal wieder Lust auf Pizza und einen DVD-Abend hätten (ja, Mama sagte immer noch DVD-Abend, obwohl sie natürlich streamten). Sogar Papa gesellte sich dazu, als er später seine Arbeit beendet hatte. Doch am nächsten Tag schimpfte Mama, sie sollten nicht so viel fernsehen, das mache blöd. Als reiche das nicht, warf sie beiden vor, sich zu ungesund zu ernähren. Die Bratwurst mit Pommes heute Abend war wieder völlig okay. Da blickte doch keiner mehr durch.
Die Schule setzte sich aus einer Grundschule und der weiterführenden Schule zusammen, die Lukas und Rebekka besuchten. Die Lehrerinnen der Grundschüler dekorierten traditionell mit den Kindern ihrer Klassen die Fenster im ganzen Schulhaus. Die älteren Schüler schmückten die Aula mit dem Weihnachtsbaum und die Flure. Außerdem kümmerten sich die einzelnen Klassen um ihre eignen Klassenzimmer, die einen mehr, die anderen weniger. Hier eine Schneeflocken-Fenster-Dekoration, dort ein paar Styroporkopf-Engel, hier einige Filznikoläuse, dort ein Schneemann aus einer alten Klopapierrolle usw. Die Schule verwandelte sich in der Vorweihnachtszeit in die Werkstatt vom Weihnachtsmann. Die Kinder mussten alles in Rekordzeit anfertigen, basteln, kleben, ausschneiden, bemalen – als wären sie die kleinen Elfen von Santa Claus! Darüber hinaus lernten sie Weihnachtsgedichte auswendig und lasen sich Geschichten vor. Das war schon ein bisschen übertrieben, dachte Lukas. Und nun der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt heute Abend.
Seine Schule selbst verkaufte dort am Wochenende Selbstgebasteltes für einen guten Zweck. Das fand Lukas toll, obwohl das auch unter dem Jahr ginge. Und doch könnte er gut und gern auf die Vorweihnachtszeit in der Schule verzichten (besonders aufs Auswendiglernen der Gedichte). Ganz einfach, weil sich nur noch alles um die Themen Advent und Weihnachten drehte. Die Schulfächer schienen auf einmal nicht mehr zu existieren. Und wenn, dann rechneten sie in Mathematik aus, wie hoch der Tannenbaum sein durfte oder wie viele Christbaumkugeln ein Baum bei soundso vielen Zweigen trug. In Deutsch gab es Gedichte, in Englisch erfuhren sie, wie Familien in anderen Ländern Weihnachten feierten. So ging das jedes Jahr von Ende November und den ganzen Dezember über....




