Seitz | Die Liebe, alt wie die Welt | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 600 Seiten

Seitz Die Liebe, alt wie die Welt


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3616-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 600 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3616-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Roman von der See. Ein Seefahrer bleibt der Liebe wegen an Land und heiratet dort. Gemeinsam richtet das junge Paar ein Strandhotel ein. Aber dann wendet sich die Frau einem anderen Mann zu ...

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Erster Teil - Die Wiege


Eines Tages kamen viele Kinder nach Thorde. Knaben und Mädchen waren es, die zu dritt gingen und sangen. Sie kamen aus der Industriestadt, die weiter im Lande lag und deren Kirchtürme und Schornsteine bei klarem Wetter bis nach Thorde hin sichtbar wurden. Die Kinder waren auf dem weissen Dampfer bis zu dem Leuchtturm gefahren. Herr Mathiessen, der junge Lehrer, führte sie. Er war braun gebrannt und trug keinen Hut. Er sagte: "Da ist Thorde und da ist das Meer."

Die Mädchen begannen die winzigen roten und gelben Muscheln aufzusammeln, die zu Hunderten im Sand lagen. Die Knaben aber wollten den Leuchtturm besichtigen. Herr Mathiessen hätte ihnen gern den Gefallen getan, aber das Gehöft um den Leuchtturm war leer. Die Türe stand offen, doch kein Mensch war da. Nur ein Hund bellte.

Herr Mathiessen hatte Mühe, die Kinder wieder hinauszudrängen. Sie waren drauf und dran, den Turm auf eigene Faust zu erklimmen.

Nun standen sie alle unschlüssig vor der roten mannshohen Mauer, einige wollten fortlaufen, um den Wärter zu suchen, andere riefen schallend durch die hohle Hand. Sie sahen einen Mann auf dem Feld arbeiten und glaubten wohl, dass er der Gesuchte sein könnte.

Der Leuchtturmmauer gegenüber lag ein kleines strohgedecktes Haus. Ein junges Mädchen war vor die Türe getreten und betrachtete neugierig die vielen Kinder.

"Ohlik ist in Thorde", rief es.

Ohlik war wohl der Leuchtturmwärter. Herr Mathiessen hatte sich umgewandt und grüsste verwundert das junge Mädchen. Er wollte ein Gespräch beginnen, aber er musste an den Strand laufen, denn die Kinder fingen an, Schuhe und Strümpfe auszuziehen und ins Wasser zu gehen.

Als er sie alle wieder beieinander hatte, war das junge Mädchen verschwunden. Herr Mathiessen wartete noch ein Weilchen, dann gab er das Zeichen zum Aufbruch.

Wie ein Hummelschwarm sangen die Kinder sich in das Dorf hinein. Sie waren alle blass und hohlwangig. Arme Kinder waren es, die in verräucherten Häusern hinter Fabriken wohnten. Sie hätten alle gemeinsam einen Namen tragen können, so ähnlich waren sie sich. Aber heute sangen sie, als hätte jedes von ihnen zehn Lungen. Es war ein freier Tag, die Sonne war da und ein Dorf, das Meer und das Vieh auf der Weide.

Sie sahen auch, dass auf dem Dache des Gasthauses eine Fahne wehte, und sie mussten lachen, weil ein grosser Vogel sich oben auf die Fahnenstange gesetzt hatte, als gehörte er dazu.

Der Wirt, der in der Türe stand, war furchtbar dick. Er hatte wohl viele Westen übereinander gezogen, anders konnten es sich die Kinder nicht erklären. Ihre Väter waren dünn wie die Heringe.

Der Wirt schüttelte Herrn Mathiessen die Hand und rief:

"Guten Tag, liebe Kinder!"

Es klang, als schmetterte eine Posaune, und man merkte, wie fleissig er an dieser Ansprache studiert hatte, so deutlich sprach er jede Silbe aus.

Die Kinder stellten sich im Halbkreis um Herrn Mathiessen und sangen.

Es hatten sich Leute angesammelt, die andächtig zuhörten. Das waren die Fischer von Thorde. Sie wohnten in dem Teil, den man das Dorf nannte, in den schmalen Strassen mit niedrigen Häusern nach dem Leuchtturm hin. Thorde selbst war eine Stadt, die an dem Flusse lag, der nahebei seinen Zugang zum Meere fand. Thorde hatte einen Hafen, den kleinere Seeschiffe oft anliefen. Die Fischer aber, die ausserhalb des Ortes wohnten, benutzten diesen Hafen nie. Sie zogen ihre Boote auf den Strand.

Hinter dem Gasthaus war ein grosser Garten. Da hatte der Wirt Lampions aufgehängt und Fähnchen. Die Fenster des Saales standen offen, und Herr Mathiessen liess einen hohen braunen Musikkasten spielen, darin alles versteckt war: Trompeten, Pauken, Flöten und Pfeifen. Es war eine herrliche Musik.

Zwischen den Bäumen war eine Schaukel befestigt, eine eigenartige Schaukel. An vier Stricken war sie aufgehängt, und man konnte in ihr bis in das grüne Blätterdach der Bäume fliegen.

"Das ist ja eine Wiege", rief ein Mädchen. Man sah es deutlich an den gebogenen Kufen.

Herr Mathiessen prüfte die Schaukel. Er lachte:

"Tatsächlich, eine Wiege."

Der Wirt erklärte es ihm.

"Die dänische Wiege", sagte er. "Vor vielen Jahren wurde sie einmal angeschwemmt. Das war ein merkwürdiger Tag. Manches Kind hier aus dem Dorf hat in dieser Wiege gelegen. Früher wurde sie oft ausgeliehen, aber das ist schon lange nicht mehr. Jahrelang lag sie oben bei mir auf dem Boden. Nun habe ich eine Schaukel daraus gemacht."

Ja, es war ein merkwürdiger Tag gewesen, als diese dänische Wiege bei Thorde angeschwemmt wurde. Man sagte "die dänische", weil man die eingebrannten Namenszüge als solche erkennen wollte.

Am frühen Morgen waren die Fischer damals mit vollen Netzen zurückgekommen. Lange war in Thorde kein so guter Fang gewesen. Das hatte eine grosse Lustigkeit gegeben, aber gegen Mittag verbreitete sich das Gerücht, dass ein Fischermädchen, namens Bieke, verschwunden wäre. Anfangs glaubte man, dass ihr etwas zugestossen war. Später aber stellte sich heraus, dass sie auf und davon ging, weil es ihr in dem kleinen Thorde zu eng werden wollte. Die Seeschiffe, die hin und wieder vorüberfuhren, hatten sie wohl davongelockt. Am Mittag also wurde Bieke vermisst. Während man noch nach ihr suchte, kam Boom Garde zurück. Er war dreissig Jahre von Thorde weggewesen. Nun hatte er ein Holzbein und zog wieder in das Haus, wo er als Kind herumgesprungen war. Das gab eine grosse Aufregung unter den Fischern. Auf einmal erlebte man an einem Tage mehr als sonst in einem Jahre. Nachts wurde dann die See laut, und am Morgen lag die Wiege am Strand. Boom Garde, der in der Welt herumgekommen war, sagte, dass sie von einem dänischen Schiff herrühren müsse. Er wollte ähnliche Wiegen schon gesehen haben. Auch der Name, am Seitenbrett eingekerbt, wäre ein dänischer, behauptete Boom Garde.

Der Wirt hatte recht, es war ein merkwürdiger Tag gewesen. Alles aber mündet wieder in das Alltägliche. Auch Bieke war nach Jahren zurückgekehrt, hatte alle Abenteuer der Welt vergessen, heiratete, begrub ihren Mann nach kurzer Zeit und wohnte nun mit ihrer Tochter Geesche in dem kleinen Haus gegenüber der Leuchtturmmauer.

Ja, alles mündet im Alltag. Boom Garde lebte still vor sich hin. Er schien nicht unzufrieden mit seinem Schicksal. Sein Holzbein sicherte ihm die Liebe der Kinder. Er setzte ihnen auseinander, wie alles mit dem Bein funktioniere. Sie sprachen überhaupt gern mit ihm über das Bein. Manchmal machte er seinen Scherz. Der Teufel hätte einmal mit einer Kiste nach ihm geworfen, erzählte er.

"Dabei ist das richtige Bein draufgegangen"

"Der böse Teufel", sagten die Kinder.

Manches von ihnen hatte in der dänischen Wiege gelegen, und wenn Boom Garde seinen gesprächigen Tag hatte, konnte er vielerlei Vermutungen zum besten geben.

"Sicher haben Kapitänskinder drin geschlafen", sagte er. Das konnte man schon glauben, denn die Wiege war gross, breit und mit vielen bunten Verzierungen.

Alles aber mündet im Alltag. Die Geschichte der Wiege war vergessen. Fremde Kinder, die aus der Industriestadt kamen, schaukelten nun darin im Garten des Gasthauses. Wohl drängten sich die Fischerkinder hinzu in ihren kurzen verblichenen Kitteln, mit ihren von Wind und Sonne verwaschenen Haaren, doch wagten sie nicht, den Schulkindern den Besitz streitig zu machen. Sie standen neugierig in kleinen Gruppen zusammen, so wie sie sich immer zusammenhielten, Kinderfamilien, wo ein älteres die jüngeren beaufsichtigte, sich erwachsen und verantwortungsvoll fühlte.

Die fremden Kinder bekamen Milch und Semmelbrot. Sie, die selber sonst von allen Glücksgütern des Lebens ausgeschlossen waren, sind heute die Bevorzugten. Sie dürfen Lampions tragen und Fähnchen. Für sie ist auch die Musik, die Herr Mathiessen immer wieder aus dem braunen Kasten hervorzaubert. Sie wissen fröhliche Spiele, Greif und Blindekuh. Sie singen und lärmen.

Die Kinder von Thorde aber stehen schweigend am Zaun.

Es sind jetzt auch Frauen und Mädchen gekommen, die zusehen wollen. Auf einmal steht auch das junge Mädchen unter ihnen, das Herr Mathiessen an der Leuchtturmmauer gesehen hatte.

"Ist Ohlik schon zurück?" fragt Herr Mathiessen und lacht dabei.

Das junge Mädchen wird rot. Geesche sagen die andern zu ihr.

"Geesche", sagt der junge Lehrer und lacht.

Wie rot sie geworden ist. Sie wohnt mit ihrer Mutter Bieke in dem letzten Fischerhaus am Leuchtturm. Vom Fenster aus kann sie nur die mannshohe Mauer sehen. Es wäre wohl schön, wenn sie aus dem Hause herauskäme. Ihre Mutter hat den Fischer für sie in Aussicht genommen, der ihr Boot betreut und die Netze, von denen sie leben. Aber Holms ist ein älterer Mann, der Geesches Vater noch gekannt hat. Zuverlässig ist er, und Geesche würde nichts auszustehen haben bei ihm. Doch sie ist jung. Achtzehn Jahre ist sie alt. Ach ja,...



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