E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Seitz Der Leuchtturm Thorde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3617-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3617-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seitz lebte eine Zeit in Ostpreußen, Pommern und Danzig sowie in Dörfern der baltischen Küste. Vom Leben mit dem Meer aber auch von Entbehrung und Gefühlen handelt dieser Roman.
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1
Es ging zum Herbst. Der See duftete. Die Luft hing voll Regen. Über die breiten Rücken ruhender Kühe hin waren die ersten Dächer des Dorfes sichtbar.
Unbeweglich stand Sparre, der Kuhhirt, unter dem Weidenbaum. Über ihm, im wirren Geäst, hockte eine Krähe, und ihm zu Füßen lag schläfrig der Hund.
Dann war der rostige Schlag einer Kirchuhr.
Die Krähe stob davon, der Hund reckte sich, und Sparre schob umständlich den Fuß vor.
Vom Weg her kam jetzt ein Lachen und Rufen. Die letzten Sommergäste fuhren ab. Lüßmanns Wagen war vollgepackt mit Menschen und Koffern.
Vor den Türen standen Frauen und Kinder und winkten. Auch einige Männer waren unter ihnen, Laabs der Schuster, Dan Lebbers der Kaufmann und der Gärtner Patzke, der den Sommer über den Badestrand zu beaufsichtigen hatte.
Segelfahrten gibt es in Sureiken und Waldwanderungen. Groß ist der See, und die Wälder ziehen sich weit in das Land hinein. Das hatte man am Meere nicht. Da war nackter steiniger Strand. Quallen kamen und schmieriger Tang, so sagten die Gäste. Das Meer ist unberechenbar. Es hat plötzliche Tiefen. Die Steine werden einem unter den Füßen fortgerissen. Dann ist nur noch Wasser, das nach dem Herzen greift. Stürme brechen jäh auf. Gewitter können tagelang über dem Meer sein. So sagen die Gäste. Aber in Sureiken ist der Sommer angenehm. Man kann im weichen Gras am Ufer liegen, in einem Boot im Schilf ausruhen. Wenn man ins Wasser steigt, ist eine gleichmäßig ruhige Bewegung. Es gibt nichts Lieblicheres als ein Bad in dem See bei Sureiken, sagen die Gäste.
Nun geht es zum Herbst und alles ist Abschied.
Die Leute von Sureiken stehen da, haben kleine Fähnchen in der Hand, die sie hin und her schwenken, und vom Wagen her ist ein Tücherwehen.
Ein kleines seidenes Taschentuch wird am heftigsten geschwenkt. Das gehört der jungen Tänzerin.
Dann ist das große rote Taschentuch des Postmeisters, der jedes Jahr kommt, einen viereckigen weißen Bart trägt und lustige Verse zu dichten versteht. Und es flattert groß zum Abschied der bunte Bademantel der Frau Wullke, die als letzte im Wagen sitzt, weil sie es da am bequemsten hat.
Das ist ein langes, langes Wehen von Tüchern und Fähnchen. Worte flattern dazwischen. Lebe wohl und auf Wiedersehen.
Dann hob Lüßmann die Peitsche. An der Schnur baumelte ein kleiner Blumenstrauß, den die Tänzerin noch schnell gepflückt hatte.
Lüßmann hob die Peitsche, die Pferde zogen an, und der Sommer fuhr aus dem Dorf.
Die Frauen standen noch ein Weilchen und schwatzten.
"Sie war diesmal gar nicht so lustig", sagte Frau Dahl, "wenn ich dran denke, im vorigen Jahr."
Sie meinte die Tänzerin.
"Aber sie hat getanzt, viel getanzt und schön getanzt", schwelgte Frau Laabs.
Frau Dahl bekam Tränen in die Augen: "Nun kommt der Winter."
Sie war die erste, die nach Hause ging, neugierig, was die junge Tänzerin, die bei ihr gewohnt hatte, dieses Mal vergessen haben könnte.
Im vorigen Jahre war es ein gesticktes Täschchen gewesen, das den ganzen Winter hindurch einen feinen Duft ausströmte. Sonntags hatte Frau Dahl es immer aus dem Kasten genommen, vor sich auf den Tisch gelegt und an die lustige Zeit gedacht, als die Boote noch mit bunten Laternen auf dem See fuhren, als der Mohn überall zwischen den Halmen stand, und die junge Tänzerin abends vor der Laube tanzte.
Der Gärtner Patzke war noch zu Dan Lebbers in den Laden getreten. Er trank sein Glas Bier und ließ sich eine Zigarre geben. Vor dem Ladentisch stand der Stuhl, auf dem täglich der alte Postmeister gesessen hatte.
"Ja ja", sagte Patzke, und blickte auf den leeren Platz. Er dachte wohl daran, daß ihn nun vorläufig kein Mensch mehr Himmelhund nennen würde. Er hätte es auch jedem anderen übel genommen, nur der Postmeister durfte sich das erlauben.
›Komm her, Himmelhund, trink!‹ – ›Auf Ihr Wohl, Postmeister!‹ – ›Sauf, Himmelhund, die Böttcher machen neue Fässer.‹ – ›Und die Küfer sind auch nicht faul!‹ – ›Das soll sein! Prost, Himmelhund!‹
So war das Gespräch jeden Vormittag gewesen, jeden Nachmittag und jeden Abend.
Patzke nahm die Mütze ab, die blaue Schirmmütze mit Flagge und Anker auf schwarzem Band.
"Die käme nun also wieder in den Schrank", sagte er. Auch das Messinghorn, das er an der Seite trug, und das Fernglas. Das waren die Zeichen seiner Würde als Badewärter. Mitte Mai wurde das alles aus dem Kasten hervorgeholt, durfte sich ein paar Monate im Sonnenlicht spreizen und verschwand wieder im Schrank, wenn Lüßmann mit den letzten Gästen davonrumpelte.
Dan Lebbers verpackte einige Badeschuhe, die keinen Käufer gefunden hatten. Auch ein paar übriggebliebene Badekappen tat er hinzu. Das alles wurde nun fest verschnürt und auf Lager gestellt bis zum nächsten Jahre.
"Ein guter Sommer", sagte Dan Lebbers, "man kann zufrieden sein."
Die Sommerstuben waren alle vermietet gewesen und auch sonst hatten die Gäste nicht gespart. Der Kaufmann stellte das mit einem Blick auf die leeren Regale fest. Das Dorf würde nun leidlich über den Winter kommen.
Es fiel jetzt ein feiner Regen.
"Nun werden sie noch naß", bedauerte Dan Lebbers. Lüßmanns Gefährt war ein offener Wagen, ein altmodischer Jagdwagen für zwölf Personen. Die beiden letzten Sitze ragten hoch über den anderen heraus. In gleicher Höhe mit ihnen war der Kutschbock, so daß die übrigen Sitze wie in einem Tal gebettet schienen. Lüßmann hatte den Wagen einmal billig gekauft. Er wollte immer schon ein neues Gefährt anschaffen, aber die Sommergäste waren auf diese alte Kalesche ganz versessen, die schließlich genau so zu den Eigentümlichkeiten des Dorfes gehörte wie das Rauchhaus und die Feuerspritze mit ihrer behäbigen Wassertonne.
Über dem See lag milchig grau der Regen. Das jenseitige Ufer war verhangen, man sah kaum die dunklen Boote. Der Regen fraß sich auch in die Bäume, schob sich wie blasser Nebel gegen die Häuser, breitete sich wie ein engmaschiges Netz über die Dorfstraße und lief in dünnen Fäden an den Fenstern hinab. Es war ein wehmütiger Regen, ein Regen, der ohne Ende schien. Da war nun der Herbst.
Patzke ging nachdenklich nach Hause. Er trug Fernglas und Messinghorn in der Hand. Er ging an dem Kirchhof vorbei, der von der Straße nur durch eine niedrige Steinmauer getrennt war. So waren die Toten kaum von den Lebenden geschieden. Die Gräber lagen wie Häuser an der Straße. Abends stand man an der Mauer und erzählte. Da konnten die Toten hören, was sie einmal in ihrer Jugend angestellt hatten. Mitternachts gingen Verliebte zwischen den grünen Gräberreihen. Der Tod hatte nichts Schreckhaftes für sie, er war nur ein anderes Leben. Wenn man bei Dan Lebbers einkaufen wollte, ging man, um den Weg abzukürzen, über den Kirchhof. Der Schulweg der Kinder führte hier entlang und Sonntags der Weg zum Tanz. Dieser Friedhof umgab etwas verwildert die Kirche, deren spitzer Turm weithin sichtbar war. Von der Kirche zum Pfarrhofe mußte man auf Holzbrücken über eine kleine Insel gehen, auf der sich eine gewaltige Eiche erhob. Nach dieser Stelle hatte das Dorf seinen Namen – Sureiken, saure Eiche. Es heißt, daß Mönche vor Zeiten, um die Allmacht ihres Gottes glaubhaft zu machen, auf dieser Insel eine uralte Eiche in wenigen Tagen verdorren ließen. Der alte Baum war gestürzt, aber ein neuer wuchs auf, nicht minder kräftig, unter dessen schattigen Ästen sich die Toten des Dorfes bargen.
Das Dorf selbst war eine lange Straße. Die Häuser der einen Seite wurden vom See begrenzt, die der anderen von weiten Feldern. Nach der Straße hin lagen die Gärten. Im Sommer war es ein bunter blühender Weg. Jetzt standen noch ein paar Sonnenblumen und ein paar Malven und einfarbige Astern, die sich im Regen duckten.
Frau Dahl saß am Fenster und hielt Patzke ein Paar Sandalen entgegen. Holzsandalen mit knallroten Leinenbändern. Es waren die Schuhe der Tänzerin. Frau Dahl klappte sie aneinander. Klapp klapp, das klang wie im Takt.
"Was sie für kleine Füße hat", rief Frau Dahl.
Patzke trat heran und stellte den einen Schuh in seine Hand. Er lachte. Im Regen stand er da und freute sich an dem kleinen Schuh der Tänzerin. Es war wie eine Erinnerung an eine lang vergangene Zeit und war doch erst gestern gewesen, daß diese Schuhe hier zum letzten Male vor der Laube im Takt sprangen.
"Die mußt du gut aufheben", sagte Patzke.
"Ich wickle sie ein", antwortete Frau Dahl.
"Daß bloß nichts herankommt", sagte Patzke noch einmal besorgt.
Dann ging er schmunzelnd weiter.
"Sie hat natürlich die Schuhe vergessen", sagte er zu Haus.
"Ach Gott", erschrak sich Frau Patzke. Sie wußte nicht, was ihr Mann meinte, aber es ist schlimm, wenn man die Schuhe vergißt.
...



