E-Book, Deutsch, 337 Seiten
Seitz Das Börshooper Buch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3614-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 337 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3614-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In einem seiner größten Erfolge beleuchtet der Autor chronikartig das Leben in dem kleinen Fischerdorf Börshoop an der Ostsee. Protagonist ist der in der Fremde zu großem Reichtum gelangte Harms, der nicht mehr in seine angestammte Heimat zurück findet.
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Das Börshooper Buch
I.
Zwischen Meer und See auf schmaler Landenge liegt das Fischerdorf Börshoop.
Wild haben sich die Dünen in das Land gewühlt. Unersättlich ist der Sand. Er frißt die kargen Feldstreifen und schiebt sich lauernd vor gegen die niedrigen Häuser, deren Wände sich unter dem Schilf und Rohr der tiefherabhängenden Dächer ducken. Eine Herde grimmiger Eber, die jäh vorbrechen will, das sind die Dünen von Börshoop.
Welcher Strand ist so einsam wie dieser. Grauer Möwenruf ist über den Wellen, und auf den Sandbergen hebt sich das krächzende Schreien der Krähen.
Auf kahlem Schiff, so erzählt man, wären einst die Menschen hierher gekommen. Verirrte waren es oder Flüchtlinge. Menschen mit hartem Schicksal wie dieses Land. Zähen Willens sind sie geblieben, haben Boote gebaut und die Netze geworfen. Düne und Meer, das war ihre Heimat, denn der Reichtum des Sees und die Fruchtbarkeit der Wiesen und Felder an seinem Rande wurde ihnen von Mächtigeren streitig gemacht, und erst nach vielen Jahren, als die Zeiten milder wurden, gestand man auch ihnen die Gerechtigkeit am See zu. Reiche Jahrzehnte kamen. Voll hingen die Netze von den Fischen des Sees. Freundlichere Häuser wuchsen empor. Kühe hatte man jetzt, und einige Pferde standen in den Koppeln. Auf den Feldern zum See hin war Saat und Ernte, und die Fischer, bisher nur zu Netz und Segel geschickt und zu dem Drehen des Windbocks, wenn die Boote auf den Strand gewunden wurden, waren nun der beiden segnenden Gebärden der Menschen des Landes teilhaftig geworden: des weiten Wurfes der Hand, wenn sie das Korn ausstreut, und des tiefen Schwunges der Arme, wenn sie die Halme im Sensenschnitt niederlegen, damit aus den reifen Körnern die braune Fülle des Brotes werde. Groß über das Ackerland ging die irdische Dreiheit: der Mensch, das Pferd und der Pflug.
Doch das alles blieb nur wenigen vorbehalten, die Verstand hatten, über den Rand des Bootes hinwegzusehen und rasch genug waren, die Grenzen abzustecken.
Eigentlich sind es nur drei Geschlechter gewesen, die alles einheimsten. Sterenbrink hießen sie, Pudmar und Mürk.
Die Sterenbrinks wissen zu heiraten, sagte man rundum. Große Herren waren sie geworden. Ihre Felder reichten bis zu den stolzen Gehöften von Bögerlant auf dem jenseitigen Ufer des Sees. Wenn sie in die alte Stadt Dranshop fuhren, traten sie reich und trotzig auf wie der Adel des Landes. Kriegsdienste nahmen sie, errangen Ehre und Auszeichnung und kamen weit in der Welt umher. Putzige Dinge brachten sie von ihren Fahrten nach Börshoop zurück. Krumme Heidensäbel, bunte Teppiche, Ketten und goldene Münzen. Sie stifteten der Kirche schwere messingene Leuchter und Altardecken, Holzschnitzereien und heilige Bilder. Ihre Grabmäler hatten sie an der steinernen Wand. Hohe Chorstühle stellten sie für sich und ihre Enkel auf. Man nannte sie die Herren von Börshoop, und die Pfarrherren von Bögerlant haben sich allzeit zu ihnen gehalten. Das waren die Sterenbrinks.
Aber die mächtigen Eichen zersplittern und die stolzen Geschlechter vergehen. Nun sind nur noch drei Schwestern da, die diesen Namen tragen. Karla, Syrrha und Vrena. Sie haben ihren Besitz einem Fremden in Pacht gegeben und wohnen in dem Hohen Haus, das ihr Vater sich auf der Rowen Düne bei Börshoop errichten ließ, dort wo der erste Sterenbrink seine armselige Fischerhütte hatte.
Vielerlei Gerede ist über die Schwestern im Umlauf. Unmutig sieht man ihnen nach, wenn sie zu den Festen nach Dranshop fahren. Sie werden das Letzte vertun, sagt man, und man wartet auf die Zeit, wo sie zu Fuß gehen werden. Sie werden das Schicksal der Mürk haben, die schon längst mit ihrem Reichtum fertig sind.
Jöken Mürk, der Alte, sitzt wieder vor kleinem Haus, flickt Netze oder hütet die magere Kuh auf dem Wiesenrain. Er weiß kaum noch, daß seine Vorfahren sich breit machten, herrschsüchtig waren und oft in Unfrieden mit den Sterenbrinks lebten. Das ist viel zu lange her, um es noch an den Fingern herzählen zu können. So schweigt man über das Wenige und vergißt es ganz.
Sein Sohn hatte es in der Armut nicht ausgehalten und war mit Frau und Kindern nach Dranshop gezogen, um dort einen Handel anzufangen. Aber er trug die Schwindsucht in sich und starb über allen Plänen und Hoffnungen. Seine Frau kam mit den Kindern zu Jöken Mürk zurück, einer Tochter, die Wine heißt, und einem Sohn, dem man den Namen Jan gegeben hat. Einige Jahre hat die Frau in Börshoop noch gelebt, aber der Kummer zehrte an ihr und das Herzeleid, und eines Tages mußte Jöken Mürk die Todkranke über den See nach Dranshop rudern, denn sie wollte in der Stadt sterben, wo auch ihr Mann begraben lag. Jan und Wine blieben bei dem Alten und sie fristeten zu dritt mühsam das Leben. So haben die letzten Mürk viel Tränen erfahren, weil das Schicksal alles Schwere für sie aufgespart hatte, das die Vorfahren nicht zu erdulden brauchten.
Nur die Pudmars haben sich durch alle Zeit gehalten. Zwar geht es nicht mehr so wohlhabend und behäbig wie in früheren Tagen, als sie noch in langem Rock, engen Hosen und hohen Schaftstiefeln einherschritten und sonntags breit auf der ersten Bank vor der Kanzel saßen. Aber da sie ihrem Pflug und ihrem Boot treu blieben und nie ehrgeizige Pläne hatten wie die Sterenbrinks oder die Mürks, so hielten sie ihr Gut zusammen und ihr Name hatte noch immer seinen guten Klang.
Jürgen Pudmar konnte zufrieden sein mit dem, was sein Vater ihm hinterlassen hatte.
Doch das Schicksal gibt nichts umsonst, und von den Pudmars hieß es, daß sie alle fünfzig Jahre dem See ein Opfer bringen müßten.
Als Jürgen Pudmar die Tochter eines der reichsten Bauern von Bögerlant heimführte, gab es eine Hochzeit, wie man sie seit Menschengedenken nicht gefeiert hatte. Marie Hingsten war schön, und sie fand sich willig mit dem kleineren Hof und Haushalt der Pudmars ab, denn sie liebte Jürgen und wünschte nichts dringlicher, als ihm eine gute Frau zu sein.
So wäre wohl alles gut und voll Glück gewesen, aber das Schicksal der Pudmars war unerbittlich, und noch ehe Marie ihr erstes Kind zur Welt bringen konnte, ertrank sie in einem Sturm, der jäh über dem See aufbrach.
Monatelang ging Jürgen wie ein Toter einher. Vielleicht wäre damals alles zugrunde gegangen, wenn nicht Maries Vater, Christof Hingsten, der seinen Hof schon dem Sohne überschrieben hatte, zu Jürgen gezogen wäre und sich der Wirtschaft angenommen hätte. Da er sich das Herrschen nicht abgewöhnen konnte, war er mit dem Sohn in Unfrieden gekommen, und der Junge war nun froh, daß er den Alten auf diese Weise los wurde. Christof Hingsten hatte bald das Regiment auf dem Pudmarschen Hofe, und Jürgen ließ ihn gewähren, denn der Schmerz um Maries Tod war noch nicht von ihm gewichen. Der Alte sah bald ein, daß eine Frau fehlte, die das Hauswesen zusammenhielt und so setzte er Jürgen zu, wieder zu heiraten. Aber da er nicht wollte, daß eine Frau auf den Hof käme, die seiner Tochter ebenbürtig wäre und ihn womöglich beiseite drängen würde, suchte er unter den Fischertöchtern ein tüchtiges Mädchen aus, das ohne Ansprüche als Frau auf dem Hofe dienen würde. Jürgen Pudmar willigte schweren Herzens und nur in der Hoffnung auf einen Erben endlich ein und heiratete nach Verlauf dreier Jahre Martha Deep, die Tochter der Mole Deep, die ein kleines Fischerhaus besaß und einen Räucherofen in den Dünen hatte, dessen Ertrag sie nach Dranshop auf den Markt schickte. Ihr Mann war vor Jahren auf dem Meere beim Fischfang umgekommen, und Mole Deep hatte ein hartes Leben. Da sie für ihre Tochter ein besseres erhoffte, so redete sie ihr zu dieser Heirat zu. Sie sah bald ein, daß Martha es in ihrer Ehe nicht leicht hatte, aber nun war es zu spät und man mußte den Himmel bitten, es einmal besser werden zu lassen. Sie selbst kam nur noch selten auf den Hof, nachdem sie sich mit Christof Hingsten seiner Eigenmächtigkeiten wegen erzürnt hatte, und auch ihre jüngere Tochter Hilke, die bei den Schwestern Sterenbrink diente, sprach nur hin und wieder bei Martha mit vor. Ihr Bruder, Peter Deep, aber kam nie. Er war unwillig über diese Heirat, denn er trug von seinen Vätern her die Armut und Rechtlosigkeit der Strandfischer im Blut, die dem Aufstieg und Wohlergehen der Seefischer, zu denen die Pudmars gehörten, feind waren. Viele im Dorfe neideten Martha Deep das Glück, nun auf dem angesehenen Hofe zu sitzen, aber sie taten unrecht daran, denn Martha war nicht glücklich und litt unter dem Gedächtnis, das Jürgen und der alte Christof der toten Marie bewahrten. Auch brachte sie statt des erhofften Sohnes eine Tochter zur Welt, und Jürgen Pudmar, der sie in den Monaten ihrer Schwangerschaft freundlich und fürsorglich behandelt hatte, wurde wieder fremd und zurückhaltend wie in der ersten Zeit ihrer Ehe.
So war viel herbes Leid und kalte Unlust auf dem Hofe der Pudmar und Christof Hingsten tat in seiner herrischen Art das Seinige hinzu, um eine Annäherung zwischen Martha und Jürgen zu erschweren, denn für ihn war noch immer die tote Marie die rechtmäßige Herrin, Martha jedoch nur die dienende Magd, die es als Glück zu empfinden hatte, den Namen tragen zu dürfen, der seiner Tochter bestimmt gewesen war.
Zu jener Zeit...




