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E-Book, Deutsch, 364 Seiten

Seifert Grenzenlos


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-4386-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

ISBN: 978-3-7481-4386-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Lehrers, der einen geheimen Plan in die Tat umsetzen wird. Er mag seine Schüler und wird auch von ihnen wohlwollend angenommen. Die durchaus zu schätzenden Seiten der ostdeutschen Schule treten in der Erzählung warmherzig widergegeben ans Licht. Genauso wie auch ihre absurden Eigenschaften. Anlässlich einer Klassenfahrt und deren Auswertung, bei der die Jugendlichen anecken, wird ihr Lehrer unter Druck gesetzt. Um diesen auszuweichen, entschließt er sich, auf abenteuerlichen Wegen durch Osteuropa die 'Seite' zu wechseln. Es wird das gefährlichste Unternehmen seines Lebens, jedoch durchaus humorvoll geschildert. Ohne den Erfahrungen aus seiner Zeit an der 'Berliner Mauer' wäre es ihm nicht geglückt, fast unbeschadet in den Westen zu gelangen. Einige Geschehnisse an der 'Mauer' lässt der Autor Review passieren. Noch nie wurden diese so plastisch widergegeben, wie es in diesem Buch zu lesen ist.

Der Autor des Romans wurde im dritten Nachkriegswinter in einer thüringischen Kleinstadt geboren. Dort verbrachte er die Kindheit und Jugend, nahm schließlich ein Studium auf. Einige Jahre arbeitete er als Lehrer für Physik und Technik an mehreren Schulen Ostthüringens, bis er zum Grenzdienst nach Berlin einberufen wurde. In Berlin 'bewacht' er ein Jahr lang die inzwischen zur Legende gewordene 'Mauer'. Während dieser Zeit beginnt in ihm der Entschluss zu keimen, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Sechs Jahre vor dem Mauerfall siedelt der Autor nach Österreich um. Kurz darauf wechselt er in die Bundesrepublik Deutschland, lehrt an den Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Ludwigsburg und verfasst mehrere Fachbücher. Er lebt heute an der Bergstraße in der Nähe von Weinheim.

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Die Abfahrt
Heftige Schläge gegen die blecherne Wand des Gasmeilers übertönten das ebenmäßige Blubbern des Motors, der die sechs Frauen in einen dämmrigen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein hat gleiten lassen. Das ungleiche Geschaukel des Gefährts auf dem holprigen Pflaster tat ein Übriges. Sie empfanden es als einen körperlich direkt spürbaren wohltuenden Begleiter auf ihrem Weg aus der Stadt. Plötzlich aufgeschreckt hoben die Frauen jetzt ihre Köpfe und blickten auf Gesine, die wie von Sinnen mit einem armlangen Holzscheit auf den Meiler einhieb. In ihrem Gesicht spiegelte sich Angst und panisches Erschrecken. Die siebenjährige Lise regte sich nicht mehr. Unbemerkt war das Kind vom Schoße der Mutter allmählich zu Boden geglitten. Dort schutzlos dem scharfen Fahrtwind eine ganze Weile ausgeliefert, hatte es schon das Bewusstsein verloren. Eine Bodenwelle ließ Gesine aufwachen und im ersten Reflex nach Lise ins Leere greifen. Sofort in Panik, hob sie das Kind hoch, schüttelte es und schrie es an. Lise zeigte jedoch keinerlei Reaktion. Erschrocken über die lauten Schläge hielt Gruner, der Fahrer des kleinen Lastautos, sofort an. Er nahm die reglose Lise sogleich mit nach vorn in das Fahrerhaus und quetschte sie neben sich und Gesine, während seine Frau auf die Ladefläche kletterte, um sich dem kleinen Bruder von Lise anzunehmen. Dieser hatte sich, unbeeindruckt vom Geschehen um ihn herum, in eine Bettdecke in der Nähe des Gasmeilers, von dem etwas Restwärme ausstrahlte, eingerollt und schlief. Inzwischen war es dunkel geworden. Die Kälte legte spürbar weiter an Schärfe zu. Gruner beruhigte die Frau neben ihm so gut er konnte und kündigte an, gleich beim ersten Haus der nächsten Siedlung am Wege anzuhalten, um Hilfe zu suchen. Er hatte bei dem bewusstlosen Mädchen einen schwachen, zaghaften Puls gefühlt. Seit mittags schon waren sie unterwegs. Elfriede, die Ehefrau des Fahrers, brauchte Gesine und einige andere Frauen aus den Häusern der unmittelbaren Nachbarschaft nicht lange zu überreden. Sie hatten alle ohnehin längst jede für sich überlegt, wie sie der deutlich hörbar näher rückenden Front ausweichen könnten, vielleicht zu den Eltern oder zu anderen Verwandten aufs Land gehen. Aber auch dorthin bewegte sich die aus dem Osten auf sie zu rollende Gefechtslinie. Zu groß war die Angst vor den bald eintreffenden Russen, die, wie sie gehört hatten, überall grässliche Greueltaten verübten. Sie sollen sogar einige Frauen brutal zu Tode vergewaltigt haben. Wie wilde Tiere verhielten die sich, ließen die Rundfunknachrichten durchblicken. Heute morgen, in aller Frühe, hatte der Gauleiter die Erlaubnis gegeben, die „Festung Breslau“ verlassen zu dürfen. Das kam dem Aufruf gleich: „Rette sich, wer kann!“ Nur eine reichliche Stunde hatten die Frauen Zeit, diejenigen Habseligkeiten in einen Koffer zu verstauen, die sie für lebenswichtig hielten, vor allem Unterwäsche und Bekleidung für sich und die Kinder. Die Papiere und das noch vorhandene Geld wurden in der Handtasche verstaut. Der große leinene Rucksack, der sonst mit Kartoffeln oder Rüben gefüllt war und der manchmal auch zur Beschaffung von Kohlen herhalten musste, nahm jetzt Brot, Speck, Wurst, Fleisch und Thermosflaschen, gefüllt mit Malzkaffee, auf. Proviant für wenigstens drei Tage. Nun kauerten die sechs Frauen neben ihren Habseligkeiten auf dem blanken Bretterboden des Autos an diesem ersten kalten Februartag des letzten Kriegswinters. Schnell stellten sie fest, dass sie es in dieser Weise nicht lange aushalten würden. Gesine kletterte kurz entschlossen noch einmal von der Ladefläche herab, auf der sie sich schon niedergekauert hatte und stieg die drei Treppen zu ihrer Wohnung in der Lohestraße hinauf. Behänd fingerte sie den Schlüssel aus der Handtasche. Dann sammelte sie alle vorhandenen Decken ein, warf das Bündel zum Fenster hinunter vor den wartenden Laster und schloss sorgsam die Wohnungstür hinter sich wieder ab. Nicht ohne noch einmal den geschlossenen Gashahn zu prüfen, obwohl schon vor drei Tagen das städtische Gaswerk stillgelegt wurde. Aber sicher ist sicher, dachte sie noch in diesem Moment und begab sich gleich darauf zurück zu dem Laster. Gruner wartete bereits ungeduldig vor der Fahrertür. Er wollte endlich losfahren, bevor es sich vielleicht noch eine der Frauen anders überlegt. Er fand die Idee seiner Frau geradezu genial, die Frauen aus der Nachbarschaft mit bei sich aufzunehmen. Mit dieser „Ladung“ glaubte er, unterwegs einigermaßen gegen die Wegnahme seines Fahrzeugs durch deutsche Feldjäger geschützt zu sein. Erst vor einem Jahr leistete er sich für nur dreihundert Reichsmark den Kauf des Lasters, um die wenigen noch geöffneten Läden und die drei Kasernen der Stadt mit Waren aller Art zu beliefern. Mit der Umrüstung vom Benzinbetrieb zum Holzvergaser hatte er das Richtige getan und schlug damit den Konkurrenten von der Nachbarstraße aus dem Rennen. Vor allem aus diesem Grunde durfte er das Fahrzeug behalten und musste es nicht wie sein zweites Lastauto, an die Wehrmacht abgeben. Eigentlich planten die Gruners, das Fuhrgeschäft durch ein drittes Auto zu erweitern, einen Fahrer einzustellen und so mit zwei Wagen und einem Reservefahrzeug, einen stabilen Fuhrbetrieb zu unterhalten. Jetzt jedoch ging es ihnen nur noch darum, wenigstens den kleinsten Lieferwagen behalten zu können und in Sicherheit zu bringen. Wenn es sein musste, auch ganz weit weg zu fahren, bis ans andere Ende der Frontlinie, möglichst hinter diese, egal wo das dann sein würde. Auch dort würden garantiert Fuhrunternehmer gebraucht werden. Die „Geschäfte“ mussten ja trotz Allem weitergehen! Keine der Frauen wusste seit Einbrechen der Dunkelheit mehr, wo sie sich gerade befanden. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die Stadt hinter sich zu bringen, suchte Gruner nach Schleichwegen. Er kannte sich aus und probierte es nun einfach, den Laster durchzubringen. Direkt aus der Innenstadt auf der Taschenstraße und der Neuen Sandstraße, dann auf der Drebnitzer Straße die Alte Oder zu überqueren, misslang. Die Steinhalden, die sich aus den zerbombten Häusern in die Breite ergossen, taten sich als unüberwindliche Hindernisse auf. So lenkte Gruner kurz vor dem immer noch unbeschadeten Dom das Auto in die entgegengesetzte Richtung um und landete wieder in der völlig unzerstörten Lohestraße, dem Ausgangsort der Fahrt. Er fuhr nun aber auf ihr in der anderen Richtung dem östlichen Stadtrand zu. Bald darauf konnte er beschleunigen und änderte kurz vor Schweidnitz die Richtung und hielt nun nach Westen. In weitem Bogen um die Stadt herum war schließlich doch das niederschlesische Liegnitz erreicht. Längst waren inzwischen die Frauen auf der Ladefläche verstummt. Als sie sich noch in der Stadt befanden, tauschten sie vielwortig ihre Ansichten aus. Nur für höchstens sechs Wochen würden sie hier das Feld räumen müssen. Dann ginge es wieder zurück, versicherten sie sich übereinstimmend gegenseitig. Sie hätten es im Rundfunk gehört. Im Vorbeifahren warfen sie jedoch bange Blicke auf die „Jahrhunderthalle“ und den Dom, innerlich unsicher, ob sie dies Alles jemals wiedersehen würden. Es glitten die vertrauten Läden vorüber, in denen sie fast täglich einkaufen gingen, in denen sie mit den Verkäufern über ihre Alltagsprobleme redeten, mit dem Schuster über den Sinn neuer Absätze verhandelten. An der Zahnarztpraxis fuhren sie vorbei, dachten an die Leute im Warteraum, in dem sie ausharrten, bis sie an die Reihe kamen und durch die gepolsterte Doppeltür in den Behandlungsraum eintreten durften und die Kinder oft von dem freundlichen jungen Arzt für umsonst, für ein herzliches Dankeschön, behandelt wurden. Als das Rathaus in Sicht kam, zeigte Irmgard auf den Eingang des Tanzlokals im Gebäude daneben. Sie verriet, wie sie dort ihren Mann kennen lernte. Hinter der jetzt weit offen stehenden Tür hatte er sie fest an die Wand gedrückt und so entschlossen das erste Mal geküsst, dass sie bald darauf vor dem Traualtar standen. Das lag nun fast acht Jahre zurück, stand aber noch lebhaft vor ihren Augen, als ob es erst gestern gewesen wäre. Deshalb musste sie es gerade jetzt den anderen Frauen erzählen. „Na, mit dem Aufzug heute wäre das wohl sicherlich nicht so gekommen“, scherzte die neben ihr sitzende Hannelore. Einen kurzen Moment lang hellten sich die Gesichter der Frauen unter ihren dicken Mützen und Wolltüchern auf. Erstaunt stellten sie fest, wie gern jede von ihnen, so oft es ging, dieses Lokal aufsuchten. Auch als ihre Männer schon an der Front waren. Der triste Kriegsalltag mit den Lasten zur Versorgung der Kinder, die sie alleine bewältigen mussten, war leidlich zu ertragen, wenn sie ab und zu das Tanzbein schwingen konnten. Mit wem spielte keine Rolle. Selten kam es zu harmlosen Techtelmechteln mit einem der übrig gebliebenen Studenten der Technischen Hochschule, die vom Kriegsdienst freigestellt, an der Entwicklung wichtiger Waffen forschten. Auskunft...



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