E-Book, Deutsch, 304 Seiten, eBook
Seierstad Der Buchhändler aus Kabul
1. Auflage, neue Ausgabe 2020
ISBN: 978-3-0369-9450-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Familiengeschichte
E-Book, Deutsch, 304 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9450-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als die Journalistin Åsne Seierstad von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben, ahnt sie nicht, was sie erwartet. Seit mehr als zwanzig Jahren trotzt Sultan Khan den Autoritäten – ob Kommunisten oder Taliban –, um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen. Er wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie seine Bücher auf offener Straße verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte. Dies ist das intime Porträt eines Mannes und seiner Familie – zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte – und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche.
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Es war eine Zeit der Hoffnung. Endlich sollte es Frieden geben. Die Sowjets waren abgezogen, die Taliban gestürzt, die Warlords verjagt, der Bürgerkrieg war vorbei. Endlich schallte das Wort »Freiheit« durch die Straßen. Die Menschen mussten sich nicht mehr vor der Religionspolizei fürchten, Männer wurden nicht mehr schikaniert, weil ihr Bart zu kurz war, oder Frauen, weil ihre Kleidung zu bunt war. Sie konnten ihr Joch abwerfen, zusammen mit der Burka und der Angst. Die Mädchen sollten wieder zur Schule gehen, lernen und Träume verwirklichen dürfen.
Im Frühjahr 2002 schuf die internationale Gemeinschaft die Grundlage für eine friedliche Zukunft – Afghanistan sollte wieder aufblühen. Damals schrieb ich dieses Buch, weil ich herausfinden wollte, wie das Leben dort wirklich war.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war bald klargeworden, dass die Vergeltungsschläge der USA sich auf das Bergland richten würden, wo Osama bin Laden sich versteckte. Ich hatte den Herbst mit Kommandanten der Nordallianz verbracht, in der Wüste an der tadschikischen Grenze, im Hindukusch, dem Pandschir-Tal und der Steppe nördlich von Kabul. Als Reporterin folgte ich der Offensive der Nordallianz gegen die Taliban in Richtung Süden. Ich schlief auf Steinböden, wohnte in Erdhütten an der Front und reiste auf Lastwagen, in Militärfahrzeugen, zu Pferd oder zu Fuß.
Mitte November 2001 stand ich auf dem Militärflugplatz Bagram, damals nicht mehr als eine löchrige Rollbahn und ein ausgebombter Tower. Doch er war die letzte Hürde vor der Einnahme Kabuls. Die Taliban waren so nah, dass ich sah, wie sie auf uns schossen. Hinter der Lehmwand eines Schuppens beobachtete ich die Schlacht, die die Nordallianz gewann. Am nächsten Morgen zogen wir nach Kabul weiter. Am Straßenrand lagen die Leichen der Taliban-Soldaten. Das Blut war kaum getrocknet, ihre Augen leer.
An einem der ersten Tage zwischen den ausgebombten Ruinen der afghanischen Hauptstadt kam ich an einem Haus vorbei, an dem ein großes Schild mit der Aufschrift Book Shop hing. Ich stutzte. Bücher? In Kabul? Ich ging hinein. Im Laden stand ein elegant gekleideter grauhaariger Mann. Nach vielen Wochen unter Soldaten, deren Gespräche sich um Waffen, Raketeneinschläge und militärische Vorstöße gedreht hatten, war es befreiend, wieder in Büchern zu blättern. Die Regale quollen über von Werken in vielen Sprachen: Gedichtsammlungen, afghanische Legenden, Geschichtsbücher, Romane und vieles mehr. Bei meinem ersten Besuch verließ ich das Geschäft mit sieben Büchern in der Tasche.
Ich kam oft wieder, wenn ich Zeit hatte, um in den Regalen zu stöbern und mehr mit dem Afghanen zu reden, der unter den wechselnden Herrschern seines Landes gelitten hatte.
»Zuerst haben die Kommunisten meine Bücher verbrannt, dann haben die Mudschaheddin meinen Laden geplündert, und dann haben die Taliban wieder meine Bücher verbrannt«, erzählte er.
Eines Tages lud er mich zum Abendessen ein. Seine Familie saß auf dem Boden um eine reich gedeckte Tafel: eine seiner Frauen, seine Söhne und Schwestern, sein Bruder, seine Mutter sowie einige Cousins. Shah Mohammad Rais erzählte Geschichten, seine Söhne lachten und machten Witze. Die Stimmung war ausgelassen, ein großer Kontrast zu den einfachen Mahlzeiten mit den Kommandanten in den Bergen. Aber mir fiel gleich auf, dass die Frauen sehr wenig sprachen. Die hübsche zweite Frau – noch ein Teenager – saß mit ihrem Baby bei der Tür und sagte kein Wort. Seine erste Frau war an diesem Abend nicht anwesend. Die anderen Frauen antworteten höflich auf Fragen, nahmen Lob für das Essen entgegen, begannen aber nie selbst ein Gespräch.
Als ich an diesem Abend heimging, sagte ich zu mir selbst: »Das ist Afghanistan. Es wäre interessant, ein Buch über diese Familie zu schreiben.«
Am Tag darauf suchte ich Herrn Rais in seinem Buchladen auf und erzählte ihm von meiner Idee.
»Vielen Dank«, sagte er nur.
»Aber das bedeutet, dass ich bei Ihnen wohnen müsste.«
»Willkommen.«
»Ich müsste die ganze Zeit bei Ihnen sein und leben wie Sie. Mit Ihnen, Ihren Frauen, Schwestern und Söhnen.«
»Willkommen«, wiederholte er.
An einem nebligen Tag im Februar zog ich bei der Familie ein. Alles, was ich dabeihatte, war mein Laptop, Notizblöcke, Stifte, ein Satellitentelefon und was ich am Leib trug. Alles andere war im Lauf meiner Reise verschwunden. Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen und fühlte mich wohl in den afghanischen Kleidern, die ich ausleihen durfte. Ich bekam eine Matte auf dem Boden neben Leila, deren Aufgabe es war, für mein Wohlergehen zu sorgen.
»Du bist mein kleines Baby«, sagte die Neunzehnjährige am ersten Abend zu mir. »Ich werde mich um dich kümmern«, versicherte sie. Jedes Mal, wenn ich aufstand, sprang sie ebenfalls auf, denn mir sollte jeder Wunsch erfüllt werden. Das hatte Shah seiner Familie befohlen. Dass er jedem, der dies nicht respektierte, mit Strafen gedroht hatte, erfuhr ich erst später.
Nach und nach wurde ich in das Leben der Familie eingeführt. Sie erzählten mir Dinge, wenn sie Lust dazu hatten, nicht, wenn ich sie fragte. Dies geschah selten, wenn ich den Notizblock bereit hatte, sondern eher beim Einkaufen auf dem Basar, im Bus oder spätabends auf der Matte. Die besten Antworten kamen von selbst, ohne dass ich es gewagt hätte, die Frage zu stellen.
Ich lebte das Leben der Familie. Ich wachte in der Morgendämmerung vom Schreien der Kinder und den Befehlen der Männer auf, dann stand ich vor dem Badezimmer Schlange. Ich lernte rasch, dass eine Tasse Wasser im Gesicht auch erfrischt. Den Rest des Tages verbrachte ich entweder daheim bei den Frauen, besuchte mit ihnen Verwandte oder den Basar, oder ich ging mit dem Buchhändler und seinen Söhnen ins Geschäft, in die Stadt oder auf Reisen. Am Abend aß ich gemeinsam mit der Familie und trank grünen Tee, bis es Zeit zum Schlafengehen war.
Ich war ein Gast, wurde aber schnell mit allem vertraut. Die Familie kümmerte sich gut um mich, alle waren großzügig und offen. Trotzdem war ich oft auch wütend auf sie. Es war immer dasselbe, das mich provozierte, nämlich wie die Frauen behandelt wurden. Die scheinbare Überlegenheit der Männer wurde von allen stillschweigend hingenommen. Bei Diskussionen schien es selbstverständlich, dass Frauen dümmer als Männer seien, dass sie weniger Hirnmasse hätten und nicht so klar wie Männer denken könnten.
Ich hingegen galt offenbar als eine Art Zwitterwesen. Als westliche Frau durfte ich sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern sitzen. Als Mann hätte ich das Leben der Familie nicht auf die gleiche Weise teilen können, besonders den Frauen von Shah wäre ich nie so nahegekommen. In der Welt der Männer war mein Geschlecht (oder mein Zwittertum) nie ein Hindernis. Wenn Frauen und Männer auf Festen getrennt waren, durfte ich mich als Einzige zwischen den Gruppen hin- und herbewegen.
Ich musste mich nicht an die strengen Kleidervorschriften halten, die in Afghanistan für Frauen gelten, und konnte mich frei bewegen. Dennoch trug ich oft eine Burka, ganz einfach, um meine Ruhe zu haben. Eine westliche Frau erregt in den Straßen von Kabul viel unerwünschte Aufmerksamkeit. Unter der Burka konnte ich beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Wenn wir gemeinsam das Haus verließen, hatte ich die anderen im Blick, ohne dass alle Augen auf mich gerichtet waren. Die Anonymität wurde zur Befreiung, es war mein einziger Rückzugsort, denn in Kabul gibt es kaum Orte, an denen man allein sein kann.
Außerdem erfuhr ich unter der Burka selbst, was es bedeutet, als Frau in Afghanistan zu leben. Wie es ist, sich in die drei hinteren, knallvollen Reihen zu quetschen, die für Frauen vorgesehen sind, obwohl der Bus nur halb voll ist. Im Kofferraum eines Taxis zu kauern, weil auf der Rückbank ein Mann sitzt. Sein erstes Burka-Kompliment von einem Mann auf der Straße zu bekommen. Wie ich die Burka immer mehr hasste. Wie sie auf den Kopf drückt und einem Kopfschmerzen bereitet, wie schlecht man durch das Stoffgitter sieht, wie wenig Luft man darunter bekommt, wie sehr man schwitzt und ständig aufpassen muss, wohin man tritt, weil man seine Füße nicht sieht. Wie viel Abfall sie vom Boden auffegt und wie schmutzig sie wird. Wie befreiend es war, sie abzulegen, wenn wir nach Hause kamen.
Manchmal trug ich sie auch zur eigenen Sicherheit, zum Beispiel, wenn ich mit dem Buchhändler auf der gefährlichen Straße nach Dschalalabad oder mit seinem Sohn nach Masar-e Scharif fuhr, wenn wir in einer schmutzigen Grenzstation übernachten mussten oder spätabends unterwegs waren.
Die Monate vergingen. Im Frühjahr 2002, als ich das Buch schrieb, herrschte großer Optimismus, die Verhältnisse im Land waren mehr oder weniger friedlich. Die Menschen schmiedeten Zukunftspläne, immer mehr Frauen ließen die Burka daheim hängen und nahmen eine Arbeit an, Flüchtlinge kehrten zurück.
Doch die neue Regierung schwankte wie zuvor zwischen Tradition und Moderne, zwischen Kriegsherren und lokalen Stammesoberhäuptern. Präsident Hamid Karzai versuchte, einen politischen Kurs in diesem Chaos abzustecken, doch er hatte weder eine Partei noch eine Armee auf seiner Seite – in einem Land voller verfeindeter, waffenstarrender Fraktionen. Viele richteten ihre Hoffnung auf die ausländischen Soldaten, die in den Straßen patrouillierten. »Ohne sie gibt es wieder Bürgerkrieg«, sagten die Leute.
Ich dachte damals, ich müsse mich mit dem Buch beeilen, weil alles sich verändern würde. Schon im...




