E-Book, Deutsch, 77 Seiten
ISBN: 978-3-95655-155-0
Verlag: EDITION digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maria Seidemann wurde 1944 auf einem Güterbahnhof in Engelsdorf bei Leipzig geboren, lebte vier Jahrzehnte in Potsdam und ist am 7. September 2010 verstorben. Sie war Historikerin und Archivarin, studierte außerdem am Leipziger Literaturinstitut und an der Potsdamer Filmhochschule. Seit 1974 arbeitete sie als freie Autorin und schrieb Romane, Erzählungen, Drehbücher, Hörspiele, Lyrik, Kinderbücher... Ihre Bücher geben besser über sie Auskunft, als diese mageren Zeilen. Auszeichnungen (Auswahl): 1982 Debütpreis des Schriftstellerverbandes der DDR 1986 Theodor-Fontane-Preis 1987 Alex-Wedding-Preis der Akademie der Künste 1988 Internationaler Hörspielpreis Terre des Hommes 1991 Buxtehuder Bulle 1998 Ehm-Welk-Literaturpreis 1992 Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung 1996 und 1999 Stipendium des Kultusministeriums Brandenburg 2002 Stipendium des Sächsischen Staatsministeriums
Autoren/Hrsg.
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Paul hört ihm nur mit einem halben Ohr zu. Er denkt daran, was ihn wohl dieses Mal hinter der Mauer im Mittelalter erwarten wird. Die Sonne hängt schon ziemlich tief über dem Horizont, aber ganz deutlich ist im Dämmerlicht das schwarze Doppelkreuz zu erkennen, mit dem der Mönch Eilif den Stein gekennzeichnet hat. Den Stein, der das Zeitloch öffnen kann. Zögernd streckt Paul die Hand aus und berührt die Mauer neben dem Zeichen. Genau wie beim ersten Mal gibt der Stein nach, als wäre er aus weichem Kuchenteig, und lässt einen schmalen Spalt sehen. Sofort umfasst von innen jemand Pauls Hand und zieht ihn durch das Zeitloch in die Burg. »Gisbert!«, schreit Paul. Plötzlich sieht er sich von Wachen umgeben, von Bewaffneten mit Lederkollern, Kettenhemden, Helmen, Spießen. Hände greifen nach seinen Schultern, seinen Armen, seinem Rucksack. Unruhiger Fackelschein erhellt das Turminnere. Paul erkennt das Gesicht von Ulf und die Mönchskutte von Bruder Eilif. »Herr Eilif, der fremde Knabe ist wieder da!«, ruft der alte Ulf. Da hört Paul Gisbert sagen: »Ach, Bruder Eilif, du lässt dich jetzt Herr nennen? Was sagt denn dazu mein Vater, Herzog Albin?« Paul atmet auf. Für einen Augenblick hat er befürchtet, Gisbert hätte ihn im Stich gelassen. »Begleitet mich sofort zu meinem Vater!«, befiehlt Gisbert. Der Mönch grinst. »Herzog Albin ist nicht hier. Bringt die Knaben in den Rittersaal!« »Du hast nicht über mich zu befehlen, Bruder Eilif«, sagt Gisbert ruhig. »Du sprichst mit dem künftigen Herrn dieser Burg, Gisbert dem Klarsichtigen.« Eilif lacht höhnisch und macht den Wachen ein Zeichen mit der Hand. »Niemand rührt mich an!«, ruft Gisbert. Er entreißt einem Bewaffneten den kurzen Wurfspieß, holt aus und zielt. Der Spieß saust zwischen den Köpfen der Männer hindurch und fährt mit splitterndem Krachen genau in die höchste Stelle des hölzernen Türbogens, der den Turm vom Wehrgang trennt. Verwundertes Gemurmel folgt auf diesen Wurf. Ulf sagt: »Gut getroffen, Knappe!« »Zufall«, behauptet Eilif. »Ein blindes Huhn findet auch manchmal ein Korn.« »Und niemand schimpft mich mehr Gisbert den Kurzsichtigen!«, sagt Gisbert drohend. Unschlüssig schauen die Wachen zwischen ihm und Bruder Eilif hin und her. Was hat das zu bedeuten, dass der Knappe Gisbert sich als den künftigen Burgherrn bezeichnet? Paul spürt, wie die fremden Hände ihn loslassen. »Hast du deinen Vater getroffen, Gisbert?«, vermutet schließlich der alte Ulf. »Hat Herzog Albin dir das gläserne Visier gegeben, das du im Gesicht trägst?« »Jawohl«, lügt Gisbert kaltblütig und mustert sie alle durch seine blitzende Brille. »Und jetzt will ich Herrin Ingeborg sprechen. Sofort!« »Wie du wünschst«, antwortet Ulf. »Allerdings solltest du dich etwas reinigen und die Kleidung wechseln, bevor du das Frauengemach betrittst.« Er geht den beiden Jungen voran, die enge steinerne Turmtreppe hinab. Eilif folgt ihnen hastig. Die eingeschüchterten Wachen bleiben bei dem Zeitloch zurück. Im Frauengemach brennt ein Kaminfeuer, und Öllampen erhellen den Raum. Auf den Bänken an der Wand sitzen Ingeborgs Mägde und spinnen. Während sie die Spindeln kreisen lassen und die Fäden zwischen ihren Fingern zwirbeln, singen sie ein eintöniges Lied, dessen Worte Paul nicht versteht. Ingeborg und die dicke Berta nähen an einem grauen Gewand. Auch das Kleid, das Ingeborg trägt, ist grau. Ihre schönen braunen Haare sind unter dem dunklen Witwenschleier verborgen. Höflich begrüßt Gisbert seine Herrin und ihre Tochter. Ingeborg zeigt deutlich, wie sehr sie sich über Gisberts Rückkehr freut. In ihre Freude bezieht sie auch Paul mit ein, denn sie hat nicht vergessen, dass Gisbert ohne seine beherzte Hilfe gar nicht mehr leben würde. Ingeborg schickt die Mägde hinaus, um ungestört mit Gisbert reden zu können. Sie fordert Berta auf, Brot und Wein für die Ankömmlinge bringen zu lassen. Wortlos, mit niedergeschlagenen Augen, verlässt Berta die Kemenate. »Setzt euch zu mir, ihr Jungmannen!«, sagt Ingeborg zu Gisbert und Paul. »Gisbert, sag an, wo bist du gewesen?« Gisbert erzählt von dem Besuch im Museum und davon, was er aus der Urkunde über seine Zukunft erfahren hat. »Diese Prophezeiung vernehme ich mit Wohlgefallen!«, ruft Ingeborg. Deutlich zeigt sie ihre Wut über Bruder Eilif, der vom Ehrgeiz fast aufgefressen wird. »Als mein Gemahl im Sterben lag, hat Eilif ihn so mit Beschreibungen der Hölle und des Fegefeuers geängstigt, dass Berko zugestimmt hat, unsere Tochter mit seinem gesamten Besitz ins Kloster gehen zu lassen. Was soll aus mir werden, als mittellose Witwe? Und du warst plötzlich verschwunden, Gisbert! Ich befürchtete schon einen Meuchelmord. Aber dann kam der Bote, der von der Ankunft deines Vaters kündete, und Eilif fürchtete des Herzogs Zorn, wenn er seinen Sohn nicht wiederfände. Eilif bezwang seine Furcht und ging durch das Zeitloch, um draußen die Nachricht anzubringen. Er dachte sogar daran, die Leiter, die vom äußeren Balkon zum Turmdach führt, hinter sich zu zerstören, damit niemand das Tuch mit der Aufschrift entfernen könnte. Wie schön, dass du unserem Ruf gefolgt bist, Gisbert! Jetzt wird alles gut! Ich werde mit Herzog Albin über die Prophezeiung sprechen und sein Einverständnis zu deiner Verlobung mit Berta erbitten.« Der Türvorhang wird beiseite geschlagen. Berta bringt ein Brett mit Brot und Weinbechern in die Kemenate. Mit beleidigter Miene wendet sie sich wieder zum Gehen, als Ingeborg ihr sagt, dass sie allein mit den beiden Jungmannen sprechen möchte.