E-Book, Deutsch, 246 Seiten
Seidel Der Sang der Sakije
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3606-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 246 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3606-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seidel verarbeitet in diesem Roman eine Reise nach Ägypten, die er 1914 tätigte.
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Gott danken wir,
Daß wie leben dürfen,
Ob wir Honig
Oder Zwiebeln essen,
Ob wir auf Steinen
Oder auf Seide schlafen!
Ein Gesang vibrierte durch die Glutstille des Frühlingsmittags. Das Weizenfeld stand schimmernd grün, starr, saftvoll und prangend; und darüberhin wehten die Rufe des Wiedehopfs, des helmgekrönten Vogels, der mit eitlem Zickzacktrippeln über die Wege rennt. Der Vogel stieß seinen kurzen, leidvollen Schrei aus: »Zeep, zeep«, rief er schrill; dann spreizte er das scheckige Gefieder und stürzte davon, knapp über die Halme: denn der Büffel war am Werk, und der Büffel brauchte ihn.
Ein Lied, so alt wie die Kindheit der Menschen, sang die Sakije, das Räderschöpfwerk aus rotem Akazienholz. Es drehte sich träge, es knarzte und weinte. Was ist die Trauer der Sakije? Sie trauert darüber, daß die Zeit sich nie erfüllen wird, da sie feiern kann; sie singt hoch und summend das Klagelied, das seinen Kehrreim an den Ufern des Stromes unendlich oft wiederholt; und sie seufzt, tief und voll, wie die Schwinge der schwarzen Hummel, oder die des Pillendrehers, der durch den abendlichen Staub der Straßen schwirrt. Und was sie singt, ist die Zeit – die unersättliche Zeit, die uns alle frißt: Gott ist groß! Gott ist sehr groß! Nichts Neues entsteht; und was man erntet, vergeht; Weizen wird Brot und Kleie, und Ful wird gemahlen ober wandert in den Schmortiegel, alles nach Gottes Willen!
Und dieselbe Melodie mit demselben leiernden Auf- und Abschwellen, derselben fremden Rhythmik singt der alte berberiner Bettler, der arm ist wie eine schmutzige Ratte und seine gleichwohl mit Silberringen geschmückte Hand aus dem Schatten einer Mauer streckt; dieselbe Melodie der Junge, der seinen trägen weißen Esel mit einem spitzen Zweig am Bauche stachelt, so daß er von Zeit zu Zeit gewaltig ausholt, er, der von fetten Fremden müdgerittene kleine Esel; dieselbe Melodie klingt nilaufwärts und -abwärts, über Wadi-Halfa bis dorthin, wo der Strom sich trennt; in der glänzenden Stadt Kairo, der Wohlverwahrten, und auf allen Mais- und Baumwollfeldern im Delta ... Sie ist immer dieselbe, und die Zungen haben sie von der Sakije gelernt. Der Sinn des Liedchens, was ist er? Gott tut, was Er will ... und was mich betrifft, so will ich, mit Seiner Erlaubnis, jetzt Saubohnen essen, Busa trinken, einen herrlichen Betrug bewerkstelligen oder schlafen; kurze Sätzchen sind es, kleine Pläne, die das stumpfe Gehirn in Unzahl hervorschwärmen läßt und die einander ähnlich sind wie die Sandfliegen seit Adams Zeit. Mit einemmal barst die Melodie mitten durch; und für das Ohr ward eine weitere Geräuschwelt aufgetan: die entfernterer Sakijen, die wie Kinderstimmen wimmerten und kaum sichtbar waren: ein melodisch klagendes Durcheinander feiner und tiefer Stimmen hinter einem breiten Schleier von Hitze. Nun regte sich ein staubiges Etwas, das auf dem schmalen Treibbalken geschlummert hatte. Es entwickelte sich aus seiner knäuelartigen Stellung heraus zu einer Art Mensch, wenn man ein hellbraunes Ferkel ohne einen Fetzen Lendentuch, mit schlammstarrenden Sohlen und verhornten Knien als Mensch bezeichnen will; dann endlich saß es rittlings auf dem Balken und beschäftigte sich damit, ganz wach zu werden. Der animalische Schlummer des Geschöpfes, das ganz ein Bestandteil der unentwegt kreisenden Sakije gewesen war, hatte Störung erlitten; die pflanzenhaft atmende Seele war grob herausgerissen worden vor die Forderungen des grellen Mittags und der Wirklichkeit ...
Der weibliche Büffel hatte die Tradition, im Kreise zu schreiten, durchbrochen und vorübergehend eine Pause gemacht, um mit klatschendem Geräusch seinen grünen Mist abzulagern. Nachdem er dies getan, vergaß er sich noch eine Weile und genoß diese regelwidrige Unterbrechung mit glasigen Augen und sacht wedelndem Schweif. Er war häßlich wie die Nacht, frisch aus den bildenden Händen des Teufels hervorgegangen, der vor Allah geschworen hatte, mit geschlossenen Augen etwas Schöneres als die Kuh zu erschaffen –: etwas Schöneres als die braune Kuh, das heitere und kluge Tier! Aber die Gamusah blieb ein Zerrbild, ein Kinderschreck aus Grauwackenstein; und diese hier war lange im Dienst. Ihr Bauch war prall und hart; das vom Prügeln enthaarte Leder glänzte speckig; träge Zecken saßen brütend in den breiten Rillen der Rippen; und von dem ganzen erbärmlichen, stumpfen Geschöpf strahlte ein Dunst von Jauche und eine hohe Tonwelle von tausend Fliegen aus. Ja, die Fliegen tummelten sich und hatten ihre Lust; sie überwirbelten sich in der Luft, liefen windschnell in alle Winkel und nippten dankbar und emsig mit ihren gierigen Rüsseln von jeder krätzigen Stelle; sie lagerten ihre Eier in dem Buschwald der plump fächelnden Ohren ab; sie saßen dick und glänzend an den Rändern der hellgrauen porösen Nüstern und bekränzten die dumm vorquellenden Augäpfel, kaum verscheuchbar durch die weichen Wimpern ... Erst jetzt, nachdem eine Kraft aus unbekannter Richtung her eine Gerte herunterschickte, erhoben sie sich wie eine Wolke; und auch der Wiedehopf strich zwischen den Beinen des Büffels davon.
Das, was jetzt auf dem Treibbalken aufrecht stand und die Gerte geschwungen hatte, stellte einen staubigen Jungen vor, einen Fellachenjungen von beiläufig neun Sommern. Er war nicht mager und nicht fett; er war hellbraun wie Nilschlamm und ein Kind des Ackers. Seine gespreizten Zehen krümmten sich um die Balkenkante, und mit dem einen Arm holte er mächtig aus, so mächtig, daß es schien, als müsse die Wucht des Schlages ihn selbst davonraffen, mitten in das fette Grün hinein. Doch blieb er stehen; und nach jedem Schlag, der auf den faulen Büffel prasselte, tat er einen kleinen elastischen Satz und zappelte mit den Schenkeln. Er tat es nicht schweigend, sondern kreischte dabei mit sehr heller Stimme eine langgedehnte Arie, in deren Verlauf der Büffel zum Schwein degradiert und der ehrliche Name seiner sämtlichen Vorfahren getilgt wurde. Während der Büffel sich wiederum in Bewegung setzte, flaute die Ansprache etwas ab und wurde zu einem schleppenden Gesang, zu einem Selbstgespräch, das der Knabe mit seinem zufriedenen, wunschlosen Herzen hielt. Er blickte auch nicht mehr das graue Laster an, das seinen Sklavengang weiterschritt, sondern begleitete mit endlos wiederholten Worten das wiedererwachte Lied der Sakije, tat es ihr gleich und übertrumpfte sie ... So hockte er in all dem Gequietsch und Gesumm auf seinem Hochsitz: das war seine Welt.
Wiewohl rechtschaffen braun, hatte er doch eine hellere Haut als seine Altersgenossen in den umliegenden Dörfern und in Luksor drüben auf der anderen Seite des Stromes. Er war haarlos und blank; geschmeidig wie eine Katze und so schuldlos, daß er dem hellen Tag und seinen vielen Augen ohne Skrupel seine Nacktheit zeigte; er turnte auf dem schmalen Balken, der kaum Platz für sein Rückgrat bot, elastisch umher, als sei er ein breites Pfühl. Mitunter lag er auf dem Bauch und sandte den Blick in die Tiefe des Brunnens hinab, wo die Toneimer mit glucksendem Geplätscher das brackige Wasser erfaßten, um damit an dem zerfaserten Bastseil emporzuklettern. Drunten war es kühl und schwarz. Zuweilen war er selbst herabgerutscht und hatte mit den Beinen in der Nässe gewühlt ... dann aber, von einem Schauder ergriffen, hatte er sich eilends wieder heraufgewunden, als habe der Afrîd ihn mit seinem lichtfeindlichen Blick gestreift, der erdfarbene Afrîd, der in jedem Brunnen seine Zuflucht sucht und zur Nachtzeit bei Sternenglanz wie ein unförmiger Klumpen auf der Achse des Rades hockt.
Und dein Gesicht, Daûd-ibn-Zabal, du kleiner harmloser Teufel? Es war rund; die Nase war sanft gebogen und der Mund, mit breiten, gummiartigen Lippen, stets ein wenig offen ... Die becherähnliche Unterlippe trat schlaff hervor, da die obere Lippe dadurch, daß er die Nüstern krauste, in die Höhe ging und schlohweiße Schneidezähne, wie ein kleines Blinklicht unverwüstlichen Appetits, entblößte. Eine senkrechte Falte teilte die wie poliert glänzende Kinderstirn, und ein sachter Faltenkranz stellte sich um die Augen, die hinter gebogenen Wimpern schwarz blitzten wie versteckte Schätze. Viele Fliegen von der kleinsten Art rannten in den Augengruben umher; und nur ab und zu wischte der schmale Handrücken sie gleichmütig fort. Diese verdrießliche Mimik zeigte Daûd, wenn sein Kopf in der Sonne lag ... Es ist dies die Maske aller Leute, die viel im Freien sind, und deren Gesichtsfeld eitel flammende Sonne ist. Mit frühen Jahren wird ein solches Gesicht alt, und die Falten ätzen sich ein, auch in schattiger Muße; es ist ein böses Ding um diese Falten; sie machen eine arbeitsmüde Fratze aus einem sorglosen Mund, einer ehemals glatten Stirn; sie kriechen auch unter das Kinn und zerreißen die Halshaut älterer Leute in rauhe Wampen wie die der Stiere: sie machen mißtrauische Mienen und verkehren offene Blicke in Ritzen, aus denen Hinterlist blitzt. Aber Daûd war noch sehr jung; und wenn er das Antlitz in den Schatten tat und schlummerte, so entspannten sich seine Züge und wurden weich und kindlich. Er schnob dabei in die eine Achselhöhle hinein, über der sein träger Kopf ruhte, und die Fransen seiner Wimpern bebten tiefschwarz auf dem Elfenbein seiner Wange. Das Amulett, das an der abgezirkelten Haarhecke über seiner Stirne hing, rührte sich leicht im Sommerwind.
Er lag jetzt wieder so zusammengekrümmt, daß seine eine Fußsohle in der Handfläche des freien Armes ruhte. – –
Die Sonne glitt langsam ihren absteigenden Pfad. Grillendurchschrillte Stunden,...




