Seidel | Der Gott im Treibhaus | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 195 Seiten

Seidel Der Gott im Treibhaus


1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-5275-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 195 Seiten

ISBN: 978-80-268-5275-9
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Der Gott im Treibhaus' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Willy Seidel (1887-1934) war ein deutscher Schriftsteller. Willy Seidels erzählerisches Werk hat mehrere Facetten: In seinen frühen Arbeiten war er als Schilderer ferner Länder ein typischer Vertreter des Exotismus; allerdings ging Seidel bald darüber hinaus und übte Kritik am Kolonialismus. Die Schilderung seines Amerika-Aufenthalts Der neue Daniel ist ausgesprochen amerikakritisch. Inhalt: Aus dem Buch: 'Diese Worte des Alten klangen so gelassen und ruhig, mit so selbstverständlicher Gebärde dahingesagt, daß Rupert den Aufschrei, der ihm in die Kehle stieg, unterdrückte. - Es war etwas wie eine hohe Unglaubwürdigkeit in dem Ausspruch, als ob er eigentlich symbolisch gemeint sei. - Zu dem Fest hatte sich der Alte geputzt. Er trug ein dunkelblaues Gewand wie das eines Mandarinen oder Priesters. Auch wenn er meinte, was er sagte, das fühlte man, so würde er fast unmerkbar in diesen Zustand hinüberwandeln, nur vom Rascheln seines Mantels begleitet; würde die Stufe leicht nehmen, mit Grazie ohne Erschöpfung. Denn sie führte ja hinauf und nicht hinunter. Dieser ganze Aufwand'

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Zweites Kapitel


Rupert Dux fühlte nicht, daß es drei Uhr nachts sei.

Die Glashalle des Cafés, von der Ausdehnung eines mäßigen Häuserblocks, wölbte sich, verschleiert von dunstgesättigter Luft, zu ferner Höhe, und die Beleuchtungen blinkten daran wie umnebelte Gestirne. Über dem gleichförmigen Meer von runden, weißen Marmortischen schwebte eine Schicht träg bewegter Köpfe, schwarzer oder blonder. Dazwischen gestreut blinkten die knappen, giftigroten Hüte der letzten Mode. Das ganze Panorama mutete an wie eine Pilzzucht, über die ein lauer Kellerwind strich; die Grenzen verdämmerten im grünen Marmor ferner Wände oder verwischten sich in kolossalen Spiegeln.

Rupert trank Kognak aus einem kelchförmigen Glas. Aus einem tuchbespannten Würfel, der vier gähnende Kupfertrichter entfaltete, drang kraft verschmitzter Lautverstärker atemlose Musik, die man von der »Weltzentrale für Unterhaltungskonzert« aussandte. – Dieselben Weisen tobten im gleichen Augenblick in allen europäischen Lokalen.

Rupert war, wie stets, auf der Jagd nach Menschen. Er saß reglos, nur seine Augen waren lebendig und huschten über die Profile. Zwar konnte er, nahm er sich als Mittelpunkt, nur den Radius von zehn Köpfen beherrschen, doch genügte dieser Überblick, um ihm die Augen zu schließen. Ein Zug des Ekels trat an seinen empfindlichen Mund. Gerade wollte er gewohnheitsgemäß mit gesenkten Lidern seinen herben Träumen nachhängen, die keinen Namen hatten, da nahm er eine Figur wahr, die ihn aufzublicken zwang. Er ermunterte sich nicht nur deshalb, weil sie auf seinen Tisch zuhielt, sondern auch weil sie von der Umgebung so gründlich verschieden war.

Der Mann blickte sich kaum um und setzte sich mit kurzem Kopfnicken an seinen Tisch. Dem erstaunten Kellner gab er ein Glas Milch in Auftrag. – »Wir haben aber nur Büchsensahne, mein Herr,« erklärte das mit breiter Messingnummer gekennzeichnete Geschöpf. – – »Also gut, diese, mit heißem Wasser.« –

Rupert sah sich seinen Nachbarn an. Er war ein blonder Hüne von gefälligen Proportionen. Er atmete Freiheit aus. Sein Anzug, seine Wäsche, seine Schuhe – alles zeigte bequeme Eleganz. Wie sich der Hals auf breiten Schultern drehte, die ihr Muskelspiel unter straffem englischem Stoff verrieten, – die Natürlichkeit, mit der ein Knie sich über das andere schlug, – die rotblond schimmernde, kräftige Faust, wie sie die Wange stützte, – alles, alles war Freiheit. – Rupert war so arm, innerlich arm, daß die spürbare Nähe des athletisch unbefangenen Nordländers, der seine Konservensahne da neben ihm schlürfte, ihn wie beklemmendes Phänomen berührte. – Mit plötzlicher Halsdrehung, als habe er seine stumme Empfindung körperlich verspürt, wandte der Fremde ihm das Gesicht zu. Hellblaue, verwegene, sehr kühle Augen. Seine Sprache verriet keinen Anflug des Erlernten, als er zu Rupert sprach: – »Ihnen brennen Fragen auf der Zunge.«

Die Kadenzen der Musik verwehten. Die blinkenden Kupfertrichter ergossen bloßes Geräusch, das mit dem Stimmengeschwirr der Tausende verschmolz. Diese Umwandlung vollzog sich, während der Anrede des Mannes, wie eine Erschlaffung des Gehörs bei Rupert, ebenso wie für sein Auge ein Schleier über die Köpfe zu huschen schien. Ihm war, als sei das Dasein eine Liftzelle, nur von ihm und seinem Nachbarn besetzt, und sie sinke ruckähnlich, verwirrend, ein weniges unter die Oberfläche der Dinge. So verblüfft war er.

Er stammelte ertappt: »Ja. Ich wundere mich, daß es überhaupt noch Menschen gibt. Daß man doch noch immer gelegentlich einen Menschen sieht, trotzdem man es fast aufgegeben hat.« Er hob die Hände, die von unsichtbarer Kette belastet schienen, zu den Schläfen; durch seine mageren Finger quoll verwahrlostes, dunkles Haar; seine tiefliegenden Augen glühten. Die feingeschnittene Nase zuckte, auf den etwas hervortretenden Wangenknochen entstand leise Röte, als schäme er sich fast, die persönliche Bemerkung des Nordländers mit einer ebensolchen erwidert zu haben.

»Sie würden,« fuhr der andere höflich fort – (mit der etwas schleppenden Akzentuierung der Bergvölker) – »auch jetzt noch, am Schluß des zwanzigsten Jahrhunderts, Menschen finden, wenn Sie . . .« – Vorübergehend verstummte er. Dann fuhr er fort: – »Ich meine, Ihr dumpfes Bedürfnis nach ›Anschluß‹ zeigt zum Beispiel, daß Sie ja selbst ein Mensch sind. Als ich kam, saßen Sie hier allein am Tisch. Sie sind der einzige, dem es gelungen war, allein zu bleiben. Das ist doch irgendwie kein Zufall. Ihre Isolierung ist nicht selbstgewählt. Sie ist symbolisch insofern, als Sie den Geist dieser Zeit negieren. Mit großer Heftigkeit negieren Sie ihn, stündlich, minütlich. So prallt das Gefühl der Masse von Ihrem Dunstkreis ab. Ihr Gemüt birst vor Ablehnung, Sie sind eine von Ekel geladene Batterie, und niemand will aus Versehen auf den Knopf drücken. Dies alles wissen Sie selbst nicht. Sie wundern sich; Sie suchen. Anpassen wollen Sie sich; aber Ihr Unterbewußtsein windet sich dabei wie ein leidendes Tier.«

Ruperts Hände fielen auf den Tisch zurück. Das Glas klirrte. Er starrte den Mann entgeistert an. »Reden Sie weiter . . . Sie reißen Türen auf . . .«

»Als ich hereinkam, blickte ich einmal über die Menge und hatte Sie sofort entdeckt. Es war, als ob alles weggewischt würde, und nur Sie blieben da.« Er blickte Rupert scharf an. »Wir sind einander verwandt. Ich kenne Ihre Merkmale, Ihr Freimaurerzeichen. Und Ihre Atmosphäre ist die meine – Ekel vor dieser Zeit. Magnetisch angezogen kam ich zu Ihnen, und las unter Ihrem Tagesbewußtsein die starken, gelähmt schlummernden Gedanken. Sie wissen ja selber nicht recht, wovor Ihnen eigentlich ekelt. Eine interessante Zeit, denken Sie. Der Völkerbund . . . Keine Kriege mehr seit siebzig Jahren. So oft dies übervölkerte Europa überläuft, öffnet es seine Ventile nach Sibirien und Kanada . . . Triumph über die Materie, in die kleinste Verzweigung des Lebens hinein. Demokratisch alles; kaufmännisch großzügig; weltumspannend . . .

Und trotz alledem gefällt Ihnen unsere Zeit nicht. Sie vermissen etwas, das die anderen hier längst, seit drei Generationen, nicht mehr vermissen . . . Alles in Ihnen schreit nach diesem Etwas. Kein Wunder . . . Denn Sie wissen –« – er beugte sich vor und starrte Rupert wieder an – »– wie schmählich benachteiligt die heutige Menschheit ist. Trotz saturierten Daseins. Trotz gefüllter Taschen. Trotz aller Friedenspolster und Genfer Klubräume.«

Die Musik, der drahtlose Puls einer soeben in Amerika entstandenen Trivialität, schmetterte zuckende Synkopen über die Menge. Rupert konnte die Stimme des anderen kaum verstehen, aber er las die Worte von dessen sacht bewegten Lippen unheimlich deutlich ab. Die Stimme schien von einem Klang gefärbt, der ihm neu war. Er war sehr bleich. Er hatte das Gefühl, er müsse den anderen zwingen, ihm noch mehr, immer mehr von dieser flüchtigen, neuartigen Herzbeklemmung zu schenken.

»Jeder Mensch hat noch seine unausgesprochenen Wünsche,« erwiderte er. »Ja – auch jetzt noch hat jeder Mensch seinen Teil Romantik irgendwo sitzen. Sie ist aber verkümmert wie das Gesicht des Grotten-Olms. Verlohnt sich die Suche?« – Seine Augen starrten wie erblindet in den Raum.

Der andere lächelte sehr gütig, wobei ein blauer Funken in seinem Blick zu erwachen schien. Seine Zähne blitzten. Dann fragte er: – »Nicht wahr, darüber ist wohl kein Wort zu verlieren?«

Rupert schwieg verwirrt. Dann meinte er: – »Gut. Nehmen Sie es für Literatur. Man ›sucht‹.«

»Was Sie da vorbringen,« verwies ihn der nordische Mann milde, »sind fadenscheinige, ins Blut vererbte Requisiten einer verlorenen Hoffnung. Blicken Sie sich um. Schmatzende Tiere, geistlos glotzend. Schädelformen in jeder verkommenen Bildung. Durch die Krücke für alles, die man Technik nennt, verwahrloste Körper. Lebensunfähige Figuren, denen die Allmutter Chemie zum Schattendasein verhalf. – Intelligenz? Nun ja: Verschmitztheit in Raumausnützung, Kleben an Millionen lächerlicher Behelfe. Auch Kellerasseln können das . . . Merken Sie nicht, daß dieser Plebs nur vegetiert? Diese Menschheit, die jede wahre Empfindung träge zerkaut, als Würze im Krippenfutter, und sie entwertet als Schale unter das Lotterpfühl speit? Schon der Atem dieser Menschen verpestet. Und Sie wollen mir weismachen, daß Sie an eine ›versteckte Romantik‹ glauben? – Sie steckt höchstens in Ihnen noch, wenn Sie wirklich diesen naiven Verdacht hegen!«

»Aber –,« keuchte Rupert, »Sie entvölkern ja Europa, statt zu helfen! Sie negieren ja dreimal heftiger als ich!«

»Ja, das tue ich!« fuhr der Nordländer empor und reckte sich, als wolle er Schwingen spreizen. Rupert mußte an seinen Vater denken, der gleichsam nur noch mit Stümpfen um sich zu schlagen vermocht. Dieser schien flügge und Kind noch freieren Horstes. – »Ja, ich negiere diese Zeit mit aller Wut und weil ich sie so hasse, haßt sie mich auch. Sehen Sie sich dies Gezücht hier an. Es läßt sich von falscher Musik peitschen, von falschen Schlagwörtern umherhetzen, von falschen Gefühlen lenken; Sklaven! Zerreißen könnten sie mich, die Schacher; einstampfen und abtun: aber ich tue ihnen nicht den Gefallen, den Propheten zu spielen. Ein Prophet muß ein Echo haben, aber so ist es als spräche man große Worte in eine Kloake hinein. Der Unterschied ist nur bei diesem gegenseitigen Haß, daß ich frei bin und sie unfrei....



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