E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Seidel Der Gott im Treibhaus
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3608-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3608-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman von Übermorgen. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.
Autoren/Hrsg.
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Der Alte schien gerade einen längeren Satz zu beenden, denn an Ruperts Ohr dröhnten noch die Worte: – ». . . und davon kann natürlich unter keinen Umständen die Rede sein!!«
»Du bist ein Egoist, Ole.«
Man hörte den schweren Schritt des Alten in erregtem Rhythmus das Zimmer durchqueren. Rupert dachte einen Herzschlag lang, er komme auf die Tür zu, und mit einem schnellen Sprung brachte er sich auf dem Treppenabsatz in Sicherheit. Die erste Stufe quietschte auf, in die plötzlich einfallende Stille hinein. Er hielt schon alles für verloren, doch da nichts weiter geschah, stahl er sich wieder heran.
»So,« machte auf einmal die Stimme des Alten. »Ich bin also ein Egoist. So sehen Egoisten aus. Mein Lebenswerk ist ja ausschließlich für mich, wie? All diese Summe von Arbeit dort, an der haben wohl nur ich und ein paar belanglose Käuze unser Privatgefallen? – Oh, Verbena, wie bist Du blind.«
»Ja, dann komm doch einmal damit zum Vorschein und breite es der Masse hin. Soll ich denn nie erleben, daß Dein Name auf allen Gassen erklingt? Daß das große Menschenwürdige wieder einzieht in das Dasein dieser unsauberen Vielzuvielen da draußen?«
Der Professor gab ein kleines meckerndes Gelächter von sich. – »Du bist kaum zur Welt gekommen, Du gutes Kind, und fürchtest, etwas ›nicht mehr zu erleben‹. Beruhige Dich, Du wirst es erleben.«
»Wann aber, wann!!« rief sie klagend. »Wenn ich verbraucht bin.«
»Du verbraucht? Habe ich mich verbraucht? Ist nicht die doppelte Zeitspanne Deines Lebens mir wie gestern? Ich bin jetzt siebzig, aber sieht man mir das an? Wo habe ich ein graues Haar? Wie kannst Du in all Deiner aufkeimenden Lebenskraft eine solche Närrin sein, das Wort ›verbraucht‹ in den Mund zu nehmen? Was weißt Du von ›verbraucht‹? Was weiß Er davon?«
»Nein . . . Er . . . Du hast Recht.«
»Kann Er's abwarten?« schnaubte der Professor.
»Er kann es.«
»Kannst Du es also abwarten? Und wenn Er nicht älter wird, wirst Du deshalb älter?«
»Nein.« – Eine Pause entstand. – Dieses Frage- und Antwortspiel peinigte Rupert als ein Ausdruck des großen brennenden Rätsels, das er überall in diesem Hause spürte. – Auf einmal hob sich Verbenas Stimme wiederum. Sie klang wie ein wundervoller Strich auf einer Cellosaite, der bis zum Ende des Satzes sanft auf- und abschwellend durchgehalten ward. – »Aber der Neue, Ole, der kann es nicht abwarten. Sieh einmal, der Arme ist ja doch mit all dem Schmutz von draußen aufgewachsen. Er verbraucht sich mit jedem Blick, jeder Bewegung, jedem Gedanken und wer weiß, wie lange das Öllämpchen noch flackert. Es brennt rasch, verlischt einmal vor all zu vielem Ruß und darin bist Du ein ganz gewaltiger Egoist, daß Du mit diesem Lämpchen nicht haushälterisch umgehst, sondern es für Deine ideenschwangeren Nächte verbrauchen willst. Du saugst es nur aus, Ole. Du läßt Dir von diesem dort Deine Werkstatt beleuchten, so lang es eben geht, und dadurch bleibst Du jung. Ich bin hinter Deine Schliche gekommen. Du nimmst Dir die Menschen her, wie jemand, der sich Lampen vom Sims herunterlangt und solang sie lustig prasseln und brennen, behagt es Dir. Du sparst dadurch an Deinem Räubergehirn. Du mußt nicht immer nur nehmen und nehmen. Du hast allzuviel errafft und blühst dabei rosig in ungebrochener Kraft. Aber unser neuer Gast ist mir zu gut dafür. Gib ihn mir wenigstens zur Hälfte.«
Es schien dem lauschenden Rupert, als wandle hinter dem Schlüsselloch ein Schimmer von Grün vorüber. War das jenes Grün, das, nach den Worten des sterbenden Vaters, dereinst aus einer Türritze schimmern sollte? – Oder war es nur der Widerschein ihres Kleides? Ihre Rede war kaum beendet, als der Alte ein abgrundtiefes Ächzen ausstieß. Es war jedoch nicht das Ächzen eines Sisyphus, der eine gewaltige Arbeit am Ende seinen Händen wieder unaufhaltsam entgleiten fühlt, sondern das eines Atlas', der allzuviel auf seine Schultern genommen und nun diese Last ins richtige Gleichgewicht zu schütteln sich müht.
»Von allen Ansprüchen, die auf mich einstürmen,« erfolgte hierauf seine heisere Stimme, »ist der heutige mir ein besonders schmerzlicher. Woher hast Du diese Ausdrücke und Worte, mein Kind. Du rückst auf mich los, verbissen in trotziger Weiblichkeit, und machst mir meine Lebensbedürfnisse streitig. Habe ich Dir je etwas vorenthalten? Was gehen Dich die Männer an, die Du mir bringst? Und Du unterliegst einer riesigen Täuschung.«
»Unmöglich,« schrie sie auf, »diesmal täusche ich mich nicht.«
»Ja, einer ganz unverantwortlichen Selbsttäuschung unterliegst Du hilflos. Das tust Du; das tust Du. – Setze Dich.« – Man hörte das Knirschen eines Sessels. – »Bleibe ruhig sitzen und blicke mir ins Auge. – So. – Schärfer. – – Sprich, hast Du Dich getäuscht?« – Der Sessel knirschte zwei-, dreimal; – dann kam die geschwächte Stimme Verbenas wie ein Hauch:
»Ja, Ole.«
»Gut, stehe auf.« – Man hörte ein leises Rascheln. Eine Minute verrann, dann sagte er: – »Du bist nun ganz wach, wie?«
Die erstaunte Antwort kam, wie aus weiter Ferne: »Ich war nie wacher als jetzt.«
»Also, wir sprachen davon, daß Du Dir einbildest, Du könntest mir in dieses Werk pfuschen.«
»Bist Du verrückt?«
»Wir sprachen davon, daß Du diesen Rupert Dux für Dich beanspruchst?«
»Ich? Diesen harmlosen jungen Menschen? Oh nein, Ole, nie und nimmer, er ist mir nicht gesund genug. Weder sein Geist, noch sein Körper sind mir gesund genug.«
»Das wollte ich hören,« erwiderte der Alte mit einer gewissen satten Befriedigung in der Stimme.
»Aber Ole, habe ich denn jemals etwas anderes gesagt?«
»Nein, nein, aber Du machtest Ausflüchte. Vermutlich schämst Du Dich. Ist das so?«
»Vor wem denn? Vor mir selber?« – Ihre Stimme klang ratlos und hoch wie die eines Kindes.
»Auch. Aber in der Hauptsache vor Unserm Freund.«
»Vor Unserem Freund« wiederholte sie monoton.
»Du wirst hinübergehen und Ihn um Rat fragen. – Er wird Dir sagen: ›Ich bin rein, Du bist rein, und dies ist unsere grüne Zweisamkeit‹.« – Ihr Atem schien heftig zu gehen. – »Was wird Er Dir sagen?« wiederholte der Alte scharf, fast drohend.
»Ich bin rein . . .« wiederholte sie stockend, mit einer Betonung, wie wenn ein verschlafener Vogel zirpt, »Du bist rein, und dies ist . . .«
»Nun?«
». . . unsere grüne Zweisamkeit.« – Eine Stille folgte. – Dies seltsame Gespräch, das Rupert Wort für Wort in sich sog, erschütterte ihn wie Fremdes, gewaltsam Überrumpelndes, und zugleich magisch Spannendes. – Er konnte sich von nichts, was er hörte, einen klaren Begriff machen, doch das begriff er, hier ging etwas Unerhörtes vor . . . Ein Geheimnis blühte in diesem Hause, das er um jeden Preis enträtseln mußte. – Er fühlte sich als Eindringling in diese Sphäre, die ihm mit vielen Masken entgegenstarrte. Dies ganze Haus war wie eine Kulisse; – dieser vom Lärm verschonte Fleck mitten ins tobende Leben hineingestreut, wie der Zirkel eines Adepten; – dieses Treibhaus da hinten im Garten, das er entdeckt, und dieses seltsame wie in Runen verklingende Gespräch!
Irgend etwas geschah hier mit dem Mädchen, ob es zu ihrem Heil war oder zu ihrem Schaden, war ihm noch völlig unklar. Offenbar war er selbst das Objekt, das, in den Strudel zweier Interessen geraten, hin und her geschleudert ward von zweien sich entgegenstehenden Kräften. Wiederum war der Begriff »Unser Freund« aufgetaucht und hatte ihn tief verwirrt. – Wer war dieser rätselhafte Dritte? Wer war diese Macht, an die sie beide appellierten, die sein Widersacher war, die ihm entgegenarbeitete, die das Mädchen nicht zur völligen Hingabe ihrer Seele an ihn gelangen ließ? – Hier war der Kern der ganzen dunklen Angelegenheit, er mußte ihn herausschälen oder darüber zu Grunde gehen, denn er begriff, hier war nicht nur Verbena für ihn im Spiel, sondern auch er selbst. Nur durch die Bekanntschaft des Dritten gewappnet, konnte er es wagen, dem Alten wirksam entgegenzutreten.
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