E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Reihe: Die dritte Generation
Seemann Passt auf sie auf!
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-6524-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die dritte Generation
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Reihe: Die dritte Generation
ISBN: 978-3-7407-6524-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die österreichische Autorin, Ingrid Seemann ist glücklich verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und Lesen von Romanen und Sport. Wenn Sie nicht gerade vor Ihrem Laptop sitzt, oder ein Buch liest, ist Sie entweder mit Ihren Nordic Walking Stöcke unterwegs, oder im Fitness Studio unterwegs. Ingrid Seemann schreibt leidenschaftlich gerne über Erotik. Dieses Mal hat Sie es ohne versucht, was Ihr sehr schwer gefallen ist. Da, Ihrer Meinung nach, die Liebe die Würze des Lebens ist.
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Hänsel und Gretel
Heute ist es soweit. Die Koffer der Geschwister sind gepackt und im Auto verstaut. Aleksej schaut zu seiner Schwester. Sie nimmt diese Fahrt als Ausflug wahr. Sie hat den Aufenthalt bei Tante Olga schon lange aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Sie summt gut gelaunt vor sich hin. „Wir machen einen Ausflug. Wer weiß wohin…? La…la…la…“, trällert sie leise.
Nikita Kaminov sieht fragend zu ihrem Sohn auf die Rückbank. Er schüttelt auf ihre stumme Frage hin, den Kopf. Nein, er hat sich nicht mehr die Mühe gemacht und Ana eingeweiht. Die Eltern sehen sich stillschweigend, fragend an.
Ob das gut geht...
Das Haus der Tante Olga steht wirklich in der Pampa! Kein anderes Haus ist weit und breit zu sehen. Die Gegend ist trostlos. Aleksej kennt das noch vom letzten Mal. Er und Ana sind noch klein gewesen und ihre Tante ist ihnen furchterregend erschienen. Aber jetzt sind sie größer.
Vielleicht wird es nicht mehr so schlimm…
Die Eltern haben sie in der Nähe des Hauses von Tante Olga abgesetzt und sind gleich wieder weggefahren. Aleksej fühlt sich wie aus dem Märchen Hänsel und Gretel. Anastassja Augen sind mit Tränen gefüllt, die bald als dicke Kullertropfen hervorbrechen werden. Ihre Eltern haben ihre Kinder einfach auf dem Weg stehen gelassen und sich nicht richtig von ihnen verabschiedet! Sie haben einen dringenden Termin, entschuldigen sie sich überstürzt. Sie haben ein schlechtes Gewissen.
Das Mädchen ist still in sich gekehrt und sagt kein Wort mehr. Sie hat sich fest in Aleksejs Hand gekrallt und lässt seither nicht mehr locker.
Sie ist verwirrt und hat Angst…
Betont langsam gehen sie zum Haus. Der schmale, fest getretene Pfad wird von hochgewachsenen Tannenbäumen gesäumt. Aleksej schwitzt. Seine Muskulatur ist für einen Fünfzehnjährigen noch nicht kräftig genug, als dass er das schwere Gepäck, in der einen Hand und das Mädchen, das sich schwer an die andere Hand hängt, bewältigen kann. Aber er beißt die Zähne zusammen und sie erreichen irgendwann das Haus.
Es ist alles andere als ein Lebkuchenhaus. Es sieht sehr alt und verwittert aus. Ziegel fehlen auf dem Dach. Der Putz an den Wänden blättert ab. Die Fensterläden hängen gerade so an den Fenstern. Da ist schon lange nichts mehr gemacht worden!
Eine alte gebeugte Frau, auf einem Stock gestützt, kommt ihnen entgegen. „Hallo Tante Olga! Mama und Papa haben einen Termin. Sie sind gleich weitergefahren!“, versucht Aleksej die Situation zu erklären.
Tante Olga sieht die beiden Kinder schweigend an. Sie spürt, dass sie Angst haben und lächelt, was keine gute Idee ist. Denn sie hat große Zahnlücken. Die restlichen Zähne sehen auch verfault aus. Außerdem steht sie mit bunten Lumpen und ungekämmten langen, grauen und verfilzten Haaren vor ihnen – wie die Hexe aus dem Märchenbuch!
Aleksej zieht seine Schwester schützend hinter sich. Die Hexe ist ihm nicht geheuer. „Was ist los mit euch? Steht nicht so herum! Kommt rein in die gute Stube!“ Olga dreht sich um und humpelt voran. Aleksej stakst vorsichtig mit Anastassja hinter ihr her. Argwöhnisch betreten sie das Häuschen.
Er sieht sich um. Welches Durcheinander! Alte Möbel - bunt durcheinander gewürfelt, als wären sie vom Flohmarkt erstanden - uralt und kaputt wie Olga selbst.
„Macht es euch gemütlich!“, zwitschert sie. „Ihr habt sicher Hunger. Ich habe schon gekocht. Setzt euch!“ Sie rührt in dem Kessel, über der offenen Feuerstelle, um und schöpft den Kindern je einen Löffel voll von der undefinierbaren Brühe auf ihre Teller.
„Mahlzeit! Lasst es euch schmecken!“ Tante Olga nimmt einen Bissen zu sich, um zu zeigen, dass es essbar ist und deutet die Kinder, es auch zu probieren. Zumindest riecht es gut. Vorsichtig kostet Aleksej.
Es schmeckt sogar sehr gut! „Wirklich gut Tante Olga! Anastassja, iss!“, fordert er sie auf. Sie lässt ihn endlich los und macht es ihm nach. Die Teller sind bald leer und werden wohlwollend nachgefüllt. Gesättigt und froh, dass es bis jetzt nicht so schlimm bei Tante Olga ist, lehnen sie sich zurück und warten ab.
Tante Olga redet die ganze Zeit, ohne eine Antwort zu erwarten. Irgendwann werden sie auftauen, denkt sie sich. „Anastassja ich habe junge Kätzchen. Willst du sie sehen? Sie sind hinten im Schuppen!“ Anastassja nickt und springt auf. Der Sessel fällt scheppernd auf den Boden.
„Ts…ts…nicht so stürmisch! Der Sessel muss noch eine Weile halten!“, meint sie kopfschüttelnd. Sofort ist Anastassja wieder auf Tauchstation hinter Aleksej. Sie hat Angst. Die Tante ist ihr nicht geheuer.
„Kommt!“, fordert die alte Frau sie auf und geht Gicht geplagt voraus. Aleksej folgt ihr, mit Anastassja an der Hand und mit etwas Abstand zur Tante, zum Schuppen.
Als seine Schwester die kleinen Kätzchen sieht, reißt sie sich endgültig von ihrem Bruder los und kniet sich entzückt vor den niedlichen Tieren nieder. Hingerissen von den flauschigen Wollknäueln, sieht sie hingerissen zu Aleksej auf. „Schau! Aleksej! Sind die nicht süß?“ Ich möchte auch so ein Kätzchen!“ Sie hält ein weiß-schwarzes Tier in die Höhe und fängt an, mit dem Tierchen zu schmusen. Sie blendet ihre Umgebung komplett aus.
Aleksej schmunzelt. Die Kätzchen werden den Aufenthalt bei Tante Olga retten. „Gefallen sie dir? Du kannst sie versorgen, derweil ihr hier seid. Sie haben ihre Mutter bei der Geburt verloren und müssen gefüttert werden. Wenn du willst, zeig ich dir wie es geht.“ Tante Olga weiß, dass diese Aufgabe dem Mädchen gefallen wird. Anastassja nickt begeistert. Sie will die kleinen Lebewesen gar nicht mehr verlassen und setzt sich ganz nah an den Korb und streichelt eins nach dem anderen. Vergessen ist der Kummer wegen der Eltern. Vergessen die Angst vor ihrer Tante.
Olga wendet sich Aleksej zu: „Für dich habe ich auch eine Aufgabe. Ich habe hinter dem Haus einen Haufen Holz. Es muss gestapelt werden. Glaubst du, dass du das hin bekommst?“ Aleksej nickt. Klar. Er ist stark. Olga begleitet ihn zu dem wilden Holzhaufen auf der hinteren Seite des Hauses.
Zuerst muss er schlucken. Da liegen ja sehr viele Scheite herum! Er steht vor einem überdimensional hohen Holzberg. Olga zeigt ihm, wie sie es sich vorstellt und meint: „Na ja, es schaut sehr viel aus. Aber fang erst einmal an. Es ist nicht so wichtig, wenn du nicht fertig wirst. Aber ich bin froh, wenn ich nicht mehr alles alleine machen muss. Ich bin schon alt und die Gicht tun schon sauber weh!“, klagt sie und hält sich ächzend die Hand auf das Kreuz und versucht sich aufzurichten, was ihr nicht ganz gelingt.
„Tante Olga! Schau! Die Kätzchen klettern auf mir herum!“ Anastassja liegt im Gras und lacht. Die Kätzchen liegen auf ihr und neben ihr. Ein seidenweiches Schwänzchen schlägt ihr ins Gesicht. Anastassja fühlt sich glücklich. Olga gackert mit.
Aleksej hat seine Schwester, seit ihrer Ankunft, vor ein paar Tagen, immer wieder beobachtet. Seit sie hier sind, ist sie ausgeglichener, als zu Hause. Die Tante ist toll. Sie hat immer für sie Zeit. Sie zeigt ihnen alles. Sie erklärt ihnen alles und sie sagt nie, dass sie zu jung für etwas sind. Er versteht gar nicht mehr, warum sie sich vor ihr gefürchtet haben. Er seufzt. Am liebsten würde er für immer mit Ana hier bleiben. Eine Woche bleibt ihnen noch. Dann müssen sie wieder nach Hause und dann in die neue Schule. Ihm graut davor, seiner Schwester klar zu machen, dass sie nach den großen Ferien in ein Internat ziehen müssen.
„Fleißig! Fleißig Aleksej! Wenn du so weitermachst, habe ich nichts mehr zu tun. Komm! Du hast dir ein kräftiges Abendessen verdient!“ Mit Anastassja an der Hand, geht Olga in die gute Stube voran. Aleksej folgt ihnen. Die körperliche Arbeit und die frische Luft tun ihm gut. Seine Muskeln sind erstarkt und sein T-Shirt spannt über den trainierten Armmuskeln. Anfangs hat er über unerträglichen Muskelkater geklagt. Aber jetzt fühlt er sich stark und frei.
Frei…? Ja, frei…! Er lacht einfach so...
Immer hat er einen riesigen und nachvollziehbaren Heißhunger und langt kräftig zu. Auch seine Schwester isst mit Appetit. Ihre Wangen haben eine gesunde Farbe. Ihr blasser, ungesunder Teint ist weg. Ihr Gesicht spiegelt Zufriedenheit wieder. Die Versorgung der jungen Tiere macht ihr Spaß. Sie nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Er kennt seine Schwester so nicht. Ihre Aufmerksamkeit war in der Vergangenheit sehr beschränkt. Aber hier? Sie ist wie ausgewechselt.
„Schmeckt es dir?“, fragt Olga. Der Junge nickt mit vollem Mund. „Deine Schwester hat mir geholfen!“ „Ja, Olga hat mich das Gemüse schneiden lassen. Das war toll! Dann habe ich den Teig für das Brot geknetet! So etwas habe ich noch nie gemacht! Zu Hause probiere ich das auch! Es gefällt mir! Olga wird mir die Anleitung diktieren.“ Anastassja hat Gefallen an ihren neu entdeckten Kochkünsten gefunden.
Sie lacht immer öfter...
Aleksej freut sich für sie. Seit sie hier sind, kann er durchatmen. Er muss sich nicht um sie kümmern, wenn sie wieder ihre Anfälle hat. Sie hat hier keine. Er merkt selbst, dass es ihm hier gefällt. Olga hat zwar immer wieder schweißtreibende Arbeit für ihn. Aber es macht ihm nichts mehr aus.
„Anastassja! Heute müssen wir die Betten wechseln! Machst du das? Wir müssen auch die Wäsche waschen. Du hilfst mir heute. Du weißt ja, meine Glieder tun schrecklich weh!“ Immer wieder schiebt Olga ihr Gebrechen vor. Aleksej glaubt ihr nicht mehr. Aber solange Anastassja glücklich ist, ist er zufrieden. „Natürlich, ich fang schon an!“ Das junge Mädchen springt hilfsbereit auf und eilt in das Schlafzimmer, das sie sich mit ihrem...




