Buch, Deutsch, 304 Seiten, PB, Format (B × H): 140 mm x 210 mm, Gewicht: 334 g
Politische und kulturelle Dissidenz von 68 bis zum Scheitern der DDR
Buch, Deutsch, 304 Seiten, PB, Format (B × H): 140 mm x 210 mm, Gewicht: 334 g
ISBN: 978-3-89771-530-1
Verlag: Unrast Verlag
Der Band analysiert Dissidenz in der DDR, beginnend mit den Protesten gegen den Einmarsch in Prag 1968, über die Punkbewegung in den 1980er Jahren bis hin zu rebellischen Aktivitäten von Betriebsbelegschaften im Herbst 1989. Der Band entwirft einen Spannungsbogen der DDR-Realität, der der heutigen Linken weitgehend unbekannt ist. Dieser reicht vom DDR-Punk als ›großartigem Experimentierfeld‹ bis zur Biogra?en zerstörenden Stasi-Methode der Zersetzung, vom „anders sein“ als Abwehr DDR-spezi?schen Stumpfsinns industriegesellschaftlicher Arbeit bis zu kaum bekannten Migrationserfahrungen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I. Einführung
Ohne Angst verschieden sein (Anne Seeck)
Alltag und Repression in der DDR (Anne Seeck)
II. Politische Dissidenz
Proteste der DDR-Bevölkerung im Jahre 1968 (Bernd Gehrke)
Die Opposition in der DDR während der 80er Jahre (Thomas Klein)
Geschichte und Vielfalt der Ausreisebewegung (Bernd Eisenfeld)
Motive für eine Antragstellungauf Ausreise in den Westen (Renate Hürtgen)
Zerstörte Biografie. Die Zersetzung politischer Gegner in der DDR (Sandra Pingel-Schliemann)
Eine politische Biographie in Ost und West (Interview mit Reinhard Schult)
III. Kulturelle Dissidenz
Subkultur und Jugendopposition in der DDR (Anne Seeck)
Zur politischen Transformation jugendkultureller Stile in der DDR (Michael Rauhut)
Die Bluesmessen von 1979-86 (Dirk Moldt)
Tanz den Kommunismus. Modesubkultur in Ostberlin (Henryk Gericke)
Punks in der DDR (Interview mit Henryk Gericke)
Die Prenzlauer Berg Connection: Die machen alle weiter (Interview mit Bert Papenfuß)
Eine zerbrochene Biografie (Interview mit Peter)
IV. Eigensinn in der Arbeitswelt
"Asoziale" und das Ende der DDR (Sven Korzilius)
Selbstbestimmte Erwerbsbiographien in der DDR (Dirk Moldt)
Die demokratische vRevolution in der DDR und die Rolle der Betriebsbelegschaften(Renate Hürtgen/ Bernd Gehrke)
V. Migrationserfahrungenund Erinnerungen
Vo Leben und Arbeit der vietnamesischen VertragsarbeiterInnen (Uta Beth)
Vor und nach dem Mauerfall: Mosambikanische Vertragsarbeiter erzählen
Über die Entstehung des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche (Dirk Moldt)
Abkürzungen und Glossar
Biografien der Autor_innen und Interviewpartner
Punks in der DDR
Ein Interview mit Henryk Gericke (Autor des Filmes „too much future“)
Wann begann es mit der Punkbewegung in der DDR?
Na ja, schlecht zu sagen, wann es konkret begann. „Bewegung“ ist schwer zu sagen. Es waren nur ganz wenige. Die Legende besagt, dass die ersten Punks in Ostberlin so ´79 gesichtet wurden. Es war klar, dass es zeitversetzt zum Westen lief. Punks gesehen auf der Straße hat man so 1980.
Wogegen lehnten sich die Punks auf?
Ich will gar nicht sagen, dass man sich aufgelehnt hat. Man hat sich neu erfinden wollen. Es war Lust darauf, sich selbst von der Leine zu lassen, aus den ganzen DDR-Schemata auszubrechen. Aber das war am Anfang gar nicht mit einem konkreten politischen Inhalt gepaart. Wir waren 14, 15 Jahre, da denkt man noch nicht wirklich politisch. Da interessiert man sich für Popmusik, Rock, alles was die Alten nicht machen. Politisiert wurden wir dadurch, dass wir kriminalisiert wurden. Zum Anfang dachten die, wir wären aus dem Westen, weil die das aus Ostberlin gar nicht kannten.
Aber gegen irgendwas aufgelehnt habt ihr euch doch auch!
Gegen die Totalität des Staates, in dem wir leben mussten. Deshalb auch der Titel "Too much Future". Nicht wie im Westen mit zuwenig Zukunft konfrontiert zu sein. Mit 14 war klar, wie das Leben aussehen wird. Eigentlich schon von der Geburt an. Spätestens als man sich zur Lehre bewerben musste war klar, dass man 30, 40 Jahre an derselben Werkbank oder im selben Büro verbringt. Vorher zur NVA geht. Dass man in der FDJ ist, vorher die Pionierlaufbahn durchmacht. Und mit 65 wahrscheinlich zum ersten Mal zum Beispiel nach Irland fahren kann, wenn man sich für so`n Land interessiert. Da entsteht eine Riesenangst, gerade bei diesen vielen gerühmten sozialen Errungenschaften. Die haben die meiste Angst bereitet, die waren ein Totschlagargument.
Was war die DDR-Spezifik des Ostpunks?
Am Anfang ist es gelaufen wie im Westen. Da ging es darum, sich zu inszenieren, als andere Jugendliche. Man wollte in der DDR flüchtig sein, man wollte nicht mehr zu diesem peinlichen System zählen. Dafür hat man äußeren Ausdruck gesucht, Punk war da natürlich das Gebot der Stunde. Sich abzusetzen von dieser beschissenen Jugendmode, diesem traurigen DDR-Style. Spezifisch war, dass man ausscheren wollte aus einem vorgeschriebenen Lebensweg, der Etappen vorgesehen hat. Wo dir alte Männer und wahrscheinlich alte Frauen vorschreiben, wie du dein Leben zu leben hast. Das war eine erhebliche Einschränkung. Wir hätten zum Beispiel gern Georg Orwell in der Buchhandlung gekauft, wir wären gern auf die Kings Road nach London gefahren oder ins Clash-Konzert in Westberlin. Wir wären gern in die USA gereist. Wir hätten auch gern Punk-Platten, die wir bei John Peel gehört haben, gekauft. Das sind die Dinger, die junge Menschen interessiert. Das war ein Verbotsstaat. Wer hat als junger Mensch schon Bock auf Verbote. Man hat Bock, Verbote zu übertreten.
Wie wurden die Punks von der Staatsmacht behandelt? Wie waren die Repressionsmethoden?
Die erste Punkbewegung war noch keine Bewegung. Zur Bewegung wurde es erst ´84. Die ersten Punks in Ostberlin waren knapp 50 Leute, da kann man nicht von Bewegung reden. Bevor man zur Repression kommt, muss man erst mal sagen. Es war ein unglaublicher Befreiungsschlag, der einen geprägt hat. Was ich bis heute als großes Glück empfinde, mit aller Bitternis, dass man vom Staat verfolgt wurde, aber auch, dass die Szene selbst sehr gewalttätig war. Man ist nicht unbedingt auf Gleichgesinnte getroffen, man musste sich in dieser Szene behaupten. Es war mit der Zeit auch eine sehr hierarchische Angelegenheit.
Ab 1981/82 begriff die Staatssicherheit, dass wir nicht aus dem Westen kamen und ging dann massiv dagegen vor. Zuerst hatte man mit den ganz normalen Bullen zu tun, Abschnittsbevollmächtigten, dann erst trat die Staatssicherheit in Erscheinung. Die Polizei sind durch die Straßen patrouilliert und haben die Ausweise kontrolliert und haben einen mitgenommen. Ich bin mehrfach in Polizeirevieren gelandet. Dann war man auch mit der Staatssicherheit konfrontiert. Die haben gefragt: Weshalb, warum, wieso? Es war schwierig, sich als 16-Jähriger gegen solche Leute zu behaupten. Die geschult waren, die Druckmittel hatten. Da musste man allen Trotz aufbieten. Wir haben zum Beispiel nie Protokolle unterschrieben. Da wurde natürlich gedroht.
Wie war das mit Inhaftierungen? Es gab ja ein Asozialengesetz, politische Paragraphen.
Der beliebteste Paragraf war Öffentliche Herabwürdigung. Es gab Zusammenrottung, es gab den Asozialenparagrafen, mit denen sie nach Belieben operieren und Leute einbuchten konnten. Und es gab ja auch Auflagen. Das außerdem. Das fing an beim Kettenkarussellverbot im Plänterwald. Das hatte damit zu tun, dass wir uns im Plänterwald getroffen haben, weil wir per se alle Innenstadtverbot hatten, dass die Touristen uns nicht sehen. Es gab zum Beispiel Alexanderplatz-Verbot. Es gab Berlin-Verbot. Das war die Steigerungsform. Leute, die sich an die Verbote nicht gehalten haben, hatten mit Konsequenzen zu rechnen. Am gefürchtesten war die sogenannte Arbeitsplatzbindung. Das bedeutete, dass man als Punk in irgendein Dorf verfrachtet wurde, zur Untermiete wohnte und früh um vier Uhr aufstehen und den Schweinestall ausmisten musste. Das grenzte – Vorsicht bei dem Wort – an Deportation. Eigentlich undenkbar. Da hatte man natürlich Ärger mit den Dorfbullen. Viele sind deshalb nach Berlin zurückgegangen. Haben sich illegal bewegt, wurden aufgegriffen und inhaftiert.
Es wurden aber auch Punks erpresst, dass sie IM geworden sind.
Die Möglichkeiten, die Leute in die eigenen Reihen zu zwingen, die waren genauso vielfältig, wie es Menschen gibt. Es gab natürlich auch Leute. Ich kenne einen Fall von jemandem, der ist zur Polizei gegangen und hat versucht zu erklären: Wir sind nicht gegen den Staat, wir wollen nur unsere Musik hören und Konzerte machen. Die sagten, ist ja interessant, erzählen Sie mal. Da hat er erzählt und ist reingewachsen in die Realität und hat jahrelang für die Kripo spioniert. Er wurde zu einem der übelsten Spitzel in Ostberlin, hat nicht nur die Punks ans Messer geliefert, sondern war auch in der Hooligan-Szene vom BFC zugegen. Auch Leute, die Devisenschmuggel begangen haben. Er war wirklich auf der ganzen Front, wurde zum Spitzel. Hat dann im Juli 1989 noch die IM-Verpflichtung unterschrieben. Er hat von mir auch einen Freund in den Knast gebracht, der fliehen wollte mit einer Schleusertruppe und sich ihm anvertraut hatte. Der Junge ist ein Jahr mit 18 Jahren in den Knast gegangen. Es gab andere Leute, die Angst hatten. Wo zum Beispiel gesagt wurde, wenn du nicht mitziehst, verknacken wir deine Freundin, die hat das und das auf dem Kerbholz. Es gab Leute, die haben aus Naivität unterschrieben. Die können mich mal, ich unterschreib es einfach und mach dann, was ich will. Die wurden dann nach einem Jahr wieder ausgetragen. Die sind zu den Terminen nicht erschienen oder haben Scheiße angestellt und keinen vernünftigen Beitrag geleistet. Der Strauß an Möglichkeiten war sehr bunt.
Bisher haben wir über die Staatsmacht geredet. Was haben Punks mit der DDR-Normalgesellschaft erlebt?
Am Anfang war es sehr interessant. Am Anfang hatten die Punks einen krassen Style. Gar nicht die Punkcodes-Springerstiefel, schwarze Lederjacke. Wir sind rumgerannt mit zerfetzten Jackets, angekokelten Krawatten, hatten uns aus „Bravo“ Bilder selbst zusammengebastelt, kettenbehängt und mit Sicherheitsnadeln überschwemmt. Ich saß mit einem Freund in der U-Bahn, der genauso aussah und die Leute haben uns applaudiert. Weil natürlich, die haben begriffen, das ist irgendwas Neues, Schrilles, was diese Tristesse, dieses Grau der DDR um Farben bereichert. Das ging schnell vorbei, zwei, drei Monate und dann war man Freiwild. Es gab keine wirklichen Gruppierungen, man war immer allein oder zu zweit unterwegs. Wie oft wir gejagt wurden, wie oft wir gerannt sind, wie oft wir auf die Schnauze bekommen haben. Wir waren Kinder. Wir hatten keine Chance. Das hat sich erst geändert, als wir in größeren Gruppen auftraten, zu zehnt, zu zwanzig. Da hat sich das Blatt gewendet. Wenn uns da einer blöde kam, dann hat er mächtig Ärger bekommen. Es gab Leute, die haben nicht lange gefackelt, da hat ein Blick gereicht. Mit den sogenannten Normalbürgern gab es eine Menge Ärger. Eine Menge Gewalt.
Soweit zu den Normalbürgern. Und wie sah es mit Kontakten zur Opposition aus?
Natürlich gab es Kontakte zur Opposition. Ein Großteil der Punkaktivitäten hat sich in Kirchenräumen zugetragen. Die Kirche war ein exterritoriales Gebiet, auf dass sich die Stasi nur verdeckt wagte. Da gab es keine Zuführungen, Verhaftungen. Die evangelischen Kirchen haben die Tür aufgemacht, nicht nur für Punks, auch für Kunden, Freaks, Hippies. Alle Leute, die akut gefährdet waren. Die Punks waren die dominanteste Gruppierung, haben alle anderen Leute verdrängt, durch ihre Lebensfreude. Das war eine ganz wichtige Geschichte. Erlöserkirche, Pfingstkirche, Elisabethkirche. Wenn da Punkkonzerte stattgefunden haben, war da was los. Da konnte man sich in Altarnähe sicher fühlen. In dem Moment, in dem wir die Kirche verlassen haben, waren wir Freiwild. Nach Konzerten, wo die Stasi vor der Kirche stand und sofort auf uns losgegangen ist. Aber innerhalb der Kirche war natürlich die Oppositionsbewegung sehr stark und man hat natürlich zu diesen Leuten auch sehr schnell Kontakt gefunden. Wir sind dann zu Veranstaltungen gegangen. Und haben uns, wenn wir politisch interessiert waren, das waren viele, auch engagiert. Die Umweltbibliothek, die in der Zionsgemeinde am Zionskirchplatz lag, war kein regelrechter Treffpunkt für Punks. Aber bei größeren Ereignissen, illegalen Demos, die aufgelöst wurden, wo Leute in den Knast kamen, wo man sich getroffen hat zu beraten, waren immer Punks mit an Bord. Die gehörten zum Bild der Oppositionsszene. Dazu kommt noch eine andere Geschichte. Viele Künstler haben sich, ich will nicht sagen geschmückt, aber haben natürlich die Energie aufgenommen. Es gab Konzerte in privaten Ateliers von Künstlern. Und die Künstler waren oft verbandelt, verstrickt mit der Oppositionsbewegung. Da gab es sehr viele Schnittstellen, wo Punks und Oppositionelle aufeinander getroffen sind.
Ich wollte noch nach den Orten fragen, wo sich Punks trafen. Du hattest ja schon den Plänterwald, Kirchen, aber auch Wohnungen von Künstlern erwähnt.
Der öffentliche Raum war für uns eine geschlossene Gesellschaft, wo wir nicht reinkamen. Andererseits waren auch Wohnungen, wenn es Privatwohnungen waren, für die Stasi auch durchaus öffentlicher Raum. Die sind ohne Durchsuchungsbefehl in die Wohnungen rein und haben Konzerte aufgelöst. Dadurch, dass wir uns im öffentlichen Raum nicht bewegen konnten, auch nur sehr eingeschränkt in Jugendclubs, hat man natürlich nach Alternativen gesucht und die auch gefunden. Man sucht sich immer seinen Weg. Die Leute wollen sich natürlich auch ausleben. Ganz wichtig waren die Kirchenräume, Gemeinderäume. Dann gab es ganz wenige Jugendclubs, in die man reinkonnte. Die Stasi wusste, wo wir uns rumtrieben. Das haben wir später erfahren. Alles an Ordnern, Personal, Einlassern war bei der Staatssicherheit. Wir dachten, die bevorzugen uns. Die haben uns ganz klar da reingeholt, und die wussten, wo wir sind. Dann gab es immer mal Konzerte in Ateliers, zu Ausstellungseröffnungen. Das legendäre Konzert mit Planlos im Atelier in der Schliemannstraße. Das fand eigentlich nie im öffentlichen Raum statt. Das war immer konspirativ. Nicht jeder wusste, wo was stattfindet. Das wurde unter der Hand weitergereicht. Man hat überlegt, wer das erfahren durfte. Darüber wurden in der Punkszene auch hierarchische Strukturen klargemacht. Wenn man da nicht Bescheid wusste.
Damals gab es ja auch die Eroberung von Freiräumen, es wurden Wohnungen besetzt.
Das kann man nicht so sagen. Wohnungen wurden nicht besetzt.
Stille Besetzungen.
Man ist da rein, hat die aufgemacht, und hat sich unauffällig verhalten. Und hat dann die Miete versucht herauszubekommen, dann hat man das aufs Konto der KWV eingezahlt. Es gab ein Gesetz, wenn man bestimmte Zeit die Miete eingezahlt hat, wenn es keinen Widerspruch der KWV gab, dann stand einem die Wohnung zu und du konntest einen Mietvertrag verlangen.
Es gab aber auch Privathäuser. Ich habe eine Wohnung in einem Privathaus besetzt, der Vermieter saß im Westen, die Verwaltung im Osten. Ich habe zum Beispiel längere Zeit keine Miete bezahlt. Das halbe Hinterhaus war bei uns besetzt.
Es gab Häuser, wo sehr viele Wohnungen besetzt waren. Das war von Hause eine staatsfeindliche Handlung, weil man sich der staatlichen Kontrolle entzogen hat. Aber da war die DDR nicht geschäftstüchtig genug und hatte selten einen Überblick bewiesen.
Die hatten schon ziemlichen Kontrollverlust. Eine andere Frage. Es gab unterschiedliche Fraktionen in der Punkszene, Punks in der Kunst- und Musikszene, Saufpunks, Punks, die gewalttätig waren. Alkoholismus spielte bestimmt eine große Rolle. Wie sind die miteinander klargekommen und wie hing das auch mit der sozialen Herkunft zusammen?
Da muss man damit anfangen. Es gab einen großen Unterschied zwischen der Leipziger und der Berliner Szene. Die Leipziger Szene waren die virulentesten und die aktivsten, sie waren vielleicht sogar politischer. Die Berliner galten als Modepunks. Die Leipziger waren sehr radikal. Sie hatten auch einen anderen Style, sie waren nicht ganz so farbenprächtig wie die Berliner Punks. Dann gab es die Erfurter Szene, die sehr verquickt war mit der Kunstszene, mit der Frauenkunstszene. Schon interessant, wie eine Provinzstadt, wenn man Punk in der DDR komplex betrachten will, so eine Rolle gespielt hat. Dann gab es innerhalb Berlins verschiedene Fraktionen. Es gab die Leute, die in Mitte zugegen waren. Da waren viele Eltern in den Ministerien. Meine Eltern waren in der Filmbranche aktiv, bei der DEFA. Haben eher so künstlerischen Hintergrund. Alkohol spielte eine geringere Rolle in Mitte, anders als in Schöneweide und Köpenick. Die Köpenicker und Schöneweider Punks waren eine echte Kampffraktion. Die haben nicht gewartet bis sie angemacht wurden. Die waren gefürchtet. Die in Mitte waren Hemden, die in Köpenick und Schöneweide, das waren teils wirklich Tiere. Die sind ganz anders aufgetreten. Nicht dass wir nicht offensiv gewesen wären, aber wir waren vielleicht bizarrer als Gruppe. Die waren physisch sehr viel präsenter. Aber man kannte sich natürlich, Treffpunkte waren rar gesät, wie der Plänterwald. Dadurch kannte man sich. Und eigentlich hat man sich auch verstanden. Es gab da nicht so `ne Konkurrenz. Es war ein bißchen ausdifferenziert. Innerhalb der Gruppen war der Zusammenhang schon enger als zwischen den Fraktionen. Ab `84 gab es eine gewaltige Aufsplitterung. Viele der Alt-Punks waren im Knast, bei der Armee, oder die waren im Westen. Dadurch dass Punk zur Bewegung wurde gab es nicht nur Fraktionen, sondern auch Flügel. Es gab Hardcore-Punks, es gab Peace-Punks, Anarcho-Punks, Skinheads, Nazi-Skins, Skins, die keine Nazis sein wollten. Es war die beste Strategie, um die Staatssicherheit vollends zu verwirren. Es gab auch noch Gothics. Das haben sie gar nicht begriffen. New Romantic. Da haben sie komplett den Überblick verloren.
Aus Punks wurden ja auch Skinheads. Kannst du dazu was sagen?
Die erste Skinhead- Szene hat sich in der DDR vollständig aus den Punks entwickelt, mit totaler Gegnerschaft zu Punks. Da haben sich innerhalb einer Woche Kumpels geprügelt. Das war ein ganz krasser Bruch und ging nahtlos ineinander über. Diese Szene ist vollständig aus der Punkszene hervorgegangen. Die Möglichkeiten, mit Punk zu schockieren, waren ausgereizt. Punk war ja politisch korrekt, wir haben uns als links verstanden. Wenn du "Jude verrecke" oder "Heil Hitler" gebrüllt hast, das hatte noch eine Schockwirkung gerade in einem Staat, der antifaschistisch so durchritualisiert war. Darin bestand für einige Leute ein großer Reiz. Wenn erstmal eine Szene entstanden ist, dann hat das Gravitationskraft.
Zurück zur Punkszene. Es gab ja Arbeitsverweigerung, aber auch das "Do it yourself"- Prinzip bei den Punks, Sachen selber machen. Es ging ja auch viel Kunst und Literatur von der Punkszene aus.
Punk war für die, die nicht wussten, wohin sie wollten, was sie wollten, für die war das ein großartiges Experimentierfeld. Sich auszutoben. Dadurch zu erfahren, wo liegen meine Talente, wo liegen meine Interessen. Ich habe persönlich erfahren, dadurch dass ich in einer Punkband gesungen habe, ich habe die Texte geschrieben, dass Schreiben mein Ding ist. Ich glaube, ich wäre vielleicht auch anders zu einem Autor geworden, aber da packte mich die Lust am Schreiben. Andere sind Musiker geworden, zum Teil bis heute erfolgreiche Musiker. Aber ich glaube auch, ohne meine Liebe zur Musik wäre ich nicht Punk geworden und ohne Punk wäre ich nicht DJ geworden. Das hängt alles miteinander zusammen. Das hatte wirklich ein großes Innovations- und Kreativitätspotential. Sich selber auszustaffieren, sich Punkaccessoires zusammenzubasteln. Die Codes waren vorgegeben, aber man hat sie selber kombiniert. Umso absurder, umso besser. Das war so geil, immer wieder Grenzen zu überschreiten. Ein großes Glück. Für dieses Glück hat man auch bezahlt.
Was die Musik betrifft: Es wurden ja auch Punkmusiker wegen Liedtexten verhaftet. Andererseits gab es die "anderen Bands", wo schon eine Anerkennung staatlicherseits da war, die Anfänge davon.
Das war eine ganz klare Entscheidung, wie weit man geht. Es gab Bands, die haben kein Blatt vorm Mund genommen und es gab Bands, die politisch waren, aber etwas allgemeiner ihren Protest formuliert haben. Interessanterweise waren die Bands, die am radikalsten waren in ihren politischen Aussagen, meistens auch musikalisch die Besten. Ob es da einen Zusammenhang gibt? Aber es gab sicherlich auch Ausnahmen. In Berlin gab es zum Beispiel eine Band, die politisch sehr gut war, aber musikalisch grottenschlecht. Aber gerade wenn ich an Planlos denke, Wutanfall, oder später L'Attentat, was die für Texte hatten und wie gut die musikalisch waren. Das waren tolle Punkbands. Irgendwann haben die auch den Überblick verloren zwischen den ganzen Subszenen und haben begriffen, dass sie es nicht mehr verhindern können. Und dass gerade auch die Verhinderungsbemühungen natürlich auch eine Radikalisierung befördern. Und dann haben die das Konstrukt der "anderen Bands" gegründet. Ein Amiga-Sampler, wo so New Wave Bands versammelt waren, die auch textlich sehr viel moderater waren. Und die wurden dann natürlich auch vereinnahmt in den FDJ-Kulturbetrieb. Die haben dann auch auf FDJ-Pfingsttreffen gespielt. Streiten sie heute teilweise ab. Die haben auch FDJ-Förderung bekommen, zum Beispiel Zuschüsse für Proberäume. Die haben Einstufungen gemacht und konnten auch für Eintrittsgelder spielen. Sie sind durch die Kulturhäuser der Republik getingelt und konnten davon auch halbwegs leben. Heute gibt es große Konflikte bei Diskussionen zwischen denen und Musikern, die im Knast gesessen haben und nie eine Platte veröffentlichen konnten. Das war eine FDJ-Welt, das haben wir abgelehnt und verachtet. Obwohl wir einige Leute kannten und persönlich auch cool fanden, zum Beispiel die Leute von Feeling B, die hatten Witz und Humor. Oder auch die Band Die Anderen. Wir sind befreundet, aber wir reden selten darüber. Die Akzeptanz der ersten Generation der Punks tendierte gegen Null. Für Punks, die später eingestiegen sind, waren Bands wie Die Skeptiker eine große Integrationskraft. Das sind für die wichtige Erinnerungen, das hat man zu akzeptieren. Ich habe es immer abgelehnt. Wir wurden verfolgt und die haben von Dada in Berlin der zwanziger Jahre gesungen. Eigentlich nicht akzeptabel.
Wie gestalteten sich die Kontakte ins Ausland?
Da muss man auch zwischen Ost und West unterscheiden. Es gab schon Kontakte nach Polen. Intensiv. Da gab es eine sehr aktive, virulente Punkszene. Nach Tschechien gab es so gut wie gar keine Kontakte, weil die Punks dort, denen hat man gar nicht angesehen, dass sie Punks waren, weil die so verfolgt waren. Die haben die Jacke aufgemacht, darunter hatten sie ein Ramones-T-Shirt, sonst hat man denen das nicht angesehen. Dann gab es Kontakte nach Ungarn. Das war eine Szene, die war weltoffen, dadurch dass sie reisen konnten. Die wussten gar nicht, dass wir als DDR-Punks nicht nach Westberlin konnten. Teilweise haben Bands wie die Stranglers auch in Ungarn gespielt, das war in der DDR undenkbar. Punk war dort etwas völlig anderes. Da haben auch viele im Knast gesessen. Dort haben zum Beispiel Konzerte von den Neubauten stattgefunden, aber wenn sie selbst Konzerte gegeben haben, sind sie schnell eingefahren. Man durfte eigentlich kein Punk sein. Es war sehr widersprüchlich in Ungarn. Dann gab es auch Kontakte nach Westberlin. Die Toten Hosen haben hier gespielt. Es gab einige, die hier gespielt haben, aber das waren große Ausnahmen. Da hat man manchmal Leute kennengelernt oder auch Westpunks, die innerhalb ihrer Klassenfahrten rübergefahren sind, da hat man sich zufälligerweise auf dem Alex gesehen und hat die Adresse getauscht. Oder man hat in der „Bravo“ gelesen, dass ein Punk geschrieben hat und man hat ihm geschrieben und dann hat er eine Platte geschickt. John Peel war hier, Mark Smith von The Fall war hier, es gab schon so sporadisch Kontakte, aber da war nichts organisiert.
Aber es sind doch auch viele ausgereist.
Das war die erste Generation, die die Keimzelle war, die lustigerweise aus Köpenick stammten. Die waren so krass drauf, die sind gleich 1980 in den Knast gegangen und sind auch gleich aus dem Knast in den Westen gekommen. Die wollten sie loswerden. Da gab es immer wieder Leute, die verhaftet wurden und im Knast Ausreiseanträge gestellt haben und dann freigelassen wurden. Da gab es ja eine große Ausreisewelle 1984. Da gab es Beispiele von Leuten, die haben am Tag einen Ausreiseantrag gestellt und nachts stand die Staatssicherheit vor der Tür. Sie durften noch ihre Jacken und Schuhe anziehen, durften sich nicht von Verwandten und Freunden verabschieden und sind hinter den Schlagbaum gefahren worden. Hier, jetzt bist du im Westen, die waren über Nacht weg. Andererseits gab es Punks, die jahrelang auf gepackten Koffern saßen, die jahrelang nicht rausgekommen sind. Das war sehr verschieden. Du musstest nicht automatisch schneller in den Westen kommen, weil du ein Punk warst. Die größten Grobiane, die verhaltensauffällig waren, die sind relativ schnell rübergekommen.
Im Film "Too much Future" wird ja auch deutlich, dass es nach der Wende "Gewinner" und "Verlierer" gab. Also Verlierer wegen Sucht, psychischen Folgen oder "kriminellen Karrieren". Andererseits arbeitet im Film heute einer als Stadtrat und einer am Theater. Da gibt es unterschiedliche Karrieren. Was ist aus den Punks geworden?
Ich glaube, das ist in jeder Szene so. Man darf nicht vergessen, vor allem jene Punks, die psychisch auf der Strecke geblieben sind. Das sind auch nur Menschen und Menschen sind verschieden. Bei den Punks gab es wirklich auch viele krasse und seltsame Charaktere. Punk ist aus seiner Natur heraus natürlich Betätigungsfeld, um seine Macken auszuleben. Das darf man nicht vergessen. Es gibt Biografien, die gezeichnet sind, weil sie Punks waren. Es gab Leute mit Knastaufenthalten, die nicht zurecht kommen. Es gab mehrere, die im Knast waren, bei denen das Spuren hinterlassen hat. Wenn du mit 30 Leuten in der Zelle sitzt, wo du nie weißt, ob du vergewaltigt wirst oder nicht. Das muss man erst aushalten. Wenn du da psychisch nicht stark genug bist, dann führt das in dem Alter zu dauerhaften Schäden. Punk war etwas sehr Destruktives, nicht nur der Alkohol, auch Konflikte mit den Eltern, Konflikte mit der Staatssicherheit, mit den Normalbürgern. Das hinterlässt Spuren. Im Film haben wir nicht nach "Gewinnern" und "Verlieren" eingeteilt. Wir haben Punks interviewt, die Musiker waren. Das war der eigentliche Hintergrund. Der Kaiser zum Beispiel, der am Theater arbeitet, ist nicht unbedingt ein "Gewinner". Er spricht selber davon, dass er Workaholic ist, der sich die Lungen verraucht. Der auf diesem Feld schwer aktiv ist, weil er auf dem privaten nicht aktiv ist. Der hat eine große Verantwortung, für die er lebt. 12 bis 16 Stunden arbeiten, das würde ich nicht als Gewinn bezeichnen.
Was war die Intention bei dem Film "Too much Future" und was die Kernaussage?
Als das Buch "Verschwende deine Jugend" rauskam, haben das viele natürlich gelesen. Und da haben Pankow und ich beschlossen, auch was zu Punk im Osten zu machen. 2003/04 war es überhaupt nicht bekannt. Wir wurden gefragt, was es so gab im Osten. Wir hatten vor ein Buch zu machen. Aus der Materialsammlung sind dann viel später ein Buch und eine Ausstellung entstanden. Da war klar, dass wir uns bemühen würden, einen Film zu machen. Das gab es in der DDR auch, aber die Bedingungen waren andere. Das ist ja das Spannende am Punk. Punk gab es überall, Punk gibt es auch in Indochina. Natürlich immer unter lokal differenten Bedingungen. Wir wollten darüber sprechen, dass es das im Osten gab. Wir haben auch Geschichten zu erzählen, daher ist dieser Film entstanden.




