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E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Scott Unzertrennlich

Das unglaubliche Schicksal der Zwillinge Joyce und Judith. Eine wahre Geschichte über Liebe und Kunst
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20926-1
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das unglaubliche Schicksal der Zwillinge Joyce und Judith. Eine wahre Geschichte über Liebe und Kunst

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-641-20926-1
Verlag: Kösel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Schwestern Joyce und Judith verbindet von Geburt an ein enges Band, als wären sie eine Person. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Judith hat das Down-Syndrom, und sie spricht nicht. Den Mädchen ist dieser Unterschied egal. Sie wissen instinktiv, was die andere denkt und fühlt und wie es ihr geht. Sie teilen alles und schlafen gemeinsam in einem Bett. Doch eines Morgens, als Joyce aufwacht, ist Judith spurlos verschwunden. Dies ist die unglaubliche, wahre Geschichte von zwei Schwestern, die gegen ihren Willen getrennt und erst nach über dreißig Jahren wieder vereint werden. Sie handelt von Liebe und Verrat, von Unmenschlichkeit und großer Zuwendung – und der späten und unerwarteten Geburt einer großen Künstlerin.

Joyce Wallace Scott (geb. 1943) ist die Zwillingsschwester der Outsider/Art brut-Künstlerin Judy Scott (1943-2005). Sie ist Erzieherin, Entwicklungsexpertin, staatlich geprüfte Krankenschwester und Autorin. Außerdem ist sie aktiv im Beratungsausschuss des Creative Growth Art Center in Oakland, Kalifornien, einer Einrichtung für Künstler, in der Judith Scott ihr künstlerisches Talent entdeckte und entfalten konnte und wo sie 18 Jahre lang fünf Tage die Woche tätig war. Aktuell ist Joyce damit beschäftigt, das erste Projekt für Künstler mit Behinderungen auf Bali ins Leben zu rufen, zum Andenken an ihre Schwester. Joyce Wallace Scott lebt mit ihrem Mann in Kalifornien.
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1
Eden

Es ist ein Segen, dass Judy und ich sieben Jahre lang in unserem ganz persönlichen Paradies wandeln dürfen, wo das Staunen und die Entdeckungen niemals enden, wo es einen Reichtum an Empfindungen und Liebe gibt – in einer Welt, die stets ohne Worte ist. Ob im Haus oder im Freien, Judy will neben mir sitzen und das Gleiche tun wie ich. Und lange Zeit tun wir auch das Gleiche: Wir spielen im Schlamm und mit Maulbeeren, Erde und Löwenzahn. Später werden meine Spiele komplizierter, und ich kann nur noch so tun, als spielten wir das Gleiche, und mir Regeln ausdenken, ohne recht zu wissen, was jede von uns meint. Mag sein, dass später jede etwas anderes meint, trotzdem fühlt es sich an, als wäre es das Gleiche. Es gibt keine Worte, aber die brauchen wir auch nicht. Wir sitzen so nah nebeneinander, dass unsere Körper sich berühren, und genießen dieses behagliche Gefühl.

Wir haben drei große Brüder – Wally, Dicky und Jimmy – und leben fast schon auf dem Land, fernab vom Lärm und Chaos im Stadtzentrum von Cincinnati.

Hinter dem Haus liegen Schafweiden und ein naher Wald, ein kleiner Bach und ein Teich. So viele Welten, die wir erforschen können. Auf dem Feld hinter dem Haus entdecken wir im Frühling kleine Kaninchen, deren Bau von Katzen zerstört wurde. Jedes Jahr versuchen wir, sie zu retten, immer ohne Erfolg, und jedes Mal werde ich trauriger. Wir haben einen Tierfriedhof mit einer eigenen Ecke für die Kaninchen. Sie passen in kleine Schuhschachteln: Eine Schicht Gras dient als Bett, und manchmal bekommen sie auch ein Kissen für ihren langen Schlaf. Wir basteln winzige Kreuze aus kleinen Zweigen, und manchmal spricht meine beste Freundin Kathy ein kleines Gebet.

Wir sind immer von Freunden und Nachbarn und vor allem Nachbarskindern umgeben, die kommen und gehen, ungehindert und ständig unterwegs in allen Häusern und Gärten. Wir fühlen uns eingebunden und sicher. Dort, wo wir wohnen, haben wir nie Angst, obwohl auch traurige und manchmal sogar richtig schlimme Dinge geschehen, und zum Beispiel Tante Helen nebenan auf ihrer durchgetretenen Veranda stürzt und sich den Oberschenkelhals bricht. Oder Oma den Verstand verliert und meint, ich hieße Teddy – wie ihr Hund, der schon lange tot ist. Mich stört das nicht. Ich liebe sie und die Art, wie sie mich als Teddy liebt. Teddy war ihr absoluter Lieblingshund. Ich mag es auch, wie sie unsere Äpfel schält, sodass die Schale eine einzige lange Spirale ist. Sie verspricht, es mir eines Tages beizubringen.

Tante Helen wirkt, als sei sie immer schon alt gewesen – schon bevor sie uns in ihrer Welt willkommen hieß. Sie ist groß, dünn, wortkarg und Respekt einflößend, aber immer freundlich. Wenn wir nicht im Sandkasten oder in unserem Zimmer sind, sind wir meist bei Tante Helen. Zumindest, bis sie stürzt und ins Krankenhaus kommt. Neben der baufälligen Veranda hinter ihrem Haus wachsen im Frühjahr reihenweise lila Veilchen, die nicht ganz bis zur Scheune gehen. Mehr Veilchen, als ich in meiner pummeligen, verschwitzten Hand halten kann. Ich pflücke, während die Sonne auf meinen dunklen Schopf herunterbrennt. Ich habe ein Ziel. Judy hilft mir ein bisschen, aber sie rupft die Veilchen meist zu kurz und ohne Stängel ab. Aber das ist in Ordnung. Wir pflücken unermüdlich weiter, und kleine Schweißtropfen laufen über unsere Gesichter, die unter der Sonne Ohios allmählich feuerrot werden.

Später am Abend begleiten wir Papa zum Krankenhaus. Judy und ich dürfen zwar nicht mit auf Tante Helens Zimmer, aber wir fahren mit Papa durch die Stadt und warten im geparkten Wagen. Es regnet ohne Unterlass, und wir warten, während der Regen am Seitenfenster herunterrinnt. Judy will unbedingt neben mir sitzen. Wir knien uns beide auf den Sitz vor dem Fenster und verfolgen mit den Fingern die herablaufenden Regentropfen. Es geht nicht darum, wessen Tropfen der schnellere ist. Nicht bei uns. Wenn überhaupt, soll Judys Tropfen gewinnen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr überhaupt etwas daran liegt. Wir sitzen behaglich Seite an Seite. Draußen ist es dunkel, im Wagen auch. Von Zeit zu Zeit fährt ein Auto vorbei und erhellt Judys Gesicht, die Regentropfen und unsere Finger an der Scheibe. Dann vergisst sie manchmal ihren Tropfen und schaut mich an, berührt mit dem Finger mein Gesicht und knufft mich in die Seite. Wir kichern und albern herum. Wir wissen, dass Papa bald wiederkommt.

Papa hat Tante Helen die Veilchen gebracht, und bestimmt wird sie jetzt an ihr weißes Häuschen mit der wackeligen Treppe und der langen geschwungenen Veranda denken, die sich an seine Seiten schmiegt. Sie wird an ihren Garten mit den Blumen denken und schnell wieder gesund werden und zu uns nach Hause kommen wollen. Sie wird wieder Kekse für uns backen und sich nach dem Abendessen zu uns setzen. Wir werden Dame spielen und Judy die überzähligen Steine geben. Sie wird ein neues Schmetterlingsnetz für mich und ein etwas größeres für Jimmy basteln. Wir werden ihr jeden schönen Schmetterling zeigen, den wir fangen. An kühlen Abenden werden wir an ihrem kleinen Kohleofen sitzen und gemeinsam Rätsel lösen. Vielleicht sagen wir auch gar nichts. Manchmal schweigen wir einfach ganz lange. Wir lauschen, während die Heuschrecken verstummen und das Zirpen der Grillen beginnt.

Onkel Clarence, genannt Toady, ist Omas »Wechseljahrebaby«, wie Mama sagt. Er ist nie erwachsen geworden und nie aus dem Haus gegangen. Aber mit vierzig ließ er alle wissen: »Es reicht. Ich will, dass ihr aufhört, mich ›Toady‹ zu nennen. Ihr könnt ›Onkel Clarence‹ oder einfach ›Clarence‹ sagen. So heiße ich nämlich.«

Keiner von uns, ob Freunde oder Verwandte, hat sich je viel bei dem Spitznamen »Toady« gedacht. Er trug ihn schon lange vor unserer Geburt, also eigentlich immer, aber jetzt krümmen wir uns innerlich vor Scham, weil wir ihn all die Jahre bei diesem Namen genannt haben, der sein Aussehen so schmerzlich und treffend beschreibt (Toad = Kröte, Anm. d. Ü.). Als sei er einem Märchen entsprungen. Wir merken, dass er anders ist als die anderen, aber Judy und ich lieben ihn dafür. Wir mögen alles, was Mama nicht ausstehen kann: dass er etwas langsam ist, sich langsam bewegt, langsam spielt, langsam denkt. Denn das bedeutet, dass er niemals in Eile ist. Nicht wie die anderen Erwachsenen. Es gefällt uns, dass er bei jeder neuen Begegnung dieselben alten Witze erzählt und uns damit immer wieder zum Lachen bringt.

Der Sommer in Ohio enthält immer einen Hauch von Feuchtigkeit – und oft mehr als das. Plötzliche Platzregen bringen die Rinnsteine zum Überlaufen, und wenn wir Stöckchen hineinwerfen, rasen sie wie wild miteinander um die Wette, um schließlich irgendwo auf dem Rasen liegen oder in einem Forsythienstrauch hängen zu bleiben. Gewitter entladen sich mit solcher Gewalt, dass die Tiere in offenen Kellern Schutz suchen und Hunde und Katzen sich im dunklen Trockenen einträchtig aneinanderdrängen, wo Erde und Stein die furchterregenden Himmelsgeräusche dämpfen.

Die Nächte im Mittleren Westen bringen feuchte Luft und schweißgebadete Körper. Wenn wir schlafen, kleben die nassen Laken an uns, wenn wir wach sind und uns bewegen, umhüllt uns die schwere Luft wie ein unsichtbares Tuch. Gerüche wirken intensiver, haften an uns, hängen noch lange in der Luft. Der köstliche, einladende Duft von Tomaten und gebratenen Zwiebeln ist meilenweit zu riechen. Rufe schallen lauter, Stimmen tragen weiter, sagen mehr, schweben durch die Nacht, umrunden Tante Helens eingestürzte Veranda und finden uns im Trompetenbaum.

Judy mag alles, was es zum Abendessen gibt – genau wie ich. Kartoffelsuppe, Chili, Hackbraten, jede Menge Tomaten und grüne Bohnen aus dem Garten, das ganze Jahr über Opas eingemachte Rote Bete und Dosensuppen von Campbell’s. Diese Dinge werden fast immer gleich zubereitet: grüne Bohnen mit etwas Speck, Tomaten entweder aufgeschnitten oder zwischen den Mahlzeiten direkt vom Strauch. Nachtisch gibt es fast nie, aber als besondere Leckerei Doppel-Butterkekse mit Cremefüllung. Zum Mittagessen gibt es Leberwurstbrot mit Tomaten oder Käsetoast mit Gurkenrelish. Aber der Sonntagabend ist etwas Besonderes. Da essen wir mit Onkel Toady und den anderen bei Oma. Es gibt Brathähnchen mit Kartoffelpüree und Sauce, selbst gemachte Brötchen mit Haschee und noch mehr von Opas Roter Bete in der blauen Schüssel, die auf der einen Seite einen Sprung hat.

Oma, die strenge Methodistin ist, bleibt nach dem Abendessen in der Küche und spült das Geschirr. Sie denkt lieber nicht darüber nach, was im Zimmer nebenan passiert. Judy und ich haben einen eigenen kleinen Tisch, eigene Spielkarten und eigene Chips. Ab und zu rutschen wir von unseren Stühlen und krabbeln unter den großen Tisch, zwischen die Schuhe und Füße der Erwachsenen, die zuweilen Teil unseres Lebens sind. Toady steckt uns ein paar Chips zu, und Mama schreit ihn an; sie schreit ihn ständig an. Über uns Gelächter und Zigarettenqualm, Karten und Chips. Unter uns die eigenen Karten, unser eigenes Spiel und unser ureigenes Lachen. Judy und ich leben in derselben Fantasiewelt, oder zumindest glaube ich das, aber wir sprechen nicht die gleiche Sprache. Ich fange an, von Worten zu träumen, Worten, die Judys ganze Welt mit meiner verbinden.

Im Sommer sitzen alle Mütter aus der Nachbarschaft mit ihren Töchtern bei uns im Garten, um dabei zu sein, wenn der nachtblühende Säulenkaktus seine Blüten öffnet. Die Stühle stehen in zwei ordentlichen Reihen, und die Aufregung ist ebenso groß wie bei der Premiere eines Stücks am Broadway. Während wir warten, unterhalten sich die Mütter über unsere Köpfe hinweg. Sie sprechen in Code...


Scott, Joyce
Joyce Wallace Scott (geb. 1943) ist die Zwillingsschwester der Outsider/Art brut-Künstlerin Judy Scott (1943-2005). Sie ist Erzieherin, Entwicklungsexpertin, staatlich geprüfte Krankenschwester und Autorin. Außerdem ist sie aktiv im Beratungsausschuss des Creative Growth Art Center in Oakland, Kalifornien, einer Einrichtung für Künstler, in der Judith Scott ihr künstlerisches Talent entdeckte und entfalten konnte und wo sie 18 Jahre lang fünf Tage die Woche tätig war. Aktuell ist Joyce damit beschäftigt, das erste Projekt für Künstler mit Behinderungen auf Bali ins Leben zu rufen, zum Andenken an ihre Schwester. Joyce Wallace Scott lebt mit ihrem Mann in Kalifornien.



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