E-Book, Deutsch, 254 Seiten, Format (B × H): 1470 mm x 210 mm, Gewicht: 367 g
Schweppenhäuser / Gandler / Sautermeister Zeitschrift für kritische Theorie / Zeitschrift für kritische Theorie, Heft 36/37 (2013)
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86674-664-0
Verlag: zu Klampen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
19. Jahrgang (2013)
E-Book, Deutsch, 254 Seiten, Format (B × H): 1470 mm x 210 mm, Gewicht: 367 g
Reihe: Zeitschrift für kritische Theorie
ISBN: 978-3-86674-664-0
Verlag: zu Klampen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Konstantinos Rantis, Jahrgang 1963, studierte Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Soziologie in Athen und Freiburg/Breisgau. Er lehrt Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Bei zu Klampen veröffentlichte er »Psychoanalyse und Dialektik der Aufklärung« (2001).
Zielgruppe
Erwachsene
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Inhalt:
Vorbemerkung des Verlages
Andreas Greiert: »Weh spricht: vergeh«. Negative Dialektik und Biopolitik
Hans-Ernst Schiller: In der Spanne eines Augenblicks.
Messianische Motive bei Benjamin, Adorno und Horkheimer
Thomas Khurana: Impuls und Reflexion. Aporien der Moralphilosophie und die Moral der Aporien nach Adorno
Sebastian Tränkle: Die materialistische Sehnsucht.
Über das Bilderverbot in der Philosophie Theodor W. Adornos
Christian Lotz: Capitalist Schematization.
Political Economy, Exchange, and Objecthood in Adorno
Thomas Jung: Bedeutung oder Geltung?
Zum Sprachpragmatismus von Jürgen Habermas
Stefan Gandler: Materialismus heute.
Alfred Schmidt und Adolfo Sánchez Vázquez
Gunzelin Schmid Noerr: Alfred Schmidt und das Projekt einer Geschichte des Materialismus
Hermann Schweppenhäuser: Zum Begriff der Demokratie
Konstantinos Rantis: Gesellschaftstheorie in Griechenland 1974-2012.
Psychopedis, Kondylis, Castoriadis, Giannaras
Michael Schwarz: Adorno in der Akademie der Künste.
Vorträge und Diskussionen 1957-1967
Gert Sautermeister: Geschichtsphilosophische Dialektik literaturkritisch gewendet. Theodor W. Adornos Essay »Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie«
Marc Kleine: Adornos Schriften zu Literatur und Ästhetik.
Neue literaturwissenschaftliche Studien
Kritische Theorie – Neue Bücher des Jahres 2012 in Auswahl
Thomas Khurana
Impuls und Reflexion
Aporien der Moralphilosophie und die Moral der Aporien nach Adorno
Wenn nach bleibenden philosophischen Beiträgen von Theodor W. Adorno gefragt wird, so werden meist drei mögliche Kandidaten erwogen: seine Analysen der , seine und der von ihm entwickelte besondere Typ philosophischer Kritik, der unter dem Titel bekannt ist. Seltener, wenn überhaupt, wird jemand die Ansicht vertreten, ein bleibender Beitrag Adornos bestehe in einer besonderen . Zwar trägt das am weitesten verbreitete Werk Adornos, die ,1 die Moral bereits im Titel. Jenes Buch aber hebt schon in den ersten Zeilen mit der These an, dass die Lehre vom richtigen Leben heute nicht mehr der eigentliche Bereich der Philosophie sein könne, da das, was der Philosophie einmal »Leben hieß, […] zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden«2 sei. Statt einer Lehre vom guten Leben bleibt für die Philosophie nur eine Reflexion auf seine Beschädigung möglich. Wo immer Adorno sich der Moralphilosophie selbst zuwendet, markiert er in diesem Sinne vor allem ihre Antinomien und Aporien. Die Annahme liegt nahe, dass die Herausstellung solcher Widersprüche nur darauf zielen kann, uns vorzuführen, dass die Moralphilosophie ihren Gegenstand nicht – oder: nicht mehr – zu denken vermag und allenfalls expressive Funktionen hat für eine Gesellschaft, die von Antagonismen durchzogen ist.3 Eine positive Theorie der Moral scheint in diesem Sinne durch die Form unserer Gesellschaft und die ihr korrespondierenden Formen des Denkens verstellt.
I. Freiheit: Zwischen Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit
Adorno entwickelt die »Probleme und notwendigen Widersprüche, die die Sphäre des Moralischen ausmachen«9, wesentlich anhand der kantischen Konzeption der Freiheit. Freiheit erscheint dabei als der »Ort des richtigen Handelns«10 überhaupt, ihre Probleme als die »eigentliche Grundfrage der Moralphilosophie«11. Diese fundamentale Bedeutung der Freiheit für das Moralische ergibt sich daraus, dass ich »nur dann, wenn ich frei handeln kann […], von so etwas wie moralischem Handeln […] überhaupt reden kann«12. Nur jenes Verhalten, das ich frei vollziehe, ist im vollen Sinne ein Handeln, das ich verantworte, und eröffnet mithin überhaupt das Reich des Moralischen. Freiheit ist dabei für Adorno allerdings nicht allein eine formale Voraussetzung moralischen Handelns – die Moralität eines Handelns hängt vielmehr innerlich mit dem Grad und dem Ausmaß zusammen, in dem das Handeln Freiheit verwirklicht.
II. Autonomie
Autonome Wesen entsprechen der Forderung der Vernunft nach universaler Gesetzmäßigkeit in sich, insofern sie Wesen sind, die sich durch die Vorstellung von Gesetzen leiten lassen. Frei jedoch scheinen sie darin, dass sie sich die Gesetze, denen sie unterworfen sind, (zumindest virtuell) selbst gegeben haben. Die freie Selbstgebung der Gesetze, denen sie unterworfen sind, macht die besondere Würde dieser Wesen aus. Ganz in diesem Sinne – und wahrscheinlich ohne Bewusstsein der Doppeldeutigkeit des in Parenthese angeführten Beispiels – schreibt Robert Brandom: »Our dignity as rational beings consists precisely in being bound by rules we endorse, rules we have freely chosen (like Odysseus facing the sirens) to bind ourselves«31. Der eigentlich paradox anmutende Gedanke, man möge frei wählen, sich zu fesseln, ist hier in seiner Paradoxalität dadurch gemildert, dass er zur Seite der freien Entscheidung hin aufgelöst scheint: Alles Gebunden- und Gefesseltsein stellt sich als vernünftig und frei dar, da wir nur durch solche Regeln gebunden sind, die wir uns frei erwählt haben, die wir uns eigentlich gegeben haben. Das Bild des Gefesseltseins macht jedoch schon auf den Zwangs- und Unterwerfungscharakter aufmerksam, der dem Gebundensein nichtsdestoweniger zueigen scheint. Brandom exponiert diesen Herrschaftscharakter auch dadurch, dass er Kants Freiheitsbegriff anderenorts unmittelbar durch den Begriff der Beschränkung definiert und explizit an die Konformität mit sozialen Normen bindet. »[F]reedom«, so bemerkt Brandom mit Bezug auf Kant, »precisely consists in being by norms rather than merely by causes«32. In dieser Reformulierung der kantischen Position tritt mithin der Umstand besonders scharf hervor, dass das autonome Subjekt, das sich die Gesetze »selbst« gibt, darin wesentlich dem Gesetz unterworfen ist. Dies gilt nicht nur in dem Sinne, dass sich das Subjekt durch das Gesetz, das es selbst, gleichsam in der Rolle des Autors, miterlässt, zugleich zum Unterworfenen macht. Es gilt in dem noch vorgängigen Sinne, dass es eine Beschränkung erfahren muss, um überhaupt die Gestalt eines solchen Selbst anzunehmen, das sich zu unterwerfen vermag und als Zurechnungsinstanz einer solchen Freiheit in Frage kommt. Eben mit Blick darauf haben Adorno und Horkheimer in der die Selbst-Fesselung des Odysseus auf die Konstitution des Selbst und die Frage bezogen, welche Form von Gewalt und Zwang in die Schaffung dieses Selbst eingegangen ist, das hier den Freiheitscharakter und die Vernünftigkeit alles Gebundenseins durch die Selbstgebung der Gesetze verbürgt. Die Fesselung, von der die spricht, zeugt in dieser Lesart nicht schlicht von der freien Entscheidung, sich auf eine beschränkende Regel zu verpflichten, sondern von dem andauernden unablässigen Bemühen, jenes Selbst zusammenzuhalten, das eine solche freie Wahl treffen und aufrechterhalten kann: »Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an«33, wie Adorno und Horkheimer schreiben. Eben in diesem Sinne versucht Odysseus auch nicht, » den Versucherinnen zuzuhören«34, sondern lässt sich – in Anerkennung der Übermacht des Gesangs der Sirenen – eben gerade fesseln und spannt seine Gehilfen ein, die sein »Ich« zusammenhalten: ihn fester fesseln, sobald er versucht sich loszumachen.35 Nur weil diese Gehilfen »taub […] auch gegen den verzweifelten Schrei des Befehlshabers«36 sind, weil sie also einen Typ blinden Gehorsams zum einst gegebenen Befehl verkörpern, gelingt dies. Wenn unsere Gestalt als rationale Wesen tatsächlich derjenigen des Odysseus im Angesicht der Sirenen gleicht, wie Brandom sagt, dann verweist uns das zugleich darauf, dass wir diese Gestalt nur um den Preis einer gewaltsamen Selbstbeherrschung gewinnen konnten. In dieser Beherrschung im Dienste der Selbsterhaltung des Ich erweist sich das Subjekt in Adornos und Horkheimers Diagnose gerade in dem Maße, in dem es sich über die Natur zu erheben versucht, dieser verwandt: dem Muster blinder Determination und dem Prinzip der Selbsterhaltung verhaftet.37
III. Impuls und Reflexion
Eine freie Handlung, die die Spannung zwischen Freiheit und Gesetz im ganzen Verlauf der Handlung auszutragen versucht, ist gekennzeichnet durch ein Ineinander von Impuls und Reflexion, das Ineinander eines Moments der Initiative, das sich einer gesetzmäßigen Ordnung entzieht, und eines Moments der reflexiven Verzögerung, das ein Zurückfallen in blinde Natur zu vermeiden strebt.51 Beide Momente, Impuls wie Reflexion, intervenieren in und unterbrechen die moralische Instruktivität der allgemeinen Normen in ihrer Abstraktion. Adorno beschreibt, um die Notwendigkeit dieser beiden Momente verständlich zu machen, in seinen moralphilosophischen Vorlesungen konkrete moralische Situationen, die durch allgemeine Normen in ihrer Abstraktheit nicht mehr, oder nur gewaltsam, zu bewältigen sind. Die Komplexität der Verflechtungen und die konkrete Dichte moralischer Situationen zwingen zur reflexiven Verzögerung und Unterbrechung des bloßen Vollzugs der allgemeinen Gesetze. Der Schritt zur Handlung in dieser Situation, die reflexiv in ihrer Intransparenz und in ihren irreduziblen Spannungen von Allgemeinem und Besonderem erschlossenen ist, kann nur noch durch etwas »Hinzutretendes«, einen Impuls erfolgen, der nicht der bloße Vollzug eines Gesetzes ist, sondern die Situation in ihrer Besonderheit aufnimmt und verwandelt. Zwischen dem abstrakten Gesetz und der moralischen Situation, zwischen dem Bewusstsein dessen, was nach den Gesetzen geboten ist, und dem situativen Tun selbst gibt es eine Kluft. Wenn die Situation nur unter Absehung von ihren Verwicklungen und ihrer Besonderheit einfach unter ein abstraktes Gesetz gebracht wird, dann wird diese Kluft auf eine strukturell gewaltsame, letztlich unfreie und nicht moralische Weise überbrückt. Die Alternative, die Adorno zeichnet, liegt in einem moralischen Subjekt, das diese Kluft in reflexiven Akten ausmisst, die sich nicht kraft eines Gesetzes, sondern nur durch einen Impuls abbrechen lassen: in der Wahrnehmung der Situation...




