E-Book, Deutsch, Band 6, 139 Seiten
Reihe: Dr. Junkie
Schweizer Dr. Junkie - Berlin im Rausch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-911008-26-6
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 6: Oxys
E-Book, Deutsch, Band 6, 139 Seiten
Reihe: Dr. Junkie
ISBN: 978-3-911008-26-6
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan Schweizer studierte, promovierte und lehrte an der Universität Stuttgart. Er lebt im Speckgürtel der Bundeshauptstadt, bewegt sich gerne in fremden Kulturen, in exotischen subkulturellen Milieus und ist Grenzgänger zwischen den Scenes. Veröffentlichungen (Auswahl): 'Berliner Werwolf' (Krimi, mainbook 2024), 'Seitenwende' (Thriller gemeinsam mit Gerd Fischer, mainbook 2023), 'Schall & Rausch - Der Graskönig von Berlin' (gemeinsam mit Martin Müncheberg, Cannabis-Krimi 2022), Thriller-Trilogie 'Götterdämmerung', 'Siegfried' und 'WalhallaX' (mainbook 2021-2023) gemeinsam mit Autor Michael Seitz, 'Mörderklima' (Klimawandel-Krimi, mainbook, 2020), '50 Jahre RAF' (Südwestbuch, 2019), 'Goldener Schuss' (Gmeiner, 2015).
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2.
Potsdam, 17. April 2024
Hygieia erinnert sich an die gestern Abend stattgefundene Szene in der Küche, wie ein innerer Film läuft alles vor ihrem inneren Auge ab. Hippo, Christine und sie kümmerten sich um das Abendessen, als sich folgender Dialog zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder entwickelte.
Hippo: „Mama, wann kommt Papa wieder zu uns zurück?“
Christine: „Ich weiß es nicht.“
Hippo: „Heißt das, vielleicht kommt er gar nicht mehr?“
Christine: „Das hat er in der Hand. Es ist seine Entscheidung, nicht unsere. Leider.“
Hippo: „Das verstehe ich nicht. Ich möchte, dass Papa endlich wieder zurückkehrt.“
Christine: „Ich kann nicht hexen. Hippo, wir haben das doch bereits zigmal besprochen.“
Hippo: „Warum wird Papa dann nicht einfach clean? Mag er uns nicht mehr?“
Christine: „Papa befindet sich in einer Krise. So etwas passiert im Leben, auch wenn es furchtbar ist ...“
Hippo: „Ich will meinen Vater treffen, ihn sehen, ihn umarmen, von ihm in den Arm genommen werden …“
Christine: „Hör auf jetzt, es reicht!“
Hippo: „Sag mir, wo Papa in Berlin wohnt. Dann werde ich ihn besuchen.“
Christine: „Ich weiß es ehrlich nicht. Aber selbst, wenn ich es wüsste, dürfte ich es dir nicht sagen.
Durch eine verfrühte Kontaktaufnahme …“
Hippo: „Ja, ich weiß schon. Aber wo ist Papa? Ich habe doch das Recht zu erfahren, wo mein Vater …“
Christine drehte sich schlagartig vom Spülbecken um und scheuerte Hippo heftig eine ins Gesicht. Schnell schob sich Hygieia zwischen die beiden, um eine weitere Auseinandersetzung zu vermeiden, aber die Frage ihres Bruders lässt sie nicht los. Sie macht sich riesige Sorgen um ihren Vater und auch nur ein kurzes Wiedersehen wäre Balsam für ihre Seele. Aber auch sie hat keine Ahnung, wo ihr Vater lebt.
„Tschüss, bis nachher“, verabschiedet sie sich von Christine, die wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa sitzt. „Ich muss mich beeilen, um rechtzeitig zur Schule zu kommen.“
Die Antwort ihrer Mutter klingt matt, es fehlt jegliche Energie und die Stimme beinahe fremd.
„Pass auf dich auf. Ich wünsche dir einen erfolgreichen Schultag.“
„Danke.“
Kaum ist sie aus der Türe draußen, zeigt ihr ein Blick aufs Smartphone, wie sehr ihre Mutter neben der Spur ist. Denn sie hat das Haus über eine Viertelstunde früher als üblich verlassen. Doch ihrer Mutter fällt das nicht auf. In ihrer Seele spürt sie einen pochenden Schmerz. Denn auch sie muss wissen, wo ihr Vater lebt, wie es ihm geht und ob es realistisch ist, dass er tatsächlich nach Hause zurückkehrt. Doch Berlin ist riesig und es ist so gut wie aussichtslos, dass sie ihn dort findet, so sehr sie sich auch anstrengt. Deshalb hat sie einen Entschluss gefasst. Zur Bestärkung spielt sie sich die Audiobotschaft vor, die sie gestern spät am Abend auf ihr Smartphone gesprochen hat.
„Ich werde meinen Vater in seiner Praxis aufsuchen. Ich bin privat versichert und kein Mensch der Welt kann mir verbieten, ihn als Arzt in seiner Praxis aufzusuchen. Sollte es mir also morgen schlecht gehen, werde ich mich als erste Patientin in seiner Notfallsprechstunde einfinden. Das kann das Jugendamt mir nicht ankreiden, mein Vater kann es mir nicht verbieten, immerhin hat er den hippokratischen Eid geschworen, allen kranken Menschen zu helfen. Und die momentane Situation macht mich krank, ich muss ihn sehen, sonst werde ich wirklich …“
Entschlossen drückt sie auf den Stoppknopf und läuft schneller, denn sie weiß, in der Hauptstadt Brandenburgs stehen sie früh auf, und wer keine Lust auf Arbeiten hat, der findet sich meistens eine halbe Stunde vor Beginn der Notfallsprechstunde in der Praxis ein, also …
*
Ein wenig müde, aber sehr zufrieden streckt Paul auf seinem Arztthron alle Glieder. Leider hat sich Marit, sein Engel in der Praxis, heute krankgemeldet. Das ist das erste Mal seit Bestehen seiner Selbstständigkeit. Da sie rechtzeitig am Abend vorher angerufen hat, ist er etwas früher als gewöhnlich losgefahren. Obwohl die Notfallsprechstunde erst in einer halben Stunde beginnt, beschließt er, die Türe bereits zu öffnen, damit die Patienten nicht im kühlen Treppenhaus warten müssen, sondern im Wartezimmer Platz nehmen, während er Marits organisatorischen Part übernimmt. Er fährt den Computer hoch, grübelt, welche Arbeit er von seiner medizinischen Fachangestellten übernehmen muss und geht dann pfeifend zur Tür. Im „Alles Gut“ hat er gestern ein deutsches Rap-Lied gehört, dessen Melodie ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Als er den Schlüssel umdreht und die Türe öffnet, ist er überrascht, denn es steht schon die erste Patientin da. Als er wahrnimmt, um wen es sich handelt, entgleiten ihm seine Gesichtszüge.
„Ach du Scheiße, Hygieia, was machst du denn hier?“, ist das Erste, was ihm einfällt.
Er winkt sie schnell ins Innere der Praxis und schließt die Türe wieder sorgfältig ab. Es ist ihm nicht anders möglich, er nimmt seine Tochter in den Arm und drückt sie fest an sich.
„Hoffentlich kriegt niemand mit, dass du hier bist“, heißt er seine Tochter willkommen, als er seine Emotionen wieder unter Kontrolle hat und sich eine Freudenträne aus dem Gesicht wischt. „Geh schnell nach hinten ins Behandlungszimmer, dann haben wir maximal zehn Minuten zum Reden …“
Er hört, wie seine Tochter erleichtert aufatmet. Hat sie mit einem direkten Rauswurf gerechnet? Um es sich nicht mit dem Jugendamt zu verscherzen, wäre das die einzig richtige Reaktion gewesen.
*
Hygieia ist komplett überrascht. Sie erkennt ihren Vater fast nicht wieder. Er wirkt komplett verändert. Locker, beinahe lässig sitzt er auf dem schwarzen Arztstuhl und strahlt sie regelrecht an. Lachfältchen haben sich um seine Augen herum gebildet. Seine sonst immer wahrnehmbare körperliche Anspannung scheint wie weggewischt zu sein. Er lächelt dauernd, natürlich freut er sich, aber ihr Bauchgefühl sagt, dass Lachen inzwischen ein wichtiger Bestandteil im Leben ihres Vaters zu sein scheint – früher ging er sehr selten zum Lachen in den Keller.
„Wie geht es dir? Wie geht es Hippo? Wie geht es Christine?“, feuert er Fragen mit einer unglaublichen, anziehenden Energie ab.
Was soll sie ihm sagen? Es fällt ihr schwer, nicht in Tränen auszubrechen.
„Uns geht es so weit gut. Äußerlich ist alles in Ordnung“, antwortet sie. „Aber wir alle sind in schrecklicher Sorge um dich, wir machen uns immer Gedanken …“
„Ach was, nicht nötig, bei mir ist alles bestens“, antwortet Paul wie aus der Pistole geschossen.
Drei Sekunden später verschwindet sein Lächeln, als ob ihm etwas klar würde.
„Wir würden gerne wissen, wo du wohnst“, behauptet sie traurig. „Dann würde es uns besser gehen.“
„Es tut mir leid, dass ich euch Verdruss bereite“, antwortet er, „aber ich darf euch die Adresse nicht verraten, sonst gefährden wir auf lange Sicht, wieder als Familie zusammenzukommen und das wollen wir doch vermeiden.“
Obwohl er mit ihr wie mit einem kleinen Kind spricht, entgeht ihr nicht der durch und durch positive Tenor seiner Stimme, den sie nie zuvor wahrgenommen hat.
„Du scheinst ohne uns ganz gut zurecht zu kommen“, verbalisiert sie ihre Gedanken und dabei hat es den Anschein, als ob sie seine Partnerin wäre.
Abwehrend hebt Paul die Hände.
„Ihr wisst gar nicht, wie sehr ihr mir fehlt und ich unternehme wirklich alles, damit die Familie wieder zusammenkommt.“
Danach hört er sich nicht an, denkt Hygieia, und sie glaubt ihm deshalb kein Wort. Sie sucht nach einem Ausweg aus der Situation, denn dass es ihrem Vater alleine so gut geht, freut sie einerseits, andererseits beginnt sich die Einsicht festzusetzen, ihr Vater ist ohne die Hypothek der Familie glücklicher als ohne.
„Kannst du mir ein Attest ausstellen? Ich benötige mindestens eins für die erste Stunde …“
Zum ersten Mal seit ihrer Zusammenkunft verfinstert sich seine Miene.
„Das geht nicht, antwortet er. Das wäre ein schriftlicher Beweis für das Jugendamt …“
Fünf Sekunden lang herrscht Totenstille.
„Dann halt nicht“, sagt sie vehement, ihre Lippen beben und sie weiß nicht, ob sie ihren Vater küssen oder ihm eine reinhauen soll. „Ich habe den Eindruck, du bist nicht stark daran interessiert, zu uns zurückzukommen.“
Sie schiebt den Stuhl zurück und erhebt sich.
„So etwas darfst du gar nicht mal denken“, erwidert er ernst. „Natürlich möchte ich wieder …“
„Spar dir deine Leier!“, blafft sie ihn an. „Wenn es dir damit Ernst wäre, hättest du längst den Drogentest bestanden und wärst wieder bei deiner geliebten Christine.“
Die letzten drei Worte spricht sie aus, als handle es sich um lauter Schimpfnamen. Schnurstracks geht sie zur Tür, um sich keine weiteren Lügen anhören zu müssen, aber natürlich folgt Paul ihr mit den Worten „Warte, ich muss die Türe aufschließen, damit du hinauskommst.“ Sie hofft, die Tränen zurückhalten zu können, bis sie aus der Praxis draußen ist.
*
Fünf Minuten, nachdem seine Tochter die Praxis verlassen hat, steht Paul zögernd vor dem geöffneten Medikamentenschrank. Ab und zu hört er, wie die Patienten sich einfinden. Die blau-weißen Tramadol- und Diazepam-Packungen im Regal blinken verlockend. Sein Gehirn sendet ihm Zeichen, wie...




