E-Book, Deutsch, 379 Seiten
Schweer Fall-Stricke
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9710-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine politische Karriere
E-Book, Deutsch, 379 Seiten
ISBN: 978-3-7565-9710-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin K.W. Schweer, seit 1998 Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und wiss. Leiter der angegliederten Arbeitsstellen 'Zentrum für Vertrauensforschung', sportpsychologische Beratungsstelle 'Challenges' und 'Lehren Digital'. Über seine vielfältigen fachwissenschaftlichen Publikationen und die langjährige Erfahrung in Beratung und Betreuung von Organisationen erfahren Sie mehr unter: http://www.schweer-info.de
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Eins: Alles am Anfang ~ 1985
SASCHA
Der zweite Samstag im Mai war ein herrlicher frühsommerlicher Tag.
Das Thermometer stieg bis auf 26 Grad, der Himmel war wolkenlos, und es wehte ein angenehmes, leichtes Lüftchen. Ideale Voraussetzungen und der passende Rahmen für diesen besonderen Tag.
Die Aula war schon seit einer Stunde überfüllt, trotz im Vorfeld vorgenommener Reservierungen wollten alle die besten Plätze ergattern. Beinahe das gesamte Lehrerkollegium war anwesend, bei dem einen oder anderen hätte man sich allerdings ein wenig mehr Mühe bei der Kleiderauswahl gewünscht.
Heute war eben nicht irgendein Tag.
In wenigen Minuten würde ihre Abiturfeier beginnen. Nach dreizehn Jahren Schule, davon für die allermeisten von ihnen neun Jahre am ehrwürdigen Freiherr-vom-Stein Gymnasium, sollten sie heute in den Ernst des Lebens verabschiedet werden. Momentan hatte er jedoch überhaupt noch keinen Plan, wie es mit ihm weitergehen würde.
Seine Mutter hatte als Rechtsanwaltsgehilfin gearbeitet, vor der Geburt seines älteren Bruders jedoch ihre Stelle aufgegeben und sich fortan Familie und Kindererziehung gewidmet. Das war sicherlich eine kluge Entscheidung gewesen, denn sein Vater war als Facharbeiter für eine niederländische Firma meist nur an den Wochenenden zu Hause. Wenn überhaupt. Nachdem die beiden Kinder aus dem gröbsten heraus waren, engagierte sich die Mutter zunehmend in der Kirchengemeinde und verdiente sich als Bürohilfe für den Pfarrer ein kleines Zubrot.
Max, sein drei Jahre älterer Bruder, studierte mittlerweile Medizin an der Ruhr-Universität in Bochum. Mit einem soliden Einser-Abitur in der Tasche hatte er den Studienplatz seiner Wahl bekommen, und dem Bruder schien seine Ausbildung tatsächlich Spaß zu machen. Unvorstellbar für ihn, wenn er nur an das Sezieren der Leichen in den Anatomiekursen dachte.
Seine Eltern wären sicherlich noch stolzer auf ihren Ältesten gewesen, hätte er ihnen nicht vor einigen Monaten gebeichtet, dass er nicht auf Frauen, sondern auf Männer stand. Geahnt hatte das natürlich seit langem die gesamte Familie.
Aber etwas zu ahnen, ist das eine. Es zu wissen, ist das andere.
Die Eltern waren während seines Coming Outs krampfhaft um Haltung bemüht gewesen, ihr Unbehagen stand ihnen jedoch deutlich in den Gesichtern geschrieben. So jedenfalls hatte Max es ihm noch am selben Abend erzählt.
Die beiden Brüder wussten selbstverständlich genau, um was sich die Eltern in erster Linie Sorgenmachten: Was würden nur Freunde, Verwandte und Nachbarn sagen, wenn sie erst einmal von der „perversen“ sexuellen Neigung des Sohnes erfahren hatten? An den Pfarrer und die Leute aus ihrer katholischen Kirchengemeinde in Schmachtendorf mal gar nicht zu denken.
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Es hatte ihn sehr stolz gemacht, als Max zwei Tage vor dem Gespräch mit den Eltern am Abend zu ihm ins Zimmer gekommen war, um ihn über die Pläne seines Coming Outs ins Vertrauen zu ziehen.
Die Vorstellung, nun ganz offiziell einen schwulen Bruder zu haben, war ihm ziemlich egal. Zwei Männer, die miteinander ins Bett gingen, war jedoch für Sascha selbst eine gänzlich unmögliche Vorstellung.
Ab und an kam ihm Volker in den Sinn.
Volker in seiner Klasse. Alle Mitschüler waren damals fest davon ausgegangen, dass er schwul war, weshalb er von den anderen Jungs regelmäßig ziemlich runtergemacht worden war.
Auch er hatte Volker ziemlich mies behandelt.
Irgendwie war das bei seinem Bruder jedoch etwas völlig anderes. Wenn Max meinte, nur mit einem Kerl glücklich werden zu können, dann sollte er das tun. Ihrem Verhältnis zueinander würde das nichts anhaben können. Außerdem war nun ein für alle Mal die Gefahr gebannt, dass sein ziemlich attraktiver älterer Bruder ihm irgendwann einmal eine Freundin ausspannen könnte.
Das hatte schließlich auch Vorteile, dachte Sascha. Schließlich redeten Oliver und Sebastian aus der Nachbarschaft genau aus diesem Grund seit mehreren Jahren kein Wort mehr miteinander. Sebastian, der Vorstadtcasanova, hatte sich bei einem gemeinsamen Urlaub einmal mehr nicht bremsen können und mit Katja, der langjährigen Freundin seines Bruders, eine Affäre angefangen. Kurz und heftig. Alles ganz heimlich, aber natürlich war das nach wenigen Wochen herausgekommen. Oliver, schon immer sehr konsequent in seinen Entscheidungen, hatte sich daraufhin sofort von Katja getrennt.
Von diesem Moment an war sein Bruder für ihn gestorben gewesen.
Auch Katja und Sebastian waren nicht lange zusammengeblieben, nach zwei Monaten war der Reiz des Verbotenen bereits wieder verflogen.
Sascha wusste allerdings ganz genau, dass ihm so etwas mit seinem Bruder nicht passieren konnte.
Max würde ihm niemals Leid antun, das war völlig undenkbar.
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Seit jeher verband die beiden Brüder ein festes Band gegenseitiger Verbundenheit. Betrachtete man sie rein äußerlich, so würde niemandem der Gedanke kommen, dass es sich bei ihnen um Geschwister handeln könnte.
Max kam wohl äußerlich auf seinen Vater. Mit seinen ein Meter zweiundneunzig und dem blonden, lockigen Haar, das er stets mindestens schulterlang trug, war er ein athletischer Typ, den man sich gut als Bademeister der Baywatch-Riege neben Pamela Anderson und David Haselhoff vorstellen konnte. Sascha, mit einem Meter neunundsiebzig deutlich kleiner geraten als sein Bruder, trug sein blondes, glattes Haar stets kurz geschnitten und verkörperte im Gegensatz zu Max eher den südländischen Typ, sein dunkler Teint musste ihm mütterlicherseits in die Wiege gelegt worden sein. Wenngleich ihn viele sicherlich ob seiner Erscheinung heimlich beneideten, empfand Sascha sich selber alles andere als attraktiv.
Und dementsprechend benahm er sich auch. Stets der Typ Junge, der in der zweiten Reihe stand, wenn es denn keine dritte Reihe gab.
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Ganz gleich, welche Unterschiede man zwischen den beiden ausmachen konnte, in ihren Haltungen zueinander waren sie seit jeher Geschwister, wie sich Eltern keine besseren hätten wünschen können. Dabei hatte Max nur in den ersten Jahren die typische Rolle des älteren Bruders übernommen. Er passte auf den Kleineren auf, verteidigte ihn auf dem Schulhof und stand ihm auch gegenüber den Eltern in manch schwierigen Situationen schützend zur Seite. Das eine oder andere Mal hatte er für irgendeinen Blödsinn des Bruders die Schuld auf seine Kappe genommen.
Je älter sie wurden, umso mehr Zeit hatten sie gemeinsam verbracht.
Ihre große, sie verbindende Leidenschaft galt seit einer viertägigen Jugendfreizeit, von der Kirchengemeinde vor Ort organisiert, dem Schwimmen. Unzählige Stunden hatten sie seither im Becken verbracht, ihre Runden gedreht und sich gegenseitig zu besseren Leistungen angespornt.
Fliesen zählen. Unendlich viele Fliesen zählen.
Im Sommer gingen sie hierfür beinahe täglich ins Freibad, legten sich nach absolvierter Trainingseinheit auf die mitgebrachten Handtücher, lasen einen Roman nach dem anderen und sinnierten schon sehr früh über die Geschehnisse in der Welt. In der Wintersaison wichen sie auf das städtische Hallenbad aus und hielten sich hinterher so manche Stunde in dem gemütlichen kleinen Café direkt gegenüber auf. Neben dem Kauf von neuen Büchern investierten sie beinahe ihr gesamtes bescheidendes Taschengeld in ihre Dauerkarten fürs Schwimmen und den nachmittäglichen Kuchen inklusive eines großen Bechers Schokolade. Die verbrannten Kalorien mussten schließlich wieder zugeführt werden, und es gab nicht viel, was hungriger machen konnte als eine konsequente Schwimmeinheit.
Nur gut, dass die Eltern ihrer Mutter, Gerda und Johann Schwiers, immer wieder ein Einsehen mit den Enkeln hatten und den beiden ein paar Mark zusteckten. Sie wussten ja schließlich, dass die Enkelsöhne das Geld nicht für sinnloses Zeug verprassten.
Um genau zu sein, steckte vor allem Oma Gerda ihrem Lieblingsenkel Sascha etwas zu, aber das spielte keine Rolle, schließlich floss alles in die Gemeinschaftskasse und wurde brüderlich geteilt.
Die Eltern ihres Vaters waren weit weniger großzügig, das Verhältnis zu ihnen war ohnehin deutlich distanzierter. Das lag nicht nur daran, dass Karl und Hannelore Steffen im hohen Norden von Ostfriesland wohnten. Sie konnten seit jeher mit Kindern nicht viel anfangen. Selbst ihr eigener Vater schien mit seinen Eltern nicht besonders gut klar zu kommen, wenngleich er niemals ein schlechtes Wort über sie fallen ließ. Man sah sich gelegentlich zu den üblichen Feiertagen, mehr Kontakt gab es darüber hinaus jedoch nicht.
Max und Sascha lasen bevorzugt Krimis, wagten sich aber auch immer wieder an die sogenannte anspruchsvolle Literatur. Hesses Steppenwolf gehörte genauso dazu wie Kafkas Prozess oder Marques´ Hundert Jahre Einsamkeit. Max studierte hierfür die wöchentlichen Hinweise in der Tageszeitung, zudem konnten sie auf den fachkundigen Rat von Maria Kruse vertrauen, die in ihrer kleinen Buchhandlung, nur wenige Minuten von ihrem Zuhause entfernt, jeden Besucher nicht nur mit Namen kannte, sondern auch bestens über dessen Lesegewohnheiten Bescheid wusste und daher stets einen guten Tipp parat hatte. Allerdings musste man Zeit mitbringen. Sehr viel Zeit. Denn Frau Kruse liebte den kurzweiligen Plausch, weshalb es kaum möglich war, unter einer Stunde Aufenthalt die Buchhandlung wieder zu verlassen.
Selbstverständlich gab es manches Mal richtig Zoff zwischen Max und Sascha, alles andere wäre ja auch zwischen Geschwistern nicht normal gewesen. Anlass waren irgendwelche...




