E-Book, Deutsch, Band 5, 176 Seiten
Reihe: Historische Texte des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim
Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg
E-Book, Deutsch, Band 5, 176 Seiten
Reihe: Historische Texte des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim
ISBN: 978-3-7065-6296-6
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis eines Forschungskolloquiums im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim. Anhand von Beiträgen zu vier Heil- und Pflegeanstalten auf österreichischem Gebiet – Hall in Tirol, Mauer-Öhling bei Amstetten, Niedernhart in Linz und Am Steinhof in Wien – sollen die Lebensbedingungen und Sterblichkeit in der Psychiatrie in den beiden Kriegen analysiert, verglichen sowie ihre Ursachen rekonstruiert werden. Der Sammelband versteht sich als Bericht zu Forschungsprojekten und -erkenntnissen der letzten Jahre und möchte auch dazu beitragen, weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dieser lange Zeit wenig beachteten Thematik zu initiieren.
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Einleitung
Der Erste und Zweite Weltkrieg forderten auch weit abseits der Frontlinien zahlreiche Menschenleben – so auch jene von PatientInnen psychiatrischer Anstalten auf deutschem und österreichischem Gebiet: Die Sterblichkeit der hier untergebrachten PatientInnen stieg in beiden Kriegen drastisch an und führte insgesamt zu hunderttausenden Todesopfern. Wenn auch diese Entwicklung in beiden Kriegen zu beobachten war, so unterscheiden sich die Hintergründe des Massensterbens jedoch zum Teil enorm: Während das Massensterben im Ersten Weltkrieg auf eine im Allgemeinen prekäre und sich stark verschlechternde Versorgungslage und damit in Zusammenhang stehende Entscheidungen bzw. Maßnahmen von politischen und militärischen Behörden zurückzuführen war1, so standen in der Zeit des Nationalsozialismus psychisch kranke wie auch behinderte Menschen im Fokus einer rassenhygienisch motivierten Gesundheits- und Sozialpolitik. Diese beeinflusste nicht nur die Versorgung der Menschen in Betreuungseinrichtungen und Kliniken, sondern schlug sich auch im Massenmord im Rahmen der NS-Euthanasie nieder. Dieser wurde zum einen während der „Aktion T4“ in zentralen Tötungsanstalten mittels Gas durchgeführt, zum anderen mordeten ÄrztInnen und Pflegekräfte in verschiedenen – wenn auch nicht in allen – Heil- und Pflegeanstalten. Die Psychiatrie- bzw. Medizingeschichtsforschung widmete sich diesen Themen bislang in recht unterschiedlichem Ausmaß: Während zur NS-Euthanasie mittlerweile zahlreiche Einzelstudien vorliegen, fehlen rezente Gesamtdarstellungen – vor allem was die dezentralen Tötungen betrifft. Zur Sterblichkeit in österreichischen und deutschen Heil- und Pflegeanstalten während des Ersten Weltkriegs liegen nur wenige Untersuchungen vor. 1998 publizierte der Psychiater Heinz Faulstich unter dem Titel „Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949“2 eine seitdem vielzitierte Grundlagenarbeit, die das Massensterben in den verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges beleuchtet. Die Situation in Österreich findet darin leider nur in minimalem Ausmaß Beachtung, so werden etwa die dezentrale Euthanasie und das Massensterben auf nur wenigen Buchseiten beschrieben. Allgemein liegen bislang nur zwei Überblicksdarstellungen zur Geschichte der dezentralen NS-Euthanasie auf österreichischem Gebiet vor.3 Größere Forschungsprojekte, die über einzelne österreichische Anstalten bzw. Bundesländer hinausgehen, fehlen sowohl zum Ersten wie auch zum Zweiten Weltkrieg bzw. der NS-Zeit. Die Absicht der Herausgeber, Forschungen zu Sterblichkeit und Lebensbedingungen psychiatrischer PatientInnen in den zwei Weltkriegen zu initiieren bzw. laufende Arbeiten zu präsentieren und ForscherInnen in fachlichen Austausch zu bringen, reifte ab 2014 – während der Zeit des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs. Die zahlreichen Veranstaltungen, Medienberichte und Dokumentationen rund um dieses Ereignis ließen erwarten, dass auch dieses bislang kaum beachtete Thema des Massensterbens von psychisch kranken Menschen Beachtung in der Öffentlichkeit und vor allem bei HistorikerInnen finden würde. Wie man in den Jahren ab 2014 feststellen konnte, war dem jedoch nicht so. Während die Behandlung von psychisch erkrankten Soldaten (Stichworte „shell shock“ und „Kriegszitterer“) zwar punktuell – wenn auch in überraschend geringem Ausmaß – Beachtung in Medien und Forschung4 erhielt, fanden die zehntausenden Todesfälle in den Heil- und Pflegeanstalten so gut wie keine Aufmerksamkeit. Die Anzahl der Studien zu Sterblichkeit und Lebensbedingungen in den psychiatrischen Anstalten und auch allgemein zur Situation der österreichischen Psychiatrie im Ersten Weltkrieg ist nach wie vor überschaubar.5 Um dem Thema doch noch einen Platz rund um den 100. Jahrestag (bzw. die Jahrestage) zu geben und neuere Forschungen und Projekte zu präsentieren, lud der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim zu seinem II. Forschungskolloquium, das unter dem Titel „Krieg und Psychiatrie. Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg“ am 25. April 2018 in Hartheim stattfand. Vier der fünf Beiträge der Veranstaltung wurden in der Folge verschriftlicht, aktualisiert bzw. überarbeitet und im vorliegenden Band versammelt. Im Rahmen der Beiträge wurde versucht – soweit dies die Quellen- bzw. Datenlage und der Stand der Forschungen zuließen –, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in der Psychiatrie im Ersten Weltkrieg mit jener in der NS-Zeit bzw. im Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Die vorliegenden Texte widmen sich der Situation in vier Heil- und Pflegeanstalten der seinerzeitigen „Ostmark“: Dirk Dunkel und Oliver Seifert analysieren die Lebensbedingungen und Sterbezahlen in der Tiroler Heil- und Pflegeanstalt Hall während beider Weltkriege. Sie stützen sich in ihrem Beitrag auf umfangreiches Material, das im Rahmen ihrer langjährigen Forschungen gewonnen werden konnte.6 Clemens Ableidinger und Philipp Mettauer zeichnen anhand ihrer Forschungstätigkeiten die Entwicklung der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling in Niederösterreich nach. Die Ergebnisse jüngerer Forschungen zu den Sterbezahlen und Ereignissen in der oberösterreichischen Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz versammelt Markus Rachbauer in einem Beitrag. Der letzte – und umfangreichste – Text widmet sich der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien. Peter Schwarz präsentiert hier seine langjährigen Studien zu den Entwicklungen in Österreichs – mit Abstand – größter psychiatrischer Einrichtung von der Jahrhundertwende bis in die Anfangsjahre der Zweiten Republik, mit dem Schwerpunkt auf den Lebensbedingungen der PatientInnen vor dem Hintergrund zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus. Vor allem was die Zeit des Nationalsozialismus betrifft, ergibt sich ein differenziertes Bild: Aufbauend auf den rassenhygienischen Positionen des Nationalsozialismus mordeten während des Zweiten Weltkriegs ÄrztInnen in zahlreichen Kliniken des Dritten Reichs – so auch in Anstalten der „Ostmark“ bzw. „Donau- und Alpengaue“. Auch wurde in manchen Regionen und Einrichtungen durch absichtliche Minderversorgung ein starkes Ansteigen der Sterberaten verursacht. In anderen Heil- und Pflegeanstalten wiederum wurden PatientInnen nicht vorsätzlich zu Tode gebracht, hier lagen die Sterberaten zum Teil auf dem Niveau bzw. sogar unter jenen des Ersten Weltkriegs. In den einzelnen, in den vorliegenden Beiträgen untersuchten Anstalten können diese unterschiedlichen Entwicklungen sichtbar gemacht werden. Die Autoren gehen den möglichen Faktoren nach, die dazu führten, dass an manchen Orten besonders hohe Sterberaten zu verzeichnen waren, und versuchen auch zu klären, warum es in bestimmten Heil- und Pflegeanstalten zu Morden an PatientInnen im Rahmen der dezentralen Euthanasie bzw. zu einem massenhaften „Sterbenlassen“ kommen sollte und in anderen wiederum nicht. Die Beiträge präsentieren – wie oben erwähnt – verschiedene jüngere Ergebnisse aus Recherchen und Forschungen. Sie zeigen auch, dass die Geschichte der Psychiatrie in Krieg und NS-Zeit trotz der Bemühungen der vergangenen Jahre weiterer Untersuchungen und Forschungsprojekte bedarf und noch immer zahlreiche Fragen nicht ausreichend beantwortet werden können. Markus Rachbauer, Florian Schwanninger ______________ 1 Herwig Czech stellt dazu fest, die Verhältnisse während des Ersten Weltkrieges hätten sich von jenen in der NS-Zeit dadurch unterschieden, „dass es sich dabei nicht um die Folgen einer bewussten Politik handelte, sondern um das Ergebnis einer Nahrungsmittelknappheit, die die gesamte Bevölkerung betraf.“ Vgl. Herwig Czech, Von der „Aktion T4“ zur „dezentralen Euthanasie“. Die niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Gugging, Mauer-Öhling und Ybbs, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Fanatiker, Pflichterfüller, Widerständige. Reichsgaue Niederdonau, Groß-Wien, Wien 2016 (= Jahrbuch 2016), 219–266, hier 239. 2 Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914 – 1949, Freiburg im Breisgau 1998. 3 Brigitte Kepplinger, Regionalisierter Krankenmord. Voraussetzungen und Strukturen der nationalsozialistischen Patiententötung außerhalb der zentral gesteuerten Programme, in: Bertrand Perz u.a., (Hg.) Schlussbericht der Kommission zur Untersuchung der Vorgänge um den Anstaltsfriedhof des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall in Tirol in den Jahren 1942 bis 1945, Innsbruck 2014, 49–81; Herwig Czech, Jenseits von Hartheim. Dezentrale Krankenmorde in Österreich während der NS-Zeit, in: Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und Zwangssterilisation (Hg.), NS-Euthanasie in der „Ostmark“. Fachtagung vom 17. bis 19. April 2009 im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, Alkoven (=Berichte des Arbeitskreises, Bd. 8), Ulm/Münster 2012, 37–60. 4 Als einzige wissenschaftliche Veranstaltung im deutschen Sprachraum zur Psychiatrie im Ersten Weltkrieg ist die Tagung...