E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Das volle Leben
Schwager Das volle Leben
5. Auflage 2011
ISBN: 978-3-03763-527-8
Verlag: Wörterseh Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Männer über achtzig erzählen
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Das volle Leben
ISBN: 978-3-03763-527-8
Verlag: Wörterseh Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susanna Schwager war in ihrer Heimat Schweiz Verlagslektorin und Redakteurin, bis die Lust an Geschichten sie nach Lateinamerika trieb, wo sie mehrere Jahre lebte. Wieder in der Schweiz, schrieb sie die beiden Bestseller 'Fleisch und Blut' und 'Die Frau des Metzgers', berührende Hommagen an ihre Großeltern, für die sie mehrere literarische Auszeichnungen erhielt. Zudem schrieb sie die Bücher 'Das volle Leben - Männer über achtzig erzählen' und 'Das volle Leben - Frauen über achtzig erzählen', das 50 Wochen auf der Schweizer Bestsellerliste stand, wochenlang auf Platz eins. Susanna Schwager wohnt in Zürich.
Weitere Infos & Material
Hans Beck
17. Juli 1916
Das könnt Ihr jetzt sagen, ich sei gut beieinander. Wenn ich hocke. Sobald ich stehe, habe ich da hinten Probleme. Beim Laufen noch schlimmer, Autofahren geht. Alle zwei Jahre muss ich zum Doktor, muss Buchstaben aufsagen, das ist alles. Dann misst er den Blutdruck und macht mir den Fahrattest. Es sind die Bandscheiben, die drei untersten Wirbel hat es zusammengestaucht. Da kann man nichts machen. Vom Nichtstun kommt das nicht, wahrscheinlich. Nur das Laufen tut saumässig weh seit ein paar Jahren. Muss ja keine Bäume mehr ausreissen.
Eisen ist schwer, das ist schwere Arbeit, Schmied. Man lüpft halt viel. Jahrzehntelang war ich Schmied. Auch Schlosser und Sanitär und Werkzeugmacher, hatte noch das Brevet als Hufschmied. Hier im Dorf waren wir zwei Schmiede. Und Brunnenmeister war ich, der ist verantwortlich für das Wasser. Da muss man zum Pumphaus und zum Reservoir schauen, damit alles immer in Ordnung ist. Wenn es ein Leck hat, muss der Brunnenmeister herausfinden, wo es rausläuft. Seinerzeit war so ein Leck schwierig zu finden, und dann hat ein Dorf aufs Mal kein Wasser mehr. Da muss man lochen, bis man es findet. Jede Quelle einzeln kontrollieren und schauen, ob das Wasser bis ins Reservoir kommt. Graben. Im Zweiundsechzig haben wir hier die Wasserversorgung gemacht. Die Leitungen von hier nach Runtigen, das sind sieben Kilometer. Hab ich alles eigenhändig eingelegt.
Ich hatte eigentlich nie etwas, krank oder so, es wurde jedenfalls immer wieder. Nur ein paar Kratzer und Hicke weg, das hat man immer, am rohen Metall reisst man sich gern die Haut auf. Und versengt hat man sich dauernd. Gewöhnt man sich dran. Sorge trugen wir uns nicht gerade, das könnte ich nicht sagen. Wir dachten nie daran, dass einmal etwas sein könnte. Man solle sich Sorge tragen? Geredet hätte nie jemand davon. Der Vater sagte sicher nie etwas in der Richtung. Wenn nachher etwas richtig wehtat, merkte man, so macht man es gescheiter nicht mehr. Anpacken wollten wir, möglichst gut anpacken. Mit der Zeit wusste man, wie es geht.
Der Körper war zum Schaffen da, wozu sonst? Sicher nicht zum Kaspern. Ab und zu gab es Unfälle, mou, das gehörte dazu. Habe mir sicher zweimal ein Rippchen gebrochen beim Anstemmen. Tut schon ein bisschen weh, aber das geht vorbei. Das wächst wieder zusammen, man muss nur warten. Später mussten sie mir beide Hüftgelenke ersetzen, das kommt auch vom Lüpfen. Wenn man Wasserleitungen macht, verlegt man diese grossen Eternitrohre, vier Meter lang und fünfzehn Zentimeter Durchmesser. Hat ein bisschen Gewicht. Heute werden diese Rohre nicht mehr so verlegt, heute nehmen sie nicht mehr Männer. Jetzt macht das ein Kran.
Gelernt habe ich Schmied, bis zum Meister. Dann Hufschmied, das ist eine Extraausbildung. Der Vater hatte eine Werkstatt unten an der Strasse, die hatte er von seinem Vater. Dort schmiedeten der Vater und ich Eisenreifen für die Wagenräder zum Beispiel. Viele Wagenräder haben wir da vorn bereift, im Wegdreieck vor der Schmitte. Auf Eisenbahnschienen hatten wir einen grossen Ring, und über den kamen zwölf fertig geschmiedete Metallreifen, man stapelte sie schön aufeinander. Drumherum taten wir Wedele, wenn Ihr wisst, was das ist. In der Ostschweiz sagen sie Büscheli. Oder Burdeli meinetwegen. Reisigbündel. Man zündete sie an, das gab ein rechtes Feuerchen, und die Eisenreifen wurden warm. Was Wärme hat, dehnt sich aus, wird gross, das kennt Ihr. Dann rannte man mit der Spritzkanne im Kreis herum, um alles wieder ein wenig abzukühlen. So kann man die Eisenringe gut über das Rad abziehen. Danach legte man Rad mit Reif in den Brunnen. Nicht wahr, was abkühlt, zieht sich zusammen, wird hart. Das Eisen legte sich ganz eng ans Holz. So halten die Eisenreifen das weiche Holz zusammen, machen das Ganze stabil. Ohne unser Eisen wären die schönsten Holzräder nichts gewesen.
Schmied war das, was ich lernen wollte, das wollte ich werden seinerzeit. Schlosser vielleicht auch noch, das ist nicht ein so grosser Unterschied. Vielleicht sind die ein wenig die Feineren, gegenüber den Schmieden. Machen ein bisschen mehr die Kunst als die Schmiede. Verzierungen und Schnörkel an Fenstergittern, auch Halter für Blumentrögli, solche Sachen. Wagenräder und Hufeisen und Deichseln verziert man nicht. Die Geländer da draussen hab ich selber geschmiedet, habt Ihr sie gesehen? Für die Frau. Nid wahr, Schmiede können das auch. Mit den Verzierungen verdiente man gewöhnlich ein wenig besser. Im Allgemeinen kannte man keine reichen Schmiede, nirgends. Schlosser auch nicht.
Man machte einfach, was schon der Vater gemacht hat, wollen wir sagen. Ich hätte eigentlich noch das Elektrische gern gehabt. Wäre vielleicht noch gern Elektriker geworden. Habe das beim Vater sicher nie erwähnt, das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Wenn man der einzige Bub war, und der Vater war Schmied und der Grossvater war Schmied, da gab es nichts zu besprechen. Schon der Grossvater hatte Werkzeug gemacht, das hat man dann zu Ehren gezogen und irgendwo aufgehängt im Haus, nachdem er gestorben war, an der Grippeepidemie 1919. Die Hälfte der Lehre machte ich beim Vater, nachher war ich noch zwei Jahre in Lyss, damit man auch lernte, was der Vater nicht konnte. Zum Beispiel Äxte und Beile, dafür war der Fahrni Christen berühmt, Waldwerkzeug. Ein ganz lieber Lehrmeister war das, mit einer noch lieberen Frau. Er schoss auch gut. Ich wohnte bei ihnen in der Dachschräge. Immer um sechs Uhr in der Früh stand der Fahrni schon unter dem Krafthammer, das macht einen Heidenkrach, da war man wach. Gesprächig war man nicht unbedingt in diesem Beruf, zum Hämmern und Schwitzen schwatzt man nicht unbedingt viel.
Zu Hause beschlugen wir neben den Wagenrädern hauptsächlich Pferde. Die Hufeisen schmiedeten wir nicht selber, die bezogen wir vorfabriziert bei der Von Roll in Gerlafingen. Machten sie heiss und passten sie ans Huf an, bis es das Räuchlein gab vom verbrannten Horn. Das spürt das Pferd doch nicht. Man roch es noch gern. Jetzt ist das alles nichts mehr, es hat keine Schmitte mehr in der Gegend. Die Bauern haben nur noch wegen dem Hobby Pferde. Das ist Mode, das Hobby. Reiche Leute haben meistens ein Hobby, zum Beispiel eben Rosse. Wir haben hier Landwirte, die versorgen dreissigvierzig Pferde, die rentieren besser als Kühe. Der von Landerswil sagt, er verdient mehr an einem Ross in Pflege als an einer eigenen Kuh. Für die Schmiede ist das gut, es gibt noch ein paar, die haben den Amboss im Auto und das Feuer in Flaschen und gehen den Rossen der Reichen nach.
Bei uns war das Feuer in der Esse. Die Werkstatt vom Vater war schwarz, im Allgemeinen ist eine Schmiedewerkstatt schwarz, vom Russ. Sie gefiel mir. An den Wänden war alles voller weisser Zeichen. Wenn man etwas schreiben musste, ein Mass oder etwas ausrechnen wollte, malte man das mit Kreide auf die schwarze Hotte. Das Feuer war meine Aufgabe. Die Zündhölzchen steckten in einem Loch in der Mauer, ein rundes Päckchen Hölzli mit grünen Köpfen. Man riss eins an der Mauer an und hielt es in die Späne, bis die Flammen die Kaminhotte hinauflüdereten. Nach einer Weile tat man Steinkohle drauf, sehr heisses Feuer brauchte der Vater, achtneunhundert Grad. Man schwitzte beim Hämmern, und Rauch gab es immer. Für den Vater war es vielleicht zu viel Rauch. So ein Gedanke wäre uns beim Schaffen nicht einmal gekommen. Wenn der Luft ging draussen, hatte man den ganzen Rauch in der Werkstatt, er zog nicht hinauf. Dann machte man die Fenster auf und lüftete, bis das Feuer gut kam. Das roch man noch gern, den Rauch in der Werkstatt. Das Metall, den Rauch und die Asche, das roch man noch gern.
Das war einmal, gäu Böbu, das war einmal. Ist alles nicht mehr.
Feuer ist ja nicht gleich Feuer. Mit dem grossen Blasbalg reiste der Vater Luft dazu, je mehr man Luft dazubrachte, desto heisser wurde es. Es gibt verschiedene Feuer und verschiedene Wärmen und drum auch verschieden heisses Eisen, nid. Wenn das Eisen genau richtig heiss ist, ist es rotwarm, weich. Sogar fast ein bisschen lebendig, man kann es formen. Wenn es glühig heiss ist, ist es weisswarm, zwischen neunhundert und tausendzweihundert Grad. Sehr weich, es will fast zerfliessen, sich auflösen. Bei dieser Erhitzung wird aus zwei Eisenstücken eins, etwas Neues, sehr Stabiles. Wenn zwei Metallteile einmal so in der Hitze sind und aneinanderliegen, verschweissen sie sich für immer. Noch heisser ist nicht gut, da läuft alles davon, man muss sofort kühlen. Kühler als rotwarm ist nur noch klebwarm, das Metall ist nicht mehr farbig, es bleibt schwarz. Am Schluss kommt immer alles ins Wasser, wird wieder kalt und starr.
Wenn der Vater und ich an grossen Stücken arbeiteten, gaben wir zu zweit die Streiche. Der Vater schlug auf der einen Seite vom Amboss, ich...




