E-Book, Deutsch, Band 1, 264 Seiten
Reihe: Das volle Leben
Schwager Das volle Leben
3. Auflage 2011
ISBN: 978-3-03763-526-1
Verlag: Wörterseh Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frauen über achtzig erzählen
E-Book, Deutsch, Band 1, 264 Seiten
Reihe: Das volle Leben
ISBN: 978-3-03763-526-1
Verlag: Wörterseh Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susanna Schwager, geb. 1959 in Zürich, ist eine bekannte Schweizer Schriftstellerin und wurde vielfach ausgezeichnet. Mit ihren Werken »Das volle Leben« und »Das halbe Leben« sowie dem Familienpanorama »Fleisch und Blut«, »Die Frau des Metzgers« und »Ida - Eine Liebesgeschichte« verfasste sie erfolgreiche Longseller. Nach Lehr- und Wanderjahren lebte sie ein paar Jahre in Mexiko. Heute wohnt sie bei Zürich. www.susannaschwager.ch
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Hanny Fries
27. November 1918
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Man muss mit Coraggio anfangen, mit Mut. Einfach anfangen, das ist das Wichtigste. Nicht zuerst wissen wollen, wo es hinführt, sondern anfangen und dann einfach weitermachen. Wie im Leben ist das, da weiss man auch nie, was das wird. Eine Frage des Mischens. Man muss gar nicht weit laufen, alles ist gut genug, um damit anzufangen, jede hundskommune Ecke und jedes Papier. Ich habe gern Papier, das nicht extra für Kunst gemacht ist, sondern für Würste zum Beispiel. Metzgerpapier ist etwas Wunderbares, am liebsten ist mir das italienische. Ich liebe Märkte, auf den Märkten schaue ich und sammle Einwickelpapier. »Könnte ich noch von dem Papier haben, das dort hinter Ihnen hängt?« – »Ma perqué?« – »Sono pittore«, dann bekomme ich ganze Stapel Wurstpergament mit diesen Löchern, wo es aufgehängt war. Die Italiener mögen Maler. Dieses Papier ist grausam, man kann es eigentlich nicht beschreiben, nur mit dicken Federn oder Stiften. Leider ist es jetzt verboten. Zu wenig hygienisch; das Blut und das Fett lief den Hausfrauen doch ständig in die Einkaufstaschen.
Es ist auch gut, mit Spazieren anzufangen. Flanieren ist gut, schauen, riechen, hören, schauen. Sich unter die Leute mischen, ohne viel zu wollen. Ich habe nie Auto fahren gelernt, ich war immer zu Fuss unterwegs oder mit dem Tram. Ich liebe Bahnhöfe, Wartsäle. Flanieren ist das beste Fitnesstraining, da vergehen die Bobos von alleine. Aber nicht Powerwalken mit diesen Stöcken, die man von weitem klappern hört. Herumspazieren und sich die Welt anschauen, ohne Lärm, ganz gewöhnlich. Bei mir ist natürlich ein Notizblock dabei. Eine Zeichnung ist viel besser als eine Fotografie. Wenn ich eine Skizze mache, bleibt es mir, das ist dann gespeichert in meinem Computer hier oben. Wenn man an etwas gelitten hat, prägt es sich ein.
Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Drum bin ich jetzt ein wenig angestrengt, weil ich ständig gefragt werde nach Sachen, die die Jungen nicht mehr wissen. Wie ein Archiv komme ich mir vor. Die Jungen wissen viel Neues, aber sehr vieles wissen sie eben nicht. Ich habe ein paar Jährchen gelebt und Leute kennen gelernt. Da kommt etwas zusammen, wahnsinnig. Ich beobachte, wie die Löcher in der Erinnerung der Gesellschaft immer grösser werden. Komischerweise schien es lange Zeit niemanden zu stören, dass hinten so viel fehlt. Jetzt kommt das langsam wieder.
Ein gutes Gedächtnis kommt nicht von nichts. Das kommt bei mir vom Zeichnen. Auch Schreiben geht, aber das Malen und Zeichnen mit der Hand speichert sich am besten ab hier oben. Über das Auge und über das Gefühl gehen die Bilder hinein und bleiben. Ich muss immer einen Block neben dem Bett haben, damit ich zeichnen oder aufschreiben kann, was mir durch den Kopf geht. In der Dunkelheit kommt viel, was sich am Tag nicht hervortraut.
Ein Computer käme mir nicht ins Haus, das sind Prothesen. Ich hasse das alles, diese sklavische Abhängigkeit von Hilfsapparaten. Nur schon dieses Wort, Internet. Mir ist fast alles suspekt, was nett ist. Und ein Handy brauche ich auch nicht, bei der Hanny ist alles handy. Tutti quanti handy bei mir, alles von Hand. Die Sturheit habe ich vom Righini. Bei ihm musste sich sogar das Telefon unter einem Tuch verstecken.
Ich komme aus einer richtigen Künstlerfamilie. Mein Grossvater war der Kunstpapst Sigismund Righini, ein toller Mann. Mein Vater war ein Maler ganz anderer Art und führte eine begehrte Privatmalschule. Meine Mama sass über Schreibheften. Die Kunst, aber auch das Gesellige, das Sich-Mischen und Sich-Einmischen, lag bei uns in der Familie. Ich war ein Einzelkind, aber das Haus war immer voller Leute. Der Vater und vor allem der Grossvater engagierten sich in Gremien und Kommissionen für die Kunst und die Künstler. An der Schanzeneggstrasse 1 wohnten wir, da gab es ein grosses Atelier mit Blick auf den Botanischen Garten und den Fluss. Für Willys Freunde gab es jederzeit Mandarinli oder einen Kaffee vom Kätterli, meistens auch eine warme Mahlzeit. Ich nannte meine Eltern immer beim Vornamen.
Das Kätterli war die Tochter vom Righini und machte kleine Feuilletons. Lustige, farbige Texte. Es kam einmal ein Büchlein heraus beim Orell Füssli. Das Kätterli wäre sehr gut gewesen, aber sie schrieb absolut unleserliche Manuskripte. Der Willy zwang sie dann, es wenigstens so zu schreiben, dass man es in ein Büro geben konnte zum Abtippen. Von uns konnte ja niemand Maschine schreiben. »Seltsamer Abend« heisst das Büchlein. Impressionen waren das, kleine Mansfield-artige Stückchen, ein Schuhladen in Venedig, ein Gewitter im Garten, der Vater im Atelier. Sie hat gut geschrieben, sehr gut. Und sie war auch eine wunderbare Imitatorin. Wenn das Kätterli mit dem Willy ins Cabaret Cornichon ging, lag ich wach im Bett und wartete, bis sie kam und mir vormachte, was sie gesehen hatten. Daheim spross eine freie Bildung, ohne schulischen Druck. Alles ist Schule, wenn man sich darauf einlässt. Die Kunst gehörte bei uns ganz selbstverständlich zum Alltag, das eine bedingte das andere. Ich sass mittendrin, wenn meine Eltern sich über Ausstellungen, Sitzungen der Zürcher Künstlerschaft, über Lesezirkel, den Lyceum-Club, Theater und Konzerte unterhielten. In der Wohnung lagen die Zeitschriften »Der Querschnitt«, »Die Dame« und »Der Simplicissimus« herum. Von diesem Boden zehre ich heute noch.
Ich war das wohlbehütete einzige Kind in diesem Trio familial, und das bekam mir bestens. Als einzige Tochter ist man zwar glücklich, aber auch ein bisschen belastet. Die Lasten der Familie, vor allem die ganzen Vermächtnisse der Vorväter, die trägt man dann auch allein. Weil der Vater so beschäftigt war und mit seiner Kunstschule Erfolg hatte, machte das Kätterli mit der Zeit nur noch den Haushalt und schaute nach dem Rechten. Wunderbar machte sie das, obwohl sie es sicher nicht wirklich liebte. Sie machte es leicht, irgendwie mit links, wie alles, was sie tat. Mich liess sie nie in die Küche, sie wollte nicht, dass ich im Haushalt lernte, sie weigerte sich richtiggehend, mir etwas beizubringen. Vielleicht, damit ich nie in Versuchung käme, das Malen zugunsten von Hausarbeit zu schmeissen. Ich kann bis heute nicht kochen, ausser Spaghetti und Spiegeleier.
In diesem Milieu wurde ich Künstlerin, ohne es zu merken. Ich zeichnete und malte ständig. Am liebsten ganz Gewöhnliches, was grad vor der Nase lag. Ich lernte sehen und das Beobachtete umsetzen. Und ich lernte auch zuhören in diesem Haus, wo alle ein und aus gingen. Künstler reden gern von ihren Problemen und Bobos. Die merkten schnell, dem Hanneli muss man nicht viel erklären, die versteht einen rasch. Menschen haben mich immer interessiert. Ganz normale genauso wie etwa ein Friedrich Dürrenmatt oder der Ludwig Hohl, mit dem ich später acht Jahre zusammenlebte.
Ich ging an der Hohen Promenade in Zürich in die Töchternschule. Aber ich musste mich nicht mit einer Matura abplagen, mir widerfuhr die Gnade, Freischülerin zu sein. Das gab es damals noch. Ich konnte die Fächer auswählen, die mich interessierten und die ich brauchte für die Kunstgewerbeschule. Die Haushaltungsschule strich ich auch, gegen den Willen vom Papa allerdings. Der fand, das brauche man doch als Frau. Aber das Kätterli verstand das sehr gut und unterstützte mich. Dass ich in die Kunstgewerbeschule eintrat, war klar, man verlor kein Wort darüber. Dass ich trotz dieser Selbstverständlichkeit, oder gerade deswegen, einen eigenen Weg suchen musste, merkte ich erst mit der Zeit. Aus dem Schatten der erratischen Blöcke zu treten, die Vater und Grossvater bildeten, war nicht einfach. Es waren aber ebenfalls Männer, die mir halfen, auf meinem selbst gefundenen Weg zu bleiben.
Nach der Kunstgewerbeschule wollte ich eigentlich nach Paris, an eine Mal-Akademie. Aber der Krieg brach aus und die Grenzen schlugen zu. Da zog ich nach Genf, wohnte in einer Pension und studierte an der Ecole des Beaux-Arts. Das war die einzige Möglichkeit für ein Kunststudium in der Schweiz. Dort arbeiteten wir vom Morgen bis zum Abend, malten, bis wir umfielen. Akte, Porträts, immer grossformatig, manchmal mit dem Verlängerungsstab, nicht klein auf den Tischen wie in Zürich. Das gefiel mir sehr. Aber meine Eltern brachten ein grosses Opfer, dass sie mich gehen liessen in dieser schwierigen Zeit. Diese Trennung war für sie schmerzhaft. Das Kätterli schickte mir regelmässig feine schwarze Strümpfe, die ich so gern trug. Der Willy und der Righini mobilisierten väterliche Freunde, die mich unter ihre Fittiche nehmen sollten. »Am Sonntag bist du vorerst immer beim Bildhauer James Vilbert eingeladen«, hiess es. Ich liess sie gewähren, aber nichts hinderte mich am Genuss einer neuen, französisch geprägten Freiheit.
Die behütete Jugend gab mir sehr...




