Schwab / Kramberger / Orthofer Coverdramen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-917-1
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Werke Band 8
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-85420-917-1
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Werner Schwab hat sich nach 1993 mehrere Theaterklassiker anverwandelt und sie ins Schwabische transformiert, namentlich Arthur Schnitzler, Goethe und Shakespeare - und zuletzt auch sich selbst bzw sein bekanntestes Stück 'Die Präsidentinnen'. Diese von ihm selbst so bezeichneten Coverdramen sind nun im Rahmen der Gesamtausgabe zum ersten Mal in einem Band vereint: 'Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler', 'Faust: Mein Brustkorb: Mein Helm', 'Troiluswahn und Cressidatheater', 'Antiklimax'. Es sind nicht nur Transponierungen klassischer Stoffe in die Schwab'sche Gegenwart, sondern auch Spiele mit dem Theatralischen selbst; so ist in 'Troiluswahn' etwa eine Schauspielertruppe auf der Bühne, die 'Troilus und Cressida' spielt. Über allem aber ist das spezielle Schwab'sche Idiom, der eigentliche Gegenstand der Stücke, teilweise in solche Extreme getrieben, dass es äußerste Anforderungen an die Schauspieler stellt. Aber mit dem Reizenden Reigen enthalten die Coverdramen auch eines von Schwabs meistgespielten Stücken, das somit wieder nachlesbar geworden ist, mit einigem Vergnügen, denn: 'Auch die gotteslaunische Hölle kann ein hellhöriges Wohnzimmer sein, wenn man die Hölle ordentlich einrichtet und sauberpflegt' (laut Mariedls Mutter in 'Antiklimax').
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
DER REIZENDE REIGEN
nach dem Reigen des
REIZENDEN HERRN ARTHUR SCHNITZLER
PERSONEN:
Alle männlichen Figuren haben abschraubbare Geschlechtsteile.
Alle weiblichen Figuren haben austauschbare Muttern.
RAUM:
Der tendenziöse Raum ist die Voraussetzung für eine umfangreiche Sammlung.
SPRACHE:
DIE unerhörte Sprache gehört einfach standrechtlich erschossen von EINER Sprache.
EINS
DIE HURE UND DER ANGESTELLTE
Wien, Stadtrand.
HURE
Na, du schönes schnelles Auto, willst du nicht machen etwas mit deiner einsamen Karosserie an der meinigen Person am heutigen Abend?
ANGESTELLTER
Ich bin kein schönes schnelles Auto, ich bin ein waschechter Angestellter. Ich bin durch und durch gut angestellt und ich bin mir zu jung und zu schlank und zu gut ausgelastet, auf daß ich mir schon eine Bezahlung leisten müssen täte für die Witze in der Geschlechtlichkeit.
HURE
Aber ein gutgestellter Angestellter muß doch kein Entgeld abliefern für die erregende Freude, die er der Frauenwelt antun kann. Ein schöner Zugestellter kriegt ja fast selber ein Geld, wenn er sich einmal vergeuden tut.
ANGESTELLTER
Was, dein ganzer Arsch mit den Löchern darin ist gratis?
HURE
Die wonnigliche Lust bezahlt den richtigen Preis der Welt. Die Lust, die macht das Abzahlen dem, der vom Hochpunkt in die Schulden stürzt.
ANGESTELLTER
Nun ja, das stimmt schon auch auf mich hinauf. Schließlich bin ich mit mir ja noch nicht einmal verheiratet, also bin ich noch frei für die vieldeutige Erfahrung. Und jung bin ich überhaupt und gut zusammengebaut …
HURE
Jetzt mußt du versuchen, deine Geschichte hinter dem Schließmuskel zurückzuhalten. Eine Lust hat niemals eine Vergangenheit.
(Sie tritt an ihn heran, öffnet seinen Reißverschluß und beginnt ihn zu fellationieren. Dann steht sie auf und entfernt sich, an seinem Plastikglied saugend, von ihm. Er krümmt sich weiter zu Ende, bis er einknickt. Die Hure kommt wieder zu ihm und stopft ihm sein Ding in den offenen Hosenschlitz. Er ächzt hoch.)
So, mein angestellter Junge, bei deinem kleinen Mauseschwanz kostet die nahrhafte Sache einen Tausender.
ANGESTELLTER
Waaas, du gierige Sau, jetzt hast du mir ein ganzes Leben ausrinnen lassen und jetzt willst du eine Bezahlung für dein Lustverbrechen an mir?
HURE
(hebt die Faust gegen den Himmel und spricht hinauf)
Mein Gott, du hast wirklich einen boshaften Feuerarsch wie der Satan. Jetzt hast du mir schon wieder so einen kleinschwänzigen Größenwahnsinnigen vor die Stöckelschuhe geschissen. (Zum Angestellten) Du abgekarteter Volltrottel, du wirst dir doch nicht außerhalb von einem Geldspiel einbilden, daß ich vor lauter Geilheit deinen Regenwurm auslutsche. Das ist ein eingespieltes Spiel, du verwesendes Schwein. Das sind die geilen Einbildungsbilder, die ich fortverkaufe, daß alles gratis ist für ein richtiges Geld. Das sag’ ich vor jedem Schwanz herunter, daß er zu schön ist für eine Banknote. Aber die meisten wissen am Ende automatisch um eine Bezahlung, bloß du gehörst der geringfügigen Idiotenschaft an, die ihren Stummelschwanz ernst nimmt.
ANGESTELLTER
(verdattert) Die Lüge verdient das größte Geld heutzutage. Die Lüge steuert das menschliche Auto in den Abgrund hinunter. Die Lüge verdüstert die immermenschlichen Beziehungen.
HURE
So, und jetzt erleichterst du deine schnelle Hose um einen Tausender, auf daß du endlich verschwinden kannst.
ANGESTELLTER
(stürzt zu ihr und packt sie am Hals)
Für ein geiles Hurenfleisch den eigengesunden Menschen abzahlen, hä? Die schlechtmenschlichen Menschen unterstützen, hä? Einer fleischernen Klomuschel ein Geld ausliefern, hä? Da mach’ ich mir ja noch lieber eine ruhige Spende in ein Afrika hinunter, oder ich befreunde mich finanziell mit der kirchlichen Menschenhilfe, bevor ich dem deinigen Loch einen Goldrand rundherumbezahle.
(Er stößt sie zu Boden und geht ab.)
HURE
(keuchend) Kirchenarschvollficker, Negerfertigfresser. Dein Stummelschwanzkrüppel wird dir schon noch die Geschichte erzählen müssen … vom letzten leprakranken Zwerg bei der1 Schneewittchen …
ZWEI
DER ANGESTELLTE UND DIE FRISEUSE
Im Frisiersalon. Faschingsdienstag.
FRISEUSE
Daß Sie sich gerade am Faschingsdienstag die volle Haarpracht verschönern lassen wollen, das ist aber ein auffälliges Zeichen (lacht).
ANGESTELLTER
Der Fasching nimmt den Menschen in das grelle Auge, das vorläufig noch lustig ist, aber ganz leicht in die Seriosität hinaufrutschen kann, wenn am Mittwoch das Leben die Asche verstreut.
FRISEUSE
Aber Sie sind ja richtig eine intelligente Frisur, und heute sind Sie auch noch so gesprächig, wo Sie doch noch nie eine freundliche Sprachvertauschung haben wollten unter meinem Schneiden der Haare.
ANGESTELLTER
Aber mein Innenauge hat Sie schon lange in einer langfristigen Sicht, Fräulein. Ich bin ein Suchender, wissen Sie, einer der genau aussucht, und dann schlägt sich das Gefundene den Kopf auf. Es gibt Dinge, die gehören einem, wenn man sie lange genug anbetrachtet.
FRISEUSE
Na, Sie machen mir aber eine lustige Angst an diesem Faschingsdienstag.
ANGESTELLTER
Es ist alles geplant. Das Denken hat an alles gedacht. Der Plan eines Beobachters stimmt immer. Die gemeine Betrachtung ist der Plan. Wir werden uns näher auskennen müssen mit uns, mein Fräulein, weil der Plan das entschlossen hat. Denn eines Tages, mein Fräulein, wird mich mein Haareschneiden nichts mehr kosten müssen.
FRISEUSE
Jetzt sind Sie mir aber schon zu lustig ernst, mein Herr. Der Faschingsdienstag macht vieles frei, aber man soll den Aschermittwoch nicht vorzeitig übertreiben (frisiert ihn heftig).
ANGESTELLTER
Übertrieben ist nur der Fasching als Dienstag, mein Fräulein. Der Tod lungert überall herum. Und wenn man überallmenschlich zu hoch gespielt hat, dann kann es einem passieren, daß man ganz untersächlich stirbt. Der Tod hat keinen echten Humor, nur einen gespielten, und die einzige Rettung ist der Gedanke der Familie der Menschen, der Vermehrung der Menschen und der Totalernährung der Menschen für eine Ewigkeit, die einmal immerwährend sein wird.
FRISEUSE
Ob der Gedanke nicht zu eisenschwer sein könnte für die Freuden des Faschings? Einmal muß man nichts auswählen müssen, da wäre es doch eine Blödheit, wenn man sich für das ganze Leben verschränkt.
ANGESTELLTER
Die großen Pläne schmiedet der Schmied unter der Narrenkappe. Das ist als Gedanke eine neue Erfindung. Sie sollen stolz auf mich sein können.
FRISEUSE
Stolz … auf Sie? Aber Sie gehören mir doch gar nicht an.
ANGESTELLTER
Aber Sie gehören der meinigen Vollmenschlichkeit an, aber Sie werden womöglich Zeit brauchen müssen, um um Ihre Anhänglichkeit zu wissen.
FRISEUSE
(ärgerlich) Aber was ist denn das für eine aufgerührte Übertreibung heute? Ein netter Mensch, wie Sie es sind … da sind Sie jetzt aber nicht innerhalb der Vornehmheit, wie Sie sich aufführen unter Ihren Haaren.
ANGESTELLTER
Da bist du aber in der Feigheit angemeldet heute. Wo du doch sonst so eine lustfidele Frau bist, was ich schon so lange habe beobachten können beim Kürzen der allgemeinen Haare.
FRISEUSE
Aber warum reden Sie denn aus, was Sie denken? Was wollen Sie denn, auf daß Sie auf einmal reden müssen? Ich bin doch auch ein echter Mensch.
ANGESTELLTER
Das weiß ich ja eh. Aber was willst du denn machen sonst, als meinen Kerl heiraten … sonst bist du ja verloren wie eine Schildkröte im Gebirge.
FRISEUSE
Aber ich kenn’ Sie doch überwirklich gar nicht, mein Herr.
ANGESTELLTER
Du mußt keine Herren kennen, dafür werde ich schon sorgen können. Und die Liebe liegt in der regelmäßigen Dauerhaftigkeit. An alles wirst du dich gewöhnen. Auch der Tod wird uns verbinden.
FRISEUSE
Ich will nicht … ich will ja gar nicht …
ANGESTELLTER
Suche die Ruhe jetzt und die Freude in dir. Hier kommt mein Zeichen …
(Er langt in die Hose, holt seinen kleinen Plastikschwanz heraus und überreicht ihn ihr feierlich. Sie betrachtet das Ding, bekommt einen Lachkrampf und gibt es ihm zurück. Verdattert steckt er es wieder ein.)
FRISEUSE
Und den kleinen Faschingsscherz hast du mir lebenslänglich andrehen wollen, du komische Kapelle ohne Kirchturm?
ANGESTELLTER
Gar nichts … gar nichts habe ich vorausgesetzt … gar nichts. Das ist ja sowieso alles gemein mit dem geschlechtlichen Totalverkehr. Das Geschlechtliche, das ist außerdem überhaupt kein General, das ist höchstens ein kleiner Zugführer im Lebensmilitär.
FRISEUSE
(beginnt wieder seine Haare zu bearbeiten)
Wenn du schon so ein riesengroßes Maul hast, dann brauchst du auch einen großen herrischen Mann in deiner Hose.
(Sticht mit der Schere in einen Luftballon, der platzt.)
ANGESTELLTER
Ich erbitte eine Entschuldigung und eine Unterwerfung erst in der späteren Folge. Sie werden mich schon noch in sich hineinverstehen, Fräulein. Das Leben wird eben rund, wenn man es mit einer gemütlichen Zweisamkeit auffüllt. Ich wollte Ihre Unterleiblichkeit ja keineswegs zusammenführen. Aber eine zukünftige Familie muß ja mit einer echten Erotik anheben, sonst haltet das ganze...




