E-Book, Deutsch, 688 Seiten
Schwab Gedichte
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3595-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 688 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3595-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Gustav Schwab war ein deutscher Pfarrer, Gymnasialprofessor und Schriftsteller, der zur Schwäbischen Dichterschule gerechnet wird. In diesem Band finden sich seine schönsten lyrischen Werke.
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Wenn zum andernmal ein Baum
Spät im Sommer lächelnd blüht:
Werfet ihr den Stein auf ihn,
Weil er nicht in Früchten glüht?
Dünkt euch nicht der duft'ge Glanz
Lieblicher als Fleisch und Saft,
Rührt euch die Vergeudung nicht
Hoffnungsloser Lenzeskraft?
Nun dann scheltet nicht ein Herz,
Dessen Herbst noch Blüten treibt,
Keinen, der im Spätling noch,
Fruchtvergessen, Lieder schreibt. –
Wanderlieder eines Mannes
1. Ausmarsch
Dein Kessel, brodemvolle Stadt,
Liegt dampfend unter mir,
Frisch, wie mich Gott geschaffen hat,
So wandr' ich singend hier.
Mir ist, wie dem Versunkenen,
Der aufstieg aus der Gruft,
Mir, wie dem halb Ertrunkenen
Beim ersten Athem Luft.
Ich blicke hinter mich; der Dampf
Ballt zu Gestalten sich,
Und werdender Gespenster Kampf
Entspinnt sich schauerlich.
Ein Kohlenaug', ein Beingesicht,
Ein Ries', ein Zwerg, in Streit;
So tauchen aus dem Dämmerlicht
Geiz, Ehrgeiz, Hochmut, Neid.
Sie bäumen sich, sie ringen wild,
Sie schwanken auf und ab,
Im Dunst erzeugt sich das Gebild,
Im Dunst sinkt es zu Grab.
Ich sehe nichts von Häusern mehr,
Ich seh' nur dies Gewühl:
Jetzt merk' ich, warum mir so schwer
Da drunten ist, so schwül.
Wer weiß, welch schlimmer Geist an mir
Zu böser Stunde zerrt,
Und richtigen Gedanken schier
Den Weg ins Herz versperrt?
Durchströme mich, o Gottes Luft,
Und stärke meinen Sinn;
Durchathme mich, o Blütenduft,
Bis ich geläutert bin!
2. Die Alß
O blau Gebirg, dort winkst du ja
Mit frischer Jünglingsmahnung;
Mit allen Nebeln bist du da,
Mit aller Sonnenahnung.
Geheimnißreich senkt sich dein Hang
Voll unentdeckter Falten.
Und doch – wie oft hat sie mein Gang
Mit raschem Schritt gespalten!
Kein Wald senkt sich in Thalesschoos,
Der mir nicht schon gerauschet,
Kein Bächlein springt aus Fels und Moos,
Das ich nicht einst belauschet.
Kein Steg ist, der nicht unterm Tritt
Mir schon gezittert hätte,
Kein Bergpfad, den ich nicht beschritt,
Kein Gipfel in der Kette.
Den Zauber hab' ich längst gestört:
Hab' ich dich doch beschrieben!
Ein jedes Plätzchen mir gehört. –
Wie ist's nun mit dem Lieben?
Ich habe selbst den Jungfernkranz
Dir von dem Haupt genommen;
Mein eh'lich Weib, das bist du ganz,
Nun, sei auch so willkommen!
3. An der Quelle
Ich werfe nieder mich am Bach,
Mir wird so jung zu Sinne.
In seine Wellen schau' ich – ach!
Was werd' ich Armer inne?
Es blickt mir statt dem Lockenkopf
Entgegen ein fast grauer Schopf,
Die Augen überbauen
Mir weißbebuschte Brauen.
Sink' immerhin veraltet ein,
Du halb schon trockne Hülle!
Kann nur mein Geist noch Jüngling sein,
Hat er nur Saft und Fülle!
Es wandeln viel, gelockt und glatt,
Um mich herum, und sind schon matt
Mit meinen halben Jahren,
Sind Greise trotz den Haaren.
Werd' mir nicht mürrisch, alt Gesicht!
Nicht wolkicht, kahle Stirne!
Das ist die einz'ge Jugend nicht,
Nach welcher schielt die Dirne.
Jung bleibt, wem in der argen Welt
Gemeines nie den Mut vergällt,
Wer noch für's Höchste Sehnen,
Für edles Leid hat Thränen.
Noch schwillt, du halbgeschlossner Mund,
Das Lied auf deinen Lippen,
Auch leerst du Becher noch zu Grund
Und weißest nichts vom Nippen.
Du, Brust, auch bist noch weit und warm
Und du selbst bist nicht welk, mein Arm!
Ich bin ein Mann und strebe,
Ich fühl's mit Lust: ich lebe!
Und wenn die bessre Zeit noch tagt,
So lang ich wandl' auf Erden,
Die Zeit, von der man singt und sagt,
Mit Angst- und Lustgeberden:
Sie findet mich im Silberhaar,
Doch nicht der Dichterjugend baar;
Dann wird mein Sang verkünden,
Was Jüngste soll entzünden.
O Plätscherbach! verspotte nicht
Mich und mein Lied verwegen;
O frischer Rasen, grünes Licht!
Schiel' mir nicht so entgegen.
Ach freilich, wenn der goldne Tag
Anbricht nach Sturm und Donnerschlag,
Ist diese Sängerkehle
Zerstäubt, und fern die Seele.
4. Bekanntschaft
Hinein in das Haus
Zu Labung und Schmaus
Nach früh durchwandertem Morgen!
Dort sitzt schon ein Gast –
Er ist mir verhaßt,
O wär' ich allein und geborgen!
Jetzt spricht er mich an.
Ein herzlicher Mann!
Wie glüht er von Wanderungswonne!
Wie duftet sein Wort
Nach Zeit und nach Ort
Von Waldluft, Frühling und Sonne!
Wir sind ja schon eins!
Es fließt uns des Weins
Gefühlaufwühlende Quelle.
Ich öffne mit Lust
Dem Fremden die Brust,
Ich zeig' ihm die heimlichste Stelle.
Die Becher sind leer,
Das Scheiden wird schwer,
Als wären wir Jahre beisammen.
Jetzt trag' ich allein
Ins Blaue hinein
Die wallenden, schmerzlichen Flammen. –
Was hast du gemacht?
Was hast du gedacht?
Bist wieder zu jung gewesen!
Hast wieder du nicht
In einem Gesicht
Zu viel, viel zu vieles gelesen?
Du alterndes Herz!
Ei, mußt du mit Schmerz
Auch so noch die Jugend empfinden?
Stets liebest du neu,
Hoffst wieder auf Treu,
Dich wieder betrogen zu finden?
5. Ein Mord
Gott grüß' euch, liebe Bäume!
Wie blüht ihr so getreu,
Macht unsrer Jugend Träume
Alljährlich wahr und neu.
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