E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Schumann Als Erich H. die Schule schwänzte
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-7346-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7427-7346-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Simon Ickx schreibt seit mehreren Jahren Romane, u.a. auch im Fantasy-Bereich.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Mittwoch
Simon Ickx
Als
Erich H.
die
Schule
schwänzte
Copyright © by Simon Ickx
Alle Rechte vorbehalten
Veröffentlichung: 2014
01
Gestern war er besonders müde nach Hause gekommen. Den ganzen Tag Schule, erst von acht bis vier Uhr Unterricht, dann eine Stunde später Konferenz, bis acht Uhr abends.
Es war halb neun vorbei, als er schließlich erschöpft vor dem Fernseher saß und die Nachrichten in einem Privatsender schaute, weil die im Ersten schon vorbei waren. »Dienstag passt«, meinte er lächelnd zu sich, »Dienst-Tag.«
Dann schwieg er und ließ das komplette Programm an sich vorbei laufen. Das meiste davon, ohne es wahrzunehmen, denn noch weit vor zehn Uhr war er eingeschlafen. Irgendwann wachte er noch einmal auf, um sich auszuziehen und den Weg ins Bett zu finden. Dort fiel er sofort in den Schlaf zurück, den er vor dem Fernsehgerät verlassen hatte.
02
Als Erich Hoffakker am nächsten Morgen wie gewohnt aufstand, fühlte er sich ausgeschlafen und frisch. Während der Fahrt im Auto dachte er wie üblich noch einmal kurz über die Unterrichtsstunden nach, die demnächst auf ihn zukamen.
Erst als er an einer Ampel stoppen musste, weil die gerade auf Rot sprang, fiel ihm auf, dass er an seiner Schule vorbei gefahren war.
Gelassen wartete er, bis es Grün wurde. Dann fuhr er an, aber nicht, um bei nächster Gelegenheit zu wenden. Erst als er an einem Parkhaus mitten in der Innenstadt angekommen war, hielt er wieder an. Er zog eine Karte, stellte seinen Wagen ab und schlenderte gemächlich zum Ausgang.
Dort hielt er inne und schaute auf seine Armbanduhr. »In 10 Minuten«, sagte er vor sich hin, »beginnt dein Unterricht.«
Tatsächlich hatte er von sich erwartet, dass er nun schnurstracks umkehren, zum Auto eilen und schnellstens zur Schule fahren würde. Nichts davon geschah. Stattdessen erlebte er, wie er sich langsam mehr und mehr vom Parkhaus entfernte.
Als er in der Fußgängerzone angelangt war, blieb Erich erneut stehen. Jedoch nicht, um auf seine Uhr zu schauen. Oder an die Schule zu denken. Sondern um die nächsten Schritte zu genießen. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Hatte ständig zu Hause gesessen. Über Unterrichtsvorbereitungen gebrütet, Bücher in Deutsch oder anderen Sprachen gelesen, oder im Fernsehen Filme fremdsprachiger Sender geschaut.
Einen längeren Weg fand Erich nur, wenn er etwas zum Nachdenken hatte. Dann benötigte er Bewegung, brauchte den Rhythmus seiner Schritte. Er ging durch sein Wohnviertel, wanderte am Ufer des Sees entlang, der der Stadt einen Teil ihres Namens gegeben hatte. Tauchte in ein nahegelegenes Wäldchen ein, genoss seine von Lichtstrahlen unregelmäßig gemusterten Schatten. Ehe er dann in seinem eigenen Inneren verschwand.
Begegnete ihm jemand, bemerkte Erich es meistens nicht. Oder zu spät, wenn der oder die andere bereits grüßend an ihm vorbeigegangen war. Dann drehte er sich um, rief noch ein kurzes halbherziges »Hallo« hinterher, und setzte seinen Weg fort. Schritt für Schritt, und in diesem Takt dachte er auch.
Oft führte er Selbstgespräche. Redete mit sich in einer oder sogar in zwei Sprachen. Fragte auf Englisch und antwortete auf Deutsch. Oder er plauderte abwechselnd in spanischer und in französischer Sprache.
In seinem Lehrerstudium hatte er zunächst die Fächer Deutsch und Englisch gewählt. Weil ihm aber der Umgang mit Sprachen leicht fiel, lernte er später zusätzlich Spanisch und schließlich auch noch Französisch. So kam es, dass er neben Deutsch gleich drei Fremdsprachen unterrichtete.
Immer mal wieder hatte er daran gedacht, nach einer neuen Sprache Ausschau zu halten. Dabei orientierte er sich vor allem daran, ob sie seinen Kriterien einer Weltsprache genügte.
Italienisch kam für Erich nicht infrage, Portugiesisch ebenfalls nicht. Sie waren ihm nicht international genug, waren nicht weit genug verbreitet. Aber auch an Chinesisch hatte Erich kein Interesse. Obwohl es die angeblich meistgesprochene Sprache der Welt war.
Dabei störte es ihn nicht, wenn eine Sprache eine ihm zunächst völlig fremde Schrift benutzte. So hatte er als nächstes vor, Arabisch zu lernen. Das wäre nach seinen Kriterien eine weitere Weltsprache.
Abrupt wurde Erich aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte die ersten Schritte in die Menge der Fußgänger gemacht, ohne sich darauf zu konzentrieren, wohin genau er ging. In Gedanken versunken war er losgestapft und prompt mit einem anderen Passanten zusammengeprallt.
»Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten!«, musste Erich sich anhören. Das grimmige Gesicht, in das er blickte, brachte ihn wieder dahin, wo er gerade war. »Entschuldigung«, murmelte er, erntete aber nur Kopfschütteln.
Es war sinnvoll, sich jetzt voll auf die aktuelle Lage zu konzentrieren. Nachdenken oder träumen konnte er später immer noch, wenn er erst einmal in dem Café da drüben saß, das er gerade eben erspäht hatte. Er kannte es von früher. Aber das war lange her, seit er das letzte Mal dort einen Cappuccino getrunken hatte.
Ehe er das Café erreichte, hatte Erich einen zweiten Zusammenstoß. Mit einem Mädchen. »Pass doch auf, Alter!« Die Stimme kam ihm bekannt vor. Tatsächlich, es war Hülya. Eine Schülerin aus der neunten Klasse, in der er Deutsch und Englisch unterrichtete. Als sie ihn erkannte, vertrieb sofort der Schrecken die Empörung aus ihrem Gesicht.
»Herr Hoffakker! Sie müssten ...«, begann sie, während sein Satz ganz ähnlich anfing: »Hülya, du müsstest ...«. Und beide vollendeten fast gleichzeitig: »... doch in der Schule sein.«
Als Erich sah, dass Hülya im Begriff war, weiterzugehen, hielt er sie kurz am Arm fest: »Warte einen Moment, bitte«.
Erst jetzt wurde ihm plötzlich seine Lage bewusst. Er schaute auf seine Uhr. Seit fast einer halben Stunde hätten die Schüler der neunten Klasse bei ihm Englisch. »Hello, how are you?«, begrüßte er sie jedes Mal zum Anfang einer Stunde. »We are allright«, pflegten dann alle fast wie aus einem Mund zu antworten.
Ganz zu Anfang hatten einzelne Schüler fortsetzen wollen: »And how are you?«, aber er hatte lächelnd abgewinkt und erwidert: »I think, it is enough.« Seitdem beschränkte sich der tägliche Begrüßungsprozess auf je eine Frage von ihm und eine Antwort der Klasse.
»Herr Hoffakker?«, hörte er jemanden fragen. Es war Hülya, die ihn ansah. Erich kam wieder zu sich und ordnete seine Gedanken. »Ja, einen Augenblick«, sagte er langsam. Er musste sich krankmelden.
Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer der Schule. »Hallo, ja, ich bins, Hoffakker. Leider kann ich heute nicht zur Schule kommen. Ich bin etwas unpässlich.« Einen Moment zögerte er und schaute Hülya an. »Ich möchte mich für heute krankmelden«, sagte er dann.
Eine Weile musste er sich noch anhören, dass er das hätte doch viel früher mitteilen können, jetzt wäre die Klasse schon den halben Unterricht ohne Lehrer. »Entschuldigung«, sagte er mitten in den Redeschwall am anderen Ende, dann schaltete er sein Handy komplett aus.
Erst jetzt bemerkte er Hülyas genüsslich grinsendes Gesicht. »So, so«, sagte sie, »Sie schwänzen also auch. Dass ich so was mal aus der Nähe erlebe: Ein Pauker, der die Schule schwänzt.«
Die Frage »Warum grinst du so?« erübrigte sich demnach. Stattdessen fragte Erich: »Und jetzt?«
Er hatte diese Frage eigentlich mehr sich selbst gestellt. Doch Hülya verstand es als Aufforderung, sich Gedanken zu machen, was sie nun gemeinsam anstellen könnten.
»Sie haben mich doch gebeten, zu warten«, sagte sie daher nach kurzem Zögern, »Laden Sie mich zu ner Cola ein?« Hoffakker nickte.
Ein kurzer Blick in die Umgebung genügte. Er hatte die Orientierung wiedergewonnen. Schräg gegenüber lag das kleine Café, mit Sitzgelegenheiten im Freien. Erich steuerte auf einen der Tische zu und setzte sich. Hülya nahm ihm gegenüber Platz.
So saßen beide eine Weile schweigend da. Es dauerte nicht lange, bis ein Kellner kam und sie fragend ansah: »Eine Cola und einen Cappuccino«, sagte Erich schnell, ehe Hülya überhaupt zu Wort kam. Der Kellner nickte und verschwand.
»Warum schwänzt du?«, fragte Erich jetzt Hülya. »Warum schwänzen Sie?«, gab die zurück. Erich musste schlucken.
»Ladies first«, sagte er schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel. »Erst erzählst du, dann ich.«
Sie wartete gar nicht erst ab, bis Erich den letzten Satz zu Ende gesagt hatte. »Wozu brauch ich Schule?«, begann sie.
»Es gibt eine Schulpflicht«, wollte er einwerfen, aber er ließ es. Auch auf den zweiten Versuch verzichtete er. Ohne Schulabschluss, wollte er sagen, seien die Chancen auf dem Arbeitsmarkt schlecht. Inzwischen sprach Hülya weiter.
»Meine Eltern haben schon festgelegt, wen ich nächstes Jahr heirate, wenn ich 16 bin. Mein künftiger Mann verdient gut, wird sich um mich kümmern, dass es mir bestens geht. Was soll ich da mit meiner Schulausbildung anfangen?«
Inzwischen tauchte der Kellner wieder auf, stellte Erich einen Cappuccino hin, und Hülya bekam ihre Cola.
Erich nickte dem Kellner kurz dankend zu. »Und du bist einverstanden?«, fragte er dann, während er das Tütchen mit dem Zucker öffnete und über den Milchschaum streute.
»Warum...




