Schumacher | Canale Mortale | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Schumacher Canale Mortale


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86358-148-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-86358-148-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Venedig: Stadt der Verliebten und Stadt der Kunst. Antonia Babe möchte in der Lagunenstadt Urlaub machen - doch stattdessen wird sie in eine Geschichte verwickelt, die mit Erpressung beginnt und mit Mord und Entführung endet. Wer steckt hinter den mysteriösen Drohbriefen der '7 M', und was hat es mit dem Gemälde auf sich, das ihr Gastgeber angeblich versteckt. Antonia will es herausfinden und gerät dabei selbst in tödliche Gefahr.

Heidi Schumacher unterrichtete Film/Fernsehen an den Universitäten Siegen, Marburg, Erlangen und Bonn. Ihre Leidenschaft gilt dem Schreiben.
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2

Antonia hatte nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Psychologie ihren Abschluss mit »sehr gut« gemacht und dann zunächst als Kellnerin, Verkäuferin und Kindermädchen gejobbt, bis sie sich auf die Annonce einer Hamburger Detektei (»Mitarbeiterin für Observierungen aller Art gesucht. Flexible Arbeitszeiten!«) bewarb. Gleich im ersten Jahr als Privatdetektivin war es ihr gelungen, eine Mordserie auf Rügen aufzuklären. Dann war sie ihrem Freund Florian, der einen Lehrauftrag an der Musikhochschule erhielt, nach Köln gefolgt und dort bei der Detektei Schmitz & Welsch eingestiegen. Die Venedig-Reise war ihr erster längerer Urlaub seit anderthalb Jahren, und ihre neue Kollegin Rita Welsch, mit der sie sich von Anfang an gut verstanden hatte, wollte sie unbedingt zum Flughafen fahren. Unterwegs bedauerte Rita wortreich und laut, dass sie nicht selbst nach Venedig reisen konnte.

»Ich war schon eine ganze Zeit nicht mehr da. Das letzte Mal zum Karneval vor drei Jahren. Das Hotel war schrecklich. Direkt an der Rialto-Brücke und voll mit betrunkenen Schweden. Einer hat dann nachts neben meinem Zimmer einen Wandschrank geöffnet. Und was glaubt ihr, hat er da gemacht …?«

Antonia unterbrach sie: »Das wissen wir, Rita. Wir steigen übrigens nicht in einem Hotel ab, sondern in einer Wohnung.«

»Waaas?« Rita sah sie überrascht an. »Warum hast du das nicht gleich gesagt? Dann könnte ich euch doch am Wochenende besuchen kommen …«

Antonia sah aus dem Augenwinkel, wie Florian, der auf dem Rücksitz saß, eine Grimasse zog.

»Lass uns darüber noch mal telefonieren, Ritalein«, wich sie diplomatisch aus.

Obwohl beim Start in Köln starker Wind geherrscht hatte, verlief der Flug ruhig. Nach einigem Auf und Ab hatte die Maschine ihre Flughöhe erreicht. Antonia ließ sich entspannt in ihren Sitz zurücksinken. Florian und sie hatten Plätze nebeneinander, waren jedoch durch den Gang getrennt.

Schräg vor Antonia saß ein schwarz gekleideter Mann, ein Priester, wie sie erkennen konnte, als er sich nach vorne beugte, ein Bein in den Gang schob und seine Schnürsenkel löste. Er zog sich die Schuhe aus und lehnte sich mit einem Ausdruck des Behagens zurück. Doch schon nach ein paar Sekunden setzte er sich wieder gerade hin und griff in die Sitztasche vor sich. Umständlich studierte er die Plastikkarte mit den Verhaltensregeln im Notfall. Antonia sah, dass er sie auf dem Kopf hielt. Erst als er seine Brille, die er ins graue Haar geschoben hatte, auf die Nase rückte, drehte er die Tafel herum und betrachtete die Abbildungen aufs Neue. Dann verstaute er die Karte wieder und zog die Bordzeitung heraus. Antonia bemerkte amüsiert, wie er intensiv die Werbefotografien ansah. Besonders lange blieb sein Blick an der Abbildung eines hübschen jungen Mannes hängen, der mit nacktem Oberkörper für ein Deo warb. Als sich der Wagen mit den Erfrischungen näherte, steckte der Geistliche die Lektüre abrupt zurück und widmete sich dem Studium von Papieren, die er aus einer Aktentasche zog.

Zwei Stunden später verließen Antonia und Florian erwartungsfroh den Flughafen Marco Polo und gingen zur Bootsanlegestelle an der Lagune, wo Jana sie in Empfang nahm. Antonia hatte mit Jana Bayer zusammen in Hamburg studiert. Sie waren während dieser Zeit häufig gemeinsam zu Ausstellungen und Konzerten oder ins Kino gegangen. Ihr Verhältnis war in erster Linie von diesen gemeinsamen Interessen geprägt. Sie mochten sich, aber eine wirklich herzliche oder vertrauensvolle Freundschaft war nie zwischen ihnen entstanden. Jana hatte vor drei Jahren ihren deutschen Vater verloren und war dann mit ihrer italienischen Mutter und ihrem jüngeren Bruder Ugo nach Venedig in das Haus ihres Großvaters, Conte Falieri, gezogen. Jetzt arbeitete sie als Assistentin am Kunsthistorischen Institut der Universität Ca’ Foscari und promovierte über Tizian. Jana war klein, dunkelhaarig und fast mädchenhaft zierlich, dabei jedoch sehr energisch. Sie war allein im Boot der Familie über die Lagune gekommen.

»Tagsüber ist das sehr schön. Im Dunkeln traue ich mich allerdings nicht, die Strecke zu fahren«, erklärte sie. Sie half Antonia und Florian, ihr Gepäck in der kleinen Kajüte zu verstauen, und bat sie, rechts und links vom Steuer Platz zu nehmen. Als sie gerade das Bootstau einholen wollte, zögerte sie, dann winkte sie jemandem zu.

»Don Orione! Hallo, Padre! Das Boot der Alilaguna ist gerade abgefahren. Wollen Sie mit uns kommen?«

Antonia drehte sich um und erkannte den Priester aus dem Flugzeug. Don Orione schien erleichtert, dass er keine lange Wartezeit auf sich nehmen musste. Ächzend stieg er ins Boot hinunter und setzte seinen Koffer ab.

»Dio mio. Die Sonne ist hier doch schon sehr stark. In Köln hatten wir ja fast noch Winter.«

Schweiß perlte auf seiner Stirn, und er quetschte sich seufzend zwischen Rettungsringe und Taue auf eine Seitenbank des Bootes. Jana stellte ihm ihre deutschen Freunde vor und schob seinen Koffer zu dem übrigen Gepäck in die Kajüte. Seine Aktentasche hielt der Geistliche mit beiden Händen vor sich auf dem Schoß, und Antonia sah, dass aus der vorderen Tasche die Bordzeitung hervorlugte.

Unterwegs erzählte Don Orione von der Konferenz, die er in Köln besucht hatte. »Soziale Projekte in der Gemeindearbeit« war das Thema gewesen, und Don Orione, nach dessen Namensvetter man in Venedig ein Kulturzentrum benannt hatte, weil er mittellose junge Männer ein Handwerk lernen ließ, war als Referent eingeladen worden.

»Wenn der Staat immer weniger für die Armen tut, ist die Kirche wieder stärker gefragt. Dabei wird meine Hauptaufgabe darin bestehen, Spenden aufzutreiben …«, führte er aus. Wieder wischte er sich mit einem altmodischen Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn.

Die Maisonne schien kräftig, und alle genossen den erfrischenden Wind, als das Boot die Fahrt über das flache Gewässer der Lagune aufnahm. Antonia setzte ihre Sonnenbrille auf, beugte sich tief über den Bootsrand und hielt spielerisch die Hand ins Wasser. Nach einer Weile tauchte Murano vor ihnen auf. Sie passierten den Kanal der Insel und sahen rechts die Kathedrale Santi Maria e Donato liegen. Antonia war hingerissen von dem sanften Ziegelrot, dem Weiß der Säulen und der zierlichen Galerie. Don Orione, den Antonias Begeisterung offenbar freute, erklärte ihr – begleitet von ausladender Gestik und in gutem Deutsch –, dass Teile der Basilika zu den ältesten Sakralbauten der Lagune gehörten. Sie müsse sich unbedingt das Fußbodenmosaik und die Darstellung Marias in der Apsis ansehen. Antonia hätte am liebsten sofort einen Zwischenstopp eingelegt, traute sich aber nicht, Jana zu fragen, die mit konzentrierter Miene das Boot durch den engen Kanal steuerte.

»Und dann müssen Sie natürlich auch nach Torcello«, fuhr Don Orione fort. »Das dürfen Sie nicht verpassen, Torcello ist die Wiege Venedigs, ein wunderbarer, ja ein magischer Ort …«

Antonia hatte viel über die Insel gelesen und beteuerte, dass sie ganz gewiss einen Ausflug dorthin machen werde.

»In der Kathedrale von Torcello lohnt es sich, das ›Jüngste Gericht‹ anzusehen. Die Künstler haben in ihrer Weitsicht viel Gewicht auf die Hölle gelegt, mehr jedenfalls als auf das Paradies. Und versäumen Sie nicht, auf den Turm der Kathedrale zu steigen. Sehen Sie ihn dort hinten am Horizont?«

Antonia blickte in die Richtung, in die der Priester wies. Im fernen Dunst erkannte sie tatsächlich die Umrisse eines Turms, der einsam und leicht schief in den Himmel über der Lagune ragte.

»Von dort oben haben Sie einen herrlichen Blick über die Sümpfe und Salzwiesen. Sie schillern in allen Farben. Und fahren Sie am besten früh, dann gehört Torcello Ihnen allein.«

Antonia hörte fasziniert zu, wie Don Orione von der Lagune schwärmte, und freute sich auf unbeschwerte Ausflugstage.

Nach einer weiteren Viertelstunde tauchte die Silhouette der Stadt auf, die Antonia so in ihren Bann zog. Jana steuerte das Boot in Richtung Lido.

»Ich fahre außen herum zu uns. Auf den Canal Grande traue ich mich jetzt nicht, da ist es mir nachmittags zu voll. Ich hatte schon einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Gemüseboot und zwei Gondeln. Die Carabinieri haben geschimpft, konnten aber nichts machen, weil ich meinen Bootsführerschein dabeihatte …«

Auf der linken Seite sah man jetzt den Lido und rechts St. Elena, den äußersten östlichen Zipfel Venedigs. An den hohen Scheinwerfern erkannte man das Fußballstadion. Florian, der bisher geschwiegen hatte, erkundigte sich bei Jana, ob am Wochenende dort gespielt würde.

»Du hast Glück. Am Samstag spielen die Leoni, unsere Löwen, gegen Triest. Wir sind nur in der dritten Liga, haben aber Aufstiegschancen wie lange nicht mehr. Ugo, mein Bruder, ist fast jeden Samstag da, er ist verrückt nach Fußball. Er kann dich zum Spiel mitnehmen.«

»Den Aufstieg sehe ich noch nicht«, brummte Don Orione, »aber ich werde die Löwen in meine Gebete einschließen.«

»Sie interessieren sich für Fußball?« Florian sah den Priester überrascht an.

»Das muss ich wohl! Auf dem Campo vor meiner Kirche bolzen seit Generationen die Jungen unserer Gemeinde. Zwei davon sind jetzt erwachsen und spielen bei den Leoni. Unsere Parrocchia ist natürlich sehr stolz darauf …«

Er verstummte, denn Jana lenkte das Boot gerade in das Markusbecken. Durch den stärkeren Wellengang wurde der Bug zuerst hoch und im nächsten Augenblick wieder senkrecht nach unten gedrückt. Antonia schrie bei jedem Hüpfer, den das Boot machte, vergnügt auf und hielt ihr Gesicht in die Gischt, während Don Orione mit der Rechten seine Mappe...


Heidi Schumacher unterrichtete Film/Fernsehen an den Universitäten Siegen, Marburg, Erlangen und Bonn. Ihre Leidenschaft gilt dem Schreiben.



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