E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Schulze Alter Arzt - was nun?
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-0842-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalnovelle
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
ISBN: 978-3-7597-0842-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was soll ein in seiner Praxis ergrauter Psychiater mit dem letzten Viertel seines Lebens anfangen, wenn die Kinder aus dem Haus sind und erotische Sehnsüchte nach dem frühen Tod der Ehefrau seit Jahren auf Eis liegen? Zunächst begleitet der Leser ihn durch einen Sprechstundenalltag mit oft traurigen, manchmal schockierenden Patientenschicksalen, für die es selten Heilung durch Psychopharmaka oder Psychotherapien gibt. Ohne angeborenen Charme musste er schon als junger Mann bei manchen Annäherungsversuchen Zurückweisung hinnehmen, ohne die Überwältigungskraft der Jugend im Alter auf die Gelegenheit einer Liebe der besonderen Art warten. So läuft die Sache zunächst in aller Freundschaft, endet dennoch ungut, verführt ihn zu Abenteuern in Milieus, deren Bewohner er besser nicht mit der Kneifzange hätte anfassen sollen. Durch die sich dort in einem Clash der Kulturen abspielenden Kriminalitäten rutscht unser Held auf einer schiefen Bahn aus. Kann er sich durch einen Kraftakt wieder aufrappeln und der magischen Anziehungskraft des Bösen widerstehen?
Ulrich Schulze ist das Pseudonym eines Psychiaters, der über Jahrzehnte an einem Hotspot der Migration in Deutschland orientalische Lebenswelten studieren konnte. Ob die Literatur derzeit noch interkulturelle Kritik üben darf, ist mittlerweile auch in Westeuropa hoch umstritten. Schulze wagt es in der Form einer Kriminalburleske, die hoffentlich nicht zu viele "Woke"zu stark erregen wird. Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit existierenden Personen wäre rein zufällig und sollte durch die Kunstfreiheit gedeckt sein. Die derbe Schilderung ethnischer Besonderheiten ist immer satirisch gemeint. Im Schelmenroman "Der Mann mit den schlechten Eigenschaften" hat er sich am egalitär-behavioristischen Weltbild der Moderne abgearbeitet, in "Das Attentat" zeichnete er satirisch den Aufstieg der Partei der Unberührbaren nach, in der Kriminalburleske "Alter Arzt - was nun?" geht es jetzt um Altern, den Clash der Kulturen und die magische Anziehungskraft des Bösen. Er nähert sich diesen Phänomenen mit den Werkzeugen der empirischen Psychologie und Sozialbiologie im Gepäck, was Paradoxien aufdeckt, die den Zeitgeist diametral attackieren. Schulze möchte Leser mit seinen Sittengemälden überraschen, was nicht ganz ohne Erschrecken ablaufen kann. Als Entschuldigung für die oft schalkhafte Boshaftigkeit seiner Protagonisten dient ihm ein Konzept der Verhaltensforschung, das hinter den sogenannten freien Willen des Menschen ein dickes Fragezeichen setzt. Wie sein Kollege Peter T., der noch beschwichtigend vom "Ahnenfaktor" sprach, sieht er schockierend die wirkmächtige Biologie am Werke, was der Romancier und gelernte Verhaltensbiologe Maarten ´t H. weniger kryptisch benennt: Die Gene sind unser Schicksal. Forensiker wussten es schon immer - DNA ist der ultimative Beweis! Schulzes besonderes Interesse am Orient weckte in ihm als Kind Karl May ("Durchs wilde Kurdistan", "Von Bagdad nach Stambul"), etwas anspruchsvoller ging es weiter mit "Fata Morgana", Thomas L.s feiner psychologischer Studie arabischer Mentalitäten, der vernichtenden Reportage "An Islamic Journey" des Nobelpreisträgers V.S. N. und "Schnee", der erschütternden Studie ostanatolisch-kurdischer Archaik des Nobelpreisträger Orhan P.
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5. Abschweifung: Es läuft nicht wie im Arztroman
Auf den verschlungenen Weg des Abstiegs aus einer Großstadt in eine Kleinstadt sechzig Autominuten entfernt, den Jasper stolperte, will ich ein paar Zeilen verschwenden, offenbart sich darin doch eine Realität, die meilenweit entfernt ist von der fantastischen Arztwelt der Fernsehserien, ähnlich der Diskrepanz zwischen Fernsehkrimis und alltäglicher öder Polizeiarbeit. Wollte ich nicht einen realistischen Arztroman schreiben, der das Umfeld beleuchtete, in dem ich vierzig Jahre emsig tätig gewesen war? Dass ich bald in einer Art fantastischer Fernsehkrimiwelt landen würde, war eine besondere Ironie des Schicksals. Jasper schreckte die vielfältige Konkurrenz in einer mit Ärzten durch die medizinische Fakultät überversorgten Universitätsstadt. Kommt im Film auch nicht vor: zu viele Ärzte. Hier war die Servilität eines österreichischen Kaffeehaus-Kellners („Küss die Hand, gnädige Frau. Haben`s noch a Wunsch?“) gefragt, um mit kleiner Fallzahl zu prosperieren. Jasper ging solche Geschmeidigkeit ab, was er sogar empirisch überprüfen konnte, als ein Kollege Ende Sechzig mit einem kleinen Herzinfarkt auf seiner Station landete. Beide verstanden sich am Krankenbett spontan. Kollege B. suchte bereits aktiv einen Nachfolger für seine Innenstadtpraxis. Jasper spekulierte auf einen Kassenarztsitz in der ansonsten gesperrten und überversorgten Universitätsstadt, die seit Jahrhunderten die Klugen magnetisch anzog: Stadtluft macht frei! Mit der Einschränkung, dass diejenigen, die in die Freiheit der Stadt eingezogen waren, sofort begannen, diese für Neuankömmlinge drastisch einzuschränken. Im Fall der Ärzte dachten sich die Besitzstandswahrer die „Bedarfsplanung“ aus, um sich lästige Konkurrenz vom Halse zu halten, eine Art mittelalterliches Zunftwesen. Kein Arzt durfte so einfach in einem durch die Verwaltung gesperrten Bezirk sein Schild an die Tür hängen, um seine Dienste anzubieten. Erst wenn ein Alteingesessener ausschied, durfte ein Neuankömmling nachrücken, dafür erwartete der Alte in der Regel eine ordentliche Abstandszahlung. Für die bloße Kassenzulassung war mitunter ein sechsstelliger Betrag fällig. Der kränkelnde ältere Kollege bot Jasper zum Kennenlernen eine Praxisvertretung für eine Woche an, die denkwürdig verlief. Die Praxis im ersten Stock eines dreihundert Jahre alten Gebäudes unter Denkmalschutz hatte Charme, bei offenem Fenster hörte man das Geschnatter der Gäste in den Straßencafés der Fußgängerzone. Man war mittendrin und auf keinen Fall überlastet. Kollege B. hatte es mit äußerster Servilität innerhalb von drei Jahrzehnten nur zu 700 Stammpatienten gebracht. Um aus einer solchen kleinen Fallzahl (der Landesdurchschnitt lag bei 1000 Fällen, Arbeitstiere unter den Landärzten rechneten 2000 ab) dennoch einen akzeptablen Gewinn zu ziehen, hatte er sich auf hypochondrische ältere Damen spezialisiert, denen er Eigenblutbehandlungen, Bioresonanz, Homöopathie und Akupunktur buchstäblich verkaufte. Selten erschien mehr als ein Patient pro Stunde, Jasper musste kein einziges echtes internistisches Problem in dieser denkwürdigen Woche obskurer Medizin lösen. Sollte er seine Kompetenzen in der Psychosomatik und Alternativmedizin erweitern, charmanter Arzt für die „worried well“ (besorgten Gesunden) der alternden grünen Szene werden? Der Apotheker, dem das Baudenkmal gehörte, machte ihm das verführerische Angebot der Mietfreiheit, ich entwickelte einen Strategieplan der langfristigen Umsteuerung auf evidenzbasierte Hausarztmedizin, weil es durchaus möglich war, naturwissenschaftlich orientierte Patienten und mystisch denkende in einer Praxis zu versorgen. In diesem Findungsprozess beging der etwas wunderliche Kollege B. einen kleinen Fehler, der durch Jaspers Hoffart im Desaster endete: Er schaltete seinen Steuerberater in die Praxisübergabeverhandlungen ein. Dieser mit geringer Denkkraft sowie wenig Urteilsvermögen gesegnete Betriebswirt-FH (Fachhochschulabschluss, also besserer Realschüler) kalkulierte einen völlig unrealistischen Praxiswert, hatte B. damit einen Floh ins Ohr gesetzt, wogegen Jasper beim Anblick des in die Jahre gekommenen Inventars inklusive eines antiken Ultraschallgeräts eher an einen symbolischen Betrag im untersten fünfstelligen Bereich gedacht hatte. Die Dummheit seiner beiden Gegenüber reizte ihn im Gespräch derart, dass er laut auflachte und den Raum verließ – Jähzorn, der Psychiater nennt es mangelnde Impulskontrolle, lag in der Familie. Für B. ging das schlecht aus, denn es fand sich so rasch kein weiterer Bewerber, seine Gesundheit knickte erneut ein, weshalb er die Praxis immer öfter schließen musste, was die Fallzahl gegen Null senkte, er von der Kassenärztlichen Vereinigung wegen fehlender Behandlungen sogar den Entzug seiner Zulassung angedroht bekam. Am Ende ist er einfach ausgezogen, um eine kleinste Auslaufprivatpraxis in seinem Wohnhaus zu führen. Die Zulassung fiel ganz ohne Zahlung an die Kassenärztliche Vereinigung zurück. Auch den Apotheker traf es hart, denn fortan gab es keine Rezepte mehr aus dem ersten Stock. Jaspers Gemüt verdunkelte sich für Tage, die Großstadt war für eine kurze Zukunft verbrannt, weshalb er weglief, sich während der Vertretung eines weiteren jüngeren Kollegen (dem waren plötzlich im Herzen Muskelfäden gerissen) drei Wochen lang das Wirken eines Dorfarztes anschaute, was ihm zusagte. Die Landbevölkerung mit wenig zufrieden, tolerierte einen Arzt, der nicht säuselte, sondern bellte. Wie meistens im Leben, entschied nicht Intelligenz oder Ausbildung über den beruflichen Erfolg, sondern der Charakter. Um Jasper durch geschärfte Selbsterfahrung für die anstehenden Entscheidung zu helfen, hatten wir gemeinsam meinen alten Freund Peter besucht, mit dem ich nicht nur das Studium, sondern auch meine langjährige erste Partnerin Birgit geteilt hatte, worüber wir kein Wort mehr verloren. Birgit war ein erotomanischer Feger gewesen, der eben nicht nur mich glücklich gemacht hatte. Peter, erster Akademiker in der Familie, hatte sich auf dem zweiten Bildungsweg aus kleinbürgerlichen Verhältnissen an das Medizinstudium herangerobbt. Sein Vater, ein pedantischer Kauz, schied in einem kleinen Dorf als Postbote durch Freitod aus dem Leben, ohne einen Psychiater konsultiert zu haben. Dazu hatte er eine Eiche im nahen Wald penibel vorbereitet, mit einer Säge störende Zweige vom ausgewählten dicken Ast entfernt, an den er fachkundig den Henkerstrick band, sich tapfer um den Hals legte, dann mit einem autoaggressiven Schritt von der Anstellleiter sein Leben mit einem kurzen Zappeln in voller Postbotenuniform ordentlich terminierte. Sohn Peter hatte solche Aggression bisher nicht gegen sich selbst gerichtet, sondern geriet im Groll mit seinen Mitmenschen derart aneinander, dass seine Facharztausbildung zum Chirurgen daran scheiterte. Die täglichen kleinen Konfrontationen mit Chef- und Oberärzten in einer Disziplin, in der sich männliche Toxizität sammelte, endeten für Peter in einer beruflichen Sackgasse, denn ohne das Wohlwollen der alten Silberrücken war der obligatorische Operationskatalog für die Facharztprüfung einfach nicht abzuarbeiten. So musste er nach vielen Arbeitgeberwechseln frustriert zum Hausarzt mutieren mit Patienten, deren tägliche kleine Sorgen seinen Ärger über die Menschheit geradezu anstachelten. Nach zehn Jahren am Operationstisch fehlten ihm Kenntnisse der Diabeteseinstellung und in der Pharmakologie, die 99% seiner Patienten forderten. Es gab nichts zu operieren. Jeder, der mit dem Anliegen „gelber Schein“ in seiner Sprechstunde auftauchte, hatte bereits verloren, erhielt seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zusammen mit der non-verbal kommunizierten Botschaft „ich verachte dich, du Simulant“. Jasper war beeindruckt von den funktionalen Praxisräumen in einer beschaulichen Kleinstadt, aber schockiert, dass bei den vielen Sprechzimmern nie mehr als 700 Patienten im Quartal behandelt wurden, Peter dazu triumphierend posaunte: „Zwanzig Stunden Sprechzeiten, mehr sind es nie in der Woche und freitags schließen wir um 11.00 Uhr ab, dann gehe ich mit Bettina ins Café brunchen.“ Finanziell kam Peter dadurch über die Runden, dass seine Schwiegereltern einen Bauplatz spendiert hatten, die Mitbetreuung der Enkelkinder übernahmen, sodass seine Ehefrau und gelernte Krankenschwester Bettina kostengünstig eine Arzthelferin in der Praxis ersetzen konnte, mit ihrem Charme so manchen Patienten wieder aufbaute, den ihr bärbeißiger Gatte gerade zusammengefaltet hatte. Nur einmal sank ihm das Herz in die Hose, als genau schräg gegenüber seiner Praxis eine spätausgesiedelte russische Kollegin ihre Hausarztpraxis eröffnete, um alle Patienten an ihren riesigen slawischen Busen zu drücken. Schlagartig verlor Peter von seinen 700 Patienten 300, schrieb rote Zahlen. Sein Glück, dass die Russin es mit der liebevollen Zuwendung übertrieb, ihre Patienten oft stundenlang im überfüllten Wartezimmer brüten mussten. Es setzte eine Rückwanderung der Menschen ein, die sich für...




