Eine Globalgeschichte der Antike
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-608-12414-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von Rom bis China, von Athen bis Indien, von den Kelten bis zu den Arabern: Das bahnbrechende Panorama von Raimund Schulz bietet Globalgeschichte, wie sie noch nie erzählt wurde. Wir erleben mehr als zwei Jahrtausende wechselvolle Menscheitsgeschichte und betreten Kulturräume voller verblüffender Gemeinsamkeiten und Besonderheiten – ihren Einfluss können wir bis in die Gegenwart spüren.
Die Welten Eurasiens haben Anfänge, die weit in die Vergangenheit zurückreichen: Unwirklich mutet an, dass viele große Kulturen und Reiche durch nomadische Eroberer begründet wurden, die schon in der Antike globale Handelsverbindungen über riesige Distanzen knüpften, von der Ostsee bis in Chinesische Meer, von der Sahara bis nach Sibirien. Menschen bewegten sich auf den großen Pfaden der Welt hin und her, errichteten und zerstörten Städte und Großreiche. Herrscher und Imperien kämpften um Einflusszonen und Reichtümer. Doch auch die großen Weltreligionen nehmen ihren Anfang in der Antike. Sie sind Ausdruck einer in ganz Eurasien lebendigen Überzeugung, dass es jenseits der Welt der Menschen Mächte gibt, die man beeinflussen, aber auch fürchten musste. Asien und Europa waren bei allen Katastrophen von einem Optimismus geprägt, der dem Westen jetzt verloren geht, im Osten aber immer neue Dynamiken entfesselt. Warum ist das alles in der Antike entstanden? Wie hingen die Großreiche und Kulturen zusammen? Und inwiefern prägen uns diese Entwicklungen bis heute? Der Globalhistoriker Raimund Schulz bietet hierauf überraschende Antworten und schärft gleichzeit unser Verständnis für die Welt von heute.
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I . Menschen und Tiere in Bewegung – Das nomadische Abenteuer
1. Topik und Wirklichkeit
Das älteste Epos der Menschheit beginnt mit List und Gewalt. Um Gilgamesch, dem anmaßenden König von Uruk, Einhalt zu gebieten, erschaffen die Götter Enkidu, einen Urmenschen, der, von den Tieren der Steppe großgezogen, wie die Gazellen Gras frisst, nackt, wild und dicht behaart am ganzen Leibe. »Auf den Bergen wandert er den ganzen Tag umher. / Beständig drängt mit Herdentieren er sich an der Wasserstelle.« Als Gilgamesch von dem Wesen hört, befiehlt er der Dirne Schamchat, sich Enkidu zu nähern und ihn durch die Kunst der Liebe seiner Wildheit zu berauben. Der Plan gelingt. Nach sieben Tagen und Nächten der Vereinigung hat sich Enkidu von seiner Herde gelöst. Er besitzt nun Verstand und versteht die menschliche Sprache. Und er erliegt der Verlockung der Stadt, wo er dem Plan der Götter folgend Gilgamesch zum Zweikampf herausfordert. Doch beide erweisen sich als gleichstark – hat Enkidu im Zuge seiner »Zivilisierung« einen Teil seiner urtümlichen Kraft verloren? – und werden Freunde. Vom Urwesen zum Kampfgenossen des Königs gewandelt, bestehen die beiden gewaltige Abenteuer, bis Enkidu überraschend stirbt und sich der erschütterte Gilgamesch aufmacht, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen. Am Ende haben beide eine Wandlung erfahren: Der zu früh verstorbene Sohn der Wildnis war zum Städter gereift, der halbgöttliche König lernt, das menschliche Los der Sterblichkeit zu akzeptieren.[1] Die Geschichte von Enkidu und Gilgamesch hat die Menschen über Jahrtausende fasziniert. Die Freundschaft der Helden bildet das Urmodell aller Blutsbrüder (Enkidu wird von der Göttin Ninsun zum »Bruder« des Gilgamesch gemacht), die über den Zweikampf zueinander finden, gewaltige Aventüren bestehen und schließlich den einen, über den Tod des anderen trauernd, zurücklassen. Gilgamesch und Enkidu stehen aber auch für zwei Biosphären, deren Zusammenspiel das Leben der eurasischen Antike tief geprägt hat: die Welt der Städter und die Welt der Wildnis, deren Bewohner mit ihren Herden umherziehen, wie Enkidu natürliche Tränken aufsuchen und die Berge durchstreifen. Die Griechen nannten solche Menschen – und ein Mensch war Enkidu zweifellos – »Nomades«. Davon ist unser Begriff Nomade abgeleitet. »Nomas« bezeichnet denjenigen, der umherzieht, um seiner Herde Weideflächen zu sichern; es meint in der Mehrzahl Gruppen von Menschen, die ihr Leben um das Vieh herum organisieren und ständig unterwegs sind, um es zu versorgen. Nun präsentieren große Epen Weltsichten stets in überzeichneter Form, und ihre Lehren sind ambivalent: Auf der einen Seite erinnerte das nomadische Leben an uralte Zeiten, in denen das Gute so nah war und das Schlechte so fern, dass man es gar nicht kannte. Der nackte Enkidu wird in dieser Perspektive zum edlen Wilden, der frei von den Einflüssen der Stadt ein Leben in völliger Harmonie mit der Natur führt, so wie Adam im Paradies: unwissend und unschuldig, aber zufrieden und konfliktfrei. Die Steppe ist Rückzugsort und Freiraum, Wüsten sind Orte der Läuterung und Gottesnähe, die das städtische Treiben mit ihren protzenden Tempeln und zersetzendem Luxus längst verloren hat. »Selig seid ihr Bewohner der Steppe«, so dichtete noch im 5. Jahrhundert ein syrischer Christ, »die ihr zwischen den Felsen und in Höhlen wohnt, denn ihr seid fern von den Verbrechen, die in den Städten begangen werden, und niemand begeht Ungerechtigkeit und Unterdrückung an den Orten, die ihr bewohnt.«[2] Doch wie Enkidu laufen die Wüstenmönche Gefahr, von den Dämonen urbaner Sünde ergriffen zu werden. Wer in die Welt der Städte zurückkehrt, erliegt ihren Lastern, so wie Enkidu, der während der Abenteuer mit Gilgamesch zeitweise so überheblich wird wie sein Freund und für seine götterverachtenden Taten mit dem frühen Tod im ruhmlosen Bett bestraft wird. Das andere Extrem sah die Wildheit als Bedrohung. Hier sind Wüste und Steppe Orte der Dämonen und Geister, der Unordnung und des Chaos, dem die Ordnung urbaner Sesshaftigkeit gegenübersteht. Das eröffnet Herrschern und Helden die Möglichkeit für erste Großtaten, für Bewährung in der Bekämpfung des Bösen. Doch stets prägen Verachtung, Abgrenzung und Abscheu die Sicht der Städter, insbesondere in offiziellen Dokumenten. Ungebundenes Umherziehen steht für die Unberechenbarkeit von Barbaren, die sich wie Bestien von rohem Fleisch ernähren und grausame Riten vollziehen, ungezügelt und gefährlich, vor allem dann, wenn sie hervorbrechen:[3] »Vor dem Ruf ›Reiter und Bogenschützen‹ / Fliehn alle Städte. / Man birgt sich im Dickicht. / Man klettert auf Felsen. / Jede Stadt ist verlassen. Niemand wohnt mehr darin« – so der Prophet Jeremias (4,29) im 7. Jahrhundert. Hinter alldem verbergen sich uralte Extremerfahrungen, und zwischen diesen gab es Abstufungen. Seit dem 8. Jahrhundert wurde der Vordere Orient durch Reiterscharen bedroht, die aus dem Kaukasus in das Zweistromland vordrangen. Gleiches berichteten chinesische Chronisten über die Nordgrenzen ihres Reiches. Man wusste, dass sich die Reiternomaden vom Fleisch und den Produkten ihrer Herden ernähren, aber nicht nur gefürchtete Krieger, sondern auch geschickte Metallhandwerker waren. Ähnliches gilt für die »barbarischen« Bergbewohner, episch stilisiert im Bild der homerischen Kyklopen, die vor Menschenfleisch nicht zurückschrecken, aber wohlgenährte Schafherden besitzen und nach einer anderen Version hilfreiche Schmiede der Götter sind. Nomadische Schmiedekunst kennt auch die hebräische Bibel; vielleicht geht Jahwes »brennender« Zorn auf das Bild von Schmelzöfen zurück.[4] Tatsächlich waren Hirtenvölker, die mit Schafen und Ziegen die Berge des Zagros und Palästinas, die Hügel der griechischen und italischen Halbinsel sowie der nordchinesischen Ebenen durchstreiften, unverzichtbare Spieler auf dem Turnierfeld der Geschichte. So wie die Bewohner der Wüsten und Wüstenrandgebiete, die in Zelten lebten und sich auf Kamelen den Städten näherten, um ihre Produkte gegen Werkzeuge und Getreide einzutauschen. Und schließlich gab es weit entfernte Menschen, von denen man glaubte, dass sie ein unschuldiges Leben nahe den Göttern genossen, so wie die Aithiopen im Süden und die Hyperboreer im Norden. All das waren tastende Versuche, die vielfältige Welt jenseits des Vertrauten zu ordnen und zu verstehen. Schon die Geschichte von Enkidu zeigte, dass Veränderungen möglich waren. In einem frühen mesopotamischen Text heiratet eine Städterin einen »barbarisch-rohen« Nomadengott. Selbst die wildesten Nomaden konnten also »zivilisiert« werden, indem man sie mit urbaner Kultur vertraut machte. Diese schließt vernünftiges Sprechen, vorausschauendes Denken und ein kontrolliertes Sexualleben ein, während man Nomaden freizügigen Sex »wie das Vieh« bescheinigte.[5] Heute wissen wir jedenfalls: Reiternomaden entwickelten sich wie die Kamelreiter der Wüsten aus sesshaften Lebensformen, sie konnten sich ihnen aber auch wieder annähern und in sie übergehen. Städtische Schriftsteller betonten gerne die Gegensätze, doch in der Realität beeinflussten sich beide Lebensformen beinahe permanent und waren teilweise symbiotisch miteinander verbunden. Dass die nomadische Lebensweise eine evolutionäre Durchgangsstufe auf dem Weg zur urbanen Zivilisation gewesen sei, glaubt heute niemand mehr. Sesshaftigkeit und Mobilität bildeten vielmehr Pole, zwischen denen verschiedene Gruppen je nach politischen, ökonomischen und natural-ökologischen Umständen changieren (mussten). Ebenso unstrittig ist: Keine Gesellschaft, die sich auf Viehzucht und Weidewirtschaft konzentriert, kommt ohne ein Mindestmaß eigener Agrarproduktion aus. Die Pflege des Viehes ließ genügend Freiräume, um sich sogar dem Bergbau, der Metallverarbeitung oder der Keramik- und Textilherstellung zu widmen. Ob man dauerhaft an einem Ort lebte oder den Bewegungen des Viehs folgte, war das Ergebnis von Entscheidungen, Lebenschancen unter wechselnden ökologischen Bedingungen mehr auf die eine oder andere Weise zu nutzen. Diese Entscheidungen haben die eurasische Geschichte geprägt. 2. Magische Nächte des Nordens – Die bronzezeitliche Sintaschta-Kultur
Es muss ein beeindruckendes Schauspiel gewesen, das sich den Menschen vor rund 4000 Jahren an den südöstlichen Ausläufern des Ural bot. Fackeln verbreiteten eine gespenstische Stimmung. Dunkle Sprechgesänge durchtönten die Nacht. Die Luft war geschwängert vom Blut der Opfertiere: sechs Pferde, vier Rinder und zwei Widder. Ihr Fleisch reichte aus, um 1000 Gäste zu bewirten, die gekommen waren, um dem Begräbnis des großen Herrn beizuwohnen. Seine Grabkammer zeigte alles, was...