Schulz | Eine weite Reise | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Schulz Eine weite Reise

Vermächtnis einer verwöhnten Generation
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3018-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vermächtnis einer verwöhnten Generation

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3018-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine weite Reise Eine Bahnreise nach Berlin führt an vielen Orten der persönlichen Geschichte eines Menschen vorbei. Es sind die auf den ersten Blick banalen Geschichten, die jeder in seiner Familie, in seiner Ausbildung und in seinem Beruf erlebt haben könnte. In ihrer Sammlung sind die Rückblicke alles andere als normal oder banal. Sie schildern nicht nur das Ereignis selbst, sondern das Empfinden einer Generation, die sich jetzt in die Rente verabschiedet. Jahrzehnte des äußeren Friedens, des beruflichen Erfolgs und der familiären Bindungen werden geschildert. Dabei kann der Autor auf Erfahrungen in West- und Ostdeutschland zurückgreifen. Sehr konkret wird menschliches Fehl-Verhalten zum Beispiel in beruflichen Situationen geschildert und es werden daraus Erkenntnisse abgeleitet, die uns dazu bringen sollen, unser Verhalten und Denken zu reflektieren. Zusammenfassend wird schließlich die Spannung zwischen unseren Erkenntnissen und Handlungen beleuchtet. Die These dabei, "Es gibt kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit", wird mit einem Traktat "Die zehn Wahrheiten" abgearbeitet. In dem Text finden sich viele Menschen mit ihren Erfahrungen, aber auch mit ihren Ansichten wieder. Für wieder andere ist der Text provokativ, weil er an die eigenen Defizite erinnert. Der Protagonist berichtet über sich selbst. Die Rückblicke sind keine Erinnerungen, sondern eine bewertende Bestandsaufnahme aus der gegenwärtigen Perspektive des Jahres 2021. Alle Schilderungen sind vom Autor selbst erlebt. Auf die Namen der beschriebenen Personen wurde verzichtet, weil ihr Handeln und Denken exemplarisch ist. Viele werden sich darin erkennen. Nicht eine bestimmte Person ist wichtig, sondern die Haltung und Denkweise, die diese repräsentiert. Aus gleichem Grund wurde auf genaue Ortsangaben dort verzichtet, wo die Ortsangabe keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn ergeben hätten.

Thomas Schulz ist in Berlin geboren und kehrte aus beruflichen Gründen immer wieder dahin zurück. Er hat eine Vita, die er mit vielen anderen seiner Generation teilt. Allerdings reflektiert er seine Erlebnisse und nimmt dabei eine kritische Haltung zu sich und seiner Umwelt ein. Nach einer kaufmännischen Lehre hat er Sport, Erziehungswissenschaft und Geographie studiert. Statt am Gymnasium zu unterrichten, kehrte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Lehrbeauftragter an die Universität Hamburg zurück. Von der theoretischen Lehre dort wechselte er in den Vertrieb von Mercedes-Benz, wo er in neunzehn Jahren zügig die Karriereleiter emporstieg und schon früh mit Personalverantwortung betraut wurde. Er war Verkäufer, Verkaufsleiter, Bezirksleiter, Leiter der betriebswirtschaftlichen Beratung und schließlich für die Vertriebsnetzgestaltung von Mercedes-Benz, Chrysler und smart verantwortlich. Nebenberuflich engagierte er sich in der beruflichen Weiterbildung als Dozent und Fachbuchautor. Mit 47 Jahren übernahm der die Leitung der Akademie des Handwerks in Hamburg und später die Leitung des gesamten Bildungsmanagements am Elbcampus, dem Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Hamburg, zu dem auch die Akademie des Handwerks gehört. Durch seine Führungsaufgaben zieht sich das besondere Interesse an der Reflexion menschlichen Verhaltensweisen wie ein roter Faden. Diese immer bewusst gemachten Erfahrungen speisen dieses Buch. Thomas Schulz ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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Erstmals in Hamburg
Eine Bushaltestelle war das Erste, was ich in meinem Leben von Hamburg sah. Als meine Eltern einen Umzug von Berlin nach Hamburg erwogen, nahmen sie mich eines Tages mit nach Norddeutschland. Wir wohnten in einem kleinen Hotel. Als ich morgens noch in der Dunkelheit aufstand und zum Fenster heraus sah, konnte ich auf eine Bushaltestelle blicken. Es regnete stark und die Leute stiegen mit Schirm, nassen Trenchcoats und hochgehalten Kragen in den Bus. Es war die perfekte Szenerie für einen Werbespot mit dem eindrucksvoll für die Notwendigkeit von Hustensaft oder Grippemitteln hätte geworben werden können. Dass auch Schüler dabei waren, erinnerte mich an mein Schule schwänzen. Später hatte ich dann gelernt, dass die beobachtete Szene sich in Trittau und nicht in Hamburg abspielte. Heute wundere ich mich in Ehrfurcht vor der Speicherleistung eines menschlichen Gehirns noch genau an die Szene. Das banale Bild von in den Bus einsteigenden Fahrgästen über Jahrzehnte speichern zu können, schien sinnlos. Das Wunder ist nicht allein im Alter der Bilder, die uns begleiten zu sehen, sondern auch in der unzähligen Menge der gespeicherten Bilder. Gesammelt im Alltag und auf Reisen, verknüpft mit Geräuschen, Gerüchen und Gefühlen. Kombinationen, die bis heute kein Smartphone speichert. Denke ich an die Berliner U-Bahn, kann ich sie riechen. Erinnere ich mich an Wanderungen in Cornwall, spüre ich den Regen in meinem Gesicht. Fahre ich in Gedanken eine Skipiste bergab, spüre ich den Kantengriff meiner Skier. Erst wer sich einmal die Zeit genommen hat, eine Blume auf einer Wiese ohne Zeitdruck zu betrachten, kann nachvollziehen, was anzuerkennen mir als einziges Zeit meines bisherigen Lebens nie schwerfiel. Die Bewunderung für die Leistungen der Natur stumpfte nie ab, wie etwa das Interesse an zeitweise sehr beliebten Beschäftigungen. Die Bushaltestelle an meinem Wohnort war eine der letzten in Hamburg, die noch nicht zu einer Werbestätte geworden war. Hier gab es noch die beschmierten Scheiben und die Eternitplatten, die die Scheiben ersetzen mussten, die jugendlichem Drang nicht standgehalten hatten. Ja, hier war die Welt noch in Ordnung. Wie viel Zeit ich wohl schon an Bushaltestellen verbracht hatte? Jedes Mal wurde ich zur Ruhe gebracht. In dieser Wartesituation lag die Chance, meine Umgebung zu erkunden. Vorbeifahrende Autos, das Verhalten anderer Wartender und deren Aussehen boten Abwechslung und jede Beobachtung für sich hatte sicher ihre Geschichte. „Wohin fährt sie jetzt mit dem Auto?“, „Warum sitzen darin drei Erwachsene?“, „Welches Buch liest er gerade neben mir?“, „Mit wem telefoniert sie geradezu ausgelassen fröhlich am Morgen?“, „Fahren die Drei gemeinsam an einen Arbeitsplatz?“, „In dem Anzug muss er ja heute etwas Besonderes vorhaben“. Im Warten lag immer auch eine Chance auf etwas zu stoßen, das wir im vorüber hetzen nie gesehen und erlebt hätten. Als ich in den 60er-Jahren mit meinen Eltern in ein Neubaugebiet nach Hamburg zog, war meine Einstiegsstelle für die Fahrt zur Schule oder nach Hamburg die erste Haltestelle, also der Beginn der Buslinie. Die Linie 9 hielt in Sichtweite und fuhr dann in die gleiche Richtung, in die ich zur Haltestelle ging. Die dort mit dem Bus ausgetragenen Wettrennen sind heute nur noch Erinnerung und das gelassene Verpassen einer Busabfahrt ist heute der nicht mehr zu leugnende Beweis für mein Altern. Manchmal erinnere ich mich an Busfahrten, die wie aus einem anderen Leben vor mir auftauchten. Mir fallen die Stunden ein, die ich auf Nachtbusse wartete, wenn ich von meiner Freundin kam. Oder ich erinnere mich an morgendliche Busfahrten nach Mölln, mit denen ich meinen Arbeitstag als Holzstapler in der Parkettfabrik Höhns begann. Gespeichert ist in diesem Zusammenhang die morgens im Dunkeln gefahrene Strecke auf der B207, die von den Ausdünstungen der Fahrgäste von innen beschlagenen Scheiben, die an jeder Haltestelle in den Bus drängenden Schüler, der weite Weg zur Parkettfabrik durch neblige Felder und schließlich der Duft des frischen, feuchten Holzes, das sich noch vormittags mit dem Schweißgeruch der Akkordarbeiter vermischte. Hier verdiente ich mir Geld. Vermittelt durch die Kontakte meines Vaters, stapelte ich auf Akkord Holz. Eine Palette Weichholz brachte 7,- DM, eine aus Hartholz 12,- DM. Noch heute sehe ich die älteren Frauen, die mit Kopftuch in kleinen Gruppen kamen und deren Arbeitstempo mich herausforderte. Ein kleiner, still für mich erfundener Wettbewerb, der die Strapazen des Bückens und Schleppens übertünchte und den ich, bestenfalls palettenweise, gewann. Nach einer Wettbewerbsetappe musste ich mich dann wieder zurückfallen lassen in ein Tempo, das hinter dem der „Alten" zurückblieb. Der Wettbewerb ist längst vorbei, der mit ihm einhergehende Respekt ist stellvertretend für alle hart arbeitenden Menschen in mir geblieben. In jenen Jahren erster Jobs ist nicht nur die Grundlage für Respekt gelegt worden, sondern auch für eine meist stille Dankbarkeit, in meinem Leben nie lange auf harte körperliche Arbeit angewiesen gewesen zu sein. Die Dankbarkeit ging oft einher mit Abneigung, gegen die, die bei der geringsten Belastung das Jammern anfingen. Stöhnten Studenten wegen ihrer Seminararbeiten, fielen mir immer die Arbeiter bei der Kerzenfabrik Gies ein, die, während die Studenten klagten, betonhart gefrorene Parafinsäcke aus Kühlcontainern holten und eiserne Wendeltreppen hoch schleppten. Als vor wenigen Jahren die vor unserem Haus vom Herbststurm gefällte Eiche zu Kleinholz zerlegt und von mir gestapelt wurde, roch ich wieder die Hartholzpaletten des Parkettwerks. Fünfzig Jahre lagen zwischen der ersten Begegnung mit Eichenholz und der Verarbeitung des Bruchholzes auf unserem Grundstück. Das Gehirn war fähig dazwischen eine Brücke zu schlagen, indem es Düfte speicherte und automatisch wieder ins Bewusstsein holte. Wo waren diese Düfte gespeichert und wie? Wunderbar. Früh hatte ich Einblick in die Arbeitswelt genommen. Als Schüler bin ich für fünf Mark die Woche mit dem Fahrrad drei Kilometer weit nach Bergedorf gefahren. Hin zum Buchladen Nordmann, der in einem alten, kaum erhaltenswerten Hause in Bergedorf einen kleinen Laden betrieb. Es war einer von zwei Buchläden in Bergedorf. Den anderen, Fachbuchhandlung Boeisen, gab es viele Jahre am Schloss, bis er dem Internet zum Opfer fiel. Zuvor verschwand spurlos Nordmann. Heute steht dort, wo damals der Verkehr durch eine Einbahnstraße nach Norden rollte, das Marktkauf-Center. Die Straße ist längst Fußgängerzone. Mein erster Job öffnete Hintergründe und brachte mir, Puzzlestücken gleich, Erkenntnisse, die damals für mich noch kein schlüssiges Gesamtbild ergaben. Da war der Studienrat im Villenviertel, der fast jeden Tag ein Buch gebracht bekam und nie Trinkgeld gab. Der Titel und der weinrote Strickwesten tragende grauhaarige Mann flößten Achtung ein. Was für ein Titel: Studienrat! Jahre später machte ich mich auf den Weg vom Bücherboten zum Studienrat. Vom Tellerwäscher zum Millionär wäre besser gewesen. Immerhin würde ich es später während meines Studiums bis zum Tellerwäscher bringen. Jetzt nur nicht die Chronologie meiner Jobs durcheinanderbringen. Die vielen Jobs waren mit sehr vielen wichtigen Erfahrungen verbunden. Sie bahnten mir den Weg aus einem Arbeiterhaushalt in ein akademisches Umfeld. Nie fühlte ich mich gezwungen, Jobs anzunehmen. Ich war aber auch sehr neugierig auf das, was in der Arbeitswelt so alles ablief. Und Geld in der Tasche zu haben, über das ich allein bestimmen konnte, fühlte sich immer gut an. Viele Jahre später versuchten mir einige Dozenten weiß zu machen, dass die Gehaltshöhe in der Arbeitswelt kein wichtiges Kriterium für die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit wäre. Für mich war der Gedanke daran, was ich gerade in Augenblicken schwerer Arbeit verdiente eine hohe Motivation durchzuhalten. Das blieb auch in verantwortungsvolleren Aufgaben so. In so mancher sinnloser Diskussion, während vieler einschläfernder Sitzungen oder versuchter Demütigungen durch Vorgesetzte rettete mich die Rechnung, wie viel Geld ich gerade mühelos verdiente. Ohne die Motivation durch ein gutes Gehalt, hätte ich die letzten vierzig Berufsjahre nicht schadlos überstanden, wäre vielleicht verzweifelt oder depressiv verfallen. Als Bücherbote hatte ich ganz Bergedorf mit dem Fahrrad zu befahren, bis zur Grenze nach Schleswig-Holstein, sechs Tage die Woche. Am Sonnabend gab es dafür fünf Mark in bar. Das ging so lange gut, bis eines Tages in meinen Satteltaschen Bücher gefunden wurden, die ich Tage zuvor wegen abwesender Empfänger nicht abliefern konnte. Die Bücher waren feucht geworden, abgewetzt und nicht mehr auszuliefern. Meine Eltern kamen für den Schaden auf und ich gab die Büchertour auf. An einen Vorwurf meiner Eltern erinnerte ich mich in diesem Zusammenhang nicht. An der Bushaltestelle konnte man es jetzt im Februar schon gut aushalten. Es war zwar noch kalt, aber die Sonne strahlte schon in einer Helligkeit, die sie nur im Frühling hatte. Alles erschien klar konturiert. Nichts konnte mehr im winterlichen Grau...



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