Die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung aus dem Blickwinkel des Deutschen Schäferhundes zu betrachten, ist nicht selbstverständlich. Angesichts der Gewalterfahrungen, die die kommunistische Ideologie nicht nur in SBZ und DDR angerichtet hat, erscheint der Blick auf die Tierwelt marginal. Die Einengung von Haus-, Nutz- und Zootieren in die SED-Ideologie erscheint nichtig angesichts der viel verheerenderen Ideologie des „Neuen Menschen“, mit der die SED ihre Bevölkerung umerziehen wollte. Doch die deutsche Teilung verursachte nicht nur menschliches Leid: Zu den ersten Opfern der Berliner Mauer gehörte der Schäferhund Rex, eingesetzt bei der Westberliner Schutzpolizei, der sich am 14. August 1961 an der Bernauer Straße in den provisorischen Stacheldrahtsperren verfing und nach stundenlanger Tortur von Ost-Berliner Grenztruppen erschossen wurde.1 Proteste blieben aus, der Vorgang war nicht einmal eine Zeitungsnotiz wert. Ein toter Hund – was war das schon im angesichts des ungeheuren menschlichen Leids, das die Mauer auf beiden Seiten verursachte? Erst aus den Akten lässt sich heute rekonstruieren, dass mindestens 34 Diensthunde bei Zwischenfällen an der Mauer ums Leben kamen. Sie gehörten sowohl west- als auch ostdeutschen Polizei- und Grenzschutzeinheiten an. In der Regel handelte es sich um Deutsche Schäferhunde, verschlissen in einem Kalten Krieg, der nicht der ihre war.
Der Einsatz deutsch-deutscher Schäferhunde auf beiden Seiten der Zonengrenze von 1961 bis 1989 soll in meinem Vortrag als Beispiel dienen, um die ambivalente Rolle von Tieren in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts darzustellen. Erläutert werden sowohl die Rolle des Hundes zur Projektion von menschlicher Gewalt, als auch die Rolle des Hundes als Nutzvieh einer „low intensity warfare“, das geopfert und entsorgt wird, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Die Beziehung von Hund und Hundeführer werde ich in einem ersten Schritt im diachronen Diktaturvergleich thesenhaft darstellen, um dann in einem zweiten Schritt die Rolle der Hunde der NVA-Grenztruppen und des Bundesgrenzschutz zu thematisieren. Zunächst jedoch gilt es einen Blick auf die Vorgeschichte zu werfen: die systematische Züchtung des „Deutschen Schäferhundes“ und seine frühe Indienstnahme für Polizei und Militär, die mich zu der These von der „Staatswerdung des Schäferhundes“ führt.
Zur Vorgeschichte: Die Staatswerdung des Schäferhundes
Der Deutsche Schäferhund hat ein schlechtes Image: In Film und Populärkultur US-amerikanischer Prägung gilt er nicht erst seit Hitlers „Blondi“ als Symbol von Nazismus und Autoritarismus.2 In keinem Weltkriegsdrama darf er fehlen, wird mitunter wie im Film „Gladiator“ aus dem Jahr 2000 gar rückversetzt in die Germanenzeit: Wilde Gesellen greifen dort die Römer in den germanischen Wäldern an, begleitet von deutschen Schäferhunden. Waren deutsche Hunde also immer schon Täter? Ein quasi zeitloses Gewaltwerkzeug, Ausdruck einer spezifisch deutschen Kulturferne?
Das besondere Verhältnis von Deutschen und Schäferhunden hat ihren Ursprung selbstverständlich nicht in den germanischen Wäldern, sondern nahm erst im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts seinen Anfang. Denn der Schäferhund als tierischer Teil einer „imagined community“, einer imaginären nationalen Gemeinschaft, gehört zu den jüngeren, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gezüchteten Hunderassen.3 Doch bald schon erfreute er sich größter Beliebtheit, unter anderem bei den deutschen Verbindungsstudenten, wie Barbara Krug-Richter in ihrer mentalitätsgeschichtlich angelegten Studie aufgezeigt hat.4 Als Rassestandard definiert wurde der Deutsche Schäferhund erstmals in den 1890er Jahren vom Züchter Max von Stephanitz. Einer der damals vorgestellten Modellhunde trug den Namen „Hektor von Linksrhein“ – ein Name, der auf die spezifische Verbindung jener Hütehunde mit Anspruch und Tragik der deutschen Nationalgeschichte verwies.5 Tragisch ist die Geschichte dieser Hunde deshalb, weil der Deutsche Schäferhund – anders als andere national konnotierte Rassen, wie etwa als die „dänische Dogge“ – bereits früh von staatlichen und militärischen Stellen eingesetzt wurde.
Bereits zehn Jahre nach Erstzüchtung dienten die ersten Exemplare bei der Polizei,6 zwanzig Jahre später auch im Schweizerischen Luzern. Hier aber noch mit gemischten Ergebnissen, wie der Schriftsteller Erich Mühsam in seinen Tagebüchern aus dem Jahr 1910 berichtete. Damals kam es in Luzern zu einem Vorgang, der viel Aufregung verursachte. Er ging folgendermaßen, ich zitiere Mühsam: „Die Polizei dort hatte sich einen teuren Polizeihund zugelegt, ihn schön dressiert. Das Vieh fühlte sich aber in seiner amtlichen Stellung nicht wohl und kniff aus. Jetzt hat die Behörde eine Prämie für seine Wiederbeschaffung ausgesetzt.“7
Ein Hund der die Seiten wechselt, vom Verfolger zum Verfolgten wird und steckbrieflich gesucht wird – diese Anekdote verdeutlicht, dass Hunde im Staatsdienst schon früh nicht nur handzahme Kreaturen, Opfer oder gar willenlose, verdinglichte Werkzeuge waren. Sie waren Teil des Staatsapparats, der sich im Sinne Bruno Latours als ein Netzwerk menschlicher und nichtmenschlicher Wesen begreifen lässt.8 Als Akteure bzw. Aktanten verfügten sie über Agency innerhalb dieses Apparates, die sich unter anderem in „unorganisierten Widerstandsformen wie Arbeitsverweigerung, Zerstörung und Flucht“ niederschlug.9 Doch gerade im Zusammenwirken von Mensch und Tier im modernen Staatswesen offenbarten sich auch die Grenzen der Animal-Agency.
Aline Steinbrecher hat darauf hingewiesen, dass bereits mit der Herausbildung des Verwaltungsstaats in der Frühen Neuzeit, „das Zusammenleben von Mensch und Hund im Kontext obrigkeitlicher Disziplinierungsmaßnahmen zunehmend reglementiert [wurde].“10 Aus der repressiven Gewalt im liberalen Nachtwächterstaat, die mit Steckbriefen für einen entlaufenen Hund noch recht unbeholfen daherkam, wurde bald der Repressionsstaat des „Zeitalters der Extreme“ – das mit dem industriellen Massentöten im Ersten Weltkrieg begann.11
Ab 1914 dienten Schäferhunde im deutschen Militär als Minensuchhunde, ebenso als Wachhunde der Feldpolizei.12 War letztere Tätigkeit trotz aller Gewalt bei der Abwehr von Eindringlingen in Sperranlagen oder der Jagd nach den ab 1917 immer zahlreicher werdenden Deserteuren noch von einem kooperativen Ansatz geprägt war, so stand die Tätigkeit als Minensuchhund ganz im Zeichen der „Materialschlacht“. Der Hund galt in dieser „Materialschlacht“ als unbelebtes Kriegsmaterial und wurde nicht nur genutzt, um Minen per Geruch zu orten, sondern immer wieder auch geopfert, um Minenfelder zu neutralisieren.13 Dahinter stand der Versuch, die menschliche Kriegsführung in einer Art Ersatzhandlung dem Tier aufzubürden – ein Versuch, der freilich fehlschlug. Denn im Stellungskrieg vermochte auch der Hundeeinsatz nicht eine Entscheidung zu erzwingen. Insbesondere die Ostfront sah Zusammenbruch und Niederlage auf beiden Seiten. Aus dem Kollaps des Zarenreiches entwickelte sich dann mit der sogenannten Oktoberrevolution von 1917 das System kommunistischer Diktatur, aus dem Revanchismus der Kriegsverlierer in Deutschland 1933 der Nationalsozialismus – ein deutscher Sonderweg, den auch der deutsche Schäferhund mitgehen musste.
Der Hund im Nationalsozialismus
Der Hund im NS wurde, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, geprägt durch „Blondi“, einen weiblichen...