E-Book, Deutsch, Band 1, 494 Seiten
Reihe: Värmland-Krimis
. Schweden-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 494 Seiten
Reihe: Värmland-Krimis
ISBN: 978-3-7325-4057-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ninni Schulman, geb. 1972, ist in Värmland aufgewachsen, wo auch ihre Kriminalromane spielen. Sie hat als Journalistin für Tageszeitungen und Wochenmagazine gearbeitet. Heute lebt und arbeitet sie in Stockholm. Der vorliegende Band ist ihr dritter Värmland-Krimi, der in Schweden wochenlang in den Top 10 der Bestsellerliste stand.
Weitere Infos & Material
2
Vier Grad minus. Pfui Teufel. Petra Wilander öffnete die Heckklappe des Subaru und ließ Roy hineinspringen. Dann stellte sie den Rucksack auf den Rücksitz und suchte nach dem Eiskratzer, der seit letztem Frühjahr im Fach in der Fahrertür lag. Nach zwei langen Tagen im Wald fühlte sich ihr Körper schwer und steif an, doch das würde sich ändern, wenn sie erst einmal in Gang kam. Das Eis war zumindest gut abzukratzen, und die weißen Flocken stoben in alle Richtungen. Petra fiel es in der Zeit der Elchjagd normalerweise immer leicht, aus dem Bett zu kommen. Der Gedanke an einen ganzen Tag im Wald, weit entfernt von allen Verpflichtungen, bewirkte, dass sie überhaupt nicht wie sonst im Alltag morgens müde war. Doch in diesem Jahr war es anders. Seit sie Polizeichefin geworden war, gab es dieses Gefühl der Leichtigkeit offensichtlich nicht mehr. Petra klopfte den Schnee vom Eiskratzer, dann steckte sie ihn wieder in das Türfach und setzte sich hinters Steuer. Es herrschte immer noch schwarze Nacht, als sie aus der Garageneinfahrt zurücksetzte. Im Haus saß Lasse immer noch im Schlafanzug am Küchentisch. Als sie auf den Dalavägen einbog, hörte sie, wie sich Roy hinten hinlegte. Nach all den Jahren hatte er gelernt, dass die Reise nach Norden ein Weilchen dauern würde. Hagfors lag still da, als sie durch die verkehrsberuhigte Zone vor dem Polizeirevier fuhr. In Folkes Zimmer brannte Licht, sein Fenster war ein warmes gelbes Viereck in der Dunkelheit. In der Ladenzeile auf der Köpmangatan standen alle Lokale außer dem neu eröffneten Café leer. Jalousien bedeckten beide Schaufenster des aufgegebenen Bekleidungsgeschäftes. Am Friseursalon klebte ein großes Stück Karton auf der Innenseite des Schaufensters, auf dem stand »Zu vermieten«. An der Asplund-Schule hatte die Fassade abzublättern begonnen, und die Regenrinnen hingen auf halb acht. Die Gemeinde hatte vergeblich versucht, das Gymnasium zu verkaufen. Reißt doch den alten Kasten ab, dachte sie. Wer soll den denn haben wollen? Endlich wurde es warm im Auto. Petra zog die Handschuhe aus und schaltete das Radio ein. Ein paar Minuten später sah sie Hagfors im Rückspiegel verschwinden, und schon bald gab es nur noch Wald und glänzend schwarzen Asphalt. Eine dünne Schicht Frost glitzerte am Straßenrand. Als die Lokalnachrichten begannen, drehte sie die Lautstärke hoch. »Die Polizei hält sich bedeckt, was die Ermittlung im Fall der von Wilderern erschossene Wölfin angeht, die letztes Wochenende südlich vom Nain aufgefunden wurde, bittet aber gleichzeitig die Allgemeinheit um Hilfe. Christer Berglund, stellvertretender Polizeichef in Hagfors, fordert alle Personen, die sich Mitte voriger Woche in der Gegend von Narsdammen und Majanpäsmossen aufgehalten und dabei irgendwelche Beobachtungen gemacht haben, auf, sich zu melden …« Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber es war natürlich sehr fraglich, ob jemand es wagte, zur Polizei zu gehen. Am Samstag hatten sie einen Tipp von einer anonymen Hotmail-Adresse bekommen, dass einen halben Kilometer von Narsdammen entfernt in einem Versteck ein toter Wolf liegen würde. Christer und Folke waren hingefahren und hatten ihn sofort gefunden. Offensichtlich war das Tier wenige Tage zuvor aus kurzer Entfernung erschossen worden. »Nordvärmland wird einen sonnigen Vormittag mit Temperaturen um minus drei Grad bekommen. Am Nachmittag zunehmende Bewölkung, dann erhöhte Wahrscheinlichkeit von Regen und Schnee.« Als Petra zum Schlachthaus hin abbog, glühte der Himmel auf der anderen Seite des Sees rosa. Auf dem Platz vor dem Hof bewegten sich schattenhafte dunkle Gestalten im Schein eines Feuers. Sowie sie den Motor abschaltete, stellte sich Roy im Kofferraum hin und trampelte und jaulte eifrig. »Gleich«, sagte sie. »Schlaf ruhig noch ein bisschen.« Die Kälte biss sie in die Nase, als sie auf den gefrorenen Kiesplatz trat. Petra ließ den Rucksack auf dem Rücksitz stehen, zog nur die Handschuhe an und schlug die Tür zu. Ein Stück entfernt standen Jan-Åke Qvist und Oliver Långström hinter Olivers Toyota und unterhielten sich. Jan-Åke gestikulierte wild, während Oliver mit irgendetwas auf der Ladefläche des Wagens beschäftigt war. Als Petra sich näherte, erstarb das Gespräch. »Guten Morgen«, sagte sie. »Hallo, hallo«, erwiderte Oliver und schlug die Heckklappe zu. Jan-Åke nickte nur kurz. Fast der gesamte Jagdverein schien um das Feuer versammelt zu sein. Hochgezogene Schultern und weiße Atemwolken in kleinen Gruppen. Janet Antonsson breitbeinig und zurückgelehnt zusammen mit Klas Sanner und Peo Hansson. Ernst Losjö in Joppe und Hut mit reflektierendem Plastikband. Petra war erstaunt gewesen, als er sich um die Mitgliedschaft in der Jagdvereinigung beworben hatte. Am ersten Tag hatte er sie begrüßt, sich seither aber abseits gehalten. Vermutlich weckte sie Erinnerungen bei ihm, die er lieber meiden wollte. Auch sie würde die Tage um Neujahr nicht vergessen, in denen seine Tochter verschwunden war. Jetzt unterhielt er sich mit dem zweiten Neuankömmling in der Jagdgesellschaft. Henrik? Åhman? Hieß er so? Offensichtlich kam er von irgendwo im Süden und hatte bei der Fischerhütte einen Wohnwagen aufgestellt. Waldemar Halling war durch das Fenster des Nebengebäudes zu sehen, wo er sich zusammen mit Frans Mogård über seine Papiere beugte. Wahrscheinlich würde Mogård die Leitung übernehmen. Petra war davon ausgegangen, dass Waldemar nach dem Unfall seinen Posten als Jagdleiter aufgeben würde, doch er kämpfte weiter. Sie zog den Reißverschluss der Fleece-Jacke ganz nach oben und schob das Kinn so tief wie möglich in den Kragen. Der Bruder von Klas, Pär Sanner, kam gerade von seinem Auto herüber. Er hatte seine Tochter dabei. Langes blondes Haar, das unter einer roten Kappe herausschaute. Alva. Wenn Petra sich recht erinnerte, war sie als kleines Mädchen schon öfter mit beim Schlachthof gewesen. Pär schien sich mit der Tochter im Schlepptau nicht wohlzufühlen. Offenbar wusste er nicht so recht, was er mit ihr anstellen sollte. Petra ging auf die beiden zu. »Na, begleitest du heute deinen Vater in den Wald?«, fragte sie. Alva nickte und stampfte auf der Stelle. »Geh näher ans Feuer, wenn du frierst«, mahnte Pär. Doch Alva wich ihm nicht von der Seite. Sie zog die Schultern bis zu den Ohren hoch, als Peo Hansson, dem die wattierten Ohrenklappen um die Kinnbacken flatterten, auf sie zukam. »Sieh mal einer an, was für einen feinen Besuch wir heute haben.« Alva lächelte und versuchte, ein Schaudern zu verbergen. »Wie schön, dass du mit in den Wald kommen willst«, fuhr Peo fort. »Aber eines sage ich dir, wenn du jemanden beim Elcheschießen sehen willst, dann solltest du nicht mit dem da unterwegs sein.« Er machte eine Kopfbewegung in Pärs Richtung und zwinkerte – wahrscheinlich dachte er an die missglückte Elchtour vom Montag. Pär, der sonst selbst gern über frühere Missgeschicke von anderen ulkte, verzog keine Miene. Die Geschichte von der Treiberkette, die über eine Meile in die falsche Richtung und direkt in eine andere Jagdpacht lief, hatte Petra ihn sicherlich zehnmal erzählen hören. Die von dem Holländer, der der Länge nach in den Rommamäcktjärnen fiel und mit dem Hut voll Seegras wieder auftauchte, bestimmt ebenso oft. Doch jetzt holte er nicht zum Gegenangriff aus. Schweigend standen sie da. Alva schob die Hände in die Jackentaschen und stampfte weiter. »Hast du denn schon von dem verzauberten Elch gehört?«, fragte Peo schließlich. Alva schüttelte den Kopf. Pär suchte Petras Blick. Er kann es einfach nicht lassen, sagten seine Augen. Müde. Aber da kann man nichts machen. »Also, dann hör mal gut zu. Es war ein kalter Morgen, genau wie heute. Im südlichen Teil des Tiomilaskogen, dem Zehnmeilenwald, wie die Gegend hier heißt, hing dichter Nebel über dem mit Raureif überzogenen Moor.« Zu Alva vorgebeugt und mit geheimnisvoller Miene begann Peo von dem jungen Jäger zu erzählen, der auf die Pirsch gehen wollte. »Er prahlte mit seinem feinen Gewehr und seiner sagenumwobenen Geschicklichkeit und behauptete, dass er auf einen Kilometer Entfernung das Ohr eines Elchs treffen könne. Aber seine Verlobte sah ihn streng an und sagte, er dürfe an diesem Tag keinen Elch schießen. Um ihretwillen. ›Wenn du mich liebst‹, sagte sie und drehte den Ring, den sie am Abend zuvor von ihm bekommen hatte, an ihrem Finger, ›wenn du mich liebst, dann musst du versprechen, zu tun, was ich sage.‹ Der Jäger nickte ungeduldig und zog davon. Der Tag hielt für die ganze Jagdgesellschaft ein ungeheures Jagdglück bereit. Fast alle schossen mindestens einen Elch, und es wurde gejohlt und gelacht. Auf dem Weg nach Hause erblickte unser Jäger plötzlich einen einsamen Elch ganz oben auf einem Hügel, wie eine Silhouette gegen die sinkende Sonne. Es war eine kreideweiße Elchkuh, so groß, wie er noch keine je gesehen hatte. Das Tier schien in der Abenddämmerung von selbst zu leuchten. Da erinnerte der Jäger sich an die Worte seiner Verlobten, doch er wischte sie beiseite. Diesen Elch konnte er nicht ziehen lassen.« Peo machte eine Pause. Dann fuhr er in seinem Märchenton fort. »Der Jäger erlegte die weiße Elchkuh mit einem einzigen Schuss. Im selben Moment hatte er das Gefühl, als würde er selbst von einer Kugel ins Herz getroffen werden, und eine mächtige Trauer überkam ihn. Als die Kameraden ihn bei dem toten Elch fanden, hielt er das Kopftuch seiner Verlobten in der einen und einen schmalen Goldring in der anderen...