E-Book, Deutsch, 319 Seiten
Schuler 'Wir sind auf einem Vulkan'
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-406-67664-2
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Napoleon und Bayern
E-Book, Deutsch, 319 Seiten
ISBN: 978-3-406-67664-2
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ohne Napoleon würde Bayern heute anders aussehen. In seine Zeit fallen die Erhebung zum Königreich, enorme territoriale Zugewinne und innere Reformen. Thomas Schuler begibt sich auf Spurensuche und erzählt anhand der heute noch erhaltenen Zeugnisse die Geschichte Bayerns in der Zeit der Französischen Revolution. "Wir sind auf einem Vulkan", so fasste Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I. und ein großer Napoleon-Hasser, die Situation Bayerns unter dem Korsen zusammen. Tatsächlich veränderte sich Bayern zu dieser Zeit in zuvor ungeahntem Tempo. Zugleich zog Napoleon die Ressourcen des Landes erbarmungslos für seine Feldzüge heran. Zahlreiche Bayern ließen in Russland ihr Leben. Spannend und anschaulich führt dieses Buch durch die ereignisreichen Jahre zwischen 1789 und 1815, lässt vor den Augen des Lesers Schlachten, diplomatische Winkelzüge sowie das oftmals bittere Erleben der bayerischen Bevölkerung wiedererstehen und zeigt die vielfältigen Bezüge dieser Geschichte zur Gegenwart. Am Ende wechselte Bayern gerade noch rechtzeitig die Seiten, so dass der Tanz auf dem Vulkan doch noch ein gutes Ende nahm.
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- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Mentalitäts- und Sozialgeschichte
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II. KAPITEL
DER WECHSEL AN DIE SEITE NAPOLEONS
«Wir wollen den Kurfürsten so stark und mächtig wie möglich machen.»
Der Friede von Lunéville vom 9. Februar 1801 gestaltete Mitteleuropa nicht nur in seinen politischen Grenzen um, sondern veränderte in seinen Konsequenzen auch eine seit mehr als einem Jahrtausend bestehende soziale Ordnung. Frankreich erhielt im Osten den seit der Revolution als «natürliche Grenze» geforderten Rhein, den es bereits seit 1794/95 militärisch besetzt hielt und schon 1797 im Frieden von Campo Formio erhalten hatte. Weiterhin musste Kaiser Franz II. erneut mehrere französische Satellitenstaaten, die Helvetische Republik (die Schweiz), die Batavische Republik (Holland) sowie die Ligurische Republik (Genua), anerkennen. Eine Regelung mit weitreichenden Folgen für die deutschen Lande war, dass das Alte Reich sich in Artikel 7 verpflichtete, die auf dem linken Rheinufer von Gebietsverlusten betroffenen Fürsten auf dem rechten Rheinufer durch Reichsstädte und durch geistliche Gebiete zu entschädigen.[1] Anders gesagt, der katholischen Kirche sollten umfangreiche Gebiete und Besitz genommen werden, wobei dieser als «Säkularisation» bezeichnete Vorgang keinesfalls eine Erfindung der Französischen Revolution oder des Friedens von Lunéville war. Schon Kaiser Joseph II. hatte im erzkatholischen Österreich Hunderte Klöster entschädigungslos enteignet, um die klammen Staatskassen zu füllen.
Im Vertrag von Lunéville war unter anderem eine angemessene Entschädigung für Erzherzog Ferdinand III. vorgesehen (Artikel V), einen Bruder von Kaiser Franz II., der in Italien die Toskana an Napoleon verloren hatte. Der österreichische Verhandlungsbevollmächtigte Graf Ludwig Cobenzl versuchte daher im geheimen Teil der Verhandlungen mit Nachdruck, Napoleons Zustimmung für eine Gewinnung weiter Teile Bayerns zu erhalten. Der bayerische Sondergesandte in Paris, Legationsrat Anton von Cetto, schrieb über die österreichische Verhandlungsführung in Lunéville später in einem Brief an den Kurfürsten: Während die bayerischen Soldaten «verwundet, verstümmelt und tot waren, weil sie versucht hatten, die Franzosen am Eindringen nach Bayern [im Vorfeld Österreichs und damit nach Österreich selbst] zu hindern, schlug Graf Louis Cobenzl vor, ich weiß dies aus dem Munde des ersten Konsul, dass die französische Regierung Österreich den größten Teil Bayerns bis zum Lech überließ, ‹weil›, so Cobenzl, ‹die Großmächte zu allen Zeiten ihre Differenzen nur auf Kosten der kleinen Staaten regeln konnten›».[2] Vor dem Hintergrund dieser neuerlichen Annexionsabsichten Österreichs interessierte Graf Cobenzl die Entschädigung Bayerns verständlicherweise recht wenig. Napoleon verweigerte jedoch in Lunéville der Abtretung jeglichen bayerischen Gebietes seine Zustimmung: Bayern verdankte Napoleon seine eigenstaatliche Existenz.
Vor allem die Schlacht von Hohenlinden hatte klar gezeigt, wohin sich in Mitteleuropa die Macht verlagert hatte – in das napoleonische Frankreich. Die solcherweise veränderten Voraussetzungen erforderten, so Montgelas wörtlich, für Bayern «einen grundlegenden Wechsel der [außenpolitischen] Position».[3] Als nüchterner Realpolitiker hatte der federführende bayerische Minister klar erkannt, dass mit Österreich momentan weder politisch noch militärisch etwas zu gewinnen war, der Verbleib an dessen Seite das eigenstaatliche Bestehen Bayerns vielmehr gefährdete. Da Preußen einen strikten Neutralitätskurs verfolgte, bestand die einzig logische Konsequenz in einem Zusammengehen mit dem napoleonischen Frankreich, das seinerseits ein großes strategisches Interesse an einer Zusammenarbeit mit Bayern hatte. Von dieser Zusammenarbeit waren anders als an der Seite Österreichs gewaltige Vorteile und Gewinne zu erwarten, wie es die nahe und mittlere Zukunft mehr als bestätigen sollte.
Im Frieden von Lunéville war Bayern eine «angemessene Entschädigung» zugesichert worden, und es war klar, dass, obwohl Kaiser Franz diesen Vertrag geschlossen hatte, von diesem bei den kommenden Verhandlungen keinerlei Unterstützung bei der Realisierung dieser Maßnahme zu erwarten war, denn die dafür vorgesehenen Reichsstädte und geistigen Herrschaften gehörten zu den zuverlässigsten machtpolitischen Stützen des Kaisers im Alten Reich.[4] Es zeigte sich allerdings schon sehr bald, dass Franz II. sich nur dann gegen eine Säkularisation aussprach, wenn diese zum Vorteil anderer Staaten war. Dort jedoch, wo die Entschädigungen zum Vorteil Österreichs ausfielen, sah die Sache ganz anders aus. So ließ der Kaiser noch lange vor einer reichsgesetzlichen Regelung die für seinen Bruder, Erzherzog Ferdinand III., bestimmten Gebiete Salzburg, Passau und Berchtesgaden militärisch besetzen.[5]
Da Montgelas die möglichen Konsequenzen eines Vertrages mit Frankreich fürchtete, zögerte er die diesbezüglichen Verhandlungen lange hinaus – für Napoleon zu lange. Als der bayerische Gesandte in Paris endlich mit den notwendigen Vollmachten aus München versehen wurde, weigerte Napoleon sich, diesen zu empfangen, und ließ mitteilen, das Angebot komme zu spät. Cettos Position in Paris wurde zusätzlich geschwächt, weil Montgelas, um sich nach beiden Seiten hin die Türen offen zu halten, parallel auch in Wien verhandeln ließ. Hierbei ging es dem bayerischen Minister vor allem darum, in Erfahrung zu bringen, was die Absichten und Pläne Österreichs in Bezug auf Bayern waren. Alles andere als beruhigend sagte Franz II. zum bayerischen Gesandten in Wien Gravenreuth: «Bisher waren unsere Interessen die gleichen, es könne sich aber bald treffen, dass dieses nicht mehr der Fall wäre.»[6] Natürlich war diese Aussage heuchlerisch, denn fraglos lag es nie im bayerischen Interesse, von Österreich annektiert zu werden, wie es Kaiser Franz beabsichtigte, ohne freilich das Kind beim Namen zu nennen. Unabhängig davon ließ der drohende Unterton der kaiserlichen Worte es ratsam erscheinen, die Verhandlungen nicht abbrechen zu lassen, bevor nicht mit Napoleon eine Einigung erzielt worden war.
Zwar war der erste Konsul erst im Juni 1801 erneut bereit, mit Bayern in ernsthafte Verhandlungen zu treten – dann aber schritten diese mit dem Napoleon eigenen Tempo voran und mündeten im Abschluss des französisch-bayerischen Friedens- und Freundschaftsvertrages vom 24. August 1801.[7] Die grundlegenden Bestimmungen des Vertrages waren: 1) Frankreich verzichtete auf die bayerischen Schulden in Höhe von sechs Millionen Gulden, die König Ludwig XVI. Herzog Karl von Zweibrücken als Unterstützung für den Widerstand gegen die Tauschpläne Kurfürst Carl Theodors geliehen hatte. 2) Bayern erkannte analog zum Vertrag von Lunéville den Verlust seiner linksrheinischen Gebiete an. Weiterhin übernahm Frankreich den größten Teil der auf diesen Gebieten lastenden Schulden. 3) Frankreich garantierte den Bestand sämtlicher rechtsrheinischer Territorien Bayerns. 4) Frankreich, und das war entscheidend, sagte Bayern seine politische Unterstützung bei der im Frieden von Lunéville festgesetzten Entschädigung im rechtsrheinischen Deutschland zu. Über den Vertrag hinaus gab Napoleon eine mündliche Zusage, im Falle eines österreichischen Angriffs Hilfe zu leisten.[8]
Die Motive Frankreichs brachte Napoleon in einem Gespräch mit dem bayerischen Gesandten Cetto wie folgt auf den Punkt: «Wir wollen den Kurfürsten so stark und mächtig wie möglich machen. Denn wenn Preußen sich die eine Hälfte Deutschlands nähme und Österreich die andere, so wäre uns das sehr unangenehm und man muss dem vorbeugen.»[9] Für Napoleon lag das strategische Interesse darin, mit dem stärksten süddeutschen Staat ein kraftvolles Bollwerk an der Grenze zu Österreich aufzubauen und dadurch auf die Verhältnisse in Deutschland insgesamt Einfluss zu nehmen. Bayern war, wie die kommenden Jahre zeigen sollten, in der Waagschale der wechselnden Allianzen der europäischen Großmächte ein entscheidendes, wenn nicht das entscheidende Gewicht.
Der Vertrag, der bezeichnenderweise der erste mit allianzähnlichem Charakter war, den ein deutscher Staat mit dem napoleonischen Frankreich schloss, war für Bayern außerordentlich vorteilhaft. Er sicherte nicht nur den eigenstaatlichen Bestand gegen die notorischen Annexionsbestrebungen des mächtigen Nachbarn Österreich, sondern er stellte auch eine territoriale Vergrößerung in Aussicht. Der erste Schritt eines außenpolitischen Richtungswechsels des militärisch, machtpolitisch und pekuniär geschwächten Bayern war getan.
Inzwischen war es dem bayerischen Gesandten in Wien gelungen, in Erfahrung zu bringen, dass Österreich als zusätzliche Entschädigung für Erzherzog Ferdinand III. erneut eine Abtretung Bayerns bis mindestens zum Inn, besser aber bis zum Lech anstrebte. Gleich einem...




