Schüler | Der goldene Zwerg | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Reihe: Edgar Wallace

Schüler Der goldene Zwerg

Edgar Wallace ermittelt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95441-300-3
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Edgar Wallace ermittelt

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Reihe: Edgar Wallace

ISBN: 978-3-95441-300-3
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hallo, hier ermittelt Edgar Wallace! Spannend wie »Der Hexer«, atemberaubend wie »Der Hund von Blackwood Castle«, unheimlich wie »Das Gasthaus an der Themse«. In einem speziell gesicherten Raum bewahrt der Londoner Bankier Samuel Wordsworth eine wertvolle goldene Maya-Statue auf. Eines Tages findet er das Zimmer verschlossen vor, der Schlüssel steckt von innen. Nachdem es gelungen ist, die Tür gewaltsam zu öffnen, offenbart sich die Katastrophe: Der im Raum befindliche Tresor ist aufgebrochen und die kostbare Statue verschwunden, ohne dass erkennbar wäre, wie der Dieb mit seiner Beute hat fliehen können. In seiner Not wendet sich Wordsworth an Edgar Wallace, der sich - von seinen eigenen Kriminalromanen inspiriert - auf die Suche nach dem »goldenen Zwerg« macht. Doch Wallace merkt schnell, dass das Schreiben von Krimis und echte Ermittlerarbeit nur wenig gemeinsam haben. Dank der Mithilfe seiner cleveren Ehefrau Violet gelingt es ihm dennoch, erste Spuren zu finden und herauszubekommen, wie die Statue den Raum verlassen konnte. Schon bald finden sich die beiden in einem finsteren Verwirrspiel um undurchsichtige Butler, finstere Hintermänner, Schatzkarten und Geheimcodes wieder. Dolche sausen durch die Luft, und Schreie gellen durch den Londoner Nebel.

Wolfgang Schüler ... hat in Leipzig Jura studiert. Er arbeitet als Rechtsanwalt, Schriftsteller und Journalist. Er verfasste u. a. die erste deutschsprachige Edgar-Wallace-Biografie und das Handbuch zur Kriminalliteratur »Im Banne des Grauens«. Er ist auch als Hörspielautor und Dramatiker aktiv. In zwei seiner Kriminalstücke spielt Sherlock Holmes eine zentrale Rolle. Bisher sind fünf Sherlock-Holmes-Bücher aus seiner Feder im KBV-Verlag erschienen.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. Kapitel


»Der Hexer!«, murmelte er. »Am Leben!«
Das Papier in seiner Hand zitterte.

Edgar Wallace, Der Hexer

Edgar Wallace trifft den Hexer


Berlin, 12.06.1929

Am 12. Juni 1929 hatte sich am Anhalter Bahnhof in Berlin eine große Menschenmenge versammelt. Sie wartete auf den sächsischen Mittagszug, der pünktlich um 12.15 Uhr eintraf. Aus einem Raucherabteil der I. Klasse stieg ein gut gekleideter Ausländer, ein stark beleibter Mann von Anfang fünfzig. Er nahm seinen runden, steifen Hut ab und schwenkte ihn zur Begrüßung, um sich dann mühsam seinen Weg durch die ihm zujubelnden Massen in Richtung Ausgang zu bahnen. Immer wieder musste er ihm entgegengestreckte Hände schütteln und Autogramme geben. Bei dem Reisenden handelte es sich weder um einen bekannten Politiker noch um einen beliebten Filmstar, sondern um den weltberühmten Kriminalschriftsteller Edgar Wallace. Der britische Erfolgsautor war wieder einmal zu Besuch nach Deutschland gekommen. Nach einer ruhigen Überfahrt hatte er bereits einige Tage in Leipzig verbracht und dort unter anderem seinen Verleger Wilhelm Goldmann getroffen. Auch die Woche in Berlin würde alles andere als erholsam werden. Seit dem sensationellen Erfolg des Hexer befand sich ganz Deutschland im Wallace-Fieber. Auf allen seinen Wegen war der Romancier von einem Pulk aus Reportern, Fotografen, Karikaturisten, Literaturagenten und Übersetzern umgeben. In Berlin wollte er seinen neuen Verleger Martin Maschler treffen, der als Kontrast zur roten Reihe der Goldmann-Bücher eine blaue Serie aufzulegen beabsichtigte.

Außerdem hatte der populäre Komiker Paul Graetz darum gebeten, das Stück Der Zinker aufführen zu dürfen. Der Meister hatte wie üblich abgelehnt, sich aber aus einer Laune heraus zu einem Besuch im Deutschen Künstler-Theater in der Nürnberger Straße überreden lassen. Zu einer Inszenierung würde es nicht kommen. Edgar Wallace führte grundsätzlich bei allen seinen Theaterstücken selbst Regie. Niemals würde er eine solch wichtige Aufgabe einem deutschen Komödianten überlassen.

Vor dem Anhalter Bahnhof stand ein luxuriöses Automobil für den Kriminalschriftsteller bereit, und zwar ein blitzblanker sechszylindriger Hansa. Edgar Wallace stieg nach hinten in die geräumige Cabrio-Limousine ein und ließ sich zum Hotel Adlon chauffieren, wo wie üblich eine Suite für ihn reserviert worden war. Sein Sekretär Robert Curtis, der Butler Robert Downs und der Kammerdiener Stan Goodman folgten mit dem umfangreichen Gepäck in einem schlichten Wanderer W 10 nach.

In der riesigen Empfangshalle vom Adlon wiederholte sich die Szene vom Bahnhof, nur mit anderem Publikum. Edgar Wallace genoss sichtlich das Bad in der Menge, ließ sich dann aber doch ohne jeden Widerstand von einem großen Herrn mit buschigem Backenbart vor der aufdringlichen Menge abschirmen und zum Aufzug führen.

»Sir, gestatten Sie, mein Name ist Baron von Westen. Ich bin der neue Hoteldirektor. Kommerzienrat Kempkes ist in den wohlverdienten Ruhestand getreten.« In der ersten Etage angekommen öffnete der Baron die Zimmertür zur Suite Nummer drei und versprach: »Seien Sie versichert, dass wir alles tun werden, um Ihnen Ihren Aufenthalt in unserem Hause so angenehm wie möglich zu machen.« Damit deutete er auf einen reich gefüllten Früchtekorb neben einer guten Flasche Champagner. »Es freut uns natürlich sehr, dass Sie sich wieder für unser Haus entschieden haben und nicht für das Hotel Bristol nebenan, wo die meisten Engländer abzusteigen pflegen.«

»Das liegt am besseren Service im Adlon und an der Nähe zur Kunstakademie, mit der ich mich sehr verbunden fühle«, entgegnete der prominente Gast jovial.

Der Baron verabschiedete sich mit einer angedeuteten Verbeugung.

Edgar Wallace atmete erleichtert auf und zog stöhnend die zwar äußerst eleganten, aber viel zu engen Stiefeletten aus. Er lief auf Strümpfen einige Schritte hin und her, bis die Zehen wieder durchblutet waren, legte dabei Mantel, Jackett sowie Weste ab und schlüpfte in einen rot geblümten Morgenrock, den ihm sein umsichtiger Diener bereithielt. Schließlich streifte sich der dicke Mann bequeme Hausschuhe über und rückte eine bis zum Rand gefüllte Zigarettendose nebst einer Zigarettenspitze aus Bernstein zurecht. »Robert«, meinte er zum Butler, »ich glaube, eine Tasse Tee würde mir jetzt guttun.«

»Sir, wenn Sie sich bitte einen Augenblick gedulden würden. Der Proviantkorb und der Spirituskocher befinden sich noch im Wagen. Soll ich Tee ordern und Goodman in die Hotelküche schicken, damit er dort die Zubereitung überwachen kann?«

»Gute Idee, der Kammerdiener soll sich darum kümmern«, brummelte der Meister. »Die Deutschen besitzen keine Kultur. Sie würden den Tee nur verderben.« Damit ließ er sich in einen gewaltigen, kalbsledernen Fauteuil am Fenster sinken. Er zündete sich eine Zigarette an, sah hinaus und beobachtete interessiert den Trubel auf der Straße Unter den Linden.

Edgar Wallace hatte gerade die Augen zu einem kleinen Nickerchen geschlossen, als jemand an die Tür pochte. Der Butler öffnete, und ein aufgeregter Baron von Westen stürmte herein. »Sir, wir brauchen Ihre Hilfe. In unserem Haus hat ein Verbrechen stattgefunden, welches der raschen Aufklärung bedarf«, rief er außer Atem.

Edgar Wallace richtete sich kerzengerade auf. »Was ist geschehen?«, fragte er kühl.

»Vor wenigen Minuten hat ein Stubenmädchen den russischen Großfürsten Igor Stephanowitsch Jakulow in seiner Suite nebenan tot aufgefunden. Er ist ermordet worden. Wenn davon etwas an die Öffentlichkeit dringt, werden uns alle Gäste verlassen. Das kann ich ihnen nicht verübeln, aber es wäre unser Ruin.«

Edgar Wallace litt zwar an maßloser Selbstüberschätzung, aber er war kein Narr. Vor seinem geistigen Auge zeichnete sich ein Schreckensszenario ab: Er würde die Sache vermasseln. Negative Schlagzeilen in den Zeitungen, eine überstürzte Abreise und große finanzielle Verluste wären die Folgen. Aber glücklicherweise erinnerte er sich an einen deutschen Polizisten, der ein großer Fan von ihm war. »Ich werde mich der Sache annehmen, aber ich kann und darf nicht den deutschen Behörden ins Handwerk pfuschen. Verständigen Sie deshalb bitte zuerst Kriminalkommissar Ernst Gennat. Er ist der Leiter der Zentralen Berliner Mordkommission und hat seinen Sitz im Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Nur er kann mich dazu autorisieren, den Fall zu übernehmen. Bis dahin werde ich hier in meinem Zimmer warten.«

»Selbstverständlich, wie Sie wünschen«, sprudelte der Hoteldirektor hervor und hastete davon.

Nach einer halben Stunde klopfte es erneut. Edgar Wallace war die ganze Zeit ruhelos hin und her gewandert, denn er meinte, den Namen des Großfürsten vor Kurzem irgendwo gehört oder gelesen zu haben. Es fiel ihm bloß nicht ein, in welchem Zusammenhang.

Vor der Tür stand ein dicker Mann mit hoher Stirn, der Edgar Wallace verblüffend ähnlich sah und deshalb wie ein naher Verwandter wirkte. Er trug einen grauen Ulster mit breiten Revers und Rückengürtel. »Sir, es ist mir eine große Ehre. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns sobald wiedersehen würden. Baron von Westen hat mich umfassend informiert. Ich schlage deshalb vor, dass wir gemeinsam den Tatort besichtigen. Ihre große Erfahrung auf diesem Gebiet wird mir eine wertvolle Hilfe sein.«

Der Schriftsteller atmete tief ein, erhob sich, ging auf seinen Besucher zu und schüttelte ihm die Hand. »Mein Lieber, erwarten Sie nicht zu viel von mir. Ich bin ein Mann der Theorie. Sie sind der Mann der Praxis. Was kann ich schon sehen, was Sie nicht vor mir erkennen würden?«

»Sir, stellen Sie doch bitte Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Soweit ich mich erinnere, sind Sie es doch gewesen, der einen wesentlich Beitrag zur Lösung des Crippen-Falls geleistet hat.«

Der Romancier verzog sein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Arthur Newton, der überaus geldgierige Strafverteidiger von Dr. Hawley Harvey Crippen, war 1910 an ihn herangetreten und hatte ihm für viel Geld ein schriftliches Geständnis des Gattinenmörders angeboten. Edgar Wallace schaltete die Evening Times ein. Die Zeitung kaufte das Manuskript und veröffentlichte in einer Sonderausgabe den kompletten Text. Doch Crippens angebliche Beichte war eine plumpe Fälschung gewesen. Wenige Tage später flog der Schwindel auf. Edgar Wallace war der Blamierte. Die Evening Times traf es noch härter. Sie verlor neben der Reputation auch die Leser und ging...



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