Schübler | Bibiana Amon | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Schübler Bibiana Amon

Eine Spurensuche
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99065-074-5
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Spurensuche

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-99065-074-5
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie war mit Anton Kuh verlobt, hat in Venedig Peter Altenberg genervt, war in Berlin Schauspielerin und hat 1939 in Paris ihren erfolgreichen Roman »Barrières« veröffentlicht. Daneben war sie gelegentlich selbst Romanfigur, etwa bei Franz Werfel, und stand Modell für Egon Schiele: Die 1892 geborene Bibiana Amon hatte ein ziemlich aufregendes Leben, und doch ist sie heute nahezu unbekannt. Walter Schübler nimmt uns mit auf eine leidenschaftliche und akribische Spurensuche nach den wenigen Zeugnissen, die von ihr geblieben sind - durch Archive, aber vor allem durch »Barrières«. Nahe an ihrem eigenen Leben erzählt sie darin u.?a. von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und dem Versuch, traditionelle Rollenklischees zu durchbrechen. So verdichten sich die bruchstückhaften biografischen Quellen zum Bild einer imponierenden Persönlichkeit.

Walter Schübler, geboren 1963 in Oberösterreich, Publizist mit Schwerpunkt Biografik, lebt in Wien. 2014 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Veröffentlichungen u.?a.: »Komteß Mizzi. Eine Chronik aus dem Wien um 1900« (2020), »Anton Kuh. Biographie« (2018), »Anton Kuh: Werke« (Hg., 2016), alle bei Wallstein.
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Im Windschatten des politischen Umsturzes vollzieht sich im November 1918 eine »Sezession im Wiener Geistesleben«, soll heißen: eine Kaffeehaus-Sezession, eine längst überfällige. Denn im »Central« hatte sich über die Jahre ein Rentnergeist breitgemacht, »der auf den leisesten, sensitivsten Sohlen ging; Hamsunismus, in Kartenspiel vertieft«, so Anton Kuh. Nur hie und da noch war Leben in dieses leicht modrige »Asyl der Resignationen« gekommen, etwa »wenn Bibiana, in ihrem süßen Analphabetismus mißbraucht, trotz der ›Pscht!‹ und ›Ksst!‹ der Feintöner sich auf die Empore des Arkadenhofs stellte, ein Kapitel Dostojewski vorzutragen«.42 Zwei Tage nachdem vom Balkon des Landhauses schräg vis-à-vis dem »Central« aus die Republik Österreich ausgerufen worden war, saß denn auch »alles, was politisch und erotisch revolutionär gesinnt war, drüben im neuen Café – die Mumien blieben im alten«43: im neueröffneten Café Herrenhof (Herrengasse 10).

Das kam laut Anton Kuh so: »Bibiana Amon, die Strahlende, als Gretchen von Peter Altenberg entdeckt, aber nun schon zu des Unterzeichneten Helena erblüht, stand auf der obersten der drei Eingangsstufen [des »Central«], blickte zum Gewühl beim Landhaus, sah ihren Geliebten mittendrin und rief: ›Gib acht, Anton! – die Revolution!‹ Die hinter ihr versteckten, neugierig aus den Spielzimmern gekrochenen Mumien stoben zurück. Sie aber muß sich damals mit ihrem Blick weiter vorgewagt haben, zum Neubau gleich an der Ecke links, und das neueröffnete Café ›Herrenhof‹ gesichtet haben.«44

Patron des »Herrenhof« ist »nicht mehr Weininger, sondern Dr. Freud; Altenberg wich Kierkegaard; statt der Zeitung nistete die Zeitschrift; statt der Psychologie die Psychoanalyse, und statt des Espritlüftchens von Wien wehte der Sturm von Prag. / Daher war die Luft zunächst antiwienerisch, europäisch. Man debattierte zwar wieder (was durch Tarock, Schach und Poker bereits aus der Mode gekommen war), aber nicht mittels Bonmots und Pointillismen, sondern mit Skalpmessern und unter gleichzeitiger Wegnahme einer Geliebten. / Das war vor allem der Fortschritt: es ging an jedem Tisch Wichtigstes, Beziehungsvollstes vor, oft unter Begleitung von Kokain – ja, und an die Stelle des Wortes ›Verhältnis‹ war jetzt überhaupt die Vokabel ›Beziehung‹ getreten. / Der Aktivismus zog ein: Werfel, Robert Müller, Jacob Moreno-Levy.«45

Die plüschgepolsterten Halbkreis-Logen des ausladenden, von einem Glasdach erhellten Mittelsaals des »Herrenhof« – sie bieten für fünf, sechs Personen Platz, sind bei Bedarf auch mit Stühlen zu einem Kreis erweiterbar, der acht bis zehn Personen Platz bietet – sind die Zentren des literarischen Treibens des Kaffeehauses: »Wortschlachten und Sexualgefechte«.46

Jede dieser Logen hat einen Vorsitzenden, nach dem sie benannt ist. So sitzt etwa in der Adler-Loge der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, mit Frau und Kindern sowie mit Schülern, zu denen Gina Kaus und Manès Sperber gehören,47 und einem dieser Stammtische präsidiert Ernst Polak, mit seinem gepflegten Schnurrbärtchen an den Filmstar Adolphe Menjou erinnernd und deshalb von Kuh »Herschel Menjou« genannt.48

Während Franz Blei, Robert Musil und Hermann Broch nur fallweise am Polak-Tisch gastieren, finden sich hier fast täglich zusammen: Franz Werfel (seit er mit Alma Mahler zusammenlebt, nur noch sporadisch), Anton Kuh, bekennender Neurastheniker und »einzige junge Elementarkraft unseres Journalismus. Ein Ausnahmsfall von renitentem Geist«49, wie er Mitte 1918 von Berthold Viertel apostrophiert wird; sein älterer Bruder Georg, studierter Jurist, der Anfang 1914 als Bankbeamter in die USA ging, dort nicht Fuß fassen konnte und seit Mitte 1917 wieder in Wien unter seinem amerikanisierten Vornamen »George« journalistisch tätig ist; Milena Polak, Otto Kaus und Gina Kranz (späterhin Kaus), Leopold »Poldi« Weiss (nachmals Muhammad Asad), der Journalist Richard Wiener, der Schriftsteller und Musiker Victor Wittner (von 1930 bis 1933 Chefredakteur des Berliner »Querschnitts«), der Architekt Hans Vetter, Adolf Josef Storfer, der Kunsthistoriker und enge Freund Karl Kraus’ Ludwig Münz, Albert Ehrenstein (»Hamlet vor der Matura«50), der Dramatiker, Erzähler und Lyriker Fritz Lampl, 1919 Mitbegründer des »Genossenschaftsverlags«, in den Jahren 1918 bis 1922 auch der aktivistische Schriftsteller Karl Otten.

In »Starbesetzung« – Polak, Werfel, Kuh, Gustav Grüner – liefert sich diese Stammtischrunde einen »pointensprühenden Wettbewerb der Einfälle und Meinungen, die wie Bälle im Ping-Pong-Spiel« hin- und hergeschupft werden, und das »so rasant, als ginge es um die Erringung einer Weltmeisterschaft«.51

Ebenfalls am Polak-Tisch: Otto Gross: in den Boheme- und Anarchistenzirkeln Münchens, Berlins, Asconas und Wiens als Prophet verehrt; hochbegabter und einst hochgeschätzter Schüler Sigmund Freuds, der, als er die Psychoanalyse gesellschaftskritisch wendet und damit politisiert, verstoßen wird; der, mit unüberhörbar nietzscheanischem Anklang, durch eine »Zurück-Umwertung aller Werte«, soll heißen eine Überwindung patriarchaler Herrschaft, zu einer »goldene[n] erste[n] Zeitperiode« paradiesischer Urform, egalitärer, matriarchaler Verhältnisse (zurück)zugelangen strebt;52 zu einer Art mutterrechtlichem Kommunismus, »rein von Pflicht und Moral und Verantwortlichkeit, von wirtschaftlichen und rechtlichen, moralischen Verbindlichkeiten, von Macht und Unterwerfung; rein von Vertrag und Autorität, rein von Ehe und Prostitution«53. »Psychoanalytiker auf Barrikadenhöhe«, der mit missionarischem Eifer die sexuelle Revolution verficht, die die Menschheit von der Unterdrückung durch patriarchalische Herrschaftsstrukturen befreien soll, springt er »alle zwei Minuten auf und [nimmt] irgendeine Frau oder einen Mann auf seine peripatetischen Hüpfgänge durchs Lokal mit – er [kann] nicht anders die letzte Konsequenz eines Gedankens entwickeln.«54

Der Vater dieses »Revolutionär[s] « mit »seinem hackigen, wüst zerschnittenen Gesicht«, Hans Gross, seit 1905 Inhaber des Grazer Lehrstuhls für Kriminalistik und Kriminologe von Weltruf, lässt seine Beziehungen spielen und seinen Sohn, der bis 1908 in Graz als Privatdozent für Psychopathologie gelehrt hat, im November 1913 in Berlin verhaften, unter Polizeibegleitung an die österreichische Grenze expedieren und mit der Diagnose »unheilbarer und gefährlicher Geisteskranker« in der »Privat-Irrenanstalt Tulln« bei Wien und späterhin in der »Landesirrenanstalt Troppau«, Schlesien, zwangsinternieren. Über eine Protestkampagne, die von expressionistischen Zeitschriften initiiert wird, gelangt die Affäre auch auf die Seiten der großen liberalen Zeitungen und in Form einer Anfrage im Landtag auch aufs politische Parkett. Die Zwangsinternierung Otto Gross’ muss im Juli 1914 aufgehoben werden, er bleibt aber unter Kuratel. Kurator: sein Vater – der die Entmündigung betrieben hatte. Otto Gross stirbt, nachdem man ihn zwei Tage davor halb verhungert und erfroren und auf Entzug mit einer Lungenentzündung auf der Straße aufgelesen hat, am 13. Feber 1920 in einem Sanatorium in Berlin-Pankow.

Die Schwestern Anton Kuhs, Margarete (»Grete«), 1891 geboren, Marianne (»Mizzi«), Jahrgang 1894, und Anna (»Nina«), 1897 geboren, rivalisieren zeitweise verbissen um Otto Gross. Mizzi ist längerfristig mit ihm liiert, hat mit ihm eine Tochter, die am 23. November 1916 geborene und am 15. Jänner 2021, 104-jährig in Berlin verstorbene Sophie (Templer-Kuh). Nina wird im Juni 1918 nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Mizzi um Otto Gross von der Polizei einvernommen und gibt dort zu Protokoll, dass sie seit Sommer 1914, »von kurzen Unterbrechungen abgesehen«, mit Gross verkehre und zwischen ihnen ein »Liebesverhältnis« bestehe.55 Stets mit von der Partie: Opium, Morphium, Kokain.

Nicht nur für Anton Kuh, auch für seine Schwestern und seine Mutter Auguste, von ihrer Tochter Grete als »unbürgerlich« und »alles eher, als was man Hausfrau nannte«, beschrieben, die sich, »weil sie u. wir nie Geld hatten«, mit Latein-, Griechisch- und Französisch-Nachhilfeunterricht sowie Klavierstunden »manchmal [ein] paar Gulden« verdient,56 ist das Kaffeehaus »dauernder, selten verlassener Aufenthaltsort«.57

Nicht nur »die ganze Familie« Kuh ist dem »dämonischen Menschen« verfallen58, auch die erweiterte Familie, der »Herrenhof«-Stammtisch, steht ganz im Bann des charismatischen Sozial- und Sexualrevolutionärs....



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