Schubert | Der unausweichliche Kontrollverlust  eines Pazifisten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 405 Seiten

Schubert Der unausweichliche Kontrollverlust eines Pazifisten

Kontrast und Konterpart
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7575-8671-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kontrast und Konterpart

E-Book, Deutsch, 405 Seiten

ISBN: 978-3-7575-8671-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem harten Arbeitstag in einen Verkehrsunfall verwickelt, erfassen Lars äußerste Zweifel an seiner dem Scheitern zugewandten Lebensführung. Als frustrierter Handwerker, Suchtmensch und erfolgloser Freizeit-Literat hat er schließlich bereits genug Ärger. Da geht auch noch seine heißgeliebte Partnerin auf Distanz, worauf seine existentiellen Ängste rasch an Fahrt aufnehmen. In einen unaufhaltsamen emotionalen Strudel getaucht, verwandelt sich die Außenwelt schnell in ein Dunkelfeld ihn lieblos drangsalierender Bedrohungen. Auf der Suche nach Auswegen durchstreift er rastlos schreibend das weite Tal des ewigen Jammers, wobei ihm die Hoffnung, innerhalb der Kunst auf eine entscheidende Selbstwirksamkeitserfahrung zu stoßen, einen letzten Rettungsanker zuwirft. Doch sensibilisiert für die allerorts vorherrschenden Energien, die einer neu erwachten Mobilisierung zur Wehrfähigkeit entspringen, verliert sich seine pazifistische Grundhaltung zunehmend in ungebremster Aggression, während sein stilistisches Arsenal aus Larmoyanz und messerscharfen Analysen bei seinen Künstlerkollegen nur auf breite Ablehnung stößt. Bis ihn schließlich ein unerwarteter Anruf aus seiner Selbstbezogenheit reißt und zum Handeln auffordert. 'Ein Abgesang auf die bereits verstorbene Solidarität unter den sogenannten einfachen Leuten, ein Klagelied des erodierenden Teamgeists der Arbeiterschaft sowie eine Parabel über die Entfremdung des kleinen Mannes von seiner selbst. Prekariatsprosa 2.0, angestimmt im Moll-Ton einer heranschleichenden Psychose. Gleichsam ein bittersüßer Appell an die bedrohte Liebe und das einfache Leben. Ein Aufruf gegen die Atomisierung, die einen regelrechten Selbst-Isolationskult in sich birgt und zur Verödung des kulturellen Alltags beiträgt. Und nicht zuletzt ein Loblied auf all die wunderbar halbfertigen Individuationen, die sich auf ihrer Lebensreise in grenzenlos tröstlicher Vielfalt begegnen, anstatt neue Feindbilder zu konstruieren.' Beate Kessler, Gopprechtser Muldenpresse

... die Schublade ist gefüllt. Nun ist es an der Zeit nach Außen zu treten.
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Der Aufprall


Schwer atmend saß Lars am Steuer seines ramponierten Wagens. Seine schwieligen, von harter Arbeit mit Erde verschmierten und von Dornen zerschundenen Hände zitterten wie in die Falle gegangene Kleintiere. Begleitet von infernalen Schleifgeräuschen, hatte er das Fahrzeug am rechten Fahrbahnrand zum Stehen gebracht. Gewiss stand er unter Schock. War er verletzt, oder war diese ultimative Verspannung im Rücken nur das Resultat jahrelanger Arbeit in den Gärten wohlhabender Hauseigentümer? Verzogen und gestaucht war er gerade noch dazu in der Lage gewesen, den Wagen mit letzter Kraft an den Rand des Geschehens zu manövrieren. Abgesehen vom lärmenden Heulen aufeinander schleifenden Metalls verhielt sich der Dacia noch einigermaßen fahrtüchtig.

Wo war seine Arbeitskappe? Sollte sie nicht irgendwo vor ihm am Boden liegen? Aber dort war sie nicht. Nachdem sich Lars im vorderen Bereich etwas umständlich nach dem Verbleib seiner Mütze umgesehen hatte, fiel sein Blick hinter den Fahrersitz, wo er sie zu seiner Erleichterung am Boden zwischen der völlig durchnässten Regenjacke und den ausgetretenen Ersatzschuhen liegen sah. Es war nie seine Stärke gewesen, sich physikalische Gesetze plausibel zu erklären, geschweige denn Berechnungen anzustellen, die ein Verständnis für Schwerkraft und Luftwiderstand voraussetzten. Verwundert über die Flugbahn, die das verschlissene, simpel gewebte Stück Stoff während des Zusammenstoßes beschrieben hatte, zog er es routiniert über seinen dichten dunkelbraunen Lockenschopf, um die widerborstige Verstrubbelung zu kaschieren, die bereits seit Wochen darauf wartete, durch den Schnitt einer scharfen Schere gebändigt zu werden. Unterstützt von einem tiefen, überaus entnervt klingenden Seufzer, ließ er seinen Kopf vorsichtig in die Nackenlehne sinken, worauf ihm schwarz vor den Augen wurde. Ohne die Augenlider zu schließen, löste sich die nähere Umgebung jäh auf, sank in sich zusammen wie ein kollabierender Stern unter seinem eigenen Gravitationsdruck und er fiel ins Bodenlose, in tiefes kontrastloses Schwarz, das ihn in die irre Traumwelt einer halbminütigen Bewusstlosigkeit beförderte. Mannigfaltige Gefühlsebenen taten sich auf, die von grenzenloser Schwerelosigkeit, physischer Flugfähigkeit bis hin zu insektenhafter Erdgebundenheit reichten. Nachdem er eine Vertiefung, die einem gewaltigen Canyon glich, mit einem übernatürlich weiten Sprung samt euphorischem Glücksgefühl überwunden hatte, fand er sich alsbald als eine arbeitsame Waldameise wieder. Gemeinsam mit tausenden Artgenossen traf er irgendwelche Vorbereitungen für den bevorstehenden Winter, wobei ihm durch das ihn umgebende Gewusel ganz schwindelig wurde. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit aus der Versenkung aufgeschreckt wieder zu Bewusstsein kam, stellte er verwundert fest, dass sich an seiner Lage keine nennenswerte Veränderung ergeben hatte. Geknickt wie ein morscher Ast hing er hinter dem Lenkrad der gestrandeten Datsche und glaubte ein ihm bis dato fremdes Ziehen im oberen Nackenbereich zu verspüren, das darauf hinzuweisen schien, dass es seinen Rücken wohl doch erwischt haben mochte. Von der Arbeit überlastet und verspannt fühlte sich eindeutig anders an. Da schoss ihm zusätzlich ein schneidender Schmerz vom unteren Lendenwirbel hinauf in die sich pelzig anfühlende Schulter. Nur nicht bewegen und schön in der Ruhe bleiben. Nicht dass sich jetzt auch noch der verflixte Gleitwirbel in Bewegung setzt.

Unwillkürlich fragte er sich, warum eigentlich niemand zur Hilfe gekommen war. Bei den Unfällen, die er bisher vom Steuer aus gesehen hatte, waren stets ein, zwei oder mehrere beflissene Ersthelfer vor Ort gewesen, worauf er bedenkenlos weitergefahren war. Auch in den meisten Filmen waren in solchen Situationen sofort irgendwelche Helfer zugegen. Mitfühlende Mitmenschen kamen aus allen Richtungen herbeigeeilt wie ausgehungerte Altruisten.

Doch dem war nicht so. Auch hatten sich keine Schaulustigen versammelt. Dazu war der Unfall wohl zu unspektakulär verlaufen, was - unabhängig vom schwellenden Schmerz im Rücken - vielleicht auch ein Vorteil war. Nach dem Aufprall, bei dem der altersschwache Dacia wie ein Spielzeugauto nach vorne gesprungen war, musste er schnell die Orientierung verloren haben. Dabei war es ihm irgendwie gelungen, Schlimmeres zu vermeiden und nicht auch noch den vor ihm fahrenden Wagen zu rammen. An Näheres konnte er sich nicht erinnern. Wenigstens wusste er jetzt, dass er über ein ausgesprochen funktionstüchtiges Reaktionsvermögen verfügte. Gleichzeitig neigte Lars auch dazu, dieses äußerste Glück im Unglück als eine Art Endpunkt seines bisherigen Werdegangs zu betrachten. Eine unerwartete, überaus heftige Krafteinwirkung hatte ihn erfasst und aus der Spur befördert. Er konnte den Auffahrunfall einfach als einen dummen Zufall abtun, als ein Ärgernis, hervorgerufen durch die grobe Fahrlässigkeit des Verursachers. Aber war er nicht auch ein Zeichen? Ein Zeichen, dass es mit ihm so nicht weitergehen konnte. Ein Zeichen, das, sofern er es richtig deuten würde, ihm eventuell auch eine einmalige Chance auf Veränderung darbieten konnte. Die Deutungsvielfalt für derartige Ereignisse kannte schließlich keine Grenzen. Jedenfalls war es für ihn längst an der Zeit, aus all den Umständen auszubrechen, die ihn in diese zermürbende Lage gebracht hatten.

Irgendwie war er nach dem erzwungenen Spurwechsel dann von der Autobahn auf die nahe Abfahrt abgebogen, war dort am rechten Fahrbahnrand gestrandet, hatte sich zu sammeln versucht und war daraufhin ohnmächtig geworden. Soweit der Hergang, betrachtet aus der Perspektive des Unfallopfers. Noch war er ziemlich neben der Spur. Sollte er vielleicht aussteigen und sich bemerkbar machen, eine der vorbeifahrenden Personen herbeiwinken?

Ein Fahrzeug nach dem anderen passierte den Unfallwagen. Einige fuhren sehr dicht an ihm vorüber. Neugierige Blicke, keine Reaktion, die als couragierte Interaktion zu verorten gewesen wäre. Aber er war es nicht anders gewohnt. Zudem bemerkte er die Menschen kaum. Selten hatte er sich so klar gefühlt wie in diesem Moment. Als sei er soeben dabei, tief in seinem Innersten gründlich mit etwas Schwerwiegendem abzuschließen. Dabei war er noch immer neben sich und doch seiner Sinne deutlich gewahr. Das Gefühl, endgültig etwas zu einem Ende zu bringen, ermächtigte sich seiner. Ein Gefühl tiefster Überzeugung durchströmte ihn. Das Gefühl, etwas in ihm habe sich durch den Zusammenstoß - abgesehen von der Versteifung im Rücken - gelöst. Aber auf welchen spezifischen Zustand sich dieses einnehmende Gefühl beziehen mochte, war zu diesem Zeitpunkt nur sehr wage zu bestimmen. Zuerst musste der stechende Schmerz näher lokalisiert und womöglich behandeln werden. Offene Wunden hingegen hatte er nicht zu beklagen.

Mit den Blicken der vorbeifahrenden Menschen konnte er leben. Solange es nicht um Leben und Tod gehen würde, kam er auch allein zurecht. Was blieb ihm schon anderes übrig? Beate kontaktieren und um Hilfe bitten wollte er nicht. Selbstverständlich würde sie ihn abholen, technisch wertvolle Daten ins Geschehen einstreuen, ihn mütterlich betreuen und ihm mit ihrer aufmunternden Art die Angelegenheit insgesamt erleichtern. So, wie sie es bereits so oft getan hatte. Aber auch damit war es nun vorbei. Diesmal würde er sie nicht hinzuziehen. Er ganz allein würde sich aus der Patsche helfen, die Sache regeln, für sich und sein Leben Verantwortung übernehmen. Genau so, wie sie es von ihm gefordert hatte. Wäre sein Vater noch am Leben, so hätte er ihn gewiss angerufen und um Hilfe gebeten. Doch um einen Freund oder Kollegen um einen Gefallen zu bitten, dazu hätte ihm erst einmal jemand geeignetes einfallen müssen. Den Pannendienst zu rufen war jedenfalls keine Option. Er würde sich dumm und dusselig zahlen.

Man konnte den vielen Menschen auf dem Heimweg ihre Neugier und den gleichzeitigen Mangel an Hilfsbereitschaft nicht verübeln. Schließlich hatten sie Feierabend. Eine unverrückbare Kollektivenergie trieb sie allesamt unaufhaltsam in ihre jeweiligen Behausungen. Sicherlich hatten viele unter ihnen einen anstrengenden, ärgerlichen, traurigen oder erfolgreich reibungslosen Tag hinter sich. Manche hatten bestimmt einiges gesehen, Unvorstellbares bis Banales erlebt, hatten so manchen Hieb eingesteckt oder ausgeteilt. Folglich mochten sie es sich auch verdient haben, nicht weiter aufgehalten zu werden. Kein Hindernis sollte das kleine routinierte Feierabendglück durchkreuzen, gar gefährden oder um wenige Minuten verzögern. Das Abendessen stand bereits auf dem Herd und auch allerlei Lieblingsserien drängten auf die fortlaufende Bereitschaft, weiter konsumiert zu werden. Die Sonne stand bereits sehr schräg, als eine Windböe die Reihenpflanzung aus kränklich dreinblickenden Feldahornbäumen erfasste, worauf orange-gelbe Wogen fallenden Laubs auf seiner Windschutzscheibe landeten. Bald würde es Dunkel werden. Doch zuvor musste er der Förmlichkeiten halber noch klären, wer ihm da soeben in den Kofferraum gekracht sein mochte.

Eine eigenartige Leichtigkeit lockerte seine vom Schock gezeichneten Gedanken. Eigentlich war es ihm völlig gleichgültig, wer den Unfall zu verantworten hatte. Am liebsten hätte er den Wagen gestartet, um auf und davonzufahren. Doch derlei Fehlverhalten nannte sich Fahrerflucht. Nein, er musste sich zusammenreißen und nach dem Verursacher sehen. Und war der Wagen nicht obendrein auch noch auf Beate angemeldet? Verdammt, das hatte er noch gar nicht bedacht. Das hatte er völlig vergessen.

Wie sollte er den ganzen Unrat, der sich in ihm über die Jahrzehnte angestaut hatte, nur abtragen? All das in ihm Angehäufte wieder rückbauen und auf ein annehmbares Maß reduzieren? Das Selbst ist eine...



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