Schon | Das Seidenbrokatsofa | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Schon Das Seidenbrokatsofa

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-947373-81-9
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-947373-81-9
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Geist der 70er Jahre Die Sinologie-Studentin Betty Pütz erlebt eine aufregende Zeit, und sie ist offen für neue politische Ideen, aber auch alternative Lebensformen und Beziehungen. Sie besucht Konzerte von Jimi Hendrix und Rio Reiser auf Fehmarn. In der Lüneburger Heide, der Heimat ihres Freundes John, wird das Leben in einer Kommune erprobt. Die von Diktatoren befreiten Länder Portugal und Griechenland bilden den Hintergrund für leidenschaftliche Liebschaften. In West-Berlin ist Betty Teil eines Buchladenkollektivs. Hier erlebt sie aus erster Hand, was es bedeutet, wenn politische Gruppierungen den Buchladen besetzen wollen - die Anfänge der RAF. Betty kann als erste Studentin nach der Kulturrevolution in die VR China reisen. Sie schreibt ein Buch und kehrt für Lesungen immer wieder in die Lüneburger Heide zurück. Johns Mutter, Gräfin genannt, stellt Betty ihr kostbares Seidenbrokatsofa zur Verfügung: Es wird zum Ausgangspunkt vieler Geschichten, die Betty ihr an langen Abenden erzählt. Ein Roman über ein schillerndes Jahrzehnt voller Umbrüche.

Jenny Schon ist gelernte Buch- und Kunsthändlerin. Sie studierte Sinologie, Publizistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Sie hatte Lehraufträge für chinesische Philosophie und ist Autorin von Fachbüchern, Prosa und Lyrik. 2016 erhielt sie den Andreas-Gryphius-Preis für ihr Lebenswerk. Der im Dittrich Verlag erschienene Roman »Der Duft der Bücher« wurde mit dem Preis »Aufstieg durch Bildung« ausgezeichnet.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Die Frau will mein Wissen S. 9
Landleben S . 10
Die Wanderung S. 13
Nonnen S. 15
Die Geburtstagsfeier S. 19
Der erste Brief S. 24
Mit Jimi Hendrix auf Achse S. 29
WG-Geschichten S. 36
Opposition in der Opposition S. 39
Aufregungen S. 51
Mein erstes Buch S. 56
Keine Zähne zeigen – Frauen werden rebellisch S. 64
Stürmische Nacht mit Joy S. 68
Auf dem Sofa S. 76
Panta rhei S. 81
Ab jetzt: Sofa-Lesungen S. 87
Lesung: Der Tod der Puppen und
die Wiedergeburt der Liebe S. 87
Die Antike mal anders S. 97
Das Jahr der Frau S. 104
Reise in die Vergangenheit S. 110
Lesung: Das Wu und meine Begegnung
mit Václav Havel S. 114
Briefe über Briefe S. 122
Lesung: Frauen in China – eine Einführung S. 126
Es kommt Unruhe über die stille Heide S. 133
Den Schiet wüllt wie hier ok nich hebben S. 138
Lesung: Der neunschwänzige Drache S. 144
Ein deutscher Sommer in der Bretagne S. 149
1977 – Deutscher Herbst S. 156
Der Kampf geht weiter S. 160
Eine letzte Reise als Studentin S. 165
Die Insel ist eine Insel, Insel S. 172
Lesung: Frauen in Chinas Philosophie S. 179
Eingeschneit S. 183
Rübezahl entdeckt Amerika S. 189
Eine Liebe im Lichtschatten S. 190
Ein Sommer mit Gipsbein S. 197
Lesung: Rübezahl und die unbegrenzten
Möglichkeiten in Chicago S. 198
We don't need no education S. 210
Endlich eine eigene Republik S. 217
Meine erste Kur S. 221
1981 – Ein neues Studium S. 225
Reformen in China – auch für Frauen? S. 226
Abschied S. 231
Lesung: Selbstbestimmt S. 232
Ein Sofa kommt nicht alleinS. 238
Ein neuer Anfang? S. 245
Handelnde Figuren S. 249


Der erste Brief


, schreibt John, kaum, dass ich wieder in Berlin bin.

.

Meine Antwort folgt postwendend: .

Einen Tag vor Silvester holt mich John am Bahnhof ab. Es ist neblig. Fahr bitte vorsichtig, sage ich, ich bin schnelles Fahren in Berlin nicht gewohnt.

Er hält auf dem Heideparkplatz und schaltet das Licht aus. Nebelschwaden schleppen sich um unseren mit Wacholderbüschen bewachsenen Parkplatz und scheinen sich mit ihnen paaren zu wollen. John umarmt mich heftig. Schon lange, fast zu lange habe ich gewartet, dich wieder berühren zu dürfen, liebe, liebe Betty. Er dringt in mich, heiß und sehnsüchtig und ich genieße, genieße diese Wärme, trinke seinen rauchigen Atem, und nochmal diese Wärme in mir. Ich bin atemlos. Auch er atmet stark. Dann sagt er: Ich habe deinen Rotwein wieder besorgt. Lass uns hier schlafen, fernab von all den Sorgen, die mich auf dem Hof erdrücken. Er hat, von mir angeregt, einen großen Flokati im Auto. Wir wickeln uns ein und wir trinken und rauchen und lieben uns, als wäre am nächsten Tag Weltuntergang. Als wir aufstehen, sind die Scheiben gefroren, wir müssen kratzen, innen und außen. Wir hatten den ersten Nachtfrost.

Am Abend spielen die Jungs wieder im Schafstall, und weil offenes Feuer auf dem Hof verboten ist, fahren wir alle zum Truppenübungsplatz, wo die Bundeswehr ein großes Feuerwerk macht. Ole hat seine Trompete mitgebracht und er trompetet um Mitternacht .

Sei immer willkommen im Land meiner Vorfahren, flüstert ganz feierlich John.

Als wir zurückkommen, ist bei Fenne noch Licht und wir klopfen.

Prosit Neujahr, sage ich, und gebe ihr die Hand. Schön, dass Sie den Seidenbrokat schützen, aber noch besser wäre es, Oscar davon zu überzeugen, dass das nicht sein Platz ist, und dass die Schönheit für die Menschen da ist.

Nun, hör dir das an, John, eine Preußin will einem Engländer was vorschreiben!

Ich bin keine Preußin, ich nicht, jubele ich, ich komme aus dem Rheinland.

Ihr seid doch nicht betrunken Autogefahren?

Ach, Mutter, wenn Betty da ist, bin ich immer betrunken, ob mit oder ohne Alkohol.

Wir öffnen eine Flasche Sekt und stoßen mit Fenne an.

Mal sehen, was das neue Jahr bringt, sagt sie schläfrig.

Mal sehen. Auf das neue Jahrzehnt der 70er, Frau van der Lerken!, sage ich.

Ach, nennen Sie mich Fenne, wie alle hier. Sie umarmt mich.

Oder Gräfin, auch John umarmt seine Mutter.

In der Nacht schlafen John und ich in seinem neuen breiteren Bett.

Aha, denke ich, ist das der Abschied von seinem Junggesellendasein?

Zum Frühstück, das heute ein Brunch ist, kommt auch die Schwester aus Hamburg.

Du bist also Betty, Umma hat mir von dir erzählt. Ich bin Freya. Ihr habt gestern Abend schön gefeiert? Wir waren in Hamburg in der Oper und haben bei Umma übernachtet, weil wir weiter draußen wohnen und getrunken hatten.

Ein Mann kommt rein.

Das ist Kurt, sagt sie, der Vater meiner Kinder.

Und noch Ehemann, auch wenn ich nicht mit durfte in die .

Du wolltest ja nicht, zum hundertsten Mal …

… überall der Krach. Ich wollte meditieren, ging nicht. Lars ist genervt.

Freya überhört das Klagen ihres Bruders. Du bist … ich sage einfach du, du gehörst ja jetzt zur Familie … Buchhändlerin gewesen, bevor du studiert hast?, fragt sie mich.

Oh, ich bin immer noch Buchhändlerin. Ich habe mit Genossinnen einen Studentenbuchladen.

Freya guckt verdutzt.

Ich meine einen genossenschaftlichen Buchladen mit vier gleichberechtigten Besitzerinnen.

Ach so. Ich würde, jetzt, wo meine Kinder groß sind, auch gerne eine Buchhändlerlehre machen. Dauert das lange?

Na ja, drei Jahre musst du schon rechnen. Und Buchhändlerinnen verdienen nicht viel, da muss man schon mehr Idealismus als Geschäftssinn mitbringen. Ich meine, Bücher sind Kulturgut …

Was Sie so alles wissen! Fenne ist das Zuhören satt und wendet sich an Umma, die gerade zur Tür hereinkommt. Wer hat denn in der Oper gesungen? Zum Beispiel Prinz Orlofsky?

Kann ich dir nicht sagen, Fenne. Umma gibt ihrer Freundin ein Küsschen.

In Hamburg, wende ich mich an Freya, ist auch eine Studentenbuchhandlung. Es muss aber immer eine ausgebildete Buchhändlerin vorhanden sein, sonst dürfen keine Lehrlinge angenommen werden. Frag mal, ob Brigitte Klein noch da ist, die kann dir weiterhelfen.

Oh, danke, da geh ich nächste Woche mal hin.

Und was sagt dein Mann dazu, wenn du arbeiten gehst? Du hast doch eine Familie.

Aber Mom, die Kinder sind groß und gehen in die Schule. Der Kurt ist oft auf Dienstreisen, nicht Kurt? Ich langweile mich zu Hause und du weißt, wie ich als Kind Bücher verschlungen habe …

Ja, das stimmt, an einem Tag ein Buch. Die war gar nicht mehr wegzulocken.

Doch, Mom, wenn du Apple Pie gemacht hast.

Jetzt, denke ich, frag mal: Ihr habt einen Hang zum Englischen, oder?

Wie, das weißt du nicht? Lars starrt mich an. Du gehörst zur Familie und weißt nicht, dass die Mutter von Mom eine Englische ist …

Ja, unsere Oma ist mit England verwandt, sagt John, hier in Niedersachsen ist jeder zweite Engländer.

Du meinst wegen der Alliierten nach ’45? Ich schaue John an. Er weicht meinem Blick aus.

Ne, so ist das nicht gemeint. Das Hannover’sche Herrscherhaus und die unteren Stände waren oft Engländer oder mit ihnen verwandt und verschwägert, wie bei uns über unsere Mutter, sagt Freya. Unsere sind aber alle schon lange tot und durch den Krieg waren die uns auch nicht mehr so wohlgesonnen.

Stimmt gar nicht, Freya, was erzählst du, empört sich Fenne. Meine Mutter war 1948, kurz vor ihrem Tod, noch mal hier, und hat uns bedauert, dass wir so viele Ostflüchtlinge aufnehmen mussten. Es war ja alles voll. Alle kleinen Häuser, die Dienstbotenhäuser und in den Ställen waren auch noch Notunterkünfte, selbst bei uns im Haupthaus waren welche, obwohl noch die Schwiegereltern bei uns lebten und ich jedes Jahr schwanger war und wegen der Aufregungen zwei Fehlgeburten hatte.

Ja, sagt Kurt, auch bei uns in Hermannsburg waren viele. In der Heide hatte man wirklich viele aus der Zone, die war ja nicht so weit, schon bei Salzwedel war die Zone, und sie schwammen durch die Elbe.

Na, du erzählst Sachen. Freya schubst ihren Mann.

War jemand von Ihnen schon hier, als noch Krieg war?, frage ich.

Ne, warum? John schaut mich erstaunt an, wir sind alle nach dem Krieg geboren und Mutter, du bist doch auch erst mit dem Treck aus Königsberg gekommen?

So kann man das nicht sagen. Ich habe ja in Königsberg an der Uni gearbeitet, wir hatten einen eigenen Treck, schon 1944, als es sich abzeichnete, dass wir verlieren werden, aber das durfte man nicht sagen … wir wollten ja nach Berlin. Mit den dortigen Kollegen hatten wir die ganze Zeit Kontakt, solange es halt ging … aber da war kein Durchkommen an der Oder, also zogen wir südwärts über Sachsen, Nordböhmen nach Thüringen, da trafen wir auf Amerikaner. Als Medizinerin war ich gefragt und hatte nichts zu befürchten … nun ja, das wisst ihr ja. Im Lazarett habe ich dann euren verletzten Vater kennengelernt.

Alles schweigt. Der Corgi stöhnt auf dem Sofa, an der Tür kratzen die beiden anderen Hunde, die dürfen aber nicht rein. John öffnet die Tür einen Spalt und schreit: Verschwindet! Dann setzt er sich.

Ach übrigens, ich fahre nächste Woche nach England, zu Cousin Frank. Der Berliner Kollege Knut kommt mit bzw. ich begleite ihn auf seine Kosten. Er will englische Furnitures einkaufen, was jetzt in Berlin beliebt ist. Offensichtlich siedelt dort wieder eine Schicht von Wohlhabenden, nachdem sich die Studenten eingekriegt haben. John guckt mich herausfordernd...


Jenny Schon ist gelernte Buch- und Kunsthändlerin. Sie studierte Sinologie, Publizistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Sie hatte Lehraufträge für chinesische Philosophie und ist Autorin von Fachbüchern, Prosa und Lyrik. 2016 erhielt sie den Andreas-Gryphius-Preis für ihr Lebenswerk. Der im Dittrich Verlag erschienene Roman »Der Duft der Bücher« wurde mit dem Preis »Aufstieg durch Bildung« ausgezeichnet.



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