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E-Book

E-Book, Deutsch, 319 Seiten

Schönthaler Seiten des Himmels

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7518-1003-6
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 319 Seiten

ISBN: 978-3-7518-1003-6
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Suche nach einem verschollenen Spiegel-Artikel erhält der Erzähler in Philipp Schönthalers neuem Roman unerwartet eine Einladung zu einer Tagung am Forstell-Institut in Nevada. Dort, in einem atombombensicheren Archiv, lagern nicht nur die Fachpublikationen von Natur- und Ingenieurwissenschaftlern wie Wernher von Braun, Robert Oppenheimer und Norbert Wiener. Auch ihre von technischen Meistererzählungen überschatteten Dichtungen werden dort sicher verwahrt, als schlummerten in ihnen untergründige Allianzen zwischen Technik und Literatur, Mathematik und Fantasie, als bräuchte es Romane, um auf dem Mond zu landen. In diesem Geflecht aus historischen Ereignissen und individuellen Biografien, technischen Innovationen und literarischen Schreibprojekten dringt der Protagonist allmählich immer weiter vor, bis dorthin, wo sich Fiktion in Realität und die Realität in immer neue Fiktionen verwandelt und all das lesbar wird auf den Seiten des Himmels.

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2. Auf dem Mond


Die längste Zeit hatte wenig dafür gesprochen, dass er Science-Fiction-Autor werden würde, wofür es offenkundige und weniger offenkundige Gründe gegeben hatte. Ein offenkundiger war der, dass er getan hatte, worüber in der Science-Fiction-Literatur, lange bevor sie zu ihrem Gattungsnamen gefunden hatte, nur fabuliert worden war. So hatte schon der schwäbische Mathematiker, Naturphilosoph und Astronom Johannes Kepler in seiner 1609 rauschhaft in nur zwei Nächten aufs Papier gebannten Erzählung Der Traum eine märchenhafte Reise zum Mond geschildert. Demgegenüber hatte er den Mond tatsächlich bereist. Er hatte in der Rakete gesteckt, die am 16. Juli 1969, auf den Tag vierundzwanzig Jahre, nachdem die erste Plutoniumbombe in einem verlassenen Wüstenstrich New Mexicos heimlich gezündet worden war, mit Kurs auf den Erdtrabanten abgehoben und dort, wie geplant, vier Tage später eingetroffen war.

Nach der Ankunft auf dem Mond war als Erstes eine Rast vorgesehen gewesen, schließlich flog man nicht zum Mond, wie man zu den Großeltern fuhr, wo die Kinder – der Wagen noch nicht zum Halten gekommen – kopflos ins Freie stürzten. Zunächst hatten sie den Start für den Rückflug zum Kommandomodul simuliert. Erst dann hatten sie aus dem Fenster geblickt und Houston Bericht erstattet. Er hatte die Berechnungen für die Navigationscharts geprüft und im Anschluss daran eine Abendmahlszeremonie durchgeführt, der Wein, den er in seinem persönlichen Reisekit verstaut hatte, war der einzige Alkohol an Bord gewesen, der Bibelspruch aus dem Johannesevangelium – wie so vieles für diese Reise – auf einer Karteikarte notiert.

Gesprochen hatten sie nur das Nötigste, still ihren Imbiss verzehrt, vier Speckwürfel, drei Zuckerkekse, einen konservierten Pfirsich, ein schmackhaftes Ananas-Grapefruit-Getränk, das sie mit notwendigen Vitaminen versorgt hatte, zu guter Letzt Kaffee. Danach hätten sie zwei oder drei Stunden in der filigranen, dafür eigentlich gar nicht vorgesehenen Landefähre dösen können. Aber die Zeit war auch so wie im Handumdrehen vergangen. Schließlich waren sie in ihre Raumanzüge geschlüpft (auf dem engen Raum eine Kunst für sich), hatten die Luft aus dem Modul gepumpt – und erst dann, sechs Stunden nachdem die Landefähre auf dem Mond aufgesetzt gewesen war, die Luke aufgestoßen (sie hatten mehrmals daran rütteln müssen), bereit für die EVA – die extra-vehicular activity.

Er war der zweite Mann gewesen, der auf dem Mond gestanden hatte. Der erste Mann hatte den Erdtrabanten neunzehn volle Minuten früher betreten. Der berühmte Fußabdruck des Moonboots im asphaltgrauen Staub des Satelliten war jedoch seiner. Er hatte das Foto spontan geschossen. Und er war es, Edwin Eugene Aldrin jr., kurz Buzz oder Buzz Aldrin, der auf dem sogenannten Visor Shot, wohl eines der berühmtesten Fotos überhaupt, zu sehen war: Sein goldenes Helmvisier war zum Spiegel für den ersten Menschen auf dem Mond geworden.

Von Männern, die den Mond betreten hatten, durfte man einen Bericht erwarten. Wir waren die Ersten, eine Kollaboration der drei Apollo-11-Astronauten, tatsächlich geschrieben hatten das Buch allerdings Gene Farmer und Dora Jane Hamblin vom Life-Magazin, erschien 1970 bei Little, Brown and Company, was Aldrin aber nicht genug war, weshalb er drei Jahre später seine persönlichen Memoiren vorlegte – Die Rückkehr zur Erde, für die er auf ein einprägsames Motto gestoßen war: Nicht die Reise zum Mond, sondern die Rückkehr auf die Erde sei die größte Herausforderung gewesen.

Die Ausbildung zum Kampfpiloten und sein Einsatz während des Koreakriegs hatten Aldrin stark gemacht, an seine Grenzen war er hingegen erst nach seiner Rückkehr vom Mond geraten, vor allem die einjährige Pressetour hatte ihn ausgezehrt. Zwar hatte es unvergessliche Momente wie die Auftaktparade zu ihrer Welttournee in New York gegeben, als das Konfetti – sie hatten im Heck der schwarzen Limousine gestanden, im Strudel des Geschehens – wie sommerliches Schneegestöber über den jubelnden Massen niedergegangen war. Aber die Risse in der Gesellschaft waren dennoch rasch zutage getreten, und auf späteren Stationen waren sie dann sogar offen beschimpft und mit Eiern beworfen worden. Erst da hatte er wirklich begriffen, dass das Land, von dem sie aufgebrochen waren, ein anderes gewesen war als das, in welchem sie nach ihrer Mondlandung gelandet waren.

Die Veränderungen hatten sich natürlich nicht in den wenigen Tagen vollzogen, die sie fort gewesen waren. Vielmehr hatten sie seit dem Eintritt in das Astronautenprogramm in einer Blase gelebt, die Entwicklungen im Land nur noch wie durch eine Scheibe mitbekommen. Nur fünf Wochen nachdem Aldrin als Nachrückkandidat in das Astronautenprogramm aufgenommen worden war, war Kennedy ermordet worden; 1965, als die NASA die Gemini-Mission gestartet hatte, auf deren letzter Mission er ein Jahr später den Rekord für die bis dahin längste EVA aufstellen sollte – mehrere Stunden außerhalb der Raumkapsel –, war der Vietnamkrieg vollends eskaliert, in Los Angeles und andernorts tobten die sogenannten Ghettounruhen. Es war also kein Wunder gewesen, dass er die Spannung im Land nur von Ferne mitbekommen hatte, aber auch unabhängig davon: Hätten die Ereignisse ihn nicht sowieso nur in ihrer Aufgabe als Astronaut bestätigen müssen, den Glauben stärken, dass die Eroberung des Monds nicht nur das Land, sondern die Menschen überall auf der Erde zusammenbringen würde? Nicht umsonst waren sie für ihren Mut bewundert und als nationale Helden gefeiert worden, und zwar schon bevor, nicht erst nachdem sie den Grenzen des Weltraums nahegekommen waren.

Die Reden, an denen Aldrin auf ihrer Pressetour rund um den Globus feilte, hatten ihm jedenfalls zunehmend Mühe bereitet, dennoch hatte ihn der Wille, dass er in seinen öffentlichen Auftritten etwas Profundes sagen und an die Bedeutung seiner Worte glauben wollte, bis zum Schluss nicht verlassen. Also hatte er versucht, sich immer wieder darüber klar zu werden, was ein Mann, der auf dem Mond gewesen war, seinen Mitmenschen mitgeben konnte, war die Mission doch schließlich – daran hielt er fest – eine Errungenschaft der Menschheit und nicht nur die persönliche Leistung von drei amerikanischen Staatsbürgern gewesen. Vor dem US-amerikanischen Kongress hatte er schließlich erklärt, dass die erfolgreiche Weltraummission »uns Hoffnung und Inspiration geben sollte, einige der schwerwiegenderen Probleme zu überwinden, mit denen wir hier auf der Erde konfrontiert sind«. Und auch an die Bedeutung dieser Sätze hatte er glauben wollen.

Das narrative Schema der Autobiografie jedenfalls ähnelte dem der Göttlichen Komödie: Ein Mann befindet sich in der Mitte seines Lebens (in Aldrins Fall waren das neununddreißig Jahre), ist allerdings »vom rechten Wege abgekommen«. Was der Florentiner mit einem »dunklen Wald« und »dornigen Waldeshallen« umschrieb, war bei Aldrin vorrangig Alkohol, auch wenn er sich erst nach der Veröffentlichung eingestehen sollte, ein Problem damit zu haben.

Es gibt zwar Passagen in dem Buch, da taucht der Alkohol auf. Als er seine erste Autobiografie nach vielen Jahren erneut aufschlug, war er jedoch überrascht, dass der Alkohol dort im Grunde fehlte. Beispielsweise die Flasche Scotch, die er im Krankenhaus von San Antonio versteckt gehalten und verschwinden lassen hatte, wann immer er draußen auf dem Gang die Stimme des Arztes gehört hatte. Ähnlich hatte es sich in der Quarantäne zugetragen, in der man ihnen einen Arzt zur Seite gestellt hatte, der auch für den Alkohol zuständig gewesen war. Sein Schlafzimmer war neben dem des Arztes gewesen, sodass er schnell mitbekommen hatte, wo dieser die Flaschen bunkerte. Sobald der Arzt eingeschlafen war, hatte er sich dann hin und wieder aus dem Vorrat bedient, nur um eines Morgens von der Stimme des Arztes geweckt zu werden, der draußen im Flur geflucht hatte, wo zum Teufel der Alkohol abgeblieben sei.

Er hatte sich geschämt, war aber reglos liegengeblieben, schließlich war schon während der Ausbildung in West Point, später in Korea oder auf dem Stützpunkt in Bitburg, wo er vor seiner Astronautenlaufbahn als Flugzeugführer stationiert gewesen war, das Motto der Kampfflieger stets »fliegen und trinken« gewesen. Dennoch sollte es Dekaden dauern, bis er realisierte, dass es ihm offenbar leichter gefallen war, über die Depression als über den Alkohol zu sprechen.

Ein Jahr nach der Mondlandung fand er sich zum ersten Mal in psychologischer Behandlung wieder. Kurz zuvor war er zum Direktor der Air Force Schule für Testpiloten in Edwards im Antelope Valley in Kalifornien berufen worden. Anfangs hatten er und seine Frau ihren ältesten Sohn zu dem Psychologen geschickt, plötzlich hatte jedoch die ganze Familie in der Praxis gesessen. Rasch hatte sich der Psychologe dann aber auf ihn eingeschossen, war er doch seiner Familie zu diesem Zeitpunkt schon nach Möglichkeit ausgewichen, wobei er sich manchmal so lange draußen im Park oder in einer Bar herumgetrieben hatte, bis er sich sicher gewesen war, dass zu Hause alle im Bett lagen. Erst dann kehrte er heim, setzte sich vor den Fernseher, trank einen Scotch. An anderen Tagen schaffte er es hingegen gar nicht erst aus dem Bett. Der Psychologe hatte ihn schließlich – heimlich, ohne seinen Arbeitgeber darüber in Kenntnis zu setzen – an einen Psychiater überwiesen, der ihm Psychopharmaka verschrieb. Aber nur wenn er unter fadenscheinigen Vorwänden im Flieger an die Ostküste saß, um eine Frau zu...


Schönthaler, Philipp
Philipp Schönthaler, 1976 in Stuttgart geboren, erhielt 2012 für sein Erzähldebüt Nach oben ist das Leben offen den Clemens-Brentano-Preis. Bei Matthes & Seitz Berlin sind bisher fünf Bücher erschienen, der Essay Portrait des Managers als junger Autor wurde 2016 mit dem Preis des Stuttgarter Wirtschaftsclubs ausgezeichnet. Sein Roman Der Weg aller Wellen. Leben und Dienste II setzt die im Erzählband Vor Anbruch der Morgenröte. Leben und Dienste I (2017) begonnene Auseinandersetzung mit der Technologie fort. Er lebt in Berlin.

Philipp Schönthaler, 1976 in Stuttgart geboren, erhielt 2012 für sein Erzähldebüt den Clemens-Brentano-Preis. Bei Matthes & Seitz Berlin sind bisher fünf Bücher erschienen, der Essay wurde 2016 mit dem Preis des Stuttgarter Wirtschaftsclubs ausgezeichnet. Sein Roman setzt die im Erzählband (2017) begonnene Auseinandersetzung mit der Technologie fort. Er lebt in Berlin.



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