E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Schöne Der Tod lebt im Rheingau
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8271-8388-0
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Rhein-Main-Krimi
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8271-8388-0
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lothar Schöne, geb. in Herrnhut, arbeitete als Journalist, Hochschullehrer, Drehbuchautor und veröffentlichte Romane, Erzählungen und Sachbücher. Er erhielt eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen, unter anderem das Villa-Massimo-Stipendium in Rom, den Stadtschreiber-Preis von Klagenfurt/Österreich und den von Erfurt, den Literaturpreis der Stadt Offenbach a.M., zuletzt 2015 den Kulturpreis des Rheingau-Taunus-Kreises. Sein Roman 'Der blaue Geschmack der Welt' wurde von den Lesern der Tageszeitung 'Die Welt' zum 'Buch des Jahres' gekürt, der Roman 'Das jüdische Begräbnis' in sechs Sprachen übersetzt. Derzeit wird die Verfilmung vorbereitet.
Autoren/Hrsg.
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1 Wer hängt denn da?
Wolfgang Hillberger schaute vom Rheingau-Echo auf. Das hatte er schon einige Male getan, obwohl die Zeitung der Region ganz lesenswerte Artikel bot, in die man sich versenken konnte. Jedes Mal sah er zur Tür, doch die öffnete sich nicht. Hillberger saß im Café Schwab in Eltville und wartete auf seinen Kaffeebruder Konrad. Sie hatten sich vor einiger Zeit in diesem Café kennengelernt, und einmal in der Woche plauschten sie um die Wette. Bei Kaffee und Kuchen, versteht sich. Hier gab es gottlob nicht den scheußlichen Moringa-Tee, ein Gesundheitsgebräu, das ihm Frau Becker, seine Nachbarin, stets mit mahnenden Worten einschenkte.
Das Treffen im Kaffeehaus hielt der Vater von Hauptkommissarin Julia Wunder für therapeutisch, ja eigentlich sogar für lebensverlängernd. Nicht nur wegen des Kaffees. Wir gleiten als soziale Wesen durch die Welt, überlegte er, und benötigen dringend den Austausch mit anderen sozialen Wesen, auch Menschen genannt, vor allem solchen, die geistig anregend sind. Und für einen solchen hielt er seinen Kaffeegenossen. Wo blieb Konrad? Allein den Kaffee zu genießen, fand Hillberger unbefriedigend, ja eigentlich ungenügend, wenn nicht sogar mangelhaft. Ja, Schulnoten mussten her, um den Sachverhalt zu beleuchten, ging es dem ehemaligen Oberstudienrat durch den Kopf. Er wollte sich dem Rest seines Streuselkuchens widmen, stocherte aber nur unlustig in den Bröseln herum. Streuselkuchen ist nun mal kein Ersatz für ein Gespräch zwischen Kaffeebrüdern.
War Konrad etwa verreist? Trieb er sich auf den Malediven herum oder auf Madagaskar? Unwahrscheinlich – das hätte er ihm mitgeteilt. Hatte er ein anderes Café aufgesucht? Es gab ja einige im Ort, Eltville war schließlich nicht nur ein Wein-, sondern auch ein Caféstädtchen, ganz zu schweigen von der Kurfürstlichen Burg mit ihrem Rosengarten unten am Rhein, auf den man besonders stolz war. Oder hatte Konrad ihren Treff im Café Moser vergessen? Handelte es sich um erste Zeichen von Demenz?
Wolfgang Hillberger erhob sich mit einem Ruck, griff zu seinem Regenmantel und schritt nach vorne zum Tresen. Er hatte eine Entscheidung getroffen, und nachdem er gezahlt hatte, streifte er den Mantel über und verließ das Café-Etablissement mit raschen Schritten.
Draußen nieselte es ein wenig, was für Hillberger kein Grund war, von seinem Vorhaben abzuweichen. Er zog den Mantelkragen hoch und schritt aus in Richtung Rheingauer Straße. Er kam bei der Bücherstube Lauer vorbei, eine Buchhandlung, die er öfter aufsuchte, diesmal aber achtlos liegen ließ. Heute musste Frau Lauer ohne ihn auskommen. Schon erreichte er mit zügigem Schritt die MM-Sektmanufaktur und bog in die Matheus-Müller-Straße ein. Ja, ja, er wusste, wo Konrad wohnte, sein
Kaffeebruder hatte es ihm nebenbei einmal mitgeteilt.
Nikolausstrasse – dort musste er hin. Ohne Zweifel eine gute Gegend, wo Konrad Anker geworfen hatte. Die konnte er sich offenbar leisten, Geld war für ihn kein Thema und Geiz schien ihm ein Fremdwort zu sein, im Gegenteil: Wenn Hillberger seinen Grundzug nennen sollte, würde er die Vokabel Freigiebigkeit verwenden.
Als er sich dem Haus in der Nikolausstrasse näherte, fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, ob Konrad verheiratet war. Darüber hatten sie nie gesprochen. Umgekehrt hatte er seinem Kaffeegenossen auch nicht mitgeteilt, dass seine Frau schon vor längerer Zeit gestorben war und er jetzt in die Fänge der Frau Becker geraten war. Nein, schöner wäre es doch zu sagen, dass er ein Techtelmechtel mit ihr hatte. Mit ihr gewissermaßen wunderbar techtelmechtelte. Wunderbar? Nun, darüber ließe sich streiten. Vor allem, wenn er an die Becker’schen Gesundheitsattacken auf ihn dachte, mit denen sie ihn immer mal wieder malträtierte.
Hillberger erreichte ein frei stehendes Haus in einem Gartengrundstück. Hier lebte also Konrad, mit wem auch immer. Ein eisernes Tor versperrte den Eingang, an dessen Seite sich eine Sprechanlage mit einem Klingelknopf befand. Er drückte ihn sanft. Nichts tat sich. Keine konradische Stimme ertönte. Das rieselnde Nass von oben hatte sich verstärkt, Hillberger fasste sich an seinen Kopf, wo seine grauweißen Haare schon in einer Pfütze schwammen. Sein Finger näherte sich abermals dem Klingelknopf, den er diesmal heftiger behandelte. Als auch das keinen Erfolg brachte, drückte er mehrmals hintereinander und mit Inbrunst auf den Knopf. Keine Reaktion. Was war mit Konrad los? Doch die Malediven? Oder hörte Konrad gerade ein Konzert mit Kopfhörer? Hillbergers Neugier war erwacht, der Nieselregen hielt ihn überhaupt nicht ab, jetzt wollte er es genau wissen. Er ging ein paar Schritte auf der Straße, entdeckte einen seitlichen Pfad und ein nicht allzu hohes Gartentor. Da könnte er drübersteigen, das wäre zu schaffen, schließlich war er kein gebrechlicher Greis.
Kaum hatte Wolfgang Hillberger das Gartentor überwunden, lobte er sich innerlich. Der Gang zu Konrad hatte ihn zu einer sportlichen Höchstleistung animiert – das würde er seinem Kaffeegenossen berichten. Nicht mehr unten am Rhein würde er in Zukunft spazieren gehen, sondern übers Gartentor zu Konrad hechten. Der Ausgleichssport, den ihm sein Arzt empfohlen hatte, war gefunden. Besuche bei Konrad! Jedoch nicht wie jedermann unsportlich durch den Haupteingang flanieren, sondern mit Hechtsprung übers Gartentor.
Hillberger erblickte eine gepflegte Gartenlandschaft mit wohlgeschnittenen Büschen und kleinen Obstbäumen. Seine Nachbarin Frau Becker wäre entzückt. Sein eigenes bescheidenes Gärtlein wirkte dagegen zerrupft und unordentlich. Ah, da befand sich auch eine Terrasse, auf die Wolfgang Hillberger zusteuerte. Schon von Weitem erkannte er, dass auch die vor Sauberkeit und Ordnung blitzte. Er würde wohl oder übel Konrad ein Kompliment machen müssen. Der ehemalige Oberstudienrat befand sich mittlerweile in Forscherlaune – so musste sich Kolumbus gefühlt haben, als er einen neuen Kontinent namens Amerika entdeckte. Hillberger überlegte, ob er laut nach seinem Kaffeebruder rufen sollte, erklomm dann aber die drei Stufen zur Terrasse und näherte sich einem großen Fenster. Kurz ging ihm durch den Kopf, ob er an die Scheibe klopfen sollte: „Ich bin’s, Konrad. Mach auf und biet’ mir Regengeschädigtem einen Kaffee an!“
Die Regentropfen rannen Hillberger von der Stirn zum Gesicht, er blinzelte und musste sich mit der Hand über die Augen wischen, doch das Bild, das er durch die Scheibe sah, änderte sich nicht. Jetzt beugte sich Wolfgang Hillberger vor – sah er wirklich richtig? Er konnte nicht glauben, was seine Augen ihm mitteilten. War das sein Kaffeebruder Konrad, der da hing?
*
Zur gleichen Zeit eilte Kommissar Vlassopolous Spyridakis durch den ersten Stock des Polizeipräsidiums. Er war gerade Kriminalrat Robert Feuer entflohen. Mit einer Ausrede – die er aber so dringlich formulierte, dass Feuer ihn laufen ließ. Vlassi hatte behauptet, dass Hauptkommissarin Wunder, seine Chefin, ihn schon vor zwanzig Minuten zu sich beordert hatte. Es ging um etwas sehr Wichtiges. Das war gelogen, Julia Wunder wollte gar nichts von ihm. Doch Feuer wollte ihm etwas angeblich Bedeutendes aufschwätzen, etwas, das seiner Karriere förderlich wäre, wie er listig meinte. Doch Vlassi hatte schnell erkannt, dass Feuer ihn lediglich zu einem Raubüberfall schicken wollte. Dafür war er, Vlassopolous Spyridakis, nicht zu haben. Raubüberfall – viel zu harmlos. Es musste schon etwas Ausgefallenes auf ihn zukommen, etwas Ungewöhnliches – eine Herausforderung gewissermaßen. So etwas wie im letzten Fall, wo er sich undercover als Kunststudent an der Rhein-Main-Hochschule einnistete. Sich als kriminalistischer Forscher betätigte. Mit herausragendem Ergebnis, das konnte man wohl behaupten.
Er öffnete die Tür zu Frau Wunders und seinem Dienstzimmer. Julia streifte sich eben ihren Mantel über und setzte sich einen ungewöhnlichen Hut auf. Vlassi deutete auf ihn und fragte: „Ist der neu? Den kenne ich ja noch gar nicht.“
Julia nickte: „Ein Damiana Flower-Schlapphut.“
„Und die Farbe. Ist das rostrot?“
„Nein, blutrot“, antwortete sie und grinste, „die Farbe muss ja zu meinem Beruf passen.“
„Da haben Sie recht“, nickte Vlassi, „blutrot ist genau richtig.“
„Wo haben Sie sich denn rumgetrieben? Ich hab’ Sie schon angerufen …“
„Tatsächlich?“, fiel ihr Vlassi ins Wort – offenbar war seinem Handy mal wieder der Saft ausgegangen.
„Wir müssen nach Eltville. Mein Vater hat angerufen. Er hat etwas entdeckt, da müsse ich kommen.“
„Etwas Ausgefallenes und Ungewöhnliches?“, wollte Vlassi neugierig wissen.
„Könnte man sagen.“
„Einen Toten am Rheinufer mit heraushängender Zunge und ohne Skalp?“, fragte Vlassi, „dessen Geist mit Ihrem Vater anschließend einen aufbauenden Moringa-Tee trinken wollte?“
„Woher kennen Sie denn Moringa-Tee?“, fragte Julia lächelnd.
„Na, ich trinke ihn doch selbst! Das ist ein Tee, der vor gesundheitlichen Schiffbrüchen schützt.“
Julia lachte kurz auf: „Gesundheitliche Schiffbrüche, nicht schlecht. Das müssen Sie meinem alten Herrn mitteilen, der trinkt nämlich lieber Kaffee. Los jetzt! Wir müssen uns sputen.“
„Ich hoffe“, sagte Vlassi, als die beiden ihr Dienstzimmer verließen, „dass Ihr Vater eine Herausforderung für mich entdeckt hat. Ich meine natürlich, für uns. Ein armseliger Raubüberfall wäre doch eine Vergeudung meiner, vielmehr unserer genialischen Kräfte, unseres Spürsinns, unserer kriminalistischen Energie …“
Er hielt inne – Julia Wunder war davongeeilt...