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E-Book, Deutsch, Band 39, 444 Seiten

Reihe: NeoLatina

Schön Eutopia nusquama

Polyphonie, Paradoxie und philosophische Staatskonstruktion in der Utopia des Thomas Morus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8233-0534-7
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Polyphonie, Paradoxie und philosophische Staatskonstruktion in der Utopia des Thomas Morus

E-Book, Deutsch, Band 39, 444 Seiten

Reihe: NeoLatina

ISBN: 978-3-8233-0534-7
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Humanist Thomas Morus treibt in seiner Utopia ein humorvolles Spiel, dem eine ernste Botschaft unterliegt, und legt so den Grundstein für ein neues literarisches Genre. Die vorliegende Arbeit widmet sich einer historisch-literarischen Kontextualisierung und einer umfassenden Sequenzanalyse des lateinischen Originaltextes, in der Bezüge zu antiken Vorbildern und zeitgenössischen Autoren wie Erasmus von Rotterdam herausgearbeitet werden. Auf dieser Basis wird gezeigt, dass eindimensionale Deutungen des Werkes zu kurz greifen und dessen facettenreiche Botschaft verengen. Mithilfe der Konzepte der 'Polyphonie' und der 'Paradoxie' wird eine neue Gesamtinterpretation präsentiert, welche die hermeneutische Offenheit des Textes würdigt. Ein Ausblick auf die Gattungsentwicklung literarischer Utopien ab der Renaissance rundet die Monographie ab.

Die klassische Philologin Dr. Katharina-Maria Schön forscht an der Universität Wien und an der Rijksuniversiteit Groningen.
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2 Die Genese und Konzeption der des Thomas Morus


2.1 Historische, literarische und biographische Perspektivierung


, schreibt Erasmus von Rotterdam anerkennend über Thomas Morus in seiner Widmung der an den britischen Humanisten, in der er seinen feinsinnigen Humor, seine Offenherzigkeit, seine Konvivialität, seinen vielseitigen Geist und seine Fähigkeit, sich wie der Philosoph Demokrit mit einem Lächeln von trivialen weltlichen Belangen zu lösen, lobend hervorhebt. Kaum ein anderes Schlagwort wurde in der Rezeptionsgeschichte und in der Forschung öfter als kürzestmögliche Paraphrase für den Charakter des Morus verwendet als: . Bereits seine ersten drei Biographen, William Roper (Morus’ Schwiegersohn), Nicholas Harpsfield (ein Freund der Familie) und Thomas Stapleton, stellen ihre (teilweise idealisierenden) Lebensdarstellungen, die kurz nach dem Ableben des Morus verfasst wurden, bis zu einem gewissen Grad unter diese aphoristische Zuschreibung. Wer war dieser so kontrovers diskutierte Mann, der vielfach als fachkundiger Jurist, als kalkulierender Politiker, als zerrissener Literat und als christlicher Märtyrer apostrophiert wird? Welche Schritte in seinem literarischen Schaffen haben zur Erfindung der geführt und wie ist das Werk im Gesamtkorpus von Morus’ Schriften zu bewerten? Diese und weitere Fragen sollen im Folgenden im Zentrum stehen.

2.1.1 Prägende Anfänge: humanistische Bildung, religiöse Einflüsse und literarische Vorbilder


Geboren im Februar 1478, wuchs der junge Thomas als Sohn von Sir John, einem tüchtigen Geschäftsmann und erfolgreichen Anwalt, in einem von mittelalterlich-feudalen Strukturen geprägten, unter dem starken Einfluss der katholischen Kirche stehenden London auf. Nach seinem Besuch der renommierten St. Anthony’s School in der Threadneedle Street stand er ab dem Alter von 12 Jahren unter der Schirmherrschaft des Erzbischofs von Canterbury, des damaligen Lordkanzlers Sir John Morton, der 1493 zum Kardinal erhoben wurde und den Thomas Morus später in einem literarischen Porträt in der verewigte. Unter dem Patronat des Erzbischofs kam er als Knappe häuslichen Pflichten nach und setzte seine literarischen Studien fort. Diese inkludierten eine Instruktion in der ciceronischen Rhetorik, praktische Übungen in den und eine Bekanntschaft mit den römischen Komödienautoren, v.a. Terenz, dessen Stücke Einblicke in kolloquiales Latein boten und als Vorlage für Adaptionen dienten, welche die Eleven unter der Leitung des Kaplans Henry Medwall regelmäßig aufführten. Morus’ schauspielerische Qualitäten, v.a. sein Improvisationstalent, werden von seinem ersten Biographen William Roper gewürdigt. Dass er sich mit Leichtigkeit verschiedene Rollen () aneignen und gedankliche Perspektivenwechsel vornehmen konnte, zeugt von einem hohen Grad an Reflektiertheit und von einem guten dramatischen Gespür.

Die vielseitigen Begabungen des jungen Thomas dürften einen bleibenden Eindruck bei Morton hinterlassen haben, denn er kümmerte sich um ein Stipendium, das es dem talentierten Schüler von 1494 bis 1496 ermöglichte, seine Studien des klassischen Kanons, der Philosophie und der Logik in Oxford fortzusetzen. Wegen des Verlusts der Universitätsregister für den Zeitraum 1471 bis 1505 können keine gesicherten Aussagen darüber getroffen werden, welche Fächer Morus für sein Curriculum gewählt hatte. Briefliche Belege bezeugen jedoch seine Vertrautheit mit den scholastischen Methoden, seinen glühenden Einsatz für die Förderung der in Oxford sowie seinen Umgang mit den humanistischen Gelehrten John Colet, William Grocyn und Thomas Linacre. Nach eingehenden Studienreisen nach Frankreich und Italien und nach einer Bekanntschaft mit dem Florentiner Philologen Angelo Poliziano sowie den Neuplatonikern Cristoforo Landino und Marsilio Ficino brachte die Trias das neu erworbene Wissen zurück nach England, wovon Morus als eifriger Zuhörer profitierte; auch Erasmus schwärmt in einem späteren Brief an Robert Fisher (datiert auf den 5. Dezember 1499) über die philosophische Gewandtheit seiner britischen Freunde:

Coletum meum cum audio, Platonem ipsum mihi videor audire. In Grocino quis illum absolutum disciplinarum orbem non miretur? Linacri iudicio quid acutius, quid altius, quid emunctius? Thomae Mori ingenio quid unquam finxit natura vel mollius, vel dulcius, vel felicius?

Wenn ich meinen Colet höre, scheine ich Platon selbst zu hören. Wer würde an Grocyn nicht seinen Horizont und seine vollkommene Gewandtheit in allen Disziplinen bewundern? Was ist scharfsinniger, erhabener und gewitzter als das Urteil Linacres? Was hat die Natur jemals erschaffen, das geschmeidiger, gefälliger oder erfreulicher als der Charakter des Thomas Morus ist?

Zumal durch Vermittlung der italienischen Humanisten gelangte ein substantieller Bestand an klassischem Gedankengut in die englischen Universitäten und in renommierte Bildungszentren, wo eine Ummodellierung der geisteswissenschaftlichen Studien stattfand, die bis zu diesem Zeitpunkt der mittelalterlichen Unterteilung in und gefolgt waren. Hervorzuheben sind die übersetzerischen Tätigkeiten von Leonardo Bruni und Marsilio Ficino, die maßgeblich zur Popularisierung lateinischer Fassungen der Schriften des Aristoteles und des Platon beitrugen.

Auch Morus selbst wurde als Übersetzer tätig. Gemeinsam mit Erasmus, den er 1499 bei seinem ersten Besuch in England kennengelernt hatte, widmete er sich der Latinisierung ausgewählter Schriften des Satirikers Lukian. Eine Inspiration dafür könnte das Wirken der italienischen Humanisten Guarino da Verona und Giovanni Aurispa gewesen sein, die bereits eine Generation zuvor Manuskripte dieses Autors zu Übersetzungszwecken von Konstantinopel nach Italien gebracht hatten. Abgesehen davon, dass um 1470 bereits der Großteil der 82 dem Lukian zugeschriebenen Schriften auf Latein verfügbar war, kam es 1496 zur ersten Publikation des griechischen Lukian durch Janus Lascaris (Florenz, Drucklegung durch Lorenzo di Francesco de Alopa). Während die nur eine eingeschränkte Reichweite besaß, bewirkte die zweite Drucklegung durch den renommierten Verleger Aldus Manutius (Venedig, 1503), dass Lukians Œuvre durch die leichtere Zugänglichkeit des Textes einen enormen Bedeutungszuwachs erlebte und seinen Siegeszug in den Norden antrat: Zu den Bewunderern, Liebhabern und Nacheiferern des Satirikers aus Samosata zählten jenseits der Alpen unter anderen Rudolph Agricola, Johannes Reuchlin, Philipp Melanchthon, Willibald Pirckheimer, Ulrich von Hutten, Hans Sachs und Petrus Mosellanus; eine (zumindest oberflächliche) Kenntnis Lukians gehörte in humanistischen Kreisen bald zum guten Ton.

Dass auch Thomas Morus trotz seiner starken religiösen Prägung an diesem Autor, der sich als gnadenloser Spötter, als Skeptiker und als Atheist einen Namen gemacht hatte, Gefallen fand, mutet zunächst befremdlich an. Seine Beschäftigung mit ihm war wohl zu einem guten Teil autodidaktisch motiviert und diente dazu, seine Griechischkenntnisse aufzupolieren. Außerdem dürften ihn Lukians Experimentierfreudigkeit und seine originelle Neukombination von etablierten literarischen Genres sowie seine humorvoll-geistreiche Vermittlung moralischer Lektionen fasziniert haben, was aus einem Widmungsschreiben an den königlichen Sekretär Thomas Ruthall abzulesen ist, das der Edition von 1506 (Paris, Drucklegung: Badius Ascensius) vorangestellt ist. Dort begründet Morus nicht nur seine Auswahl der vier von ihm...



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