Schneidt | Kopftuchland | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Schneidt Kopftuchland


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95762-094-1
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-95762-094-1
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist das Jahr 2017. Die islamische Partei Deutschland (kurz IPD) hat bei der letzten Bundestagswahl die absolute Mehrheit erreicht, Bundeskanzler ist nun der türkischstämmige Mesut Gültekin. Ab sofort gelten in Deutschland ausschließlich islamische Gesetze. Alle Frauen und Mädchen ab zwölf Jahren müssen ihre Haare mit einem Kopftuch verhüllen, Schweinefleisch ist ebenso wie Alkohol und Glückspiel strengstens verboten, der Moscheebesuch zum Freitagsgebet soll Pflicht werden. Was von den Islamkritikern immer befürchtet wurde, ist nun eingetreten: Deutschland ist ein islamischer Staat geworden. Für die 36-jährige Julia und ihre Familie bricht nun, wie für alle anderen Deutschen, eine völlig neue Zeit an. Nach einer Weile müssen sie sich allerdings eingestehen, dass die neue Regierung durchaus auch ihre guten Seiten hat. Familienzusammenhalt wird ab sofort großgeschrieben, das Lohnniveau für sogenannte .Männerberufe. wird deutlich angehoben, sodass ihr Mann Stefan genügend Geld verdient und Julia ihren ungeliebten Halbtagsjob als Verkäuferin endlich an den Nagel hängen kann, und selbst die pubertierende Lara kann der Situation plötzlich etwas Gutes abgewinnen. Kopftuchland begleitet Julia und ihr Umfeld durch ihren Alltag, in einem völlig veränderten Deutschland, in dem nun der Islam regiert.

Katja Schneidt, Jahrgang 1970, führte lange Jahre eine Beziehung mit einem türkischen Mann und lebte abgeschnitten von der Außenwelt in dessen muslimischer Großfamilie. Sie hat für mvg bereits mehrere Bücher geschrieben, darunter die Spiegel-Bestseller Gefangen in Deutschland und Wir schaffen es nicht. Sie lebt in der Nähe von Frankfurt am Main.
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1. Kapitel


Ich werfe noch einen letzten prüfenden Blick in das Esszimmer. In ungefähr zehn Minuten werden unsere Freunde da sein, die ich für heute Abend zum Essen eingeladen habe.

Die Tatsache, dass die IPD ab sofort die stärkste Partei in Deutschland ist, hat uns dermaßen verunsichert, dass Stefan und ich das dringende Bedürfnis haben, uns mit unseren besten Freunden, Simone und Christian, auszutauschen.

»Mir ist langweilig«, mault unsere Tochter Lara, die plötzlich hinter mir steht. »Kommen Sina und Florian eigentlich auch mit?«

Ich streichele meiner Tochter über ihre langen dunkelblonden Haare, was diese mit einem unwilligen Kopfschütteln quittiert. »Mama! Ich bin doch kein Baby mehr.« Laras vorwurfsvoller Blick trifft mich mitten in mein Mutterherz. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihr beibringen soll, dass sie sich zukünftig mit einem Kopftuch bedecken soll. Das ist zu diesem Zeitpunkt alles noch so surreal. Die Wahl liegt erst eine Woche zurück und noch bemerkt man keinerlei Veränderungen im täglichen Leben. Lara hat zwar mitbekommen, dass wir nun eine islamische Regierung haben, aber ich glaube, dass sie noch keine Ahnung hat, was dies wirklich bedeutet. Wie sollte sie auch? Wir wissen es ja selbst nicht. Sie und ihre Freundinnen finden die neuesten Entwicklungen eher spannend und sind neugierig auf das, was sich zukünftig verändern wird. Um sie nicht zu beunruhigen, zaubere ich ein Lächeln auf meine Lippen. »Ja, natürlich kommen die beiden mit und ihr dürft auch gleich nach dem Essen in dein Zimmer gehen, anstatt euch an unseren langweiligen Erwachsenengesprächen zu beteiligen«, muntere ich sie auf.

»Das hätte ich sowieso nicht gemacht«, antwortet sie in ihrem typischen trotzig-pubertären Ton, an den ich mich so gar nicht gewöhnen kann und der überhaupt nicht zu ihrem engelhaften Aussehen passt. Ich bin froh, dass es in diesem Moment an der Haustüre klingelt und ich dadurch einer Diskussion mit meiner Tochter aus dem Wege gehen kann.

»Hallo. Schön, dass ihr da seid«, begrüße ich Simone und Christian. »Stefan ist noch im Badezimmer. Er musste heute wieder Überstunden machen und ist erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen.«

Simone streift ihre Jacke ab und hängt sie an die Flurgarderobe. »Kein Problem. Wenn es keine Umstände macht, würde ich sowieso erst eine Tasse Kaffee nehmen. Ich war den ganzen Tag unterwegs. Florian hatte ein Fußballturnier und Sina musste zur Nachhilfe gebracht werden und außerdem hatte ich noch meiner Mutter versprochen, sie zum Einkaufen zu fahren. Christian hat, anstatt mir zu helfen, es vorgezogen, sich nach Feierabend in seinem Bastelkeller zu vergraben und irgendwelche Schiffsmodelle zusammenzukleben.« Simone wirft ihrem Mann einen vorwurfsvollen Blick zu, den dieser allerdings geflissentlich übersieht.

»Ist Lara in ihrem Zimmer?« Sina trippelt ungeduldig von einem Bein auf das andere.

»Ja, sie wartet schon auf euch«, sage ich zu ihr und Florian gewandt.

»Super. Sagst du Bescheid, wenn das Essen fertig ist? Ich habe nämlich einen Bärenhunger. Fußball spielen ist kräftezehrend!« Florian reibt sich mit der Hand über seinen Bauch.

»Ja, natürlich. Da trifft es sich ja gut, dass ich eine leckere Lasagne vorbereitet habe. Du weißt ja, dass die extrem viele Kohlenhydrate hat.« Ich zwinkere Florian zu. Er ist nämlich der reinste Ernährungsexperte und weiß von fast allen Lebensmitteln den speziellen Nährstoffgehalt. Florian ist eine absolute Sportskanone und möchte später unbedingt Fitnesstrainer werden.

Nachdem die beiden in Laras Zimmer verschwunden sind, gehe ich mit Christian und Simone in die Küche. »Magst du auch einen Kaffee?«, frage ich Christian.

Der schüttelt den Kopf. »Nein danke, Julia. Ab nachmittags ist Kaffee für mich tabu. Sonst kann ich nämlich heute Nacht nicht schlafen. Aber ein kühles Bier würde ich nehmen.«

»Das ist doch jetzt verboten«, wirft Simone ein und setzt eine triumphierende Miene auf, bevor sie noch »Irgendwas Gutes muss ja diese neue Regierung auch haben« hinterherschickt.

»So und wo hast du dein Kopftuch gelassen? Vielleicht ist es deiner geschätzten Aufmerksamkeit entgangen, aber ich helfe dir da gerne auf die Sprünge: Alle Frauen und Mädchen ab zwölf Jahren sollen das Haus nur noch mit einer Kopfbedeckung verlassen.«

Christian lehnt sich siegessicher gegen den Türrahmen und setzt ein süffisantes Grinsen auf. An der Reaktion meiner Freundin Simone kann ich sehen, dass sie kurz vor dem Explodieren steht. In Sekundenschnelle läuft ihr Gesicht dunkelrot an und sie scheint nach Luft zu schnappen. Die Stimmung ist zum Zerreißen gespannt und ich schicke innerlich ein Stoßgebet zum Himmel, dass Stefan jetzt endlich aus dem Badezimmer kommt. Nie ist der Mann da, wenn man ihn mal braucht.

»Im Moment hat sich doch noch gar nicht viel verändert«, versuche ich, unsere Freunde zu beschwichtigen. »Die neuen Regeln haben ja eine Einführungszeit von drei Monaten, wenn ich richtig informiert bin.«

Simone stößt einen tiefen Seufzer aus. »Für mich ist das Ganze immer noch unfassbar. Dass es mit Deutschland so weit kommen konnte, ist mir unbegreiflich.«

»Was ist dir unbegreiflich? Stefan ist zu uns in die Küche gekommen. Zielstrebig geht er zum Kühlschrank und holt zwei Flaschen Bier heraus. Während er in der Schublade nach einem Flaschenöffner kramt, werfe ich schnell einen Blick in den Backofen, in dem die Lasagne langsam vor sich hin köchelt. In ungefähr fünf Minuten dürfte sie fertig sein, wie mir der Bräunungsgrad des geschmolzenen Käses verrät.

»Es ist mir unbegreiflich, wie es nur so weit kommen konnte, dass wir eine islamische Regierung bekommen«, klärt ihn Simone auf.

Stefan hebelt die Verschlüsse von den Bierflaschen herunter. »Auf das neue Deutschland. Prost!« Er hat eine der Flaschen Christian in die Hand gedrückt und prostet ihm zu.

»Ist das alles, was dir dazu einfällt?« Simone schüttelt unwillig den Kopf.

»Nein, Simone. Mir fällt da noch eine ganze Menge mehr ein, aber das Problem ist, dass dies niemanden interessiert.« Stefan zuckt resigniert mit den Schultern.

Etwas später sitzen wir alle an unserem großen Esstisch. In der Auflaufform ist ein kläglicher Rest der Lasagne zurückgeblieben. Die Kinder haben sich gleich nach dem Essen wieder in Laras Zimmer verzogen und schauen DVD. Das Tiramisu, welches ich zum Nachtisch vorbereitet habe, durften sie ausnahmsweise mitnehmen.

Ich gieße mir noch einen Schluck von dem dunklen Rotwein ein, den ich passend zu unserem Abendessen im Supermarkt ausgesucht habe. Wir befinden uns noch in einer Übergangsphase und Alkohol ist nach wie vor erhältlich, aber bald schon wird das der Vergangenheit angehören. Ich halte das Glas vor einen der Kerzenleuchter, die dem gedeckten Tisch ein feierliches Aussehen verleihen, und beobachte, wie sich das Kerzenlicht in dem Wein bricht. Den ganzen Abend diskutieren wir nun schon über den Regierungswechsel, aber wir kommen zu keinem wirklichen Ergebnis. Ich weiß nicht, ob es an dem Alkohol liegt, den ich zu mir genommen habe, aber ich bin plötzlich erstaunlich ruhig und gelassen. »Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, haben wir diese Entwicklung doch alle kommen sehen«, werfe ich in die Runde. Eigentlich sind wir doch schon lange ein Islamstaat.« Ich nehme noch einen kräftigen Schluck aus meinem Glas.

»Der Sankt-Martins-Tag wird in vielen Städten bereits als Lichterfest gefeiert und in fast jedem Supermarkt gibt es mittlerweile eine Kühltheke, in der man Produkte findet, die halal (für Muslime erlaubt) sind. Moscheen finden sich selbst im kleinsten Dorf und der Koran wird schon seit ewigen Zeiten kostenlos in den Fußgängerzonen verteilt.«

»Das ist das Ergebnis eines jahrelangen Irrlichterns unserer Politiker«, meldet sich Stefan zu Wort. »Der Islam gehört zu Deutschland, hat doch unser Kurzzeit-Ministerpräsident Christian Wulff vor ein paar Jahren so schön gesagt. Mich würde interessieren, wie er heute darüber denkt.«

Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber was geschieht jetzt eigentlich mit unseren Kirchen?«

Simone streicht sich mit den Fingern durch ihre schwarzen, kurzen Haare. »Ich meine in unserer Tageszeitung gelesen zu haben, dass in Kürze eine Art Leitfaden an alle Haushalte verteilt wird, in dem alles Wichtige zusammengefasst ist, was an Änderungen auf uns zukommt.«

»Na prima«, stöhne ich. »Muss ich mir das vorstellen wie einen Ikea-Katalog? Der wird doch auch einmal im Jahr kostenlos an alle Haushalte verteilt.«

Simone verdreht die Augen. »Also, Julia, deinen Humor möchte ich haben.«

Ich atme tief ein und aus. »Jammern nützt ja nichts. Die nächsten vier Jahre müssen wir da jetzt durch. Dann wird neu gewählt und ich hoffe, dass die Leute bis dahin etwas daraus gelernt haben. Die Wahlbeteiligung lag diesmal nur bei knapp sechzig Prozent, weil jeder denkt, dass seine Stimme alleine doch nichts verändern kann und deshalb erst gar nicht wählen geht. Alle diese nicht abgegebenen Stimmen sind dann natürlich indirekt der IPD zugutegekommen.«

»Ich muss ehrlich gestehen, dass ich auch zu den Menschen gehöre, die dieses Jahr nicht zur Wahl gegangen sind«, gibt Simone zu.

»Ja, weil du lieber auf dem Sofa liegen bleiben wolltest, um deine langweilige Serie zu schauen«, bemerkt Christian trocken.

»Mir ging es an dem Tag nicht gut. Ich hatte wahnsinnige...


Katja Schneidt, Jahrgang 1970, führte lange Jahre eine Beziehung mit einem türkischen Mann und lebte abgeschnitten von der Außenwelt in dessen muslimischer Großfamilie. Sie hat für mvg bereits mehrere Bücher geschrieben, darunter die Spiegel-Bestseller Gefangen in Deutschland und Wir schaffen es nicht. Sie lebt in der Nähe von Frankfurt am Main.



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