Wenn die Kritik zum Tabu wird
E-Book, Deutsch, 382 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-531-92384-0
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
und das Bild vom gelebten Islam schön zu färben. Beide Haltungen sind problematisch und daher Inhalt eines umfassenden zweibändigen Buchprojekts. Während der bereits erschienene Band 'Islamfeindlichkeit' unterschiedliche Aspekte des europäischen Islamhasses vergangener
Jahrhunderte bis zur heutigen Hetze im Internet dokumentiert, zeigt das vorliegende Buch 'Islamverherrlichung', wie vernünftige Islamkritik ohne Pauschalisierung, Populismus und Polemik aussehen kann. Ausgewiesene Experten sprechen dazu offen theologische Herausforderungen an und weisen auf Missstände in der muslimischen Gesellschaft Deutschlands hin. Es geht sowohl um brisante Einzelthemen wie Jihad, Antisemitismus oder Kopftuch, als auch um grundlegende Fragen zum Koran, zum Propheten Muhammad oder zur Scharia. Zudem finden sich Auseinandersetzungen mit bekannten Einzelpersonen und Islamverbänden.
Mit Beiträgen von Nasr Hamid Abu Zayd, Lamya Kaddor, Ömer Özsoy, Rabeya Müller, Adel Theodor Khoury, Udo Tworuschka, Katajun Amirpur, Hartmut Bobzin und anderen.
Thorsten Gerald Schneiders ist Islam- und Politikwissenschaftler und lehrte zuletzt am Centrum für Religiöse Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
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Professional/practitioner
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Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;5
2;Einleitung;9
3;Grundlagen des theoretischen Diskurses;16
3.1;Schatten über den AnfängenWas sagen frühe Quellen zum Islam über das aus,was wirklich war?;17
3.1.1;1 Einleitung;17
3.1.1.1;Quellenlage;17
3.1.2;2 Ansätze;18
3.1.2.1;1. Übersicht;18
3.1.2.2;2. Diskussion;20
3.1.2.2.1;A. Einleitung;20
3.1.2.2.2;B. Religiöse Pluralität im Hijâz.;20
3.1.2.2.3;C. Die Situation des Propheten;22
3.1.2.2.4;D. Münzen;22
3.1.2.2.5;E. Außerislamische literarische Quellen;23
3.1.2.2.6;F. Integrative Schule;24
3.1.2.3;3 Ausblick;25
3.1.3;Literatur;25
3.2;Der Koran ist mehr als die Aufforderung, anständig zu sein1 Hermeneutische Neuansätze zur historisch-kritischen Auslegung in der Türkei;27
3.2.1;1 Was ist das, historisch-kritische Schriftauslegung?;27
3.2.2;2 Wie denken türkische Koranexegeten heute?;30
3.2.3;3 Ist das also islamische historisch-kritische Theologie? Anders gefragt:Kann sich einer, der so etwas vertritt, noch mit einiger Plausibilität Muslim nennen?;38
3.2.4;Fazit;41
3.2.5;Literatur;41
3.3;Wie er Euch gefällt Anmerkungen zu zwei neuen Muhammad-Biographien;43
3.3.1;Literatur;52
3.4;Ewig wahre Quellen? Wie glaubwürdig sind die Hadithe?;54
3.4.1;1 Die Hadithe als Quelle des Gesetzes;54
3.4.2;2 Die Hadithe in der klassischen islamischen Hadith-Kritik;56
3.4.3;3 Die klassische islamische Hadith-Kritik im Licht der westlichen Islamwissenschaft;60
3.4.4;Literatur;67
3.5;Plädoyer für ein aufgeklärtes Islamverständnis in Zeiten der Islamkritik;70
3.5.1;1 Wie den Koran deuten? Das moderne Verstehen;73
3.5.2;2 Angst vor dem Relativismus;76
3.5.2.1;Ausblick;78
3.5.3;Literatur;79
3.6;Ijthihad, Scharia und Vernunft1;80
3.6.1;Literatur;89
3.7;Von Wurzeln, Ästen und Bäumen – Kasuistik im sunnitisch-islamischen Recht;91
3.7.1;Entstehung unterschiedlicher Rechtstraditionen;91
3.7.2;Unterschiedliche Wege der Herleitung von Normen;93
3.7.3;Entstehung einer eigenen Disziplin: der fiqh;95
3.7.4;Fiqh und historischer Wandel;97
3.7.5;Scharia in der Moderne: von Wurzeln, Zweigen und Bäumen;99
3.7.6;Literatur;102
3.8;Muslim sein – eine Frage der Person Gedanken zum Aspekt der Individualität im Islam;103
3.8.1;Die pädagogische Situation;103
3.8.2;Die Frage der Person;104
3.8.2.1;Mensch und Mitmensch;105
3.8.2.2;Mensch und Gott;106
3.8.2.3;Mensch und Selbst;107
3.8.3;Die pädagogische Handlungsstrategie;108
3.8.4;Der persönliche Handlungsplan;109
3.8.5;Literatur;110
3.9;Das Instrument der Verketzerung, seine Politisierungund der Bedarf nach einer Neubeurteilung der „Scharia“ und der Apostasiefrage im Islam;112
3.9.1;Literatur;122
3.10;Warum das islamische Kopftuch obsolet geworden ist Eine theologische Untersuchung anhand einschlägiger Quellen;125
3.10.1;Ein Zeichen von Ehre;125
3.10.2;Nächtliche Gefahren auf den Straßen;126
3.10.3;Ein echter Schutz;128
3.10.4;Tücher über Tücher;129
3.10.5;Ein Stück Stoff mit langer Geschichte;130
3.10.6;Sonne, Wind, Sand und böse Blicke;132
3.10.7;Ein steiniger Weg zur allgemeinen Schleierpflicht;134
3.10.8;Schleier gleich Sittlichkeit?;135
3.10.9;Das große Rätsel um den hijâb;137
3.10.10;„Und putzt euch nicht heraus“;139
3.10.11;Ein fast vergessener Koranvers;140
3.10.12;Das Verständnis des Koran;142
3.10.13;Kopftuch oder Rechtsstaatlichkeit – welcher Schutz ist effektiver?;144
3.10.14;Kopfbehaarung allein löst kein unsittliches Verhalten mehr aus;145
3.10.14.1;Ausblick;146
3.10.15;Literatur;147
4;Zum gegenwärtigen Umgang mit dem islamischen Erbe in Europa;150
4.1;Fundamentalismus1 Von der Theologie zur Ideologie;151
4.1.1;Der Faktor Dogmatik;153
4.1.2;Der politische Faktor;154
4.1.3;Der dritte Faktor: die Moderne und der imperiale Zwang;154
4.1.4;Wahhabismus;155
4.1.5;Muslimbruderschaft;156
4.1.6;Schlussfolgerungen;158
4.1.7;Literatur;160
4.2;Islamismus in Deutschland Einige Anmerkungen zum Thema;162
4.2.1;Was hat Islam mit Islamismus zu tun?;162
4.2.2;Was ist Islamismus?;164
4.2.3;Wie zeigt sich der Islamismus konkret in Deutschland?;168
4.3;Jihad – Muslime und die Option der Gewalt in Religion und Staat1;176
4.3.1;Runde 1: Aktuelle Werbung für den kämpferischen Jihad;177
4.3.2;Runde 2: Jihad in Koran, Glaubenslehre und religiöser Gesinnung;179
4.3.3;Runde 3: Die Jihad-Lehre im 20. Jahrhundert;184
4.3.4;Literatur;187
4.4;„Ihr seid die beste Gemeinde“ (3:110)1 Zum Aspekt der Überlegenheitsansprüche am Beispiel derchristlichen und islamischen Welt und wie wir damit umgehen;189
4.4.1;1;189
4.4.2;2;191
4.4.3;3;197
4.4.3.1;1. Gesetz;197
4.4.3.2;2. Bild;197
4.4.3.3;3. Prophet und Prophetie;198
4.4.4;Literatur;199
4.5;Ibn Battûta, ein Ideal für Muslime heute?;201
4.6;Gleich und doch nicht gleich Die Dimensionen der Frauenfrage im Islam;211
4.6.1;Frühislamische Dimensionen;211
4.6.2;Mystische Dimensionen;214
4.6.3;Historisch-politische Dimensionen;214
4.6.4;Theologische Dimensionen;217
4.6.4.1;Die Chance der Hermeneutik;219
4.6.4.2;Normative Texte;221
4.6.4.3;Eine geschlechtergerechte Auslegung als Gleichheitsprinzip;222
4.6.5;Aktuelle Dimensionen;223
4.7;Iranische Geistliche als Vorbild? Warum nicht! Wenn Großayatollahs fortschrittlicher denken als Vertreterdeutscher Islamverbände;227
4.7.1;Großayatollah Ali al-Sistani;229
4.7.2;Großayatollah Yusuf Sane’i;233
4.7.3;Gerechtigkeit und Vernunft als oberstes Ziel;237
4.7.4;Großayatollah Hossein Ali Montazeri;240
4.7.5;Literatur;242
4.8;Auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Islam Erinnerungen an Abdoldjavad Falaturi;243
4.9;Der Islam im europäischen Umfeld Muslime und ihr beschwerlicher Weg in die Zukunft;248
4.9.1;Problematik der Integration von Muslimen;249
4.9.2;Last der Geschichte;249
4.9.2.1;Polemik;249
4.9.2.2;Entstehung einer „Gegeneinander-Identität“;250
4.9.3;Last der Gegenwart;251
4.9.3.1;Weiterwirkung der klassischen Grundsätze;251
4.9.4;Der Islam und der Westen;254
4.9.4.1;Herausforderung an den Westen;254
4.9.4.2;Hass auf den Westen und ungeduldige Militanz;254
4.9.5;Beispiele aus der islamischen politischen Ordnung;255
4.9.5.1;Islamische Identität;255
4.9.5.2;Scharia und Demokratie;255
4.9.5.3;Menschenrechte;256
4.9.5.3.1;Allgemeine Bemerkung;256
4.9.5.3.2;Religionsfreiheit im Islam;256
4.9.5.4;Stellung der Frau;258
4.9.5.4.1;Religiöser Bereich;258
4.9.5.4.2;Rechtlicher Bereich;258
4.9.6;Anmerkungen zur Lösung der Grundprobleme;259
4.9.6.1;Grundsätzliche Feststellungen;259
4.9.6.2;Zur Islamischen Charta (2002);260
4.9.6.2.1;Positive Punkte und Ansätze;261
4.9.6.2.2;Klärungsbedarf;261
4.9.6.3;Schluss;263
4.9.7;Literatur;263
5;Verhalten und Eigendarstellung von Muslimen in Deutschland;264
5.1;Yûsuf al-Qaradâwî – Wenn ein arabischer Fernsehprediger das Denken übernimmt1;265
5.1.1;1;265
5.1.2;2;268
5.1.3;3;272
5.2;Die DiTiB in der Zuwanderungsgesellschaft – Garant oder Hindernis der Integration?;274
5.2.1;Muslime in Deutschland – Zum Stand der Integration;274
5.2.1.1;Gründe;275
5.2.1.2;Das Fallbeispiel DiTiB;276
5.2.1.3;„Gastarbeiter-Imame“ und integrationsfeindliche Sprachpolitik;276
5.2.1.4;Aktuelle Entwicklungen;278
5.2.1.5;Fazit;279
5.2.1.6;Literatur;280
5.3;Imame in Deutschland Religiöse Orientierungen und Erziehungsvorstellungen türkisch-muslimischer Autoritäten;281
5.3.1;1 Ausgangslage: Der Islam als Bestandteil der deutschen Gesellschaft;281
5.3.2;2 Imame: Schlüsselpersonen in der religiösen Sozialisation und imIntegrationsprozess;282
5.3.3;3 Imame in Deutschland – eine unbekannte Fallgruppe;282
5.3.4;4 Qualifikationen, Orientierungen und Einstellungen türkischer Imame –erste Studienergebnisse;283
5.3.4.1;4.1 Neo-Salafitische Imame – Taner H.;284
5.3.4.2;4.2 Traditionell-defensive Imame – Muzaffer M.;288
5.3.4.3;4.3 Intellektuell-offensive Imame – Abdullah H.;293
5.3.5;5 Vorläufiges Fazit;296
5.3.6;Literatur;298
5.4;Fatale Synthese Nationalistische Spuren im Islam am Beispiel türkischer Organisationen in Deutschland;300
5.4.1;Das Verhältnis zu den islamischen Gemeinschaften und Organisationen;301
5.4.2;Funktion und Bedeutung türkisch-islamischer und nationalistischer Organisationen;303
5.4.3;Zum Begriff „Euro-Islam“;305
5.4.4;Darstellungsmuster und Konstituenten türkisch-nationaler Elemente im„Euro-Islam“;306
5.4.5;Die „Türkisch-Islamische Synthese“ als Scharnier zwischen Nationalismusund Islam;308
5.4.6;Fremd- und Selbstethnisierung in einer negativen Wechselbeziehung;309
5.4.7;Fazit;311
5.4.8;Literatur;311
5.5;Wie viel Islam steckt in einem islamistischen Selbstmordanschlag? Einige Überlegungen zur Positionierung gegenüber Gewaltakten;313
5.5.1;Gott ist immer da;314
5.5.2;Die Abkürzung in den Himmel;314
5.5.3;Jihad ist Pflicht;316
5.5.4;Die wohlverwahrte Tafel – bei Gott ist bereits alles festgeschrieben;318
5.5.5;Viel Zustimmung in der Gelehrtenwelt;319
5.5.6;Was geht mich das an?;321
5.5.7;Literatur;324
5.6;Gott als Lückenbüßer Wie der Islam für die eigenen Unzulänglichkeiten herhaltenmuss;325
5.6.1;1 Einführung;325
5.6.2;2 Gewaltanwendung;326
5.6.2.1;Historisch-traditionelle Gründe;327
5.6.2.2;Restriktive Kommunikation;327
5.6.2.3;Bestrafung zum Disziplinieren;328
5.6.3;3 Ehre als Entschuldigung;329
5.6.4;4 Zwangsheirat;331
5.6.4.1;Die Erziehung der Jungen;331
5.6.4.2;Die Erziehung der Mädchen;332
5.6.4.3;Militärdienst in der Türkei;333
5.6.4.4;Die Heirat;333
5.6.4.5;Vaterschaft;334
5.6.5;5 Schlussfolgerung;334
5.6.6;Literatur;335
5.7;Macht und Ohnmacht Religiöse Tradition und die Sozialisation des muslimischenMannes;337
5.7.1;Einleitung;337
5.7.2;Säkularisierung und Aufklärung;338
5.7.3;Das Ideal und der Glaube an den Ursprung;340
5.7.4;Die religiöse Autorität;341
5.7.5;Die väterliche Autorität;343
5.7.6;Schlussfolgerung;347
5.7.7;Literatur;348
5.8;Muslime zwischen Diskriminierung und Opferhaltung;350
5.8.1;1 Einleitung;350
5.8.2;2 Integration von Muslimen: die Selbstsicht;352
5.8.3;3 Dialektik von Ausgrenzung und Selbstausgrenzung;354
5.8.4;4 Auswege aus der Umklammerung von Viktimisierung und Selbstviktimisierung;356
5.8.5;Literatur;359
5.9;Moderner Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland;361
5.9.1;Literatur;372
6;Die Autorinnen und Autoren;374
Grundlagen des theoretischen Diskurses.- Schatten über den Anfängen.- Der Koran ist mehr als die Aufforderung, anständig zu sein.- Wie er Euch gefällt.- Ewig wahre Quellen? Wie glaubwürdig sind die Hadithe?.- Plädoyer für ein aufgeklärtes Islamverständnis in Zeiten der Islamkritik.- Ijthihad, Scharia und Vernunft.- Von Wurzeln, Ästen und Bäumen – Kasuistik im sunnitisch-islamischen Recht.- Muslim sein – eine Frage der Person.- Das Instrument der Verketzerung, seine Politisierung und der Bedarf nach einer Neubeurteilung der „Scharia“ und der Apostasiefrage im Islam.- Warum das islamische Kopftuch obsolet geworden ist.- Zum gegenwärtigen Umgang mit dem islamischen Erbe in Europa.- Fundamentalismus.- Islamismus in Deutschland.- Jihad – Muslime und die Option der Gewalt in Religion und Staat.- „Ihr seid die beste Gemeinde“ (3:110).- Ibn Battûta, ein Ideal für Muslime heute?.- Gleich und doch nicht gleich.- Iranische Geistliche als Vorbild? Warum nicht!.- Auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Islam.- Der Islam im europäischen Umfeld.- Verhalten und Eigendarstellung von Muslimen in Deutschland.- Yûsuf al-Qaradâwî – Wenn ein arabischer Fernsehprediger das Denken übernimmt.- Die D?T?B in der Zuwanderungsgesellschaft – Garant oder Hindernis der Integration?.- Imame in Deutschland.- Fatale Synthese.- Wie viel Islam steckt in einem islamistischen Selbstmordanschlag?.- Gott als Lückenbüßer.- Macht und Ohnmacht.- Muslime zwischen Diskriminierung und Opferhaltung.- Moderner Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland.
Fundamentalismus
Von der Theologie zur Ideologie (S. 151-152)
Nasr Hamid Abu Zayd
Josef van Ess, ein geschätzter Kenner der frühislamischen Theologie, hat nachgewiesen, dass „Fundamentalismus“ mit einem ganz bestimmten theologischen Anspruch an Heilige Texte verknüpft ist. Für alle religiösen Erscheinungsformen des Fundamentalismus, ob jüdisch, christlich oder islamisch, machte van Ess die grundlegende Gemeinsamkeit aus, dass deren Vertreter Aussagen aus Heiligen Texten wortwörtlich nehmen und jeglichen Versuch unterlassen, die historische Kluft zwischen dem Moment ihres Eintretens in die Geschichte und den späteren Kontexten zu beachten.
Sie alle glauben, dass diese Heiligen Texte eine göttliche Verbalinspiration darstellen und dass es keine menschliche Vermittlung zwischen dem Wort Gottes und der menschlichen Aufnahmefähigkeit gibt. „Ebenso wie der Protestantismus, der mit der Autorität der Kirche zugleich die Tradition entwertete, geriet auch das islamische Denken in Gefahr, der Schrift eine Eigendynamik zu gestatten“ (van Ess 1996: 149).
Die Betonung der Unfehlbarkeit Heiliger Texte ist nichts anderes, als eine logische Schlussfolgerung, die aus der Vorstellung herrührt, dass der Text eine exakte Äußerung des Göttlichen daselbst ist. Aber während diese Vorstellung im Christentum, „in dem Theologie auf der Basis von vier Evangelien betrieben wird“ (ebd.: S. 192), eine Extremposition darstellt, bildete sie in der islamischen Theologie seit dem 3. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung und dem 9. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung eine grundlegende Lehrmeinung.
Im Arabischen lautet die Entsprechung, die in jüngster Zeit für den Begriff Fundamentalismus geprägt wurde: us liyya. Der Begriff leitet sich von dem Wort ‘asl ab, das nach Hans Wehrs Arabischem Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart folgende Bedeutung hat: „Wurzel; Stamm (des Baumes); Ursprung, Quelle; Ursache, Grund; Herkunft (bes. Gute; edle Herkunft u. Eigenschaft); Grundstock, Grundlage; Original (z.B. e-s Buches)“.
In der Verbalform bedeutet es: „fest verwurzelt werden od. sein; fest stehen; vornehmen Ursprungs sein“. Ein klassisch-arabisches Wort, das diesem westlichen Begriff enstpricht, existiert nicht. Die Wörter, die ihm in der islamischen Terminologie noch am nächsten kommen, bezeichnen zwei Disziplinen im Bereich der Theologie sowie der Jurisprudenz: us l al-d n und us l al-fiqh. Vertreter beider Disziplinen werden al-us liyy n genannt, weil sie sich mit den methodologischen Grundlagen für die Forschungsarbeiten in ihren jeweiligen Wissensgebieten beschäftigen.
Der gegenwärtige Gebrauch des Worts us liyya kann und sollte aber nicht mit der klassischen intellektuellen Aussagekraft verwechselt werden, die er im Kontext akademischer Diskurse transportiert. Van Ess unterstreicht wiederum: „Den Begriffen ‚Funda- mentalismus‘ und ‚Verbalinspiration‘ ist gemein, dass sie nicht in die klassischarabische Sprache übersetzt werden können. Es ist interessant zu sehen, wie der Begriff us liyy n in der modernen Sprache der halbgelehrten Literatur aufgekommen ist – so als ob alle Fundamentalisten Experten für usul al-fiqh wären.“ (van Ess 1996: 178)